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Piraterie an der Ostsee

Neustadt an der Ostsee

Neustadt in Holstein: Zwischen Lübecker Klagen und Störtebekers Geheimnis

Neustadt in Holstein, eine reizvolle Küstenstadt an der Ostsee, birgt in ihrer Geschichte so manche ungewöhnliche Begebenheit, wie der aufmerksame Leser lokaler Chroniken schnell feststellen kann (1).

Zwei dieser faszinierenden Erzählstränge sollen im Folgenden näher beleuchtet werden: Zum einen die offizielle Beschwerde der mächtigen Hansestadt Lübeck aus dem Jahr 1419, in der Neustädter Bürger des Seeraubs bezichtigt wurden.

Zum anderen die hartnäckige lokale Legende, die den berüchtigten Piraten Klaus Störtebeker in der sogenannten „Burg am Binnenwasser“ einen geheimen Unterschlupf finden ließ, von wo aus er seine Raubzüge in der Lübecker Bucht gestartet haben soll.

Dieser Bericht wird die historischen Hintergründe dieser Geschichten beleuchten, das Verhältnis zwischen Lübeck und Neustadt zur damaligen Zeit untersuchen, die Realität hinter der Störtebeker-Legende beleuchten und die Geschichte der geheimnisvollen „Burg“ erkunden.

Im 13. bis 15. Jahrhundert dominierte die Hanse, ein Zusammenschluss norddeutscher Kaufleute und Städte, den Handel in der Ostsee. Lübeck, als eine der zentralen Städte dieses mächtigen Bündnisses, kontrollierte wichtige Handelsrouten und übte erheblichen politischen und wirtschaftlichen Einfluss in der Region aus. Die Hanse hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihre kommerziellen Interessen zu schützen, was auch den Kampf gegen jegliche Form von Raub umfasste.

In diesem Kontext ist die formelle Beschwerde Lübecks im Jahr 1419 zu sehen. Ein solches Schreiben an den Rat von Neustadt deutete auf einen gravierenden Friedensbruch und eine Herausforderung der lübschen Autorität in der Region hin.

Die Beschwerde warf Neustädter Piraten konkret vor, innerhalb von nur drei Tagen zehn Handelsschiffe aus Lübeck gekapert zu haben 1. Ein Verlust in dieser Größenordnung hätte für Lübeck einen erheblichen wirtschaftlichen Schaden bedeutet. Tatsächlich berichtete Lübeck im Jahr 1421, dass sich über 200 Piraten in Neustadt aufhielten, was darauf hindeutet, dass das Problem des Seeraubs in dieser Region anhaltend war. Es gab wohl auch einen regen Austausch von Klagen zwischen den Agenten Lübecks und Neustadt, was auf eine längere Geschichte von Spannungen hindeutet.

Die formelle Beschwerde Lübecks zeigt, dass der Seeraub in der Region kein Einzelfall war, sondern eine offizielle diplomatische Reaktion von einer bedeutenden Macht erforderte. Die Tatsache, dass Lübeck im selben Jahr, 1419, Neustadt die Fehde erklärte (2), legt nahe, dass die Antwort Neustadts auf die Piraterie-Vorwürfe für Lübeck unbefriedigend war. Eine Fehde war im Mittelalter ein schwerwiegender Akt der Aggression, der eine deutliche Eskalation des Konflikts signalisierte.

Im Jahr darauf, 1420, befand sich ein ausgeraubtes Lübecker Schiff im Hafen von Neustadt, was darauf schließen lässt, dass das Piraterie-Problem auch nach der ersten Beschwerde fortbestand.

Neustadt wurde im Jahr 1244 gegründet und erhielt das lübische Stadtrecht 3, was eine frühe Verbindung und den Einfluss Lübecks auf die Stadtgründung und -entwicklung belegt. Dennoch verfolgte Neustadt eigene Interessen und war möglicherweise weniger geneigt, den Forderungen Lübecks strikt nachzukommen, insbesondere wenn diese mit lokalen wirtschaftlichen Aktivitäten kollidierten.

Es gab wohl auch Bestrebungen Lübecks, das prosperierende Neustadt wieder unter eigene Kontrolle zu bringen, um dessen Einnahmequellen selbst zu nutzen, was auf zugrundeliegende Spannungen hindeutet.

Im Jahr 1473 wurde Neustadt sogar zeitweise an Lübeck verpfändet 3, was die Phasen des lübschen Einflusses in der Geschichte Neustadts verdeutlicht. Obwohl Neustadt also mit lübischem Recht gegründet wurde, was auf eine formale Verbindung hindeutet, lässt die lokale Piraterie vermuten, dass Neustadt auch ein gewisses Maß an Unabhängigkeit entwickelte oder zumindest Aktivitäten tolerierte, die der eigenen Bevölkerung zugutekamen, selbst auf Kosten Lübecks.

