Einstürzende Altbauten

Schwarzgrüner Stillstand/Sorgen um Montaignes Jugendhaus/Warum die Union gewinnen könnte

Symbolbild Salzbachtalbrücke

Der Roman "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann spielt Ende des 19.Jahrhunderts an Rhein und Main. Der Protagonist nimmt die Eisenbahn von Wiesbaden nach Frankfurt und braucht dafür eine halbe Stunde. Heute wäre an solch ein Höllentempo nicht zu denken: Derzeit braucht man weit über eine Stunde, um diese Strecke mit Bus und Bahn zu bewältigen. Mit dem Wagen ist es allerdings ebenfalls unmöglich, denn die Autobahn ist noch auf Monate hin gesperrt.

Der Grund ist eine dieser Betonbrücken, die in der Bundesrepublik zu den Kulissen des Alltags zählen, in großer Höhe ein Tal überbrücken. Ich kenne sie seit der Kindheit, was ich aber noch nie gesehen habe, ist, dass so ein Ding einmal neu gebaut oder renoviert wird. Unsere Brücke wurde 1963 gebaut und sollte 20.000 KFZ pro Tag empfangen, heute sind es aber weit über 80 000, die Tag für Tag die Brücke nutzten. . Seit 2009 schon ist bekannt, dass diese Brücke einer restaurierung bedarf, passiert ist nichts. Nun bröckelt der Beton auf die Schienen darunter, es ist die einzige Zufahrt zum Hauptbahnhof Wiesbaden. Den fahren ohnehin wenige Züge an, nun wird er völlig im Dornröschenschlaf versinken.Eine Reparatur der Brücke ist nicht mehr möglich, man wird sie sprengen müssen. 

Es läuft also wie mit unserem Kühlschrank. Hessen wird bekanntlich von einer CDU-Grünen Koalition regiert und mit ihr ist es wie mit der Politik in meiner Kindheit, als die CDU im Saarland unangefochten herrschte: Es geschah eigentlich nichts. Die Sache mit der Brücke wird das Leben von sehr vielen Menschen sehr viel komplizierter machen – ein klassischer Fall von Politikversagen. Aber wo sind die Alternativen?

Manchmal erlebt man in einem öffentlichen Schock noch einen Privatschock. Vergangene Woche las ich die Nachricht vom Zusammensturz zweier Wohnhäuser in der Altstadt von Bordeaux. Eines davon stand leer, in dem anderen hielten sich drei Personen auf. Ich kenne in dieser Ecke der Stadt niemanden, war aber dennoch alarmiert, als ich die Adresse hörte: 19 und 21, rue de la rousselle.

Ich bin dort seit meinen Studententagen zig mal vorbei gegangen, um zur Nummer 23 zu pilgern. Dort steht das Wohnhaus der Familie Eyquem, aus dem heraus der tüchtige, zähe Pierre das Vermögen durch Handel mit Pastellfarben und Fischen so weit mehrte, dass man sich einen Landsitz mit Titel leisten konnte. Sein ältester Sohn Michel, von ihm noch im Testament nur Micheau genannt, wird nur noch mit diesem ländlichen Schloss in Verbindung gebracht, als Michel de Montaigne schrieb er Geistesgeschichte – und ein wichtiges bisschen machte er auch Politik.

Obwohl Michel seine gesamte Kindheit und Jugend über, auch nach seiner Hochzeit bis zum Tod des Vaters im Haus in Bordeaux lebte, später auch wieder während seiner beiden Amtszeiten als Bürgermeister dieser Stadt, kennt die Welt ihn nur so, wie er sich selbst geschrieben hat, als Philosoph in der Bibliothek im dritten Stock des einstigen Wachturms, noch heute zu besichtigen.  Das mindestens ebenso wichtige Haus in der Altstadt von Bordeaux ist heute nur noch teilweise erhalten, immer wieder haben Brände die Altstadt transformiert. Aber man erkennt, wenn man das Gebäude betritt, noch den großen Lagerraum und die Umrisse eines gewaltigen Kamins. Man kann sich dort gemütlich umsehen, das ganze Haus scheint keinen Menschen zu kümmern.

Von hier aus brach Micheau zur Schule auf, zu seinen Abenteuern, hier erlebte er all den Stoff, über den er dann in seinem Turm zu schreiben hatte. Ich habe nie verstanden, warum die Stadt Bordeaux das Haus nicht kauft – allerdings war das Verhältnis zwischen Montaigne und seiner Heimatstadt auch nie besonders spannungsfrei. Und er selbst hat die Spuren dorthin kunstvoll verwischt: kein französisches Medium berichtete über die prominente Nachbarschaft.

