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Lesung mit Löwen

Über ein hungriges Löwenrudel, ein rätselhaftes Schild, klirrende Koffer und den pakistanischen Bücherturm, der Felicitas Hoppe ein schlechtes Gewissen bescherte

Wo anfangen? Bei dem Stirnrunzeln meiner Frau wegen der Weinflaschen in meinem Koffer, einem in Folie verpackten Stück DDR-Grenzzaun oder dem von Hotelzimmer zu Hotelzimmer kleiner werdenden Bücherturm von Islamabad? Oder doch bei dem Foto, das vor acht Jahren an einer menschenleeren Straße in Südafrika entstand?

Afrika: nie hätte ich gedacht, einmal dorthin zu kommen. Als Kind sowieso nicht; dafür sorgte schon eben jener Grenzzaun, der mich bis 1989 von der weiten Welt trennte. Doch auch später gab es keine Gelegenheit – bis zum Frühjahr 2015, als mich eine Einladung nach Südafrika erreichte. Ich blieb zwei Wochen. So hatte ich neben den Lesungen in Johannesburg und Kapstadt noch Zeit, etwas vom Land zu sehen.

Eines Tages fuhr ich mit dem Bildhauer Jürgen Waxweiler, der damals in Johannesburg lebte und als Werkstoff für seine Skulpturen Leopardensteine aus Simbabwe entdeckt hatte, zu den Pilanesbergen. Dort im Nationalpark wollten wir nach Tieren Ausschau halten, die es in Europa nur im Zoo zu sehen gab.

Wir waren schon zwei Stunden unterwegs, als er plötzlich das Auto zum Stehen brachte und mich aussteigen ließ. Ein Straßenrand im Nirgendwo. Er zeigte auf ein Schild, das ich noch nicht bemerkt hatte, und sagte: „Davor muß ich dich jetzt mal fotografieren!“

Schwarz auf weiß stand da: LESUNG.

Bis heute weiß ich nicht, was sich hinter dem Schild verbarg und was es mit dem Ortsnamen auf sich hatte. So weit reichte unsere Neugier nicht, als daß wir die Siedlung noch erkundet hätten. Wir wollten weiter – Tiere sehen. Und tatsächlich: An diesem Tag begegneten uns Giraffen und Zebras, Warzenschweine und Elefanten. Und kurz vor der Heimfahrt erblickten wir im hohen Savannengras ein Löwenrudel, das unter gräßlichem Knacken ein Gnu in Stücke riß.

Wann immer ich seither zu einer Lesung fahre, muß ich an dieses Schild denken. Manchmal glaube ich auch das Knacken zu hören, und dann stelle ich mir vor, wie mich in wenigen Stunden das Löwenrudel der Zuhörer zerfleischen wird.

Aber nein! Mit Löwen hat man es bei Lesungen selten zu tun. Meist sind die Zuhörer friedlich. Ja, mitunter reißt beim Gähnen einer den Mund auf. Aber sie brüllen nicht, und vor allem: sie fressen einen nicht auf.

Das einzige, was bei Lesungen auf den Tisch kommt, ist Wasser. Keine Lesung ohne Wasserglas, ohne Wasserglas keine Lesung. Wo auch immer ein Stuhl und ein Tisch auf mich warten, steht es da in seiner gläsernen Unerläßlichkeit: Manchmal steigen kleine Bläschen darin auf, als wollten sie mir die fieberhafte Nervosität in meinem Inneren vor Augen führen.

Stilles Wasser ist mir lieber. Unbewegt wie ein Gebirgssee füllt es das Glas: so klar und durchsichtig, wie man sich zu schreiben wünscht. Wie heißt es in einem Lied von Element of Crime: „Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.“

Es gibt Autoren – ja, meist sind es Männer: die lassen sich ein Glas Wein neben die Leselampe stellen oder bringen es, verwegen lächelnd, gleich selbst mit auf die Bühne. Nicht immer ist das der Klarheit der Gedanken förderlich. Der Satz, daß im Wein Wahrheit liegt, wurde vermutlich nicht in nüchternem Zustand geprägt. Oder etwa doch?

