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Auf der Suche nach Heimat – und Freiheit

Ihr habts ja bereits gehört: Wir ziehen weiter!

Diese Entscheidung hat nichts mit den Kanaren oder unserer aktuellen Wohninsel La Gomera zu tun. In unserer Gemeinschaft gab es keine schwerwiegenden Veränderungen. Es liegt nicht daran, dass wir uns nicht von der Stahlratte trennen können. 

„Na, was ist es denn dann…?“ könnte man jetzt fragen.

Auf der Suche nach Heimat - wir Spirebos hier noch in Bulgarien

Eine Entscheidung aus dem Inneren heraus. Von Anfang an hatten wir das Gefühl, nicht für immer auf dieser Insel zu bleiben. Es ist schön hier, keine Frage! Aber das Gefühl von Heimat stellte sich nicht ein. Da gab es keine Wärme und Ruhe im Herzen, ein ruhiges Bauchgfühl, dass einem die Sicherheit gibt zu wissen, man ist angekommen und kann sich einfach mal fallen lassen.

Die Freude noch mal Grünes zu sehen und festen Boden zu spüren, Erde unter den Füße zu haben war groß! Aber wenn das Herz keine Ruhe findet…

Vor 16 Jahren fällten einige von uns die Entscheidung, von nun an in einer Gemeinschaft zu leben, um unsere Kräfte und unser Wirken zu bündeln. Unterschiedliches zu vereinen, um stärker zu sein. Mit 14 Personen begannen wir. Alles Geld wurde in einen Topf geschmissen, in einer Küche wurden die Mahlzeiten für alle gekocht, gegessen wurde zusammen – und unter einem dach geschlafen. Mit der Zeit achtete man immer mehr auf den anderen.

Nicht jeder kann gleich behandelt werden, und dennoch wohnt das Gefühl in einem, darauf zu achten, dass jeder eine Pflaume oder einen Apfel abbekommen sollte, und niemand vergessen wird – um hier ein Beispiel zu bringen.

Schwarzwaldzeiten, Stundenlang im Wald verschollen, und das gerne!

Der Weg von der Eifel in den Schwarzwald war noch leicht zu tragen, und trotzdem eine Herausforderung, denn von uns wusste ja niemand, was da noch alles kommen würde!

Ich kann mich nicht erinnern viel über Togo gewusst zu haben, als wir damals aufgebrochen sind. Das war auch gut so…

Anfangs sahen alle gleich aus, nach ein paar Wochen schon konnte man jede Ethnie voneinander unterscheiden, verstand Wörter auf Ewe, Kotokoli, Moba und was es nicht noch alles für Sprachen dort gibt. Die ausgelassenen Trommelrhytmen sind beeindruckend, auch das Wissen über Kräuterkunde, das leider immer mehr in Vergessenheit gerät. Das Bild von Frauen, die wie selbstverständlich ihre wertvolle Zwiebel für die Soße mit der ca. 1 m langen Machete hauchfein schälen und auch schneiden.

Wer auf dem Land lebt kann hart arbeiten, und dieses Leben verdient Respekt, denn es ist nicht selbstverständlich gelebt.

Alleine schon das verschmutzte Wasser und die Tropenkrankheiten ohne nennenswerte Schäden zu überleben verdient wahrhaften Respekt.

Togozeiten

Und wieder folgten Entscheidungen. Wieder weiter ziehen.

Für uns ist das keine Leichtfertigkeit, die in einer Stunde getroffen ist. Die Entscheidung Togo zu verlassen reifte wochenlang in uns. Auf einmal war in vielen der Impuls da, nicht mehr am richtigen Ort zu sein. Aber man schwieg, denn schließlich hatten wir ein zu Hause aufgebaut – ein ganzes Dorf, dass unsere Heimat geworden war!

War es das wirklich?

Ich selbst habe besonders die nächtlichen Stunden auf unserem Bena Berg, die ich sitzend und in die Sterne schauend auf dem von uns angelegten Meditations-Weg verbracht habe seeehr genossen. Manchmal lernte ich sie dort kennen, die wahrhaft innere Ruhe, die auch in einem haften bleibt, und man sie ein Stück mitnehmen darf, ohne dass sie direkt wieder verblasst.