Die Anwohner wurden unterdessen in eine Sporthalle evakuiert, die Verletzten sind außer Lebensgefahr. Nun beginnt das Rätselraten: Wie können an einem Sonntagabend im Frühsommer zwei Häuser einstürzen? Montaigne schrieb zwar, die Welt sei eine ewige Schaukel, une branloire pérenne, aber so hatte er das wohl nicht gemeint.

Man hatte lange darauf warten müssen, nun ist auch das Wahlprogramm der CDU veröffentlicht worden. Zwar sind diese Texte nicht so wichtig wie der Koalitionsvertrag, der nach der Wahl geschlossen wird, aber sie geben doch einen guten Eindruck davon wieder, in welchem personellen, konzeptionellen und nicht zuletzt intellektuellen Zustand sich eine Partei befindet. Wer wissen möchte, wie eine Partei die kommenden vier Jahre durchstehen wird, hat mit dem Studium der Programme schon eine sehr gute Quelle.

Ich musste bei der Lektüre lachen. Gleich zu Anfang ist von der neuen Systemrivalität die Rede, mit der Russland und China Europa herausfordern. Etwas weiter ist wieder, ein Klassiker, der Marshallplan für Afrika erwähnt – dann geht es geostrategisch und politikwissenschaftlich korrekt weiter. Punkt sechs des ersten Teils ist schon die “neue Aufmerksamkeit für den asiatisch-pazifischen Raum“.

Von der real existierenden CDU mit ihren Landesfürsten, ihren realpolitischen Koalitionen mit Branchen der Wirtschaft und dem diskreten christdemokratischen Charme des management by muddling-through ist in diesem Programm nichts zu spüren. Es liest sich, als hätte jemand auf den Tisch gehauen, erklärt, dass man sich programmatisch nicht blamieren dürfe und einige akademisch versierte Menschen zu verschärfter Gruppenarbeit verdonnert. Hier sollte einfach jedes Risiko ausgeschlossen werden: Um sich nicht zu blamieren, nicht angreifbar zu werden und später, an der Regierung, nicht durch irgendwelche Versprechen gebunden zu sein. Kaum anzunehmen, dass die Unionsbasis in einem offenen, kommunikativen Graswurzelprozess diese Themen und diese Gliederung nach Berlin durchgegeben hat. So fern vom Politikalltag sich das auch liest – es ist immerhin ein Dokument politischen Willens. Wer seinen Leuten so etwas vorsetzt, möchte gewinnen. Wird sich auch professionelle Berater, teure Agenturen und gute Werbespotmacher leisten. Die Mitbewerber sind einfach zu spät dran und zu schlecht ausgestattet, um den ersten Platz zu ergattern. Möglich, dass Armin Laschet allein deshalb Kanzler wird, weil die anderen zu schlecht vorbereitet waren, zu spät damit begonnen haben.  Machtwechsel sind dramatische Projekte und auch wenn Wählerinnen und Wähler dazu bereit sind, so brauchen sie doch lange, um sich das vorstellen zu können. In Deutschland beschließt man nicht mal eben so flott während der Sommerferien, die CDU in die Opposition zu schicken.

Zu Guter Letzt kam dann am Donnerstag ein neuer Kühlschrank von einer besseren Firma. Die Lieferung ging flott, wurde gut kommuniziert. Es waren zwei Arbeiter von Hermes, die allerdings ihre liebe Not damit hatten, ihren Terminplan einzuhalten. Es regnete in Strömen, das Ding ging nicht in den Aufzug, ich lotste sie über unseren Hintereingang, wo es einigermaßen eben anzufahren ist. Für Abbau des alten Dings, Auspacken und den Wechsel des Türanschlags hatten sie nur minimale Zeit, nicht mal ein Kaffee war drin. Ich war erleichtert: Zivilisation ist  ein Kühlschrank, der wirklich kühlt. Aber ich dachte auch an die beiden Männer, als das Urteil über den Mindestlohn bei Pflegepersonal fiel. Warum spart dieses so reiche Land dermaßen bei den elementaren Tätigkeiten, bei Pflege und Kurierdiensten und generell allen Arbeiten, die von Migrantinnen und Migranten angeboten werden?

Es würde niemanden ruinieren, sie fair zu bezahlen und wenigstens angemessen auszustatten, mit Pausen. Andere Möbeltransporteure erzählten einmal von dem Boom für Klaviere in der Corona Zeit. Sie hatten den Auftrag, ein Instrument für 40.000 Euro in ein Kinderzimmer zu transportieren. Man muss nicht Thomas Piketty heißen, um zu erkennen, dass die finanzielle Ungleichheit zu einer Gefahr für den Westen wird. Oder, genauer gesagt, der Geiz der Reichen. Bisschen fragt man sich, warum? Man nimmt nichts mit ins Leben nach dem Tod.

Kopf hoch

ihr

Nils Minkmar

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