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In manchen Wochen ist es, da will ich nicht lügen, gar nicht so leicht, ein Thema für diesen Newsletter zu finden, das ich für die Lesenden wie mich spannend genug finde; an dieser Stelle noch einmal vielen Dank für die vielen, vielen Rückmeldungen von Sportlehrer:innen, die mir Hoffnung gemacht haben, dass der Fortschritt seit meinem Abitur auch vor diesem Fach nicht Halt gemacht hat.

In anderen Wochen hingegen überschlagen sich die Themen nur so. Gleich zwei im weitesten Sinne konservative Menschen sind in der vergangenen Woche mit handwerklich problematischen historischen Doktorarbeiten aufgefallen, der frischgekürte CSU-Generalsekretär und der schiefen geschichtlichen Vergleichen ohnehin nicht abgeneigte Springer-Miteigentümer Mathias Döpfner. Beide Fälle wirken ähnlich, sind aber höchst unterschiedlich: Martin Huber hat seine Dissertation in dem kurzen Zeitfenster kopi verfasst, als sich digitales Exzerpieren und Copy/Paste als Arbeitstechnik weitgehend durchgesetzt hatten, Plagiatsprüfungen aber noch kein Standard des Politgeschäftes geworden waren. Entsprechend riecht seine Dissertation vorbehaltlich der Prüfung der LMU München stark nach Titelentzug. Den mutmaßlichen Plagiator zu bestrafen, beendet ein solches Verfahren nämlich zuverlässig und schnell. Und eine ehrbare Universität muss sich nicht die Frage stellen, warum bei ihr Menschen über eine Partei promovieren können, in der sie selbst Karriere machen. Gell, Kristina Schröder.

Bei Döpfner sieht es etwas anders aus: Der hat eine reguläre Dissertation über Musikkritik nach 1945 geschrieben, was zwar damals auch sein eigenes Metier als FAZ-Kritiker war, aber von einer Einbindung wie bei der CSU weit entfernt ist. In einem Kapitel über Musikkritik vor 1945 hat sich Döpfner laut Spiegel (€) großzügig in Formulierungen wie Struktur ohne Nachweis bei einer Doktorarbeit von 1938 bedient, die er später selbst als „unverhohlen faschistisch“ einstufte. Das ist nicht gut, es widerspricht der guten wissenschaftlichen Praxis und tat das auch zur Veröffentlichung 1990 nicht. Aber das, was jetzt bekannt ist, reicht sicher nicht für den Entzug des Doktortitels: es betrifft ein Kapitel das historischen Kontext liefern soll, aber weder Fragestellung noch Erkenntniskern der Forschungsarbeit betrifft. Kommt da nicht mehr von der Kommission, wird es bei einem erhobenen Zeigefinger bleiben, und das ist auch gut so.

Aber das ist in einer Woche, in die der 8. Mai fällt, natürlich nicht das Hauptthema eines Zeithistorikers im Ausnahmezustand: Im Jahr 2022 erleben wir offenbar ein neues Zurechtrücken des deutschen Verhältnisses zum Jahrestag des Kriegsendes, so wie wir es 1985 durch Weizsäcker erlebten – zumindest wird dafür der Grundstein gelegt. Seit Jahren versucht die AfD Weizsäckers Diktum vom „Tag der Befreiung“ anzugreifen und ist sich damit aus völlig anderen Gründen einig mit linken und antifaschistischen Gruppen: die AfD, weil sie die Niederlage Deutschlands als systemübergreifender Nation und den Beginn der sowjetischen Besatzung erinnert wissen möchte, linke Gruppen, weil sie die Deutschen, die ja größtenteils bereitwillig mit in den Weltkrieg gegangen waren, nicht so einfach aus ihrer Verantwortung entlassen möchte. Dieser Konflikt ist nicht neu, aber solange ich in Internetdiskussionen dazu „Doch, das war Befreiung, lies mal Weizsäcker“ lesen muss, als hätte der als Staatsoberhaupt das dogmatisch festlegen können, wird das Thema weiter schwelen.

