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Der Kampf geht weiter

MeToo hat die Berliner Volksbühne erreicht, in Atlanta ereignete sich ein rassistisch-misogynes Attentat und der feministische Kampftag machte deutlich, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Der Monat März aus feministischer Perspektive.

Der März war aus feministischer Sicht erneut ein intensiver Monat. Der feministische Kampftag am 8. März konnte aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie nicht wie gewohnt begangen werden, wir befanden uns im Zwiespalt zwischen lautstarkem, kraftvollem Protest und  Zurückhaltung aus Respekt vor den Angehörigen der Risikogruppen und dem medizinischen, pflegenden Personal. Eine Demo und Kundgebung gab es in Berlin dennoch.

Während der Kapitalismus den „Frauentag“ nahezu vollständig verschlungen hat und uns mit geschenkten Rosen und Rabatten zu besänftigen sucht, steht der feministische Kampftag für Wut, Protest und FLINTA*-Solidarität. Angesichts der herrschenden Verhältnisse reichen unsere Kämpfe über den der 8. März hinaus. Jeder Tag ist feministischer Kampftag! Denn das Patriarchat ist jeden Tag.

MeToo in Deutschland ist langsam, aber real

Endlich hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Dieter Wedel erhoben, nach drei Jahren Ermittlungen. 2018 hatte die Schauspielerin Jany Tempel dem Regisseur vorgeworfen, sie 1996 vergewaltigt zu haben. Weitere Frauen bezichtigten den inzwischen 81-Jährigen wegen sexueller Übergriffe.

Auch an der Berliner Volksbühne gab es einen MeToo-Fall. Zehn Frauen haben eine Beschwerde gegen Klaus Dörr bei Themis, der Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt, eingereicht. Dörr, der die Berliner Volksbühne seit 2018 interimsmäßig leitete, wurden zahlreiche Vorwürfe gemacht, darunter „enge, intime, körperliche Nähe und Berührungen, erotisierende Bemerkungen, anzügliche Witze, sexistische Sprüche, Aufforderung zum Tragen von hochhackigen Schuhen, stierende Blicke, unverhohlenes Anstarren auf die Brust, unangemessene SMS, Upskirting, also heimliches Fotografieren unter den Rock, drohende Gebärden und verbale Einschüchterungen, ein vergiftetes Betriebsklima, in dem Mit­ar­bei­te­r*in­nen gegeneinander ausgespielt werden, Diskriminierung aufgrund des Alters der Betroffenen, Unterstützung bzw. Ermöglichung eines männlichen Überlegenheitsgefühls in Machtpositionen.“ Klaus Dörr hat daraufhin seine Tätigkeit für die Volksbühne beendet.

Der Fall Sarah Everard 

Die Ermordung der 33-jährigen Londonerin Sarah Everard, die seit dem 3. März vermisst wurde, hat uns erschüttert und die Debatte über die Sicherheit von weiblich gelesenen Personen angefacht. SArah Everard war auf dem Weg nach Hause, telefonierte noch mit ihrem Freund und wurde von einer Überwachungskamera gefilmt, bevor sie verschwand. Bis die Polizei am 12. März vermeldete, dass es sich bei einer gefundenen Leiche um Sarah handelt. Dringend tatverdächtig ist ein 48-jähriger Polizist, der die Sarah Everard entführt und getötet haben soll. 

Der Fall Sarah Everard hat uns erneut vor Augen geführt, dass die Gefahr real ist. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Frauen Vorkehrungen für ihre Sicherheit treffen, dass wir gar nicht mehr die Frage stellen, warum das so ist! Wir müssen den Fokus weg von den Frauen und weiblich gelesenen Personen nehmen und auf die Männer richten! Wer sind die Täter? Es sind Brüder, Söhne, Ehemänner, Väter, Kollegen, Nachbarn. Sie sind Teil der Gesellschaft. Natürlich ist nicht jeder Mann ein Täter, aber so gut wie jeder Täter ist ein Mann. Darüber müssen wir sprechen.

