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Niedrigschwellige Angebote

Thomas Adès: Totentanz (2013)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig Musikstücke vor, die ich sehr mag. Ich schreibe ein paar Zeilen dazu, mit dem Ziel, dir den Zugang zu erleichtern. Ich hoffe, dass du nach dem Lesen und Anhören sagst: Ich bin froh, diese Musik kennengelernt zu haben. Sie hat mein Leben etwas reicher gemacht. Wenn mir das gelingt, freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Es ist Juli 2021, die Corona-Schutzmaßnahmen in Deutschland werden zurückgefahren und das, obwohl die Fallzahlen wieder steigen. Zu viele Menschen denken offenbar, der Kelch sei an ihnen vorübergegangen, und es setzt etwas ein, das man sich vor einem halben Jahr kaum vorstellen konnte: Impfmüdigkeit. Die ganze Welt müht sich in einem beispiellosen Kraftakt um die Einhegung des Virus, die Impfzentren haben freie Termine, in den Praxen liegt der Impfstoff parat und was folgt? Impfmüdigkeit.

Das Robert-Koch-Institut empfiehlt nun ”niedrigschwellige” Impfangebote, also am Arbeitsplatz, auf Marktplätzen, einfach überall. Man soll sich quasi im Vorbeigehen impfen lassen. Die Impfung soll nicht mehr ein Termin sein, auf den man Monate wartet, für den man sich etwas Bestimmtes anzieht, um dann bang in einer Schlange zu stehen bis man die erlösende Injektion im Arm hat. Man soll sich impfen lassen, so wie man ein Eis kauft.

Politiker:innen betonen, diese neuen Angebote richteten sich an ”sozial Benachteiligte”, also an Menschen, die keine Geräte zur Online-Terminbuchung, zu geringe Deutschkenntnisse für eine telefonische Terminvereinbarung oder schlicht keine Hausarztpraxis haben. Wenn man will, dass alle mitmachen, muss man es so einrichten, dass alle mitmachen.

Es liegt auf der Hand, dass überzeugte Impfgegner auch diese Angebote ausschlagen werden. Und die gefährdetsten Gruppen sind in Deutschland schon zum größten Teil bereits geimpft. Es geht jetzt also auch um die Gruppe der Unentschlossenen. Es geht um die, die Anfang des Jahres gesagt haben, sie wollen sich das erstmal anschauen und die jetzt gesehen haben, dass ihre Bekannten an der Impfung nicht nur nicht gestorben sind, sondern ihr 5G-Empfang unvermindert schlecht ist. Und die trotzdem nicht zum Impfen gehen.

Wie man Impfgegner sein kann, ist für mich so unverständlich, dass ich mich nicht einmal darüber aufregen kann. Aber wie man nach anderthalb Jahren Pandemie noch achselzuckend dastehen kann und sagen, ”naja, wenn sie mich auf dem Marktplatz impfen, mache ich mit, aber sonst nicht”, das ist brutal in seiner Bräsigkeit.

Wir haben die Mittel, wir haben die Möglichkeiten; es ist die Indifferenz, die uns umbringt. Denn wenn uns die Pandemie etwas gelehrt hat, dann, dass es Mitgefühl braucht. Wir tragen die Maske nicht primär für uns selbst, sondern für die Gefährdeten. Wir impfen uns nicht nur für uns selbst, sondern auch für den Gemeinschaftsschutz (früher: ”Herdenimmunität”). Solidarität kann uns retten, Gleichgültigkeit ist der Tod.

Vermutlich unter dem Eindruck der Pest, der großen Epidemie des 14. Jahrhunderts, schuf der Maler und Bildhauer Bernt Notke einen dreißig Meter langen Fries in der Lübecker Marienkirche. Die zwei Meter hohe Bilderwand zeigt den Tod, wie er mit Menschen jedes Standes tanzt, hierarchisch geordnet, vom Papst über den Kaiser und die Kaiserin über den Bürgermeister, den Bauern bis hinab zum Kind. Alle willigen in den Tanz ein, sie haben ja keine Wahl. Der Tod ist das niedrigschwelligste Angebot. 

Der Lübecker Totentanz hat viele Kunstwerke quer durch die Gattungen inspiriert, darunter das symphonische Konzert Totentanz für Orchester und zwei Singstimmen des englischen Komponisten Thomas Adès.

Adès gehört zu der seltenen Gattung zeitgenössischer Komponist:innen, die nicht nur bei der Kritik, sondern auch beim Publikum ankommt. Seine Musik ist farbenfroh, effektvoll, unterhaltsam, aber nicht simpel. Das vorgebildete Publikum darf sich an seinen Zitaten aus hunderten Jahren Musikgeschichte erfreuen, während sich Zuhörende ohne Vorbefassung dem unmittelbaren Eindruck hingeben können. Anders gesagt: Hier ist für jeden was dabei. 

Das Stück dauert etwa vierzig Minuten, aber wenn ihr nur kurz auf den Geschmack kommen wollt, dann empfehle ich euch, mit dem Ende anzufangen. In den letzten fünf Minuten tanzt der Tod mit dem Kind. Die Musik beginnt mit einem Zitat der Urtöne aus Gustav Mahlers erster Sinfonie (mehr dazu hier in meiner Klassikreihe bei Krautreporter). In Mahler Werk geht es um den Anfang aller Dinge, Adès lässt seines mit den gleichen Tönen enden. Das ist kein Zufall, das ist mindestens eine Hoffnung auf Wiedergeburt.

Der Bariton Simon Keenlyside singt den Tod, die Mezzosopranistin Christianne Stotijn singt die Sterbenden und zuletzt eben das Kind. Mit einer lakonischen Kinderfrage endet das Werk:  

O Tod wie soll ich das verstehen? Ich soll tanzen und kann nicht gehen!

Der Komponist selbst dirigierte die Uraufführung, die ihr euch jetzt anhören könnt. Die letzten Minuten von Thomas Adés’ Totentanz:

https://youtu.be/BpFh-Z_GYfE?t=1951

Habt ihr Lust auf mehr? Hier ist das gesamte Stück und der Text der hochdeutschen Nachdichtung zum Mitlesen:

https://youtu.be/BpFh-Z_GYfE?t=250

Und zum Schluss noch der Link zum Streaming.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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