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Wir sind Opfer unseres Geschmacks

Francis Poulenc: Konzert für zwei Klaviere (1932)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig Musikstücke vor, die ich sehr mag. Ich schreibe ein paar Zeilen dazu, mit dem Ziel, dir den Zugang zu erleichtern. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen und Anhören sagst: Ich bin froh, diese Musik kennengelernt zu haben. Sie hat mein Leben etwas reicher gemacht. Wenn mir das gelingt, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Eine der unseligen Besonderheiten des an unseligen Besonderheiten nicht armen deutschen Kulturbetriebs ist die Erfindung der Ernsten Musik oder kurz E-Musik zum Zwecke der Abgrenzung von der Unterhaltungsmusik, der U-Musik. Seit 1903 unterscheiden deutsche Verwertungsgesellschaften (die die Interessen von Verleger:innen und Urheber:innen wahrnehmen) Musik auf Basis dieser Klassifikation. Mit E-Musik ist im Wesentlichen klassische Musik gemeint, U-Musik ist alles andere: Pop, Rock, Schlager, Hiphop, Jazz, you name it. Ursache dieser Aufteilung ist, natürlich, das Geld.

Die ”wertvolle” E-Musik hat im Vergleich nur ein kleines Publikum; in dieser Logik müssen die Musiker:innen und Komponist:innen aber, weil sie bedeutende Kultur reproduzieren, besser entlohnt werden als die, die Musik für die Massen produzieren. Es ist ein schrullig-klassistisches Konstrukt, es ist die Festschreibung einer ästhetische Zweiklassengesellschaft, es ist ein von den Macher:innen der E-Musik erfundenes System – für die Macher:innen der E-Musik.

Doch damit nicht genug. Dieses Klassfikationsschema produziert nicht nur Umsätze, sondern auch Distinktionsgewinn für die “klassischen” Klassikhörer:innen. Es produziert Identität. Ganze Generationen von Konzertbesucher:innen (und nicht zuletzt Musiker:innen) benasrümpfen Stücke, weil sie zu eingängig, zu schlicht, zu unterhaltsam sind, in dem sie fragten: Ist das noch ernste Musik? Es ist nicht überraschend und wenig schmeichelhaft, aber der bürgerliche Geschmack ist eben auch immer das Produkt ökonomischer Machtentfaltung: Klassenzugehörigkeit bestimmt ästhetische Vorlieben (Pierre Bourdieus Forschung zeigt das eindrucksvoll). Die “leichte Muse” wird verächtlich gemacht, nur das Schwere und Bedeutsame zählt. In der Würdigung des Erhabenen besäuft sich das Kennertum an sich selbst. Man kann deshalb auch kaum von individuellem Geschmack sprechen, von etwas Eigenem, vielmehr gilt: Wir sind Opfer unseres Geschmacks.

Aus diesem ästhetischen Gefängnis auszubrechen, ist schwer, denn in ihm ist man ja in allerbester Gesellschaft. Es gibt jedoch einen Weg hinaus und der führt über Frankreich. 

Frankreichs klassische Musiktradition unterscheidet sich sehr von der deutschen. Klassische Musik, die unterhält, die Witz hat und gute Laune macht, gilt dort nicht als oberflächlich, sondern als große Kunst. Und bezeichnenderweise kennt die französische Rechteverwertungsgesellschaft SACEM die Trennung von Musik in E und U nicht – und hat sie seit ihrer Gründung 1850 auch nie gekannt.

Einer der Komponisten, der für den entspannteren französischen Umgang mit klassischer Musik steht, ist Francis Poulenc. Und eines der unterhaltsamsten Stücke, die ich kenne, ist sein Konzert für zwei Klaviere. Die Musik gleicht einem Büffet, von allem ein bisschen, vieles kennt man, manches gar nicht, die Teile sind für sich genommen schon wunderbar, aber es gibt jetzt nicht zwingend ein großes übergeordnetes Konzept. Dafür wird man knapp zwanzig Minuten lang fabelhaft unterhalten.

In nur drei Monaten hat Poulenc dieses Konzert runtergeschrieben und wie so oft bei ihm geht es stilistisch quer durch den Gemüsegarten: Man kann Einflüsse von Ravel und Strawinsky entdecken, aber eben auch eingängige Mitsingmelodien und sogar Anklänge an die balinesische Gamelan-Musik. Bei Poulenc gibt es wenig von dem, was Entwicklung oder Durchführung genannt wird. Mit dem musikalischen Material (also den Melodien) wird meist nicht viel gearbeitet. Vielmehr hat man den Eindruck, dass es Poulenc schnell langweilig wird und er schon zur nächsten musikalischen Idee unterwegs ist. 

Bevor es gleich mit der Musik losgeht, will ich eure Aufmerksamkeit noch kurz auf den zweiten Satz des Konzerts richten. Er ist eine Verbeugung vor keinem Geringeren als Mozart. Der Satz beginnt beginnt mit einer Melodie, wie sie auch auf dem großen Meister stammen könnte: kindlich, einfach, mit kleinen Intervallen. Das bleibt natürlich nicht lange so, Pulencs chromatische moves verschieben die Musik schnell ins 20. Jahrhundert.

Aber los geht es mit dem ersten Satz, der wie aus der Pistole geschossen beginnt, etliche Ohrwurmkandidaten präsentiert, um dann in einer mysteriösen Meditation zu enden. Es ist ein Büffet und es ist für alle etwas dabei. Ich wünsche gute Unterhaltung!

1. Satz:

https://www.youtube.com/watch?v=2-VSj7bSsfo

2. Satz:

https://www.youtube.com/watch?v=mOHMTBf1gyE

3. Satz:

https://www.youtube.com/watch?v=oCVhMIxrsBg

Meine Lieblingsaufnahme gibt es auf den Streamingdiensten – es spielen die Schwestern Katia und Marielle Labèque.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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