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Elektrische Ostern

Ein Triduum mit Vocoder auf der Zollernalb

Die katholische Kirche St. Silvester steht etwas erhöht in dem 1500-Seelen-Ort Jungingen bei Hechingen. Es ist Gründonnerstag 2022 und ich fahre mit meinem Equipment vor das Seitenportal der Wallfahrtskirche. Links davon thront eine Heiligenfigur und wartet vermutlich schon lange vergeblich auf Pilger*innen. Die Häuser rundherum haben dunkle Fenster, kein Mensch ist zu sehen. Hier soll sich über das Ostertriduum (Gründonnerstag - Karfreitag - Osternacht) zeigen, ob meine Form des Psalmsingens mit Vocoder gemeindetauglich ist. Ich bin gespannt...

Gründonnerstag

Die Gründonnerstagsliturgie ist musikalisch geprägt von einer Dynamik, die zunehmend in die Reduktion geht. Früher hieß es: "Nach dem Gloria schweigt die Orgel." Pfarrer Michael Knaus und ich haben in der Konzeption eher eine graduelle Entwicklung vorgesehen. Organist Markus Bogenschütz greift zu Beginn kräftig in die Tasten, ich kontrastiere mit Vocoder-Versen (hier zu sehen und zu hören auf seinem YouTube Kanal). In gleicher Machart, etwas verhaltener schon, ist der Ruf vor dem Evangelium. Hier mein vertonter Vers als Hörbeispiel:

Am Ende des Gottesdienstes singt die Gemeinde als eucharistische Meditation sieben Strophen des Liedes "Gottheit tief verborgen" über einen gesummten Loop. Ich verlasse die Kirche tiefenentspannt. 

Karfreitag

Die Karfreitagsliturgie kenne ich als karg und etwas schroff. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, es gehört eben irgendwie zur Dynamik des Triduums.

Zwischen den Lesungen singe ich meine Vertonung des Psalm 22, mir stehen dabei die Nackenhaare zu Berge, so schaurig ist die Stimmung. Hier ein Ausschnitt:

Nach dem Gottesdienst warten zwei Frauen vor dem Seitenportal, die sich relativ begeistert für die musikalische Gestaltung bedanken. Das sei ein ganz besonderer Karfreitag gewesen und sie werden auf alle Fälle morgen wiederkommen. Diese Rückmeldung macht mich regelrecht euphorisch, da die Beiden mit Sicherheit noch nie eine Berührung mit dieser Art der Kirchenmusik hatten und es ja auch keinerlei Erklärung dazu gab. Die Musik hat in Verbindung mit der Liturgie einfach überzeugt - und genau das wäre das Ziel.

Osternacht

Die Osternacht ist die längste Liturgie des Kirchenjahres. Ich habe unzählige Kindheitserinnerungen daran: Das Feuer, ein Kerzenmeer in der dunklen Kirche, das grelle Licht und Glockengebimmel während des Gloria und dass danach dann irgendwie Ostern ist. Innerhalb dieser längsten Liturgie für sich genommen das längste Element war das Exsultet (Osterlob). Dieser klassischerweise unbegleitete Sologesang des Kantors am Ende der Lichtfeier war für mich zeitweise als Kind sogar der Inbegriff für Langwierigkeit an sich. Umso versöhnlicher ist es, dass ich diesen Lobgesang nun selbst singen werde. Und er hat ein deutliches Update erhalten, da ich den Text paraphrasiert habe und eine Vocoder-Vertonung komponiert habe. So bleibt inhaltlich der Sinn und musikalisch das vokale Charakteristikum erhalten, schließlich hört man zwar Mehrstimmigkeit, diese ensteht aber allein durch meine Stimme im Moment des Singens. Hier ein Ausschnitt:

In meiner Jugendzeit habe ich viel Musik in Gottesdiensten meiner Heimatgemeinde St. Jakobus in Eschbach gemacht, und die Osternacht war durch die vielen Lieder und Gesänge da ein ganz besonders aufregender "Auftritt". Musikalisch geleitet hat das ganze Spektakel Dr. Meinrad Walter (heute Referent im Amt für Kirchenmusik in Freiburg). Im Gedächtnis geblieben sind mir zum Einen der Beginn am Osterfeuer mit dem Taizé-Gesang "Laudate Omnes Gentes" den wir immer mit vierstimmigen Solostrophen unterbrachen. Diese gehen ursprünglich auf ein Gebet von Kurt Rose zurück, das Meinrad einfach auf die Melodie des Taizé-Rufs gelegt hat:

Zwischen Kreuz und Auferstehung, zwischen Finsternis und Nacht, zwischen Angst und heller Freiheit leben wir in dieser Nacht.

Zwischen sinnlos Leid und Freude, zwischen Schmerz und warmem Trost, zwischen Flut und Regenbogen leben wir in dieser Nacht.

Zwischen Trostlosnacht und Hoffnung, zwischen Widersinn und Sinn, zwischen Kreuz und Auferstehung leben wir in dieser Nacht.

Zum Anderen wurde ein spezielles Osterhalleluja angestimmt, bei dem eine gregorianische Melodie durch Soloverse (Wilm Geismann) vier Mal je einen Ton höher gesungen wird. Ein einfacher musikalischer Effekt sehr elegant umgesetzt, es macht sich sofort eine Festlichkeit breit. Heute werde ich diese Solostrophen dann mit dem Vocoder singen und an die hell erleuchtete Kirche meiner Kindheit zurückdenken. Auch das Abschlusslied "Und ein neuer Morgen" macht mich nostalgisch, allerdings aus anderen Gründen...

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