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Über den großen Trend von Institutionen zu Individuen

Du möchtest Communitys besser verstehen? Du würdest gern mehr Abos oder Mitgliedschaften verkaufen? Mein Community-Marketing-Newsletter „Blaupause“ macht dir dabei Mut. Diese Woche: Ein Gespräch mit dem amerikanischen Medienjournalisten Brian Morrissey.

Hallo!

Ich melde mich diese Woche aus New York mit einer neuen Folge des Blaupause-Podcasts. Wie allen, die es nach Amerika verschlägt, kommt mir die Welt hier vorübergehend etwas größer, spannender, dynamischer vor. Aber ich erinnere mich selbst daran, dass dieser Effekt zurück in Europa schon nach wenigen Tagen vorüber sein wird. Die kontinentalen Unterschiede darin, wie neue Medien entstehen und sich finanzieren, helfen aber vielleicht, unsere eigene Zukunft vorauszuahnen. 

Darüber – die Zukunft der digitalen Medien nämlich – spreche ich im Podcast mit Brian Morrissey, dem ehemaligen Präsidenten und Chefredakteur des Fachmagazins Digiday, inzwischen Solo-Medienunternehmer mit seinem Newsletter/Podcast-Unternehmen The Rebooting, und einer der schlausten und am besten vernetzten Experten für digitale Medien der USA.

Brian Morrissey

Für mich war das Gespräch (für das ich Brian in Berlin getroffen habe) superspannend – und ich vermute, für viele Blaupause-Leser:innen ist es das auch. Es geht um Trends in den digitalen Medien – wie entwickeln sich die Formate, wie verhält sich das Publikum und wie funktioniert ihre Vermarktung? Den Trend weg von Institutionen hin zu Personen und zu Communitys und Mitgliedschaften; um neue Medienunternehmen und wie sie heutzutage aussehen; um das Metaversum, web3 und Künstliche Intelligenz; und um die kleinen Unterschiede der Medien in den Vereinigten Staaten und Europa.

Podcast-Register

Man kann dem (englischsprachigen) Gespräch gut folgen, ohne jeden einzelnen Punkt zu verstehen. Ich sammle trotzdem in diesem Newsletter ein Podcast-Register in chronologischer Folge für etwas Kontext beim Hören.

Semafor: Neues digitales Magazin von Ben Smith, dem ehemaligen Chefredakteur von Buzzfeed News und Medienkolumnisten der New York Times, der unter anderem den Rauswurf von Julian Reichelt als Bild-Chefredakteur ausgelöst hat, und Justin Smith, ehemaligen Chef von Bloomberg News und unter anderem Gründer des innovativen Business-Magazins → Quarz. Die Gründung des Magazins hat schon für viel Interesse gesorgt, unter anderem, weil es auf Newslettern von bekannten journalistischen Persönlichkeiten basiert, und damit versucht, das Prinzip persönlicher Newsletter (→ Substack) in ein großes Medienunternehmen zu übersetzen. Ob das klappt, beobachten viele aufmerksam.

Substack: Newsletter-Plattform, der es gelungen ist, prominente Autor:innen dazu zu bringen, ihre Festanstellung bei einem großen Verlag zu kündigen, und sich mit einem Newsletter selbstständig zu machen. Besonders in der manisch vernetzten englischsprachigen Welt – wo auch Twitter eine viel wichtigere Rolle in der digitalen Öffentlichkeit spielt, als bei uns –, hat die Plattform einen großen Newsletter-Hype ausgelöst, dem aber inzwischen etwas Ernüchterung gefolgt ist.

Axios: Wirtschaftsmagazin mit einem besonders innovativen Geschäftsmodell, das vor allem auf Podcasts und Newsletter setzt. Statt Nachrichten und Reportagen veröffentlicht die Seite vor allem in kleine Happen zerlegte Briefings, die einen schnellen Überblick über Fachinformationen ermöglichen (und damit Vorbild für → Semafor). Axios wurde gerade erst für mehr als eine halbe Milliarde Dollar verkauft. Axel Springer hatte Interesse, kam aber nicht zum Zug.

Maggie Haberman: Legendäre New-York-Times-Reporterin, deren neues Buch über Donald Trump (der sie mal „seine Psychiaterin“ genannt hat) gerade die amerikanische Debatte beschäftigt. Dass jemand wie Haberman weiterhin lieber für die NYT arbeitet, statt sich selbstständig zu machen oder zu einem jungen Medium wie → Semafor zu wechseln, gilt als Zeichen für die etwas überraschende Attraktivität der viel gescholtenen traditionellen journalistischen Institutionen.

The Economist: Britisches Wochenmagazin, das es bereits seit 1843 gibt, und das ich persönlich seit 1997 abonniert habe. Jede Woche fassen dort äußerst kompetente Korrespondenten das internationale Weltgeschehen aus einer globalen, liberalen (und angelsächsischen) Perspektive zusammen.