Ich liebte die morgige, neblig verhangene Savanne, wenn wir unsere Pferde zum grasen dorthin brachten. Aber genau dort überkam mich wieder ein altbekanntes Gefühl, sich einfach nicht zu Hause zu fühlen. Ich habe es versucht. Wochenlang. Monatelang. Die Savanne in Togo gab mir nicht das Gefühl, dass ich im Schwarzwald oder in der Eifel in den Wäldern erlebt hatte:

Ruhe. Heimat. Ja, Heimat!

Mich selbst beobachtend habe ich festgestellt, dass ich mich an ein und dem selben Ort total beschissen fühlen kann – oder auch zu Hause.

Also ist es nicht der Ort, der Heimat für mich ausmacht.

Mit der Familie Kartoffeln für den Winter ernten und sortieren, das ist ein Stück Heimat für mich

Ich finde, dass wenn man ein Haus betritt, in dem Liebe gelebt wird, diese Liebe auch irgendwie spüren kann. Die Wärme und der gelebte Respekt der Bewohner breiten sich wie eine Decke in diesem zu Hause aus, und man fühlt sich selbst ein Stück zu Hause.

Entscheidung heißt eine Wahl zu treffen

Nach wochenlangem Reifen in uns fiel das Wort, und wir sprachen uns aus. Die Entscheidung zu gehen, Togo zu verlassen, stand fest. Doch wohin?

Bulgarien entstand ebenfalls aus einem Gefühl heraus, nachdem wir uns viele europäische Länder auf der Karte und in Dokumentationen angesehen hatten.

Ich denke es ist normal, dass jeder Mensch aus einem inneren Pflichtgefühl heraus versucht seine Sache im Leben gut zu machen. Wir fühlen uns verantwortlich für das, was wir tun. Die Entscheidung unser Leben und die Menschen in Togo hinter uns zu lassen ist uns allen schwer gefallen.

Bulgariens Hinterland, der schönste Arsch der Welt!

Mit Sicherheit kennt jeder dieses Gefühl, sich einer Sache sicher zu sein und diese auch durchziehen zu wollen – und man weiß genau, dass eben genau das nicht jeder gut finden wird… Was tut man dann? Pflichtbewusst weiter in der Spur laufen, zur Zufriedenheit aller um einen herum? Oder lebt man, was man selbst für richtig empfindet? Das mag der ein oder andere bewundern, mit Sicherheit erntet man auf jeden Fall einiges an Kopf schütteln.

Das kennen wir, und haben wir zu tragen. Was soll man auch groß sagen?

Hallo, ich folge einem inneren Gefühl. Einer Stimme tief in mir drin, die zu leise ist um alles zu verstehen, aber zu eindringlich um sie zum schweigen zu bringen. Ich mag diese Stimme, sie gibt mir Wärme – und eben dieses Gefühl zu Hause zu sein. Zu Hause in mir drinnen. Sie vermag es einen Raum in mir zu füllen, der mir das Gefühl gibt, das mein Leben nicht umsonst ist.

Ich kann auch gut ohne diese Stimme leben – aber dann fehlt mir etwas. Also treffe ich Entscheidungen, die für manch einen schwer nachvollziehbar sind. Etwas aufbauen und dann aus heiterem Himmel doch weiter zu gehen, zum Beispiel ;)

Der Ruf nach Heimat in Europa

Viele Menschen, die sich für unser Dorf in Odrintsi interessierten, suchten versteckt und auch ganz offen den Haken an der Sache: Warum geht ihr wirklich weg?

Unabhängigkeit gab uns in Odrintsi auch unser Laufrad - das Dorf konnte nahezu autark bestehen

Tja, weil wir das Gefühl hatten, dass es gewisse energetische Punkte auf den Ozeanen gibt, die uns brauchen! 

Ja, das hört sich ein wenig bekloppt an – wissen wir, ehrlich! 

Um sich nicht im Kreis zu drehen verweisen wir wieder auf die innere Stimme, ne? ;-)

Wir folgen Jürgen nicht, wenn er ruft. Er berichtet seine Empfindungen und Erkenntnisse, die Schlüsse, zu denen er gekommen ist. Wir versuchen nach diesen Gesprächen ebenfalls Gefühle dazu zu entwickeln. Innere, wahre Gefühle.

Hinterherlaufen wäre manchmal wirklich einfacher, aber einfach heißt nicht richtig!

Ich selbst kann es drehen und biegen wie ich will, für mich fühlt es sich richtig an weiter zu ziehen. Da wartet etwas auf uns.

