Juni 2021

4 Uhr, der Wecker klingelt.

Augenreibend quäle ich mich aus dem Bett. Meine Frau und meine Tochter bleiben liegen. Unsere kleine Eule ist nicht mal wach geworden. Erstmal duschen, die Nacht aus den Knochen vertreiben. Unsere Eule hat mich ganz gut schlafen lassen, diesmal. Meine Frau war sicherlich ein paar Mal wach, zum Stillen.

Nach der Dusche der erste Kaffee. Beim Trinken kommen die ersten Gedanken an den neuen Tag, resümiert der alte. Was steht heute an?

Haare föhnen. Fertig machen. Wieder in die Küche.

Die Toast habe ich zwischendurch in de Toaster geworfen, sie sind fertig. Schnell Frühstück für die Arbeit fertig machen. Der Toast knistert, das neue Marmeladenglas ploppt, die Kaffeemaschine ächts, während sie den nächsten Cappuccino zubereitet.

Über Köln geht langsam die Sonne auf, genau am Küchenfenster. Mit Blick Richtung Altstadt, auf die Kranhäuser, die Kölnarena. Auf den Dom versperrt die Häuserecke die Sicht. 8. Stock. Heute Morgen eine herrliche Luft, als ich die Balkontüre öffne. Von hier aus mit Blick in das Siebengebirge, vorbei am Funkhaus des Deutschlandfunkes. Pastelltöne färben den Himmel, leichte Schleierwolken ziehen über den Horizont, die Blätter der Bäume rascheln sanft im Wind.

Zurück in der Küche steht der Frühnebel über der Kölner Innenstadt. Flaues Morgenlicht erfüllt den Raum.

Meine Frau kommt zu mir ins Wohzimmer, die kleine Eule schläft weiter. Es ist fünf Uhr.

Um Viertel nach fünf Sitzen wir zusammen im Wohnzimmer, trinken Kaffee und sprechen kurz über den vor uns liegenden Tag. "Achja Schatz, am Samstag muss ich arbeiten, die Firma hat mir heute Morgen geschrieben". „Ist ok.“

Mein Nebenjob, den ich aus dem Studium behalten habe. Damals in Teilzeit, heute geringfügig beschäftigt. Geld für besondere Anlässe, Urlaub, zum Sparen. Eine Abwechslung zum Alltag. Ein bis zweimal im Monat.

Wir sprechen darüber wann das Auto gewaschen werden soll, wann die Wohnung geputzt. Surfen im Social Media, ich schreibe den ersten Teil dieses Textes. Zwischendurch Kaffee. Ohne Kaffee geht bei mir morgens nichts. Später trinke ich gerne auch Tee, grünen oder schwarzen. Das Knacken vom Toast, zwischendurch Vogelgezwitscher und der Genuss von frischer Morgenluft. Der Himmel wechselt seine Pastelltöne langsam zu blau.

Ich muss los. 5:50 Uhr. Spät dran.

Schnell das Frühstücksgeschirr in die Spülmaschine, ich habe mir zu viel Zeit gelassen. Wenn ich zu spät loskomme, wir der Verkehr wieder gruselig und ich brauche 5-15 Minuten länger. Heute sicherlich 10. Ich verabschiede mich von meiner Frau, die kleine Eule schläft immer noch, nehme meine Schlüssel. Ab in die Tiefgarage. Durchatmen vor dem Aufzug.

Auf die Hauptstraße abgebogen. Der Verkehr geht. Der erste Raser muss einen vor der nächsten Ampel noch schnell rechts überholen. Bringt eigentlich nichts bei den Ampelphasen, aber gut. Lassen wir ihn ziehen. Bei zwei querenden Hauptstraßen muss ich heute warten, dass die Straßenbahn durchfährt. Warum hat Köln so wenige U-Bahnen geplant? Weitere fünf Minuten Zeitverlust.

Nach meiner Fahrt, einmal quer durch die Innenstadt, bin ich angekommen. Ruhe liegt über der Anstalt, noch. Wenn ich Pech habe wird die Ruhe an der Zugangstüre vorbei sein, wenn ich Glück habe erst, wenn meine Kursteilnehmerinnen zugeführt werden.

Vom Parkplatz zur Anstalt gehe ich ca. fünf Minuten. Ich genieße die Morgenluft, denn gleich atme ich 9 Stunden durch eine FFP2-Maske. Nochmal durchatmen, Maske auf, Handy ausschalten, dann stehe ich vor der schweren Eingangstüre. Ich begrüße die Kollegen, die vor der Türe bereits warten. Zurück kommt ein "Morgen" im brummigen Ton. Normalität morgens um 6:20 Uhr. Gute Laune gibt es hier selten. Eigentlich nur in unserem Team und unter den Seelsorgern, so scheint mir oft.

´Klack´. Ein Kollege öffnet die schwere Türe. Derzeit dürfen immer drei Kollegen hinein. Corona. Ich bin der Dritte. ´Piep` ich bin eingestempelt, biege rechts ab. Dort stehen die Schließfächer, in die wir unsere Handys einschließen müssen. Funkstille. Die kommenden Stunden in einer eigenen Welt.

Noch durch die Schlüsselausgabe, dann kann ich mich "frei" bewegen. Ab hier muss mir niemand mehr die Türen freigeben. Anders, als man es aus amerikanischen Filmen kennt, haben die Bediensteten hier eigene Schlüssel.

Über einen der Innenhöfe erreiche ich den Haupteingang der Anstalt. Erneut eine schwere Eisentüre mit aufgebrachter Bronzeplatte. `Klack` der Schlüssel dreht. Einen Blick nach hinten, es folgt ein Kollege. Er wird die Türen abschließen. Lange Flure warten auf uns. Bis zu meinem Schulungsraum zahlreiche Türen. Einige davon schließe ich auch selber wieder ab, weil der Kollege in eine andere Richtung abbiegt. Er ins Werkstattgebäude, ich in den Frauenhaftbereich.

Weitere fünf bis sieben Minuten Fußweg, eine Treppe später öffne ich die Tür zu meinem Schulungsraum. Licht und Klimaanlage an (bei 12 laufenden PC unerlässlich, da es nur ein kleines Fenster gibt), PCs an.

Kaffee für die Teilnehmerinnen kochen. Ein Lichtblick im Haftalltag, sagen sie immer wieder. Der freundliche Empfang am Morgen, nachdem sie schon einige Unfreundlichkeiten über sich haben ergehen lassen, manchmal.

Noch schnell die Mails checken. Im Moment besonders wichtig, da abends immer die neuen Corona-Verhaltensregeln versendet werden. Heute nichts Neues. Die Pandemie ist an uns bisher gut vorbei gegangen. Andere Anstalten hatten hingegen große Ausbrüche.

6:45 Uhr. Erstmal wieder die Treppe runter in unsere anderen Betriebe. Immer wieder Türen auf, Türen zu. Ich begrüße die Kollegen, alle haben auch Heute gute Laune. Zum Glück, sonst wäre der Alltag hier oft sehr schwer.

Zur Sicherheit tragen wir hier Notfallmeldegeräte. Dies nehme ich und melde mich im Funkkreislauf an. Dieses Gerät und der Schlüssel begleiten mich überall hin. Es werden private Worte gewechselt. Im Innenhof unseres Traktes. 10x10 Meter innerhalb zweistöckiger Mauern. Noch ist hier die Luft gut, nachher rauchen hier die Teilnehmerinnen in ihren Pausen.

6:55 Uhr. Die Türen zu unserem Gebäude öffnen sich, Stimmengewirr. Ein Kollege ruft laut "Guten Morgen", um zu signalisieren, dass die Teilnehmerinnen unserer insgesamt drei Ausbildungsgewerke nun zugeführt werden, wie es in der Justiz heißt.

Etwa 25 Frauen betreten nacheinander den Flur und verteilen sich.

Neben meiner Werkstatt gibt es in diesem Teil noch eine Modenäherei und einen Friseursalon. Alles gut ausgestattet, um Ausbildungen und Weiterbildungen durchzuführen. Insgesamt fünf Qualifizierungsmöglichkeiten. Diese alleine bei uns. Betriebe gibt es natürlich mehrere, hinzukommen weitere Schulungs- und Arbeitsangebote für die Inhaftierten. Für alle, soweit Plätze verfügbar sind. Wer erfahren möchte, was es alles gibt, dem empfehle ich einmal einen "Tag der offenen Türe" zu besuchen, der in der Regel in den Haftanstalten einmal jährlich stattfindet.

