Talkshowrepublik

Die Koalitionsverhandlungen, die am Montag beginnen, könnten sich lange hinziehen. Bis eine neue Regierung gebildet ist, könnten Talkshowmoderatoren die Geschäfte führen

Als noch Sabine Christiansen Gastgeberin der sonntäglichen Talkshow in der ARD war, gab es hin und wieder Warnungen vor einer so genannten „Talkshowrepublik“. Die Gefahr, die einige Beobachter in der Gesprächsrunde sahen, lag darin, dass politische Debatten und Entscheidungen nicht mehr im Parlament entschieden werden würden, sondern im Fernsehen. Und obwohl das Fernsehen vieles kann – Gesetze erlassen kann es nicht. Und in meiner Erinnerung gab es bisher nur einmal den Fall, dass etwas, das in einer Talkshow gesagt wurde, tatsächlich legislative Konsequenzen hatte.

Als Angela Merkel im Jahr 2017 bei einer Talkshow des Magazins „Brigitte“ Fragen aus dem Publikum beantworten sollte, meldete sich ein Mann und wollte wissen, wann er denn seinen Freund Ehemann nennen dürfe. Merkel antwortete, sie selbst sei eigentlich gar nicht gegen gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, und sie wünsche sich eine Diskussion, die „eher in Richtung einer Gewissensentscheidung geht.“ Merkel sagte auch noch, sie sei „bekümmert“, dass diese sehr individuelle Frage nach der Ehe für alle ein Gegenstand von „Parteitagsbeschlüssen und plakativen Dingen“ sei.

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Das, was Merkel da auf der Bühne sagte, hieß nichts anderes, als das der Fraktionszwang bei dieser Abstimmung aufgehoben sei. Bei der letzten Bundestagssitzung vor der Sommerpause am 30. Juni 2017 wurde ein entsprechender Gesetzentwurf mit den Stimmen von SPD, Linken und Grünen auf die Tagesordnung gesetzt. Bei der Abstimmung stimmten 393 Abgeordnete für die Gesetzesvorlage, 226 dagegen und 4 enthielten sich. Die Fraktionen der SPