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„Stoppt den Krieg!“ Anti-Kriegs-Protest im russischen Staats-TV!

TV-Protest der Marina Ovsiannokova löst weltweite Anerkennung aus

Gestern Abend trauten die russischen Fernsehzuschauer ihren Augen nicht. Hinter der Sprecherin der abendlichen Hauptnachrichten es Staatssenders PERWY KANAL sprang eine Frau mit einem Protestplakat gegen den russischen Angriff auf die Ukraine ins Bild. Nach wenigen Sekunden schaltete die Regie auf ein anderes Bild um, doch diese wenigen Sekunden haben Marina Ovsiannokova weltweite Aufmerksamkeit, Anerkennung und schlimmstenfalls einige Jahre im russischen Strafvollzug beschert. 10 Stunden nach dieser Aktion war die Frau noch immer nicht auffindbar (HIER).

Protest in der Hauptnachrichtensendung

Während der Live-Übertragung der Nachrichtesendung Wremja des Staatssenders PERWY KANAL um 21 Uhr Moskauer Zeit (19 Uhr MEZ) erschien sprang plötzlich eine Frau aus den Kulissen hinter die Nachrichtensprecherin Jekaterina Andrejewna ins Bild und hielt ein großes handgeschriebenes Plakat in die Höhe. Die teils russische, teils englische Aufschrift lautete: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Sie lügen euch an“. Dazu rief sie mehrfach „Nein zum Krieg.“ Die Frau stand zunächst hinter der Nachrichtensprecherin, so dass das Schild nicht zu sehen war, positionierte sich dann aber rechts hinter ihr so, dass das Plakat in voller Größe mehrere Sekunden sehr gut zu lesen war, bevor die Regie die Live-Übertragung unterbrach und auf eine Szene mit einem Krankenhausflur umschaltete. Die Szene dauerte gerade sechs Sekunden, doch das reichte einigen Zuschauern, Screenshots zu machen und diese via sozialer Netzwerke zu verbreiten. In sehr kurzer Zeit erreichte diese Nachricht die Welt und wurde DIE Nachricht des gestrigen Abends. Selbst ein Wikipedia-Artikel wurde noch am gleichen Abend erstellt (HIER).

Screenshot: Twitter

Protest im Herz der Propaganda

PERWY KANAL ist einer der wichtigsten Sender des Landes und hat regelmäßig 250 Millionen Zuschauer. Das Programm wird weltweit übertragen und wird auch im deutschsprachigen Raum von Teilen der russischen Community per Satellit empfangen.

Der Vergleich mit der öffentlich-rechtlichen Tagesschauder ARD ist in Bezug auf ihre Relevanz bis hierhin durchaus angemessen. Dann aber kommt der große Unterschied. Während die Tagesschau unabhängig arbeitet und ihre Inhalte nach journalistischen Kriterien selbst bestimmt, ist Wremja unmittelbares Sprachrohr der russischen Regierung und wird aktiv genutzt, um die Botschaften zu verbreiten, die der Kreml senden möchte. Gerade in der aktuellen Situation des selbst initiierten Krieges mit der Ukraine ist Wremja einer der Hauptkanäle für russische Propaganda. Hier mit einer solchen Aktion gegen den Ukraine- Krieg zu protestieren, der offiziell in Russland gar nicht so genannt werden darf, trifft die russische Propaganda ins Herz

Videobotschaft aufgetaucht

Vor ihrer Aktion im russischen Fernsehen nahm Marina Ovsiannokova ein Video auf. Vermutlich in dem Wissen, dass sie später keine Gelegenheit mehr dazu haben würde, sich näher zu erklären. Auch dieses Video verteilte sich in den sozialen Netzwerken wie ein Lauffeuer.

https://twitter.com/OvdInfo/status/1503470185696669701

Ihre Videobotschaft wurde später von russischsprachigen Journalisten mit englischen Untertiteln versehen und so weltweit zugänglich gemacht.

https://twitter.com/expatua/status/1503477321642217483

In dem Video erklärt Marina Ovsiannokova ihre Beweggründe für ihre aufsehenerregende Aktion. Ihr Vater sei Ukrainer, ihre Mutter Russin, und der Krieg gegen das Nachbarland sei ein "Verbrechen", für das allein Putin verantwortlich sei. "Leider habe ich mehrere Jahre beim Ersten Kanal gearbeitet und die Propaganda des Kreml verbreitet. Dafür schäme ich mich", sagt Ovsiannokova in dem Video. Proteste hat es vom ersten Tag der Invasion an in vielen russischen Städten gegeben. Der Menschenrechtsorganisation OWD-Info zufolge sind seit dem 24. Februar mehr als 14 000 Demonstrierende von der Polizei festgenommen worden (HIER). Durch ein neues Mediengesetz wurde unter anderem bei hoher Strafandrohung verboten, den Krieg gegen die Ukraine als solchen zu bezeichnen. Offiziell ist von einer militärischen Spezialoperation die Rede (HIER).