In Nordrhein Westfahlen kann man einige Produkte, die in den Anstalten hergestellt werden, auch über www.knastladen.debeziehen. Unsere Anstalt hat zudem an jedem ersten Samstag im Monat einen Verkauf vor Ort.

Nachdem alle meine Teilnehmerinnen angekommen sind, die letzte musste bei der Methadonausgabe anstehen, gehe ich mit ihnen hoch. Meine Teilnehmerinnen sind fast alle drogengebrauchend oder sind es gewesen. In der JVA bekommen sie als Ersatzstoff Methadon. Im Bereich des Frauenvollzuges NRW gibt es dies nur in Köln. Bei vielen hängt nach der Haft eine Therapie an. Steht die Straftat in Zusammenhang mit dem Drogenkonsum oder einem Alkoholkonsum, kann diese vom Gericht angeordnet werden. Freiwillige Therapien können dazu führen, dass die Inhaftierten frühzeitig aus der JVA entlassen werden. Mit Auflagen, auf Antrag.

Zurück zum Alltag.

Die Teilnehmerinnen freuen sich über den Filterkaffee, einige machen sich lieber löslichen oder gar Tee. Die PC´s fahren hoch.

Nachdem sich alle einen Kaffee genommen und ich die Anwesenheit dokumentiert habe, besprechen wir den heutigen Tag.

Die Teilnehmerinnen beenden noch Aufgaben vom Vortag. Meist Aufträge oder Ihre Übungen. Ich helfe bei Fragen und nehme die Aufträge ab. Das Verlangen sich auszutauschen ist groß. Es wird sich über den vergangenen Tag unterhalten. Themen wie die Freistunde, Umschluss, Gerüchte und andere Neuigkeiten werden ausgetauscht. Es wird geplant, was gemeinsam beim Küchentermin gekocht wird. Die Lebensmittel können die Inhaftierten einkaufen. Alle 14 Tag wird geliefert. Nach Bestellschein.

Parallel arbeiten die Teilnehmerinnen ihre Aufgaben ab. In individuellem Tempo.

In meine Bildungsmaßnahme kann laufend eingestiegen werden, das heißt, dass es keinen festen Zeitpunkt für Beginn und Ende der Maßnahme gibt. Die Planung des Lehrgangverlaufes und der Inhalte erfolgt individuell, nach Vorkenntnissen und späteren beruflichen Zielen.

Die genaue Bezeichnung der Bildungsmaßnahme ist "Bürokommunikation/EDV/Graphische Gestaltung. Inhalt der Maßnahme ist unter anderem der Computerführerschein mach Europäischem Standard in Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation. Ebenso die Grundlagen der Computernutzung. Darüber hinaus arbeiten wir mit verschiedenen Designprogrammen und in der Fotobearbeitung. Auch das Zeichnen ganz eigener Ideen gehört dazu. In der jüngsten Vergangenheit haben wir die Grundlagen des Textens in den Unterricht integriert. Einige der Teilnehmerinnen haben an einem Schreibwettbewerb teilgenommen.

Wir erstellen im Kurs für die JVA und für andere Inhaftierte Druckerzeugnisse, wie Etiketten, Flyer, Gruß und Postkarten, Aushänge und vieles mehr. Zudem können bei mir für Bewerbungen Fotos angefertigt werden. Dafür stehen eine Kamera und etwas Equipment zur Verfügung.

09:00 Uhr. Erste Pause

Rauchen stellt für die meisten meiner Teilnehmerinnen etwas sehr elementares dar. Es ist Verarbeitung und Suchtbefriedigung. Manche rauchen bis zu drei Zigaretten in einer Pause von 15 Minuten. Der Haftalltag, die Enge, das Kunstlicht, die Stimmung der sie oft ausgesetzt sind drückt auf das Gemüt. Zusätzlich zu nicht verarbeiteten Erlebnissen, der Strafe und der Ungewissheit, wie es der Familie geht. Wie bereits erwähnt, hängt eine Therapie der Haft immer nach. Für mich unverständlich. Vereinzelt werden Angebote innerhalb der Haft gemacht. Seit Corona jedoch eher nicht. Es gibt nur noch ein Sozialtraining. Auch hier mit verminderter Teilnehmerzahl und bei Personalmangel. Auch andere Kurse, wie Yoga und teilweise die Sportangebote, finden nicht statt. Externen Anbietern ist der Zugang zur Anstalt derzeit versagt. Im Männerbereich hat man dafür Outdoor einen Muscle Beach geschaffen. Ohne Sand. Die Bediensteten dürfen nun den Fitnessraum wieder nutzen. Mindestens zu zweit, max. zu fünft.