Entscheidungen kann man für sich treffen, und in der Gemeinschaft

Ein Teil von mir hat das Gefühl, als ginge ich mit jedem Schritt dem Schiff entgegen auch einen Schritt einem kleinen Tod entgegen. Ich kann offen sagen, dass es nicht mein Herzenswunsch ist, mein Leben auf diesem schönen alten, traditionellen Kahn zu verbringen. Ich mag die alte Lady aus Stahl, und sie möge mir verzeihen, aber mir schnürt sich vieles zu bei dem Gedanken wieder länger dort zu leben.

Jaaaaa, ich weiß, dass das kein Muss ist! Ich will ja mit, bin davon überzeugt. 

Aber heißt das unweigerlich, dass ich Beifall klatschen muss über diese Entscheidung?

Hat man nicht auch Entscheidungen im Leben zu treffen, die einem nicht leicht fallen? Oder hat gar das Gefühl, dass es eh eine Patt-Situation ist, und egal wie man sich entscheidet, es wird Verluste geben?

Und dann kommt da noch die SELBSTüberwindung, um überhaupt SELBSTerkenntnis zu erlangen! Wenn ich nie über mich hinaus gehen muss, werde ich nie erfahren, wie weit ich eigentlich gehen kann...

Ich bewundere meine Schwiegereltern Gabi und Jürgen, die da mit ihren über 60 Jahren immer noch weiter machen, weil sie so feste an ihre Aufgabe glauben. Wie kann ich da kneifen? Und sie alleine weiter ziehen lassen? Kommt nicht in Frage, so eine Memme will ich nicht sein, es geht ja schließlich nicht nur um mich!

Hier Gabi, Jürgen und Tamara beim Erbsen pellen in Bulgarien

Der Wunsch nach Heimat

Und dennoch, ich hoffe, dass wir jetzt nicht im 6 Monatsrhytmus unser Leben grundlegend verändern. Das Nomadenleben hat was für sich. Hey, wir können uns nicht nur die Rosinen im Leben raus picken!

Für Gabi und Jürgen wünsche ich mir ein Häuschen mit einer offenen Verranda. Schaukelstühle wären schön, für jeden einen. Ordnung im Haus, so wie Jürgen es mag. Das er nachts im Dunkeln nach seiner Taschenlampe greift und sich sicher sein kann, sie ist da. Für Gabi einen kleinen Kräutergarten.

Irgendwann mal, irgendwann vielleicht – wenn ihre Aufgaben getan sind.

Und wisst ihr was?

Nach Freiheit zu streben mag ehrenwert sein, aber niemals leicht. Wer das tut geht eben NICHT den Weg des geringsten Widerstandes, schon mal gar nicht in unserer jetzigen Zeit!

Man muss sich selbst zu vielem Zwingen, man stößt auf Unverständnis – wenn man Glück hat nicht auf offene Feindschaft.

Freiheit ist vieles, aber sie ist nicht leicht zu erringen, oder gar zu halten. Auf der Suche nach ihr merkt man erst, wo der Hammer in einem wirklich fällt. Und glaubt mir, in uns ist er meistens da gefallen, wo wir es am wenigsten erwartet hätten.

Glückliche Kinder, nicht gestriegelt, aber glücklich :)

Naja, bis jetzt haben wir noch nicht aufgegeben dem Gefühl in uns zu folgen, auch wenn es schwer nachzuvollziehen ist. Das ist es übrigens auch für uns selbst oft, und Erklärungen finden sich teilweise erst viel später.

Die ewige Frage wird wohl bleiben: Tue ich das richtige? Habe ich das Richtige getan?

Vielleicht werden wir es irgendwann einmal erfahren. Glaube, Mut und ein Quäntchen Verwegenheit werden uns begleiten. Ein bisschen Angst ist auch dabei, ganz bestimmt. Und da hilft wieder die Gemeinschaft. Die Familie. Die Freunde:

Was ich nicht tragen kann, da wird mir jemand helfen. Ganz bestimmt.

Mario (gute 60 Jahre) und Kolani (28) beim Lichtschwert-Kampf, inspiriert von Star Wars! Familie hat was, besonders wenn sie bunt gemischt ist :)

Denn immerhin haben wir alle ein großes Geschenk mit auf den Weg bekommen, dass nicht jeder in der Menschheits-Geschichte zur Verfügung hatte: Wir DÜRFEN uns entscheiden!

Mitten aus dem Leben, das manchmal einer Sitcom gleicht – eure Kati

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