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Singen und Sagen, aber ohne Worte 

Felix Mendelssohn-Bartholdy: Reformationssinfonie (1830)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig nicht so bekannte Musikstücke vor, die ich hörenswert finde – mal sind sie einfach schön, mal schwierig, aber immer sind sie interessant. Da selbst Klassik-Spezis diese Stücke oft nicht kennen, herrscht Waffengleichheit. Hier ist alles für alle neu! Recherche und Schreiben kosten Zeit, also freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Er gehört nicht zu den unbekannten Größen, die ich normalerweise in den Schleichwegen vorstelle, aber Felix Mendelssohn-Bartholdys Reformationssinfonie ist auch nur der Anlass, um über einen anderen Komponisten zu sprechen, dessen Werke praktisch nie in Konzertsälen zu hören sind, dafür in so mancher Kirche – und im Schein nicht weniger Weihnachtsbäume.

Martin Luther schrieb dreizehn Kirchenjahrslieder, darunter auch Evergreens wie “Vom Himmel hoch, da komm ich her”. Er selbst war wohl überrascht vom Erfolg des Lieds, für das er ursprünglich nur den Text schrieb. Die Melodie borgte er sich bei einer Spielmannsweise – und auch fast den ganzen ersten Vers:

Ich kumm auß frembden landen her und bring euch vil der newen mär der newen mär bring ich so vil, mer dann ich euch hie sagen will

Luther verlegt die “fremden Länder” ins Himmelreich und macht dann mit der Verkündung der frohen Botschaft weiter (“Euch ist ein Kindlein heut’ geborn / Von einer Jungfrau auserkorn”). Der weitere Text der Spielmannsweise hingegen behandelt ein sehr irdisches Problem, wenngleich es auch da um Jungfrauen geht: 

die frembden land die seind so weit darinn wechst uns gut summerzeit, darinn wachsen blümlein rot und weiß die brechend junkfrawen mit ganzem fleiß und machen darauß einen kranz und tragen in an den abendtdanz und lond die gsellen darumb singen biß einer das krenzlin tut gewinnen

Die Weise ist ein Rätsellied und entstammt dem Brauch des “Kränzelsingens”, bei dem mehrere Handwerksgesellen in einer Art Frage- und Antwortspiel auf die Melodie reimen, mit dem Ziel, einen Kranz von einer jungen Frau zu erhalten. Wer hat die tighteren Lyrics? Kränzelsingen – eine Art Battle-Rap.

Das weltliche Original des Lieds und Luthers geistliche Version existierten parallel weiter. Es war kein Geheimnis, wo Luthers Inspiration herkam. Nur wurde seine kirchliche Fassung so unerwartet erfolgreich, dass er eine eigene Melodie nachreichen wollte. 

Dass der Protestant Johann Sebastian Bach diese Melodie rund zwei Jahrhunderte später in seinem Weihnachtsoratorium zitiert, ist nur folgerichtig, und er macht es gleich an drei verschiedenen Stellen. Die Melodie ist so eingängig, dass sich das Lied mittlerweile sogar bei der Konkurrenz findet: Seit 1975 steht es im Gotteslob, dem offiziellen Gebet- und Gesangbuch der deutschsprachigen Katholiken. Es ist quasi Ökumene zum Mitsingen!

Auch Felix Mendelssohn-Bartholdy, der aus einer jüdischen Familie stammte, aber protestantisch getauft und christlich erzogen wurde, verwendete Luthers Melodie: Auf ihr basiert der vierte und letzte Satz seiner Reformationssinfonie von 1830. Wenn der Satz beginnt (nahtlos übergehend aus dem dritten), kann man gar nicht anders als mitzudenken: 

Der guten Mär bring ich so viel Davon ich singen und sagen will

Und singen und sagen tut Mendelssohn, aber nicht mit Worten. Er nimmt das musikalische Material Luthers und instrumentiert es in einer so stilbildenden Weise, dass ein alter Begriff eine zusätzliche Bedeutung erhält: der Choral. Ein Choral ist ursprünglich ein von der Gemeinde gesungenes Kirchenlied, aber in der Reformationssinfonie gibt es keinen Gesang. Mit Mendelssohn und anderen Komponisten des 19. Jahrhunderts (Bruckner, Mahler) bekommt der Choralbegriff eine weitere Bedeutung: als kirchenliedähnliche, einfache, aber festliche, oft von Blechbläsern gespielte, einstimmige Melodie. Für Choräle in diesem Sinne gilt: you know it when you hear it. Erst recht am Ende der Reformationssinfonie.

Neulich schrieb jemand auf Twitter: “Niemand, der Mendelssohn nicht mag.” Natürlich stimmt das nicht, aber so richtig falsch ist es auch nicht. Eine Ausnahme ist natürlich Mendelssohn selbst, der nach der (ziemlich erfolglosen) Uraufführung der Reformationssinfonie das Werk zurückzog: „Die Reformationssinfonie kann ich gar nicht mehr ausstehen, möchte sie lieber verbrennen als irgend eines meiner Stücke; soll niemals herauskommen.“

Die Nachwelt hielt sich nicht daran und so können wir heute Mendelssohns festliche Reformationssinfonie anhören. Wenn ihr eine halbe Stunde Zeit habt, hört sie euch komplett an. Wenn es nur knapp zehn Minuten sind, steigt gleich in den letzten Satz ein:

https://youtu.be/otcrnrQAwD8?t=1380

Das sind die letzten Schleichwege für 2021, jetzt mache ich Weihnachtspause und 2022 geht es weiter. Vielen Dank für eure Unterstützung und euer Interesse! Habt schöne Feiertage und bleibt gesund.

Alles Gute aus Berlin Gabriel

P.S.: Falls ihr eine (nicht ganz) klassische Weihnachtsplaylist braucht: Meine Freunde Angela Leinen und Manuel Braun und ich haben eine zusammengestellt. Sie heißt schlicht Weihnachten 2021 und es sind hoffentlich ein paar frohe Überraschungen für euch drin. Viel Freude damit!

Korrektur: Luther verwendete für “Vom Himmel hoch” nicht die Melodie aus seinem Kirchenlied “Ein feste Burg ist unser Gott”, sie hat nur einige kleine Ähnlichkeiten. Vielen Dank an @ScHuehnerkrisp.

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