Nach der Pause folgt die erste Unterrichtseinheit. Heute schreibt der Kollege eine Lernstandsüberprüfung über die Unterrichtseinheiten aus den Wochen. Er hatte mich vertreten. Sie war angekündigt, trotzdem gibt es Protest. Ich erkläre, dass auch die Inhalte der Vertretung zur Maßnahme gehören und bei nichterbrachten Leistungen auch ein Abbruch erfolgen kann. Der Kollege hatte Grundzüge der Betriebswirtschaft und die Warenwirtschaft gelehrt. Da die Maßnahmen entlohnt werden, wird die Leistung auch in Form von Prüfungen und Tests überprüft. Dies trifft selten auf die Zustimmung der Teilnehmerinnen. Sie hätten am Wochenende und die letzten Tage am Abend "viel zu tun gehabt", erwidern einige.

Der Test fiel, wie sich später herausstellte, nicht besonders positiv aus. Eine Auswertung erfolgt zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Kollege wieder im Kurs eingeteilt ist. Unsere Vertretungskräfte sind nicht täglich in der Anstalt, übernehmen aber zusätzlich an einigen Tagen Förderunterricht. Auch für einzelne Teilnehmer. Besonders für die Auszubildenden.

Über unseren Träger können die Inhaftierten Ausbildungen zur Friseurin, zur Modenäherin und zum Gebäudereiniger durchlaufen. Geprüft durch die entsprechende Kammer. Dafür findet der Berufsschulunterricht für die Friseurinnen innerhalb der JVA durch ein Berufskolleg statt. Die anderen Gewerke werden in der Theorie durch den entsprechenden Ausbilder unterrichtet.

09:30 Uhr. Aus der Kantine kommt eine Info per Mail. Heute gäbe es, zusätzlich zu den Tagesgerichten, Currywurstragout. Zudem  jetzt ebenfalls neu, Eiskaffee. Na tolle Wurst.

In den kommenden Tagen wird eine E-Mail eingehen, in der unser Koch sich für die Frage rechtfertigt, ob die Strohhalme vom Eiskaffee auch „bio“ seien. Sie sind aus Papier.

Die Teilnehmerinnen fluchen über die Fragen im Test, Unruhe macht sich breit. Vereinzelt gehen sie auf Toilette, holen sich einen Kaffee. Es wird mit den Blättern geraschelt, geschnauft und auf den Stühlen hin und her gerutscht. Normalerweise sind 10 Frauen im Kurs, bei Corona sind es derzeit 6. Alle mit recht impulsiven Temperament.

10:00 Uhr. Von außen dringt das Geräusch von Rasenmäher und Freischneider durch das geöffnete Fenster.

Der Geruch von Abgasen der motorgetriebenen Geräte folgt. Fenster zu. In meinem Büro ist keine Klimaanlage. Dies ist in der Werkstatt abgeteilt. Durch große Plexiglasfenster zu zwei Seiten einsichtbar. Schnell wird das Büro warm und ich verlege meine Unterrichtsvorbereitung für den Nachmittag in die angrenzende Küche. Der Kollege übernimmt derweil eine Wiederholung seiner Inhalte und beantwortet offene Fragen. Teilweise entstehen wilde Diskussionen. Verständnisschwierigkeiten und teilweise eher schlechte Deutschkenntnisse schüren Missverständnisse. Das Temperament führt zu allem weiteren. Der Kollege muss des Öfteren auf Ruhe hinweisen und daran erinnern, dass man sich für einen Wortbeitrag zu melden habe.

Die Tür zur Küche geht auf. Eine Teilnehmerin möchte auf Toilette. Bescheid gesagt hat sie nicht. Von der Toilette zurück macht sie den Wasserkocher an. Ich verweise auf die kommende Pause und darauf, dass sie jetzt Unterricht habe. Alltag.

