Was Medien bei rechtsextremen Terroranschlägen falsch machen - und wie ihr zukünftige Fehler erkennt

Der Jahrestag von Hanau zeigte es Mal wieder: Viele Redaktionen haben die letzten 20 Jahre der Antirassismus-Diskurse verschlafen und haben keine Ahnung, was sie tun, wenn sie über solche Themen berichten. Manche Kolleg:innen haben ja beste Absichten, aber machen trotzdem Fehler. Und zwar die selben, die von BIPOC schon jahrelang kritisiert werden – vergeblich.

Nehmen wir als Beispiel den rechtsextremen Terrorangriff in Hanau. Schon am Tag als der Angriff passierte, habe ich in Tweets “vorausgesehen”, dass deutsche Redaktionen genau diese Fehler machen werden. Und jetzt weise ich wieder darauf hin, in der Hoffnung, dass nach jahrelangen Erklärungen endlich Einsicht kommt und die schmerzvollen Themen Rassismus und Hanau mit dem Respekt behandelt werden, den es verdient.

Nichma Neonazis hassen Ausländer

Oft wird der Terroranschlag in Hanau als “ausländerfeindlich” oder “fremdenfeindlich” beschrieben. Nicht mal Neonazis hassen Ausländer:innen: sie haben internationale Netzwerke, arbeiten zusammen, treffen sich, planen. Neonazis aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien verstehen sich blendend. Rassist:innen geht es also nicht darum, weiße Leute aus der Schweiz zu hassen, sonst wäre Weidel nicht da, wo sie jetzt ist. Es geht um Rassismus, und das muss auch so benannt werden.

Außerdem übernehmen diese Begriffe die Perspektive der Täter, welche die Menschen als Ausländer:innen oder Fremde sehen, obwohl sie es in vielen Fällen nicht sind. Und selbst wenn: auch Ausländer:innen, also Immigrant:innen, Flüchtlinge, Tourist:innen haben das Recht, nicht rassistisch angegriffen zu werden. Euphemismen wie “ausländerfeindlich” und “fremdenfeindlich” sind also nicht “nur” falsch, sondern mittlerweile respektlos, da Expert:innen und Betroffene seit Jahren darauf hinweisen, Rassismus klar zu benennen.

Eine weitere mehrschichtig falsche Formulierung ist: “Wegen ihrer Hautfarbe ermordet”.

Schauen wir uns erstmal ähnliche Beispiele an:

“Ermordet, weil sie ihn ablehnte”

“Beleidigt, weil sie ihre Frau umarmte”

“Angegriffen wegen Kopftuch”

Was hier benannt werden sollte, sind Femizid, Homofeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus. Doch das passiert meist nicht, und die meisten Menschen in Deutschland wissen nichtmal, was “Femizid” bedeutet – geschweige denn, wie weit verbreitet er ist. Solche Formulierungen machen die wahren Gewaltgründe unsichtbar, schützen die Täter, stärken diskriminierende Strukturen. Und es schwingt auch etwas Victim Blaming mit: wenn das Opfer das benannte nicht getan hätte, wäre das alles nie passiert.

Die Menschen in Hanau wurden also nicht wegen ihrer Hautfarben ermordet, sondern wegen Rassismus.

Und bei Rassismus geht es sowieso nicht ausschließlich um Hautfarben: haben diese Journalist:innen noch nie von anti-asiatischem Rassismus gehört? Nicht alle, aber viele asiatisch gelesene Menschen haben helle Haut und müssen trotzdem Gewalt, Angriffe und Diskriminierung aushalten. Eine Person aus der Türkei und eine aus Griechenland können vom Aussehen her gleich sein, werden aber von der Gesellschaft in verschiedene Schubladen gesteckt. Und: niemand behauptet, Jogi Löw würde Rassismus erfahren, obwohl er aussieht wie jedermanns Onkel Hasan. Blonde syrische Flüchtlinge und hellhäutige Bosniak:innen, die Konzentrationslager und Genozid überlebten, erleben aber definitiv Rassismus.

Hamza Kurtović war blond und blauäugig, wurde trotzdem vor seinem Tod mehrfach grundlos von der Polizei kontrolliert und nach dem Tod von der Polizei als “orientalisch” aussehend beschrieben. Rassismus formt Wahrnehmung, nicht umgekehrt.

Oft ist auch zu lesen: “Aus Hass ermordet”. Rassismus ist kein bloßer Hass, sondern ein historisch gewachsenes, systematisches Unterdrückungssystem, welches tief in allen Strukturen der Gesellschaft verankert ist. Auch Rechtsextremismus ist kein Hass, sondern eine Ideologie mit klaren, gewaltvollen und gefährlichen Zielen, deren Anhänger:innen nicht als grimmige Hater verharmlost werden dürfen.

Eine weitere Methode, um den rassistischen Brei herumzutanzen ist: “angegriffen, weil sie anders waren” Statt einfach Rassismus zu benennen, läuft hier vieles falsch:

  • Inwiefern waren sie “anders”?
  • Selbst wenn, anders als wer? Wessen Perspektive wird hier zentriert?
  • Wenn jemand wirklich anders ist – na und?
  • Das klingt nach Täter-Opfer-Umkehr: wären sie bloß nicht so “anders”, so “fremd” und eventuell sogar “unintegriert” – dann wäre all das nicht passiert.