Nein, nicht um das Glas auf dem Podium soll es hier gehen, sondern um die Flasche, die man ab und zu nach einer Lesung überreicht bekommt. Wobei ich schon mehrfach gehört habe, daß auch hier das Geschlecht eine Rolle spielt.

So erzählte mir Julia Franck, daß sie eher selten Wein erhalte. Aber manchmal würden ihr Blumen geschenkt, und darüber freue sie sich dann so, daß sie diese nach Möglichkeit am nächsten Tag „mit Wasser im Konservenglas“ mit nach Hause nehme.

Für die Männer eine Flasche Wein, für die Frauen ein Blumenstrauß. So klassisch (oder altmodisch) geht es hierzulande öfter zu. Aber hin und wieder wurde auch ich schon mit Blumen überrascht – eine schöne Geste, die tatsächlich jede Menge Glückshormone freisetzte: erst bei mir, dann bei meiner Frau.

Nur einmal stürzte mich ein Blumenstrauß in Verlegenheit. Es ist ein paar Jahre her, als ich nach einer Lesung in Heilbronn einfach nicht wußte, wohin damit. Die Blumen waren wunderbar, aber – ich war noch ein paar Tage unterwegs. Unmöglich konnte ich sie von Stadt zu Stadt tragen. Spätestens am übernächsten Tag wären sie verwelkt, oder besagtes Konservenglas wäre umgekippt, und sein Inhalt hätte sich über meine Hose oder gar ein Buch ergossen ...

Zum Glück kam ich nach der Lesung mit einer freundlichen Dame ins Gespräch. Als wir uns verabschiedeten, drückte ich ihr kurzentschlossen die Blumen in die Hand. Sie war außer sich vor Freude.

Damals lebte ich in Berlin, und das war für sie das Stichwort: Weil ihre Tochter dort studiere, sei sie ab und zu in der Stadt; das nächste Mal in einem Monat. Da bringe sie mir eine Flasche Wein aus Heilbronn mit!

Und tatsächlich: Vier Wochen später traf ich sie an der U-Bahnstation „Eberswalder Straße“. Es war ein trüber Herbsttag, aber Frau F. strahlte eine solche Herzlichkeit aus, daß sich sogar die Regenwolken verzogen. Weil sie den Prenzlauer Berg noch nicht kannte, führte ich sie zum Kollwitzplatz, zeigte ihr den Wasserturm und noch ein paar Ecken ringsum.

Am Ende unseres Spaziergangs überreichte sie mir feierlich die Flasche Wein. Ich freute mich – und hatte zugleich ein schlechtes Gewissen, weil sie sie die ganze Zeit hatte tragen müssen. Aber ich konnte ja nicht gleich zur Begrüßung sagen: „Jetzt geben Sie erst mal den Wein her!“

Der war übrigens köstlich.

Die Schwere von Wein hat mich schon öfter ins Grübeln gebracht. Nein, nicht die im Kopf am anderen Morgen, sondern tatsächlich sein Gewicht. Denn schon einige Male erhielt ich auf einer Lesereise an drei Abenden hintereinander eine Flasche überreicht. Rollt man dann seinen klirrenden Koffer zum Bahnhof, kommt man sich vor wie ein fliegender Weinhändler.

Womit ich bei dem Stirnrunzeln meiner Frau wäre. Allein die Erinnerung daran läßt mich unruhig werden.

Nein, nein, ich trinke nicht zu viel! Eher zu wenig – oder: zu langsam. Das kleine Weinregal ist zum Bersten voll; schon seit geraumer Zeit wird es bedrängt von weiteren Flaschen, die nicht mehr hineinpassen. Der Platz in der Wohnung ist begrenzt, und einen Weinkeller haben wir nicht. Kein Wunder, daß meine Frau mich fragt: „Wer soll das alles trinken?“ Ja, wer?

Unterwegs stellt sich erst mal eine andere Frage: Wie transportiere ich das? Schriftsteller gehen in der Regel nicht mit einer Schubkarre auf Reisen. Das schließt nicht aus, daß sich die eine oder der andere manchmal eine wünschen würde.

