Die offene Frage

Jocelyn Pook: Musik für den Film L'Emploi du Temps (2001)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich regelmäßig nicht so bekannte Musikstücke vor, die ich hörenswert finde – mal sind sie einfach schön, mal schwierig, aber immer sind sie interessant. Da selbst Klassik-Spezis diese Stücke oft nicht kennen, herrscht Chancengleichheit. Hier ist alles für alle neu! Ich würde gerne mehr Zeit fürs Recherchieren und Schreiben aufwenden, also freue ich mich über deine freiwillige Unterstützung auf Steady.

Die englische Komponistin Jocelyn Pook (Foto: Elifnurk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Im absoluten Hochsommer, als ich ungefähr ein halbes Jahr nicht mehr in Deutschland, sondern in den USA gelebt hatte, überkam mich unvermittelt eine schlimme Sorge: Wo gehöre ich hin? Ich war lange genug aus Berlin weg, um mit Abstand auf meine Landsleute schauen zu können und das war nicht sehr schmeichelhaft, vor allem wenn ich mal kurz in der Heimat zu Besuch war und dachte: Das, was wir Berliner Schnauze nennen, ist doch in Wirklichkeit schlichte Barbarei. Und mir dann von Berliner*innen sagen zu lassen, dass ehrliche Pampigkeit immerhin ehrlicher sei als die gespielte Höflichkeit New Englands. (Ich halte dieses Argument bis heute für Unfug, denn wenn ich jemandem die Rübe einschlagen will, weil mir authentischerweise danach ist, tue ich das dennoch nicht und niemand wirft mir dafür Verlogenheit vor – zum Glück!)

In New England wiederum kannte ich fast niemanden, meine Freunde und Familie fehlten mir und der Aufbau neuer Freundschaften ist schwierig, wenn man nicht mehr zur Uni geht oder mit anderen Leuten einen Arbeitsplatz teilt. Meine Kolleg*innen saßen in Berlin und ich eben in Coworking-Spaces oder Cafés, fünftausend Kilometer und minus sechs Stunden weit weg. In so einer Situation ist man dankbar für jedes nette Wort und wenn es dann überschäumender ist als man das aus Deutschland gewohnt ist, ist es doppelt schön. Du kennst niemanden, aber die Frau im Coffee Shop erkennt dich wieder, den German from downtown, darling, sweetie! Ich mochte das, aber mein Zuhause war das ja ganz offensichtlich auch nicht. Drei Jahre dauert es, hieß es, bis man mit den New Englandern warm wird. Es ist nicht Kalifornien, man ist Fluktuation nicht gewohnt, wer im Nordosten wohnt, tut das schon lange. Man wird nicht erwartet und muss sich seinen Status, seine Relevanz, seine Existenzberechtigung erkämpfen.

Bei dreißig Grad deprimiert zu sein wegen eines existenziellen, aber doch irgendwie abstrakten Problems, erschien mir ganz besonders undankbar. Ich hatte mir das doch selbst ausgesucht! Aber es fühlte sich an, als hätte ich meine alte Heimat ohne Not aufgegeben und eine neue noch nicht gefunden. Ich musste die Frage beantworten: Wo gehöre ich hin?

Stanley Kubrick untermalte seine Filme nicht mit Musik, im Gegenteil. Oft untermalen seine Filme eine Musik. Wenn man auch nicht versteht, was in 2001: A Space Odyssey vor sich geht: Dass eine Raumstation im Dreivierteltakt eines Strauss-Walzers durchs All rotiert, vergisst man nicht. Subtiler hielt Kubrick es bei seinem Historienfilm Barry Lyndon, in dem er minutenlange Sequenzen sekundengenau auf Musik von Händel und Schubert montiert (und dafür einen Oscar bekam). Das ist so seine Flughöhe: Kubrick machte es eigentlich nicht unter den ganz Großen der klassischen Musik.