ZITAT englische Untertitel 

„What currently happening in the Ukraine is a crime. Russia is a country-aggressor. All the responsibility for this aggression lies on the conscience of one person: Vladimir Putin. My father is Ukrainian, my mother is Russian. They were never enemies. The necklace around my neck signifies that Russia should immediately stop this fratricidal war and our brotherly nations can make peace with each other. Unfortunately, for the last several years I worked at Channel One, promoting Kremlins propaganda and for that I am very ashamed right now. I a ashamed that I allowed lies to be told from TV screens, that I allowed Russian people to be zombified. We stayed quiet when all of this was just getting started in 2014. We didn`t come out to protest when the Kremlin poisoned Navalny. We continued to quietly watch this inhumane regime. Now the whole world has turned away from us. Teen generation of our descendants won’t be able to wash away the shame of this fratricidal war.”

ZITAT Übersetzung „Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist ein Verbrechen. Russland ist ein Land, das Aggressionen ausübt. Die ganze Verantwortung für diese Aggression liegt auf dem Gewissen einer Person: Wladimir Putin. Mein Vater ist Ukrainer, meine Mutter ist Russin. Sie waren nie Feinde. Die Kette, die ich um den Hals trage, bedeutet, dass Russland diesen Bruderkrieg sofort beenden sollte und dass unsere brüderlichen Nationen miteinander Frieden schließen können. Leider habe ich in den letzten Jahren bei Channel One gearbeitet und die Propaganda des Kremls verbreitet, wofür ich mich jetzt sehr schäme. Ich schäme mich dafür, dass ich zugelassen habe, dass von den Fernsehbildschirmen aus Lügen erzählt werden, dass ich zugelassen habe, dass das russische Volk zombifiziert wird. Wir haben geschwiegen, als das alles 2014 anfing. Wir sind nicht aufgestanden, um zu protestieren, als der Kreml Nawalny vergiftete. Wir haben diesem unmenschlichen Regime weiterhin stillschweigend zugesehen. Jetzt hat sich die ganze Welt von uns abgewandt. Die junge Generation unserer Nachkommen wird die Schande dieses Bruderkriegs nicht wegwaschen können.“ (Online-Übersetzer Deepl)

Die Untertitel scheinen nicht vollständig zu sein. Es gibt verschieden Meldungen, dass der letzte Satz der Marina Ovsanniakove in ihrem Video auf Englisch lautet:

Zitat:  „They cant put us all in prison.“ Zu deutsch: „Sie können nicht uns alle ins Gefängnis stecken.“ Daraus lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen. Marina Ovsiannokova war völlig bewusst, dass die logische Konsequenz für ihren Protest das Gefängnis sein würde. Und sie fordert ihre Mitbürger auf, selbst die Initiative zu ergreifen und gegen das Regime zu protestieren.

https://twitter.com/KevinRothrock/status/1503454276206661632

Die russische Zeitung Nowaja Gaseta, Neue Zeitung, bebildert den Vorfall auf kreative Weise. Gezeigt wird die spektaktuläre Szene, allerdings sind die Inhalte des Plakates verpixelt. Und im Text wird klar adressiert, dass die Inhalte per Gesetz nicht gezeigt werden dürfe. Auch eine Art des stillen Protestes...

Ovsiannokova höchst wahrscheinlich in Haft

Es ist unklar, was mit der Frau geschehen ist. Bürgerrechtsorganisationen zufolge ist sie seit ihrer Aktion nicht mehr erreichbar. Die Nowaja Gaseta schreibt, sie sei in Haft. Die Tatsache, dass bereits Tausende von Russen, die sich öffentlich kritisch zur Krieg in der Ukraine geäußert haben, verhaftet wurden und die internationale Welle der Aufmerksamkeit, die Ovsiannikova geschlagen hat, lassen dies extrem wahrscheinlich erscheinen. Eine offizielle Bestätigung liegt bislang nicht vor.

Fazit

Die spektakuläre Protestaktion von Marina Ovsiannokova in den Hauptnachrichten des Staatsenders PERWY KANAL erregt weltweit enormes Aufsehen und Zustimmung. Ovsiannokova verurteilt den Krieg gegen die Ukraine, erklärt öffentlich, dass sie als Mitarbeiterin des Senders jahrelang aktiv und wissentlich an der Propaganda des Kremls und der Desinformation der Bevölkerung mitgewirkt habe. Sie ruft die Bevölkerung zu Protesten auf.  Ihre Beweggründe erklärte sie in einem Video. Ihr Verbleib ist unbekannt. Sie wurde höchstwahrscheinlich verhaftet. Eine Bestätigung von offizieller Seite liegt nicht vor.

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