Rassistischer und misogyner Massenmord in Atlanta

Am 16. März hat in Atlanta hat ein weißer 21-Jähriger acht Menschen aus rassistischen und misogynen Gründen erschossen. Sechs der acht Opfer sind Frauen asiatischer Herkunft. Der Täter suchte nacheinander drei Massagestudios auf, wo er die insgesamt acht Menschen tötete. Kurze Zeit später wurde er festgenommen. Die Polizei sprach zunächst davon, der Täter habe „einen schlechten Tag“ gehabt. Später hieß es zudem, der Mann habe angegeben, unter „Sexsucht“ zu leiden. Klar, wenn weiße Incel-Terroristen Massenmorde begehen, sind sie entweder psychisch krank oder haben halt einen schlechten Tag. Kein Grund vom Einzelfall auf ein strukturelles Problem zu schließen. Dabei verbinden die Taten von Atlanta nahezu lehrbuchartig die Verschränkung von antiasiatischem Rassismus, der seit der Coronapandemie stark zugenommen hat, Misogynie und Hass auf Sexarbeiter*innen. Auf meinem Blog habe ich mich dem Fall etwas ausführlicher gewidmet und den Opfern gedacht.

Türkei wird immer autoritärer

Die Türkei ist am 20. März aus der Istanbul-Konvention ausgestiegen. Das Abkommen, das Präsident Recep Tayyip Erdoğan vor zehn Jahren selbst unterzeichnet hatte, verpflichtet teilnehmende Staaten zum Handeln gegen häusliche Gewalt. Mit der „Nacht-und-Nebel-Aktion“ (Tagesspiegel) will der türkische Präsident Punkte bei islamistischen und nationalistischen Wähler*innen sammeln, genauso wie mit dem angestrebten HDP-Verbot.

#PaulaHatZweiMamas zieht vors Bundesverfassungsgericht

Das Oberlandesgericht in Celle hat am 24. März den Fall der Familie Akkermann an das Bundesverfassungsgericht weitergeleitet und dabei klar festgestellt, dass es das geltende Abstammungsrecht für verfassungswidrig hält. Verena Akkermann und Gesa C. Teichert-Akkermann sind verheiratet und haben eine gemeinsame Tochter, Paula. Doch die gemeinsame Anerkennung als Eltern wird ihnen in Deutschland verwehrt. Deshalb hat das Ehepaar gemeinsam mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) Klage eingereicht.

Mit der Feststellung des Celler Gerichts wird der Fall der Akkermanns nun vor dem Bundesverfassungsgericht entschieden und könnte damit bald für mehr Gleichberechtigung von Regenbogen-Familien sorgen.

Trans Day of Visibility - Erinnerung an Marsha P. Johnson

Der 31. März ist Trans Day of Visibility, also der Internationaler Tag der Sichtbarkeit von trans Menschen. Ich habe diesen Tag zum Anlass genommen, an Marsha P. Johnson zu erinnern. Marsha P. Johnson war eine der wichtigsten Figuren der LGBTQI*-Bewegung in den USA. 1969 war sie an den Stonewall-Unruhen beteiligt, dem Befreiungskampf queerer Menschen gegen Repression und Polizeigewalt. 1970 gründete Marsha P. Johnson zusammen mit Sylvia Rivera (Foto, r.) die Aktivist*innengruppe "Street Transvestite Action Revolutionaries" (STAR), um (obdachlose) trans Personen und Street Queens zu helfen. STAR war eine der bahnbrechenden Organisationen der queeren Befreiungsbewegung. Nicht nur gegenüber der Mehrheits-gesellschaft musste Marsha P. Johnson ihr Leben lang um Aner-kennung kämpfen, auch innerhalb der Pride-Bewegung wurde sie als trans Frau häufig ausgegrenzt. Am 6. Juli 1992 wurde die Leiche von Marsha P. Johnson im New Yorker Hudson River gefunden. Ihr Tod ist bis heute ungeklärt. Die Netflix-Doku "The Death and Life of Marsha P. Johnson" widmet sich dem Wirken dieser außergewöhnlichen Frau und ist neben den Dokus "Paris is Burning", "Disclosure" und der Serie "POSE" eine absolute Empfehlung für alle, denen queere Themen am Herzen liegen und die bislang noch wenig über die Geschichte der (Schwarzen) trans Community wissen.

Marsha P. Johnson (1945 - 1992)

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