Klaus Störtebeker ist eine der bekanntesten Figuren unter den Vitalienbrüdern. Diese Gruppierung agierte zunächst als Freibeuter und wurde angeheuert, um während einer Belagerung im späten 14. Jahrhundert Stockholm mit Lebensmitteln zu versorgen. Daher auch der Name „Vitalienbrüder“, abgeleitet von Viktualien.

Später wurden sie jedoch für ihre Piraterie in der Nord- und Ostsee berüchtigt und überfielen Handelsschiffe, darunter auch die der Hanse. Ihr selbstgewählter Name war „Likedeeler“, was so viel wie „Gleichteiler“ bedeutet.

Störtebekers aktive Zeit fiel hauptsächlich in das späte 14. Jahrhundert, und er wurde um 1400 oder 1401 in Hamburg hingerichtet. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Störtebeker in der deutschen Folklore zu einer legendären Figur, die oft mit Robin Hood verglichen wird, da er angeblich von den Reichen (den Hansekaufleuten) stahl. Seine Geschichte wurde in zahlreichen literarischen, dramatischen und musikalischen Werken verarbeitet.

Eine der bekanntesten Legenden besagt, dass er nach seiner Enthauptung noch an seiner Mannschaft vorbeigegangen sein soll, eine Geschichte, die aus heutiger medizinischer Sicht als unmöglich gilt. Einige Historiker vermuten, dass Johann Störtebeker, der mindestens bis 1413 lebte, das historische Vorbild für die Legende des Klaus Störtebeker gewesen sein könnte. Die anhaltende Popularität der Störtebeker-Legende deutet auf eine kulturelle Faszination für Rebellion gegen Autoritäten hin, insbesondere im Kontext des maritimen Lebens und der wahrgenommenen Ungerechtigkeiten der mächtigen Hanse.

Störtebeker und die Vitalienbrüder waren hauptsächlich in der Nordsee und der westlichen Ostsee aktiv. Ihre wichtigsten Operationsbasen waren zeitweise Gotland und später Ostfriesland, wo Störtebeker in Marienhafe eine Festung gehabt haben soll. Der dortige Kirchturm wird sogar „Störtebekerturm“ genannt. Es wird auch von einem Überfall auf Bergen im Jahr 1393 berichtet, der Störtebeker zugeschrieben wird.

Ihre Aktivitäten störten den Handel in der Ostsee erheblich, was dazu führte, dass die Hanse energische Maßnahmen gegen sie ergriff, die schließlich zur Gefangennahme Störtebekers in der Nähe von Helgoland führten.

Die ursprüngliche Information des Nutzers und mehrere der bereitgestellten Textauszüge erwähnen explizit die lokale Überlieferung, dass Klaus Störtebeker einen geheimen Unterschlupf in der „Burg“ am Binnenwasser gehabt haben soll. Diese lokale Sage deutet auf eine starke Verbindung zwischen der Störtebeker-Legende und Neustadt in der Vorstellung der Bevölkerung hin.

Blick auf das Binnenwasser - heute.

Obwohl Störtebekers primäre dokumentierte Aktivitäten weiter nördlich und westlich stattfanden, deutet die Verbindung, die in der Lübecker Beschwerde hergestellt wird, darauf hin, dass sein Einfluss oder die Aktivitäten seiner Gefolgsleute sich möglicherweise bis in die Lübecker Bucht erstreckten. Die Beharrlichkeit der lokalen Tradition bezüglich Störtebekers Versteck in Neustadt, trotz des Fehlens eindeutiger historischer Beweise, die ihn direkt dorthin verorten, zeigt die Kraft der lokalen Folklore und die Art und Weise, wie historische Figuren in regionale Erzählungen integriert werden können.

Die „Burg“ war ursprünglich eine slawische Ringwallanlage, die nach Keramikfunden in die späte Slawenzeit, vermutlich das 11. oder 12. Jahrhundert, datiert wird. Sie befand sich ursprünglich auf einer Insel im Binnenwasser, die später durch Landgewinnung mit dem Festland verbunden wurde.

Die „Burg“ diente wahrscheinlich als Sitz eines lokalen Adligen oder als Zufluchtsort in Zeiten von Konflikten. Um 1300 existierte die „Burg“ selbst wahrscheinlich nicht mehr, nur der Wald, der als „Burg“ bezeichnet wurde, blieb bestehen. Die slawische Herkunft der „Burg“ als Verteidigungsanlage deutet darauf hin, dass es sich in früheren Zeiten um einen strategisch wichtigen Ort handelte, was möglicherweise erklärt, warum er später mit Piratenaktivitäten in Verbindung gebracht wurde.

Die Lage der „Burg“ auf einer Insel im Binnenwasser, die über den Hafen mit dem Meer verbunden war, hätte eine abgelegene und potenziell verteidigungsfähige Position geboten. Das Binnenwasser selbst wird als flaches Brackwassergebiet beschrieben, das für kleinere Piratenschiffe möglicherweise befahrbar war, während es für größere hansische Schiffe weniger zugänglich gewesen wäre.

