Der Frühlingswind über dem Meer

Spürst Du eine Wechselstimmung?/Yolo-Economy/Wie klang die Stimme von Proust?

Seit die wichtigen Parteien ihre Kandidatin und die Kandidaten nominiert haben, liegt der Abschied der Ära Merkel unverkennbar in der Luft. Als sie zum ersten Mal Kanzlerin wurde, spielte ich mit unserer damals noch kleinen, heute schon studierenden Tochter im Garten und Frank Schirrmacher gab mir schon am Nachmittag die erstaunlich präzisen letzten Umfragen durch. Dabei aß er, um seine Gelassenheit zu beweisen, ein Brötchen. Die Zahlen waren nicht gut für sie und was eine Ära werden sollte begann beinahe als Fehlstart. Erst der legendäre Auftritt von Gerhard Schröder am selben Abend zwang das schwarzgelbe Lager hinter Angela Merkel und von da an regierte sie dieses Land.

Dass es nun schon bald anders wird, erkennt man nicht nur an der Besetzung der Talkshows, sondern an einem ganz anderen Indikator: den Büchern des Frühjahrs. Ob Carolin Emckes „Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie“, Sophie Passmanns „Komplett Gänsehaut“, Christian Krachts Heimsuchung „Eurotrash“ oder Alexander Gorkows „Die Kinder hören Pink Floyd“ (full disclosure: Wird bald mein Chef, macht aber nix, dennoch gutes Buch) und noch viele mehr – Ich weiß gar nicht, wann ich zuletzt so viele frische, deutsche Bücher gelesen habe und mit wachsender Begeisterung. Eben flatterte noch ein dicker Band ins Haus: „Der Rhein, die Biografie eines Flusses“ von Hans Jürgen Balmes sowie „Hotel Provençal“ von Lutz Hachmeister, beides hybride Sachbücher, die gleichermaßen erzählen, informieren und unterhaltend inspirieren. Leider erst im Sommer, aber hier schon mit Vorfreude erwartet (full disclosure: Ex-Kollegin, Freundin, zukünftige Kollegin) Johanna Adorjàns Roman „Ciao“ …

Vielleicht sind diese interessanten Titel Vorboten. Bei all den immensen Qualitäten der Kanzlerin – sie ist nicht korrupt, nicht eitel und erzählt keinen Bullshit – hatte ihre Amtszeit auf die deutsche Literatur, den Film, die Künste eine nachhaltig sedierende Wirkung. Warum es so gekommen ist, wird die Geschichtswissenschaft ergründen, aber heute kann man neugierig beobachten, wie sich neue Texte und Ideen auf die Suche nach ihrem Publikum machen. Daraus mag wieder etwas Neues entstehen: Wechselstimmung nämlich. Ein Ende der ewigen Regierungszeit der CDU im Kanzleramt. Wär’ was.

Die Pandemie ist eine Lehrerin. Was bisher für begründet und alternativlos gehalten wurde, schwebt erstaunlich in der Luft wie der Whisky des Kapitän Haddock an Bord der Mondrakete im Tim und Struppi Klassiker „Die Reise zum Mond“: In der Schwerelosigkeit ist der Schnaps nur ein bernsteinfarbener Ball.

Alle Bereiche sind betroffen, auch die immer als so rational und solide geltende Wirtschaft. Fachkräfte reflektieren das vergangene Jahr, sehen, was möglich war, fragen, was wohl noch möglich wäre und ändern ihre berufliche Orientierung: Mir ging es übrigens auch so. Nun hat das ganze Phänomen sogar einen Namen: Yolo-Economy. Das ist übrigens die Abkürzung für You only live once. Unternehmen, die hier mithalten möchten, werden ganz schön umbauen müssen, um gute Leute zu gewinnen. Ist die Epoche der Präsenz, der simulierten Büroarbeit, ja der Chefinnen und Chefs bald vorbei?

Auch dieses Jahr ist ein Gedenkjahr. Jedes Jahr ist ein Gedenkjahr, ich warte auf das Jahr, das ganz den Gedenkjahren gewidmet ist. Irgendwie ist das eine rührende Zahlenmystik: Warum sollte der 175te Todestag einer Person, das 25te Erscheinungsjubiläum eines Buches eine besondere Bedeutung haben? Aber es ist immer eine gute Gelegenheit, um neugierig das Archiv der Kultur zu besuchen und etwas zu lernen. In diesem Jahr ist Proust-Jahr: Vor 150 Jahren wurde Marcel Proust geboren, am 10 Juli 1871. In diesem Kontext gibt es allerlei neue Veröffentlichungen. Eine ist besonders amüsant. Sein Freund Jean Cocteau macht in diesem bei France Culture wieder eingestellten  Interview einmal die Stimme von Proust nach, von der keine Aufnahme erhalten ist: Ab Minute 3.40. 

In der von Cocteau imitierten Szene schildert Proust seinem Freund wie er auf dem Théatrophon, einem frühen Radio, die Oper „Pélléas et Mélisande“ hörte: „Ich hatte eine große Krise als ich mir vorgestellt habe, wie der Frühlingswind über das Meer weht.“ Aber der ganze Clip lohnt sich: Wie Proust auf dem Bett liegend Besuch empfängt, welches dramatische Protokoll seinen Alltag regierte und dass er immer Glasflaschen mit Vichy-Mineralwasser in seinen Taschen hatte.

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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