Zu den seltenen Fällen, in denen er Filmmusik in Auftrag gab, gehört sein letzter vollendeter Film, Eyes Wide Shut. Die englische Komponistin Jocelyn Pook lieferte nicht nur ein ätherisches Streicherstück für die schlimme Geständnisszene, in der Nicole Kidman ihrem Ehemann (der im Film wie in Wirklichkeit von Tom Cruise gespielt wird), eröffnet, dass er eine stumpfe Hohlbirne ist (ich paraphrasiere). Pook schrieb auch die beklemmende Musik für die berühmte Maskenballszene.

Eyes Wide Shut erschien 1999 und war Pooks erste Arbeit als Komponistin für Film. Einerseits ist keine bessere Visitenkarte für künftige Jobs vorstellbar als für Kubrick gearbeitet zu haben, aber was soll noch kommen, wenn man seine Karriere auf dem Gipfel beginnt? (Pook schrieb vorher bereits experimentelle Musik, war aber noch ein ziemlicher Geheimtipp.)

Tatsächlich kam etwas Fantastisches, und zwar schon zwei Jahre später, nämlich ihre Musik für Laurent Cantets Film L'Emploi du Temps, der in Deutschland unter dem Titel Auszeit lief. Cantets Film von 2001 ist ohne Frage ein Meisterwerk und leider auch eins, das hierzulande nicht bekannt genug ist. Aurelien Recoing spielt einen Unternehmensberater, der seinen Job verliert und seiner Familie noch lange danach vorspielt, weiterhin Arbeit (und Ansehen) zu haben. Laurent Cantet setzte sich in mehreren Filmen mit der psychischen Beschädigung von Menschen durch die Arbeit auseinander, aber selbst in einem solchen Ouevre ragt L'Emploi du Temps (der auf einer wahren Begebenheit beruht) mit seiner nüchternen, existenziellen Traurigkeit heraus.

Jocelyn Pooks post-minimale Musik zu diesem Film gehört zusammen mit den Arbeiten des Kanadiers Mychael Danna zum suggestivsten, was in letzter Zeit für Film geschrieben wurde. Und ich nehme an, dass sich viele bekanntere Persönlichkeiten (wie zum Beispiel Max Richter) eine dicke ästhetische Scheibe bei Pook abgeschnitten haben. Wenn einem ihr Sound also aus neuen Fernsehserien irgendwie bekannt vorkommt, dann sollte man sich daran erinnern, dass das hier Musik von 2001 ist. Ein vielfach geteiltes Streichorchester breitet einen zarten, melancholischen Hintergrund vor dem sich eine einfache aufsteigende Tonfolge durch verschiedene Instrumentengruppen bewegt.

Über ihre Musik zu Kubricks Maskenball sagte Pook, in ihrer Arbeit ginge es oft um die Verarbeitung von Schmerz: Darum, sich einen Weg durch die Dunkelheit bahnen, um zum Licht zu gelangen. Das ist auch eine gute Beschreibung zur Musik für L'Emploi du Temps.

Meine drängende Frage aus dem Sommer in New England ist nicht beantwortet, aber ich empfinde sie nicht mehr als so drängend. Das ist die Lektion aus dieser Episode meines Lebens: Manche Fragen werden nicht beantwortet, aber die Notwendigkeit, sie zu beantworten, lässt langsam nach. Es werden Fragen offen bleiben, aber der Schmerz wird nachlassen. Das ist so ernüchternd wie es tröstlich ist – und genau so empfinde ich Pooks Musik.

Leider ist ihre Musik zu L'Emploi du Temps online nicht verfügbar, aber zumindest ein Stück aus dem Score von 2001 kam 2017 in dem Film The Wife noch einmal zum Einsatz. Und diese Musik gibt es auf YouTube – deshalb nun hier Musik von Jocelyn Pook:

https://www.youtube.com/watch?v=oEnYfR3W9Kk

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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