Im Jahr 2022 kommt aber ein neuer Aspekt dazu: Ein Nachbarland unseres Nachbarlandes Polen kämpft in diesen Tagen, jetzt gerade, während hier die Sonne scheint, gegen einen militärischen Aggressor mit imperialen Ansprüchen. Und während dort Menschen versuchen ihr Leben und ihre Freiheit zu retten toben bei uns wilde Debatten zwischen mal mehr, mal weniger intellektuellen Menschen darüber, wie ernst es uns mit „Nie wieder Krieg“ ist und was wir überhaupt darunter verstehen.

Erschwert wird diese Debatte dadurch, dass wir sie als Volk der früheren militärischen Aggression führen auf dem Rücken eines Volkes, das wie wenige unter dieser Aggression leiden musste. Schmerzhaft deutlich wurde das am Sonntag bei „Anne Will“, als der Gewaltforscher Harald Welzer, der sich vor 20 Jahren mit „Opa war kein Nazi“ noch sehr um eine kritische deutsche Erinnerungskultur verdient gemacht hatte, in all seinem professoralen Habitus versuchte allen im Studio zu erklären, wie viel dümmer als er sie sind.

Konkret warf Welzer, Unterzeichner des in der „Emma“ veröffentlichten offenen Briefes gegen die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine, dem Botschafter des angegriffenen Landes vor, die deutschen, weitergegebenen Kriegserfahrungen zu ignorieren, die heute dazu führten, dass 45% der Deutschen eine solche Waffenlieferung ablehnten.

Bleiben wir zunächst auf der reinen Ebene der Debattenaufstellung: Auf der einen Seite ein deutscher Professor, 13 Jahre nach dem Krieg in die florierende Demokratie geboren, Empfänger von tradierten Kriegserfahrungen des Volkes der Täter. Auf der anderen Seite der Repräsentant eines Staates, der in unserer Gegenwart im Krieg steht, der in seinem eigenen Leben Diktaturerfahrungen gemacht hat und dessen Familie sicher auch eine ganze Menge Kriegserfahrungen aus einem Volk von Opfern weitergegeben hat.

Welzer versucht sein „Nie wieder Krieg“ im Sinne eines „Keine Beteiligung an einem Krieg gleich welcher Konstellation“ dann ausdrücklich mit konkreten Täternachfahren zu erklären: Weizsäcker hatte 1985 (das mittlerweile fast so weit vom Heute entfernt ist wie vom Krieg) von der Befreiung gesprochen, obwohl sein Vater nach dem Krieg in Nürnberg verurteilt worden war.

Dazu ist es wichtig zu wissen, dass Ernst von Weizsäcker nicht einfach als „Kriegsverbrecher“ verurteilt wurde, wie Welzer sagt, sondern wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit: Er hatte unter anderem Deportationsbefehle nach Auschwitz unterzeichnet. Weizsäcker, in dessen Verteidigerteam auch sein Sohn, der spätere Bundespräsident, mitarbeitete, wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt, später wurde die Strafe auf fünf Jahre reduziert und ganze zweieinhalb Jahre nach seiner Verurteilung wurde der ehemalige SS-Brigadeführer Ernst von Weizsäcker begnadigt. Die Zeit im Gefängnis hatte er genutzt, um seine Memoiren zu verfassen, die trotz ihres Inhaltes lediglich „Erinnerungen“ hießen und nicht „Ich habe nie was falsch gemacht“.

Welzer führt hier also als Beleg für die Gutwerdung der Deutschen an, dass der juristische Verteidiger eines am Holocaust beteiligten NS-Täters die Niederlage dieses Tätersystems für sich als Befreiung reklamiert hat. Nach dieser verqueren Logik kann ausgerechnet derjenige besonders klar über die Legitimität der Landesverteidigung entscheiden, dessen Familie Gnade für die Mittäterschaft bei Angriffskrieg und Völkermord erfahren hat.

Und damit sind wir am Kulminationspunkt dieses sich in den vergangenen Jahren angedeuteten Wandels der deutschen NS-Erinnerung: Weizsäckers „Befreiung“ ist so weit kanonisiert, das sie im Zentrum der veröffentlichenden Gesellschaft als unanfechtbares Dogma angenommen wird. Wenn aber Dogmen als unhinterfragbar gelten, wuchern sie in eine Selbstgefälligkeit, deren unangenehmste Verkörperung am Sonntag Harald Welzer mit dem professoralen Zeigefinger darstellte: „Bleiben Sie mal ein bisschen beim Zuhören und nicht beim Kommentieren“ riet er dem gegenübersitzenden Botschafter.