Zum Beispiel jene Autorin, die ein Buch über Gärten geschrieben hatte. Als ich sie auf einem Bahnhof irgendwo in Süddeutschland traf, führte sie eine Pflanze mit sich, die ganz gewiß in kein Weinregal gepaßt hätte – ja womöglich nicht mal in eine Altbauwohnung mit hohen Decken. Als ich sie ansprach, hob sie eine Augenbraue. Ja, sie komme von einer Lesung, und da habe man ihr dieses Exemplar für ihren Garten geschenkt.

Nicht so sperrig, aber doch irgendwie belastend war ein Präsent nach einer Lesung zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls. Bei der Erinnerung daran sehe ich Thomas Rosenlöcher vor mir, denn mit ihm saß ich an jenem Abend auf dem Podium. Nachher bekamen wir etwas überreicht, was ich auf den ersten Blick nicht deuten konnte.

Wie sich herausstellte, war es ein in Folie verpacktes und mit Geschenkband verziertes Stück DDR-Grenzzaun. Man hatte es in einen Holzfuß eingepaßt, so daß man es sich ins Regal stellen konnte. Ob zur täglichen Mahnung oder aus jenem mit Rache vermischten Triumphgefühl, mit dem einst die Menschenfresser die Schädel ihrer Feinde auf einen Pfahl gespießt haben, blieb jedem selbst überlassen.

Als wir am nächsten Tag weiterfuhren, fragte ich Thomas Rosenlöcher: „Und? Wo hast du deinen Grenzzaun?“ Er schüttelte sich, als wäre ihm kalt. „Das scheußliche Ding“, brummte er. „Bin froh, daß die Mauer weg ist.“

Wir saßen schon im Zug, er hatte sich in seine Goethe-Biographie vertieft. Als wir dem Schaffner unsere Fahrkarten zeigten und er in meinem Rucksack das Geschenkband erspähte, fiel ihm meine Frage wieder ein.

„Hast du das wirklich mitgenommen?“ Ich nickte. „Und du?“ Er zuckte mit den Achseln. „Was soll ich denn damit?“

Er hatte es auf dem Hotelfernseher stehenlassen.

Kein Mensch würde das mit einer Flasche Wein tun. Schon gar nicht, wenn sie einem als Dank nach einer Lesung überreicht wurde. Natürlich nicht!

Das Kopfzerbrechen folgt am nächsten Morgen, wenn der Koffer nicht zugeht oder der Rucksack wie Blei am Rücken hängt. Und ich mir seufzend vornehme, mich bei der Wahl der Reiselektüre das nächste Mal für ein Taschenbuch zu entscheiden und nicht wieder für drei dicke Bände. Aber für diesmal läßt sich das nicht ändern; ich kann ja nicht zwei davon auf dem Hotelfernseher stehenlassen. Nur – wohin mit dem Wein?

Mir fällt Emine Sevgi Özdamar ein, die nach einer gemeinsamen Lesung in Stuttgart vor derselben Frage stand. Das Ganze ist fünfzehn Jahre her, aber ich höre noch ihr Lachen, als sie dem freundlichen Nachtportier unseres Hotels, nachdem sie mit ihm ein paar Sätze auf Türkisch gewechselt hatte, ihre Flasche in die Hand drückte.

Das ist es, dachte ich damals und denke es immer wieder: Die Freude weitergeben. Aber so einfach, wie das klingt, ist es nicht immer – jedenfalls mit einer Flasche Wein.

Als ich es einmal versuchte, scheiterte ich kläglich. Die Frau an der Hotelrezeption, der ich schilderte, worum es ging, blickte mich verständnislos an. Ich spürte, wie ich bis in die Haarwurzeln errötete. Noch einmal versuchte ich zu erklären: fieberhaft, nervös, als würde ich einen Taschendiebstahl beichten. Nach zwei Sätzen unterbrach sie mich barsch: „Ich trinke nicht.“

Eine Entschuldigung murmelnd, trat ich den Rückzug an. Die Morgensonne schien zum Fenster herein, in einer Stunde fuhr mein Zug. Es fehlte bloß ein Korkenzieher, und ich hätte die Flasche an Ort und Stelle geleert.