Die Frustrationstoleranz ist niedrig, der innere Stress der Teilnehmerinnen hoch. Die Maßnahmen schaffen für einige Inhaftierte das erste Mal Tagesstruktur. Verlangt etwas Disziplin und sozialen Umgang ab. Mit einem verständnislosen Blick verschwindet sie hinter der schweren Tür, die mit einem lauten Poltern und blechernem Schwung in das Schloss fällt. Nach einem Blick durch das kleine vergitterte Fenster, widme ich mich wieder meinem Unterrichtsmaterial. Wir haben hier Glück und vor dem Fenster eine relativ grobe Vergitterung. Auf den Zellen sind zudem feine Gitter angebracht. Diese sollen verhindern, dass nichts durch die Fenster auf den Höfen landet. So wurde das Rattenproblem relativ gut in den Griff bekommen. Die Gitter verhindern zudem, dass sich die Inhaftierten im Sommer mit den Füßen nach draußen zum Sonnen in die Fenster setzen.

11:30 Uhr. Die Teilnehmerinnen rücken zum Mittagessen ein. Dafür bringe ich sie die Treppe hinunter und eine der Beamtinnen verbringt sie in die einzelnen Hafthäuser. Gegen 13:00 Uhr werden die Teilnehmerinnen wiedergebracht.

In der Pause ist für uns Zeit zu Essen, gefolgt von Dokumentation und der weiteren Planung des Tages. Eine Dienstbesprechung steht noch an. In der tauschen wir uns aus über die Teilnehmer aus und stimmen pädagogische Konzepte ab. In Einzelfällen werden Absprachen mit dem Koordinator der Beruflichen Bildung, ein JVA-Beamter, getroffen. Dieser teilt die Inhaftierten auch in den Betrieben ein. Die Dienstbesprechung hat vor allem das Ziel, dass bei Ausfällen durch Krankheit etc. jeder weiß, was im Gewerk gerade los ist. Welcher Unterricht gehalten wir, welche offenen Aufträge es gibt und wie die Teilnehmerinnen stehen. Zudem, ob es zu den Inhaftierten Besonderheiten oder Auffälligkeiten gibt. Auch wir haben für bestimmte Dinge strikte Verhaltens- und Verfahrensweisen. Zur Sicherheit und im Rahmen des zugrundeliegenden pädagogischen Konzeptes. Zu jeder Inhaftierten gibt es Absprachen mit dem Sozialdienst und der Bereichsleitung. Festgehalten wird der Lehrgangsverlauf in Förderplänen, die mit der jeweiligen Inhaftierten individuell abgestimmt und regelmäßig angepasst werden. Welche Angebote die Inhaftierten annehmen, beeinflusst zum Beispiel wann und ob Jemand in den offenen Vollzug kommt. Wer viele Angebote annimmt, wie zum Beispiel die Treffen der Anonymen Alkoholiker, das Sozialtraining oder die Frauengruppe, hat gute Chancen früher in den Offenen Vollzug verlegt zu werden und Draußen arbeiten gehen zu dürfen. Die Justiz hält hierfür verschiedene Wege nach der Hälfte der Haftstrafe bzw. nach 2/3 bereit.

13:05 Uhr an einem anderen Tag

Am Vormittag haben wir Unterricht gehalten zum Thema Texten und Schreiben. Meine Teilnehmerinnen wollen an einem Schreibwettbewerb teilnehmen. Neben einem Preisgeld werden die Texte am Deutschen Vorlesetag vorgetragen. Zudem winken der Anstalt Buchspenden für die Bibliothek.

Viele der Teilnehmerinnen haben Talent zum Schreiben. Ihr Leben bietet genug Geschichten, die es sich zu erzählen lohnt. Für den Wettbewerb versuchen wir diese herauszukitzeln. Die Herausforderung dabei? Die Motivation aufzubringen über sich zu schreiben. Sich an Details erinnern.

Die Themen wären sehr vielseitig. Seit dem ich in der JVA arbeite weiß ich, dass man hier schneller landen kann, als man sich vorstellen könnte. Vielleicht darf ich an anderer Stelle die eine oder andere Geschichte veröffentlichen.

Wir sitzen im Besprechungsraum, als im Flur Stimmengewirr und Gelächter durch die Stahltüren dringt. Die Eisentüre wird aufgeschlossen, der Türflügel stößt gegen die Mauer und poltert über den Flur. Die Frauen kommen aus der Mittagspause wieder. Aufgeregt ist die Stimmung, als diese den Bereich betreten. Das Mittagessen hat wohl nicht geschmeckt. "Voll ekelhaft" schallt es über den Flur. Als ich frage was es denn gab, bekomme ich als Antwort "Hühnerfrikassee, konnte man gar nicht essen".