Ohne das so beabsichtigt zu haben, demonstrierte Welzer damit die Lebenslüge der deutschen Vergangenheitsbewältigungsweltmeisterschaft: Ein bemerkenswerter Teil der hiesigen Gesellschaft ist offenbar immer noch der Meinung, dass am deutschen Wesen die Welt genesen solle – die einzige Lektion die wir daraus gezogen haben ist, dafür keine Waffen mehr zu benutzen. Auch das ist in sich keine neue Erkenntnis, aber der Hochmut, mit dem aus der hinter sich gelassenen, aufgeklärten Täterschaft des Vaterlandes ein moralischer Autoritätsanspruch abgeleitet wird ist vermutlich im deutschen Fernsehen noch nie so perfide ausbuchstabiert worden.

So wie sich der Antisemitismus nach 1945 in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft wandelte zu einem Antisemitismus trotz und wegenAuschwitz, also einer sekundären Abwehrhaltung gegenüber der Schuld des eigenen Landes, so hat sich eben auch ein sekundärer Patriotismus gebildet der nicht stolz ist auf sein Land, sondern stolz darauf wie gut man damit umgegangen sei, nicht stolz auf sein Land sein zu können; was wir nun erleben, ist ein sekundärer Nationalismus, der sich aus diesem merkwürdigen Stolz über andere Länder erhebt die die Frechheit besitzen, sich gegen einen Aggressor wehren zu wollen.

Das alles konnte natürlich nur passieren, weil wir Deutschen, und das gilt für Bundesrepublik wie DDR, nach 1945 vergleichsweise große Gnade erfuhren; als Land gesprochen (und ausdrücklich nicht auf Einzelschicksale bezogen) haben wir den Zweiten Weltkrieg als Täter erlebt und nie als Opfer; wir haben unsere Erinnerungskultur auf die Verantwortung als Täterausgerichtet und natürlich auch auf die Opfer, die aber durch den faktischen Kriegs- und Nachkriegsverlauf immer die Anderen bleiben mussten. Das unfassbare Glück der Bundesrepublik, so schnell zurück in eine Staatengemeinschaft und vor allem in Wohlstand zu kommen, führte dazu, dass wir uns in unserer Vergangenheitsbearbeitung fast ausschließlich mit uns selbst beschäftigen, mit den Deutschen als den Akteur:innen. Was wir von den Menschen vor allem in Osteuropa über den Krieg hätten lernen können blieb bis auf einzelne Anekdoten immer Randnotiz. Nur so konnte sich ein Professor, der viel Lebenszeit mit deutscher Gewaltgeschichte verbracht hat, zu dem Punkt kommen, einen Menschen aus der Ukraine über den Zweiten Weltkrieg belehren zu wollen: weil er diesen Weltkrieg nur als eine Abfolge von deutschen Aktionen und nichtdeutschen Reaktionen begreift – weil Agency in deutscher Erinnerungskultur nur Deutschen zufällt.

Wohin es von hier aus geht, ist längst nicht ausgemacht. Gerade durch Soziale Medien, aber auch durch die Diversifizierung des historisch arbeitenden Personals, werden die Risse im Monument Deutsche Erinnerung ohnehin sichtbarer. Man darf aber auch die Beharrungskräfte in der in der Bundesrepublik so stark institutionalisierten Erinnerung nicht unterschätzen – auf der Leitungsebene des öffentlichen Dienstes in deutschen Gedenkstätten denken wir eher in 20-Jahrs-Schritten der Erneuerung. Aber spätestens seit Sonntag sind ein paar kleine Meißel in die sichtbaren Haarrisse getrieben worden.

Weiterlesen dazu: Franziska Davies, deren Osteuropa-Expertise uns allen gerade sehr guttut, hat auf Twitter einige sehr wichtige Punkte zusammengefasst: https://twitter.com/EFDavies/status/1523436700885606400

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