Aber was sind schon ein paar Flaschen Wein – verglichen mit einem pakistanischen Bücherturm? Von dem hat mir Felicitas Hoppe erzählt, als ich sie nach Lesungsgeschenken fragte. Ich konnte es kaum glauben, und hätte sie die Geschichte auf ihre ganz eigene phantastische Weise aufgeschrieben, so wäre ich vielleicht den Verdacht nicht losgeworden, daß sich darin Wahrheit und Dichtung vermischen.

Aber sie hat sie nicht aufgeschrieben, sondern mir erlaubt, sie hier zu erzählen, und darum habe ich keinen Zweifel, daß sich alles genauso zugetragen hat. Und ganz ehrlich: so etwas kann man nicht erfinden!

Die Geschichte geht so: Auf einer Reise, die sie vor über zwanzig Jahren mit ihrem Buch „Picknick der Friseure“ nach Indien und Pakistan führte, machte ihr nach einer Lesung in Islamabad ein, wie sie sagt, „Angehöriger der schreibenden Zunft“ sein – ja: Gesamtwerk zum Geschenk. Er war offensichtlich ein fleißiger Autor und publizierte jedes Jahr zwei bis drei Bücher. „Er hatte sie alle einzeln verpackt, ausnahmslos alle signiert und in alle seine Visitenkarte geklebt.“ Das brachte sie in Verlegenheit, doch sie ließ sich nichts anmerken. Mit Hilfe des Chauffeurs („Jaja, so eine Reise war das ...“) trug sie den Bücherturm zurück in ihr Quartier.

„Auf der Weiterreise“, erinnert sie sich, „habe ich dann in den Nachttischschubladen aller Hotels, in denen ich noch logieren durfte, einige der Werke deponiert – natürlich nicht, ohne vorher Signatur und Visitenkarte entfernt zu haben. Das kam mir wie ein kleines Verbrechen vor, aber es ging einfach nicht anders, denn je weiter ich reise, um so begrenzter ist mein Gepäck, und in meinem Koffer war einfach kein Platz dafür.“

Während ich noch dem Bücherturm von Islamabad hinterhersinne, fällt mir der Überseekoffer ein, den ich vor Jahren in einem Museum sah. Schwarz, mit goldenen Beschlägen. Groß wie ein Schrank, ausgestattet mit Schubladen und Bügeln, die an einer Art Garderobe hingen. Ein wahres Ungetüm. Das Wichtigste allerdings fehlte: die Rollen.

In solche Gedanken vertieft, habe ich eine Flasche Rotwein entkorkt und mir ein Glas eingeschenkt. Es ist schließlich Sonntag. „Magst du auch?“ frage ich meine Frau.

„Gern“, sagt sie und runzelt noch immer die Stirn. Aber diesmal nicht wegen des vollen Weinregals, sondern wegen der Seiten, die ich bis jetzt geschrieben habe. Sie schüttelt den Kopf.

„Deine Leser werden denken: Diese Schriftsteller, was für ein Leben! Fahren in der Welt herum und beklagen sich, daß sie zu viele Flaschen Wein geschenkt bekommen. So glamourös ist das alles nun wirklich nicht! Würdest du keine Lesungen machen, sähe es düster aus.“

Rasch gieße ich mir noch ein Glas ein.

„Ist ja nicht so, daß du ständig nach Johannesburg oder Kapstadt jettest. Wo warst du neulich?“

Diesmal runzele ich die Stirn. „Du meinst ... Drochtersen? Oder ... Radbruch?“

„Ja, irgendwo in der niedersächsischen Pampa.“

Ich halte das Glas in die Höhe und vertiefe mich in das Rot, als könnte ich an dem Farbton erkennen, bei welcher Lesung ich die Flasche geschenkt bekam. Schließlich lasse ich die Hand sinken.

„Auch da gibt’s Löwen.“

Meine Frau wiegt zweifelnd den Kopf. „Vielleicht solltest du einmal darüber schreiben.“

Diese Geschichte habe ich am 19. März 2023 an 512 Leserinnen und Leser verschickt. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten wollen, tragen Sie sich gern hier ein.

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