Es wird jedoch auch erwähnt, dass der Hafen früher bis in den Bereich des Binnenwassers reichte und somit auch größeren Schiffen („mopsige Koggen“) den Zugang ermöglichte. Die sich im Laufe der Zeit verändernde Geographie der Küstenlinie und des Binnenwassers könnte die Eignung der „Burg“ als Versteck in verschiedenen Epochen beeinflusst haben. Was in der Vergangenheit für größere Schiffe zugänglich war, könnte später zu einem abgelegeneren Gebiet geworden sein.

Da die „Burg“ zur Zeit Störtebekers (spätes 14. Jahrhundert) wahrscheinlich keine aktive Befestigung mehr war, würde ihre Nutzung als „geheimer Unterschlupf“ wahrscheinlich auf einen weniger formalen, vielleicht temporären oder unauffälligeren Stützpunkt hindeuten. Der dichte Wald, der um 1300 noch existierte, könnte einer kleinen Piratengruppe Deckung geboten haben, und die Verbindung des Binnenwassers zum Meer hätte eine diskrete Ein- und Ausfahrt ermöglicht. Es gibt jedoch keine eindeutigen historischen Beweise, die Störtebeker direkt mit der „Burg“ in Verbindung bringen, abgesehen von der lokalen Tradition.

Archäologische Funde belegen slawische Keramik aus dem 11.-12. Jahrhundert auf dem Gelände der „Burg“, und es wird vermutet, dass sie Teil des slawischen Burgbezirks Süsel war. Es gibt in den vorliegenden Auszügen keine Hinweise auf archäologische Funde, die die „Burg“ spezifisch mit Störtebeker oder Piratenaktivitäten aus dem späten 14. Jahrhundert in Verbindung bringen. Die archäologischen Beweise bestätigen die slawischen Ursprünge der „Burg“, stützen aber nicht die spätere Legende, dass Störtebeker sie als Versteck nutzte. Dies verdeutlicht die mögliche Diskrepanz zwischen archäologischen Befunden und populären historischen Erzählungen.

Neustadt wurde im Jahr 1244 als Hafen- und Handelsstadt gegründet und war strategisch an der Ostsee gelegen. Seine Lage am Ende des Binnenwassers, das mit dem Meer verbunden ist, war entscheidend für seine Entwicklung.

Im 14. Jahrhundert wurde Neustadt Mitglied der Hanse, was seine wirtschaftliche Bedeutung weiter steigerte. Zu den wichtigsten Handelsgütern gehörten Getreide, Fisch und Holz. Die Erweiterung und Modernisierung der Hafenanlagen im frühen 19. Jahrhundert unterstreichen die anhaltende Bedeutung Neustadts als Hafenstadt.

Die Geschichte Neustadts als bedeutender Hafen in der Ostsee machte es zu einem natürlichen Ort für maritime Aktivitäten, sowohl für legitimen Handel als auch für potenziell illegale Aktivitäten wie Piraterie.

Am Binnenwasser.

Die späten 1300er und frühen 1400er Jahre waren in der Ostsee von erheblicher Piraterie geprägt, die hauptsächlich mit den Vitalienbrüdern in Verbindung gebracht wurde. Die Vitalienbrüder störten den Handel und stellten eine große Bedrohung für die Hanse dar.

Es ist auch bemerkenswert, dass verschiedene Hafenstädte, darunter Lübeck, gelegentlich Piratenbanden für ihre eigenen Zwecke anheuerten, was die damalige Situation zusätzlich verkomplizierte. Die weite Verbreitung der Piraterie in dieser Zeit bietet einen breiteren Kontext für die Lübecker Beschwerde gegen Neustadt. Es deutet darauf hin, dass Neustadt kein Einzelfall war, sondern Teil eines größeren Trends der maritimen Unsicherheit.

Die Anschuldigung Lübecks im Jahr 1419 impliziert direkt, dass die Einwohner Neustadts in Piraterie verwickelt waren. Es wird sogar angedeutet, dass auch „ehrbare Bürger“ in den Seeraub verwickelt gewesen sein könnten.

Im Jahr 1509 wurde Neustadt selbst von Piraten aus Lübeck und Travemünde überfallen, was zeigt, dass Neustadt zuweilen auch selbst Opfer von Piraterie wurde. Es gibt Hinweise darauf, dass Vitalienbrüder in Holstein operierten und sogar nach Friesland zogen.

Die Möglichkeit einer lokalen Beteiligung an der Piraterie, selbst wenn nicht direkt unter Störtebekers Kommando, deutet darauf hin, dass wirtschaftliche Anreize oder lokale Missstände einige Einwohner Neustadts zu solchen Aktivitäten motiviert haben könnten.

Blick von Neustadt in Richtung Lübecker Bucht.

Dieser Beitrag ist Auszug eines längeren Berichtes und wurde am 14.3.2025 mit “Gemini - Deep search” erstellt.

Kategorie Texte & Leseproben

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