Verharmlost nicht.

Am wichtigsten ist es natürlich, viel mehr, detaillierter und das ganze Jahr über Rassismus, den Terroranschlag und damit zusammenhängende Fehler der Behörden, welche die Familien der Opfer längst kritisieren. Wieso wird kaum darüber berichtet, dass der Täter schon Wochen vor dem Anschlag mehrere Schreiben an die Staatsanwaltschaft Hanau und den Generalbundesanwalt schickte, dass seine Mordaufrufe zwei Wochen lang online waren, sein Waffenschein verlängert wurde – und nun trotz all dem getan wird, als hätten die Behörden nichts wissen können?

Was in Hanau passierte, war ein rassistischer, rechtsextremer Terroranschlag und soll auch so benannt werden, und nicht verharmlosend als “Amoklauf”, “Attentat”, oder entpolitisiert als “Mord”, “Tragödie” beschrieben werden.

Den Namen des Terroristen soll man nicht nennen, das wäre Motivation für Nachahmer. Das gleiche gilt für Details über sein Leben und ihn als Person. Denn so wie wir vorm Schlafengehen davon träumen, im Lotto zu gewinnen oder dem Chef Mal richtig die Meinung zu sagen, so träumen viele potenzielle Terrorist:innen davon, nach einem Anschlag von ihren Gleichgesinnten als Held:innen gefeiert zu werden und in allen Medien im Mittelpunkt zu stehen. Auch der Ideologie solcher Täter darf keine Plattform gegeben werden, indem ihre genauen Beweggründe erwähnt werden, denn ihre Gleichgesinnten denken bei “wollte Islamisierung stoppen” nicht, dass “Islamisierung” nur die neueste Tarnung der antisemitischen Verschwörungstheorie vom “Großen Austausch” ist. Stattdessen denken sie: “Stimmt! Gut so!”

Es ist natürlich wichtig, die Motive des Täters zu verstehen, aber das kann auch anonymisiert getan werden, indem nur Dinge kommuniziert werden, in denen Muster zu erkennen sind und die somit generell für Terrorismus relevant sind.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen “Auch dieser rechtsextreme Terrorist ist einer von vielen, die sich online radikalisierten und vom serbischen Nationalismus und dem Genozid gegen Bosniaken inspiriert waren” und “Max Mustermann, ein 37-jähriger Bankkaufmann aus Bad Eckernwalde wollte Islamisierung stoppen und Ausländer ermorden, schrieb die Namen folgender serbischer Volkshelden auf seine Waffen … Hier ein Zitat aus seinem Manifest, zehn Fotos von ihm und ein Interview mit seiner Kindergärtnerin.”

Nennt die Namen der Opfer – richtig

Andererseits müssen die Namen der Opfer richtig genannt, gesprochen und geschrieben werden: Ja, auch ć, ă & ğ. Niemand erwartet perfekte Aussprache, aber wir Migras haben schon alle Ausreden gehört. Und die doppelten Standards beim falschen, nicht mal richtig versuchten Aussprechen unserer “schwierigen” Namen, während es bei französischen und amerikanischen fast nie ein Problem ist, haben wir längst bemerkt. Es ist für viele migrantrische Menschen ein wunder Fleck und dass dieses Mindestmaß an Respekt auch nach jahrelangen Erklärungen nichtmal in der Berichterstattung zu Hanau erkannt wird, ist ein Armutszeugnis für die deutsche Gesellschaft.

Lasst die Überlebenden und die Familien der Ermordeten in Ruhe, wenn ihr bereits beantwortete oder anders herauszufindende Fragen habt, oder nur ein kurzes Statement wollt. Zitiert lieber aus anderen Medien. Traumatische Wunden aufreißen, nur weil diesmal ihr fragt, ist mehr Ego als Journalismus. Und auch journalistisch bringt es niemandem was, wenn jemand die trauernden Familien fragt “Wie fühlte es sich an, als sie vom Terroranschlag erfuhren?” Na wie wohl? Durch solche Fragen lernt man eher etwas über die fragenden Journalisten – nämlich, dass sie keinen Respekt vor der Zeit und den Traumata der Hinterbliebenen und auch keine Kreativität haben. Respektiert den Schmerz der Überlebenden und der Hinterbliebenen.

Psychisch krank oder rechtsextrem?

Das eine schließt das andere nicht aus. Die große Mehrheit psychisch erkrankter Menschen sind nicht gewalttätig. Und selbst wenn jemand gewalttätig ist, muss Rassismus nicht automatisch dazukommen. Wer also Gewalt durch dieses falsche “entweder-oder” begründet, impliziert, dass Erkrankungen zu Gewalt führen. Gleichzeitig werden mit solch falschen Begründungen Erkrankungen als Ausreden missbraucht, um Rassismus und Rechtsextremismus zu verstecken und zu leugnen.

Ich könnte stundenlang weitermachen, denn die Fehler in der Berichterstattung sind gravierend, weit verbreitet und sehr viele. Aber es ist leichter und wichtiger, an den Kern des Problems zu gehen und Repräsentation von BIPOC in Redaktionen zu garantieren, sowie endlich Leuten Plattformen zu geben, denen man nicht jahrelang erklären muss, was genau Rassismus ist.

Kommentare sind nur für Mitglieder zugänglich. Nimm an der Diskussion teil …