Drei Kugeln zum Mitnehmen bitte

Leo Ornstein: Klaviersonate Nr. 4 (1918) Boris Blacher: Divertimento für Trompete, Posaune und Klavier (1946) Rebecca Clarke: Morpheus für Bratsche und Klavier (1917-1918)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig Musikstücke vor, die ich sehr mag. Ich schreibe ein paar Zeilen dazu, mit dem Ziel, dir den Zugang zu erleichtern. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen und Anhören sagst: Ich bin froh, diese Musik kennengelernt zu haben. Sie hat mein Leben etwas reicher gemacht. Wenn mir das gelingt, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Einer der schönsten Werbesprüche ist natürlich: ”Jetzt ein Eis.” Ein Slogan, genau so unmittelbar wie das Bedürfnis, das er aufruft, dessen Befriedigung er verspricht. Weil es gerade draußen 34 Grad sind und sich drinnen das bollernde Klimagerät bemüht, leidlich bessere 29 Grad daraus zu machen, gibt es heute keine gewundenen Ausführungen, sondern einfach drei Kugeln Eis, und das bedeutet Kammermusik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Abkühlen.

Die erste Kugel ist Leo Ornsteins vierte Klaviersonate von 1918. So cool perlt der dritte Satz dahin, es ist nur eine musikalische Idee, aber sie ist so lässig auf die Récamiere gefläzt, dass die kleine Steigerung in der Mitte des Stücks sich folgerichtig im Nirgendwo verliert. Sich jetzt noch aufzuregen, das bringt doch nichts mehr, lass lieber weiterdösen:

https://youtu.be/iZWZ8XLdr3A?t=598

Von Boris Blacher stammt die zweite Kugel. Im zweiten Satz (Andantino) seines Divertimentos für Trompete, Posaune und Klavier hat die Trompete Pause. Und die Posaune klingt wie jemand, der wirklich schon sehr müde ist, aber noch kurz etwas zu Ende erzählen will, bevor er wegdöst. Dafür dass ein Divertimento eigentlich etwas Leichtfüßiges, Tänzerisches sein soll, schlurft das kurze Stück einfach ermattet durch den Halbschatten:

https://youtu.be/EkhkshgIB7A?t=56

Von Rebecca Clarke kommt die dritte Kugel. Ihr einsätziges Duo für Bratsche und Klavier, Morpheus, ist hoffnungslos elegische, also englische Musik. Die beiden Instrumente sind völlig gleichberechtigt und lassen einander zart zu Wort kommen. Niemand hat dauerhaft die Führung. Gegen Ende spielen beide Instrumente unisono, aber das Ende ist offen:

https://youtu.be/1_vZKrEOLYE?t=17

Hier die Stücke von Ornstein, Blacher und Clarke zum Mitnehmen, also zum Streamen.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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