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Denk nicht an Winter

Wie wär's mit Leadership?/Philip Short:"Putin"/Mehr Melone wagen

Die Bundesrepublik steckt in einer dummen Lage, nun werden Verantwortliche oder sogar Schuldige gesucht. Die Abhängigkeit von russischem Gas, das doch nur als "Brücke" fungieren sollte, bis die Erneuerbaren so weit sind, schränkt die politische Handlungsfähigkeit ein, kompromittiert die Werte des Grundgesetzes und droht Wirtschaft und Gesellschaft schwer zu schaden. Angst und Verzagtheit machen sich breit, schon fordern Stimmen aus der CSU, die Sanktionen gegen Russland zu überdenken, schließlich könnten die bald Geld kosten. Wie konnte die Bundesrepublik nur in die Situation geraten, sich zwischen Werten und Wohlstand entscheiden zu müssen?

Es ist die Frage, die Michel Houellebecq in seinem Roman "Unterwerfung" behandelt: Was ist die stressige Freiheit wert, wenn es sich in einer Despotie, die erst mal nur andere umbringt, sehr gut leben lässt? Er beschrieb damals eine islamische Herrschaft, aber mit dem rechten Regime Putins passt das Gedankenspiel auch.    Nun ist es, als seien schlagartig alle aus einem bösen Traum erwacht. Der Unmut gegen die beiden letzten Regierenden, Gerhard Schröder und Angela Merkel, gegen die große Koalition, ist groß. 

Und es stehen ja auch unangenehme Fragen im Raum: Seit den Bestsellern von Hoimar von Ditfurth und Franz Alt in den siebziger und achtziger Jahren wissen hier alle, dass es mit einem auf fossilen Energien basierenden Wachstumsmodell nicht weitergeht. Deutschland ist ein Land der Erfinder, Bastler und Tüftler, es ist schon bizarr, ja verdächtig, dass Verfahren und Technologien, die erneuerbare Energie nutzen, sich hier nicht längst durchgesetzt haben. Warum gibt es keinen deutschen Tesla, warum steht nicht auf jedem Dach eine Fotovoltaik-Anlage aus europäischer Produktion?

Auch die großen Konzerne setzten auf weiter so, ökologische Innovation und technologische Kreativität wurden ausgebremst, Risiken wurden gescheut. Es ist nicht allein die Schuld früherer Bundesregierungen, so wollte des die Mehrheit der wählenden Bevölkerung, so wollte es die deutsche Wirtschaft und die Boulevardpresse. Es waren die "Geiz ist geil"-Jahre, die netten Jahre, in denen Deutschland allen anderen Ländern gern gute Ratschläge spendierte. Der "ökologische Umbau der Industriegesellschaft", den Oskar Lafontaine im Wahlkampf 1990 anmahnte – all so was war zu aufwendig, zu stressig, zu teuer. Man muss differenzieren: Es gab die Grünen und viele andere Gruppen, die gewarnt und im kleinen Rahmen einen Umbau vorgenommen haben. Aber die Mehrheit der Leute wollte ihre Ruhe, die Reichen wollten reicher werden und die Regierenden haben serviert, was bestellt wurde.

Wie weiter? Eine Zeitenwende ist keine private Angelegenheit, über Duschpraxis und Nebenkostenabrechnung allein kann der Umbau nicht geregelt werden. Bezahlen müssen ihn jene, die in den vielen guten Jahren der billigen Energie so immens reich geworden sind. Wir brauchen, wie nach dem Krieg, ein Lastenausgleichsgesetz.  

Es ist die Stunde der Exekutive und nicht des permanenten Dialogs, sondern der Entscheidungen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal schreibe, aber diese Republik braucht Leadership. 

Die Bücher von Philip Short über Mao, Pol Pot und François Mitterrand gehören zu den besten politischen Biografien überhaupt. Als ich nun sein neues Werk über den russischen Präsidenten im Buchhandel sah, kaufte ich es mir und las sofort los. Short legt großen Wert auf eine faire Betrachtung seiner Sujets und kommt so zu nachvollziehbaren, überzeugenden Urteilen. Putins Leben liest sich wie ein russischer Gesellschaftsroman, dessen Protagonist ein aufstiegswilliger Durchschnittstyp ist, einer, dem mehr mis- als gelingt, dessen Aufstieg ganz und gar zufällig verläuft. Zwar fällt dem Biografen  immer wieder Putins Hang zur brutalen Rache an Gegnern auf, aber die Entwicklung zum Killer und Despoten verläuft allmählich. Short – ich bin nun bei Putins Wechsel aus Petersburg nach Moskau – schrumpft die Legende: Putin folgte keinem Masterplan, war kein Meisterspion, sondern ein radikaler Spießer, dessen hervorstechende Eigenschaft seine Unauffälligkeit ist. Er orientiert sich  an den Mächtigen, zu denen er sehr nett ist, während er Schwächere gern drangsaliert. Donald Duck im Kreml.  Zwei Mittel nutzt er, um seine Macht zu festigen: Lügen und Gewalt. Und damit geht er dann auch unter.

Dem Werk ist schleunigst eine deutsche Ausgabe zu wünschen. 

Sommer ist Melonensaison und man sollte das ernst nehmen. In meiner Kindheit begann jede ordentliche Sommermahlzeit mit dem Melonentest, denn es gab sie als Vorspeise: Dann folgte der Vergleich mit den mythischen Melonen aus dem Garten des Urgroßvaters in Auch im Gers. Wenn es eine sehr gute Melone gab, wurde befunden, die sei fast so gut wie die aus alten Zeiten. Manchmal ging es so weit, dass auch gute Melonen durchfielen: Das sei zwar eine okaye Melone, wurde befunden, aber im Garten des Urgroßvaters hätte es noch viel bessere gegeben, da hätten die Vorfahren diese gute Melone im hohen Bogen zum Viehfutter gekickt. 

Schon Montaigne schreibt einiges über Melonen, auch in meinem Roman "Montaignes Katze" (7. September bei S. Fischer) spielt die Melone eine wichtige politische Rolle. 

Hier geht es um Melonen und Huhn, daher heute mit Freude der Verweis auf Nigel Slater:

https://www.theguardian.com/food/2022/jul/10/nigel-slaters-recipes-for-chicken-couscous-salad-and-for-watermelon-with-peach-and-feta (Öffnet in neuem Fenster)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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