Die Frauen verteilen sich wieder auf die Werkstätten. Eine meiner Teilnehmerinnen ist auf Zelle geblieben. Sie hat gesundheitliche Probleme. Sie hat mit einem offenem Bein und entzündeten Stellen zu kämpfen, HIV positiv. Bei diesem warmen Wetter fehlt sie regelmäßig, da ihre Beine oft auf den doppelten Umfang anschwellen. 20 Jahre Heroinkonsum, neben anderen Drogen, schlagen zusätzlich auf die Gesundheit. Sie ist derzeit die Einzige in meinem Kurs mit derart schweren Beschwerden. Andere Teilnehmerinnen leider ebenfalls unter den Medikamenten, die sie hier bekommen, oder darunter, dass bestimmte Behandlungen innerhalb der JVA nicht durchgeführt werden können. Für schwere Fälle gibt es das Justizkrankenhaus in Fröndenberg. Dieses kann stationär aufnehmen oder auch ambulant Versorgungen durchführen, die die Ärzte in der JVA nicht durchführen können.

Als meine Gruppe vollständig ist, gehen wir wieder hoch. Wir betreten die Werkstatt und sofort macht sich geschäftiges Treiben breit. An der Kaffeeecke. Der Wasserkocher brodelt, die Tür von der Toilette wird verriegelt, ein Stuhl auf dem Boden verrückt. "Ey Leute, haben wir noch Milch?" schallt es durch den Raum. Hätte ich etwas zu sagen, ich müsste warten oder mich stimmgewaltig durchsetzen. Der Deal jedoch ist, dass alle schnell einen Kaffee machen und es dann weiter geht. Beim Kaffeemachen höre ich Wortfetzen, wie "Habt ihr schon gehört…? Krass, Wirklich? Die Neue...." und Ähnliches.

Die Tür zur Werksatt geht auf. Eine Inhaftierte wird zum Zahnarzt geholt. Ob Teilnehmerinnen am Tag zum Arzt, zu einem Gespräch, zum Besuch oder sonst geholt werden, erfahre ich immer erst, wenn ein Beamter sie holt. Das erschwert oft die Planung der Unterrichtseinheiten. Da nun wieder jemand fehlt, gebe ich den Frauen Gelegenheit zur individuellen Bearbeitung von Übungsaufgaben. Parallel zur Arbeit am Schreibwettbewerb arbeiten die Teilnehmerinnen Aufgaben zur Prüfungsvorbereitung in Textverarbeitung und in Präsentationstechniken durch. Bei Fragen stehe ich ihnen zur Seite. Den Unterricht dazu hatten wir am Vortag. "Wo ändere ich nochmal die Hintergrundfarbe? Können Sie mir nochmal zeigen, wie ich einen Text in eine Tabelle umwandele?" Solche und weitere Fragen werden uns bis 15:30 Uhr beschäftigen. Zwischen den Fragen bereite ich den Unterricht für den kommenden Tag vor.

Einige der Teilnehmerinnen kommen auch mit privaten Problemen zu mir. Als Ausbilder wird man auch eine Art Kummerkasten. Und die Frauen wissen ja, dass ich auch Sozialarbeiter bin. Ab und zu ist auch einfach die Position als Mann gefragt oder es gibt einen Brief an den Anwalt oder Freund zu korrigieren. Unwillkürlich bekommt man viel mit von seinen Kursteilnehmern.

Der Kontakt zu seinen "Leuten" draußen ist allen sehr wichtig. Eine Teilnehmerin hat derzeit ihren Sohn in einer anderen JVA sitzen. Schwere Körperverletzung. Er ist 17. Vergangene Woche konnte sie mit ihm per Skype reden. Nach über einem Jahr. Der Tag war für den kompletten Kurs sehr emotional. Gefühle, die man auffangen muss. Als Ausbilder, gemeinsam mit der Gruppe. Manchmal ist der Kurs dann so etwas, wie ein Treffen guter Freundinnen oder eine Gruppensitzung. Der Knast schweißt zusammen. Man könnte es an anderen Tagen auch als TalkShow sehen, in der ich die Rolle des Moderators habe. Viele der Inhaftierten kennen sich auch von der Straße oder aus früheren Haftstrafen.