Quartz: 2012 gegründetes und zunächst erfolgreiches Wirtschaftsmagazin. Gilt nach mehreren Verkäufen, Management-Buyouts und gescheiterten Finanzierungsrunden als gescheitert, hat aber vieles einiges richtig gemacht und wird darum noch immer in vielem kopiert.

Creator Economy: Typischer amerikanischer Begriff, um die Machtverschiebung von den großen Plattformen und Medienunternehmen hin zu einzelnen Content Creators zu umschreiben. Hier ein guter Überblick.

Gig Economy: Durch das Internet ausgelöste, oft prekäre Arbeitsverhältnisse, wenn (Schein-)selbstständige, meist niedrig bezahlte Arbeiter:innen für digitale Plattformen tätig sind, zum Beispiel als Uber-Fahrer, Lieferando-Kuriere, Daten-Reiniger:innen und so weiter. Aber auch Phänomene wie MyHammer, Mechanical Turks oder Airbnb, die den Kapitalismus bis in die privaten Schlafzimmer hinein verbreitet haben.

B2B: Steht für Business-to-Business und damit für Fachinformationen in einem beruflichen Kontext. Im Unterschied zu B2C – Business-to-Consumer, also Publikumsmedien. Die Unterschiede lösen sich mehr und mehr auf, je stärker auch normale Medien kleine Nischen abdecken und je stärker Profi-Medien nur noch gelesen werden, wenn sie die Leser:innen im Blick haben statt nur die Anzeigenkunden.

Barstool Sports: 2003 von Dave Portnoy gestartetes Sport-Blog/Podcast/Videoportal, das inzwischen verkauft wurde und ein riesiges Medienunternehmen ist.

Digiday: Brians ehemaliger Arbeitgeber und noch immer eines der wichtigsten Fachmagazine für die Vermarktung von digitalen Medien.

GDPR: Die Datenschutz-Grundverordnung ist eine Verordnung der Europäischen Union, mit der die Regeln zur Verarbeitung personenbezogener Daten reguliert werden. Mit dieser Gesetzgebung wies die EU ihre Fähigkeit nach, durch ihre Marktmacht auch große amerikanische Digitalkonzerne regulieren zu können (wenn sie schon keine eigenen hervorbringt).

Metaverse: Die Vorstellung, dass sich ein großer Teil unseres Lebens und vor allem Arbeitens in Zukunft in virtuellen Welten abspielt, die wir zum Beispiel mit Hilfe von VR-Brillen betreten. Auf diese Version der Zukunft wettet Mark Zuckerberg, der mit enormen Investitionen versucht, sich auf die Zeit nach Facebook vorzubereiten (deswegen heißt FB inzwischen Meta). Das Metaverse ist tatsächlich schon Gegenwart, zum Beispiel in Spielen wie Minecraft oder Roblox. Noch hinkt die Technologie den Ambitionen aber hinterher. Die Frage bleibt offen, wie wichtig Metaversen sein werden – und wie schnell sie kommen.

Generative Artificial Intelligence (A.I.): Künstliche Intelligenz, die hilft, Texte, Bilder, Tonaufnahmen und Videos zu generieren. Diese Technologie macht eine Zukunft vorstellbar, in der fast alle Medien zumindest teilweise automatisch erzeugt werden – und möglicherweise für jede:n Nutzer:in automatisch und individuell angepasst werden. Texte, Audios und Videos könnten dann für dich und mich jeweils anders aussehen, je nachdem, was die künstiche Intelligenz über uns und unsere Bedürfnisse bereits weiß.

GTP3: Ein sogenanntes Deep-Learning-Modell, das automatisch Texte erzeugt, indem es große Archive vorhandenen Materials analysiert und als Vorlage für ganz neue Textbausteine verwendet. Das Krasse: Es funktioniert schon heute erschreckend gut.

Lex: Experimentelles Produkt von Nathan Banchez, erschienen erst vor wenigen Tagen, das eine Art Google-Docs mit → GTP3-Unterstützung ist. Es ermöglicht zum Beispiel, mit automatisch erstellten Überschrift-Vorschlägen zu arbeiten, oder sich zur Inspiration den nächsten Absatz vorschlagen zu lassen. Hier ein Beispiel-Dokument zum Herumprobieren.

https://youtu.be/7Cao0oy1CBg

Podcast.ai: AI, die vor ein paar Tagen ein angebliches Podcast-Interview veröffentlichte zwischen dem superberühmten Podcaster Joe Rogan und – Steve Jobs. Wie jeder weiß, ist der Apple-Gründer seit Jahren verstorben. Aufnahmen seiner Stimme reichten der künstlichen Intelligenz aber aus, so ein Gespräch zu erzeugen.

Stable Diffusion: Ähnliches Spiel, aber mit Bildern. Hier es sehr interessantes Interview mit Emad Mostaque, dem Gründer von Diffusion AI, der Mutterfirma von Stable Diffusion, der gerade ien 101-Millionen-Dollar Finanzierungsrunde abschlossen hat, um die Technologie weiterzuentwickeln.

Bis nächsten Montag!   👋 Sebastian

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