Am Nachmittag gibt es keine zusätzliche Pause mehr. Die wurde im Zuge von Corona gestrichen. Normal machen alle Gewerke gemeinsam Pause. Aber das ging während Corona nicht. Der Hof ist zu klein. Jetzt wird in 5 Gruppen geraucht. Da in unseren Innenhof jedoch auch Büros angrenzen, in denen Konferenzen per Skype und Besprechungen stattfinden, ist am Nachmittag dicht. Datenschutz.

"Feierabend" ruft es durch den Raum. 15.15 Uhr. Die Teilnehmerinnen werden gleich unten wieder gesammelt abgeholt. Wir fahren die Computer runter und gehen über die Treppe wieder ins Erdgeschoss. Der Müll muss noch in den Keller. Eine graue Plastiktüte, 120 Liter. Ich bringe sie in unseren Müllraum, der sich im Flur im Keller befindet. Auch hier gibt es Zellen. Ohne Tageslicht. Diese dürfen nicht mehr benutzt werden. Zum Glück. Diese Zellen haben etwas sehr unmenschliches. Beruhigungszelle steht an der Tür unseres jetzigen Müllraumes.

Hinter der Tür versteckt sich etwas, das aussieht wie eine Folterkammer. Auf dem Boden ein Podest, in der Mitte des Raumes. Leicht erhöht liegen dort Holzbretter. Oben und unten, an Kopf- und Fußende jeweils Ketten. In der Ecke ein Plumpsklo. Ein Beleuchtungspanel mit einer weißen großen Plexiglasscheibe. Sonst nichts.

Ob hier einst Ulrike Meinhoff eingesessen hat?

Auf www.kuladig.de heißt es dazu: "So gehörte es noch Anfang der 1970er Jahre zum Alltag, „renitente  Häftlinge mithilfe der Beruhigungszellen in den fensterlosen Kellergewölben zu disziplinieren. Beruhigen, das ist durchaus ernst  gemeint: Der Delinquent wird wie ein Paket verschnürt und auf eine im  Boden verankerte Holzpritsche gelegt.“ (Kammertöns 2010) und der so genannte „tote Trakt“ in Ossendorf war bundesweit berüchtigt."

Der "Klingelpütz" war schon immer sehr berühmt. Die Liste der Insassen liest sich schauerlich. Im Eintrag unter der oben angegebenen zu Ulrike Meinhoff heißt es: "Vom damaligen RAF-Verteidiger und späteren Bundesinnenminister Otto  Schily (*1932) wurden die Haftbedingungen überaus deutlich bzw.  polemisch als „Verwesung bei lebendigem Leibe“ kritisiert (Spiegel 47/1974)."

Heute ist es so nicht mehr. Aber, es ist und bleibt Haft. Auch in Begegnungen mit z.B. Beate Zschäpe, der meine Kollegin vor ihrem Prozess die Haare schnitt. Oder derzeit mit Thomas Drach.

Gegen 16 Uhr verlasse ich diesen, für Außenstehende geheimnisvollen, Ort. Nach dem Verlassen des Gebäudes, kehrt die Energie zurück. Ich hätte nie gedacht, dass es Orte gibt, die einem diese entziehen, aber es gibt sie. Die JVA Köln ist definitiv einer dieser Orte. Kunstlicht, schlechte Luft, getrübte Stimmung. Es ist im Sommer sehr warm, im Winter zugig kalt. Die Stimmung ist meist sehr destruktiv. Problembehaftet, der Umgangston rau.

Fünf Minuten Fußweg um durchzuatmen. Entlang der kalten Betonmauer zwitschern die Vögel aus den Bäumen der Dienstwohnungsgebäude. Die Sonne steht im Rücken, ein Mäusebussard kreist schreiend über der Anstalt. Freiheit, nach der wir uns wohl alle sehnen. Manche nach dem Ende der Haft, andere nach der inneren Freiheit. Am Ende des Tages aber doch alle die gleichen Gedanken. Raus und nach Hause. An meinen persönlichen Ort, im besten Fall zu seiner Familie. Das Lächeln meiner Frau und das Lachen meiner Tochter, die einen liebevoll empfangen.

Was zählt?

Für einen Einblick der anderen Art sei die Podcastreihe "In Haft" auf Fyeo empfohlen.

Einen schönen Einblick bieten auch die Seiten https://www.podknast.de/ https://www.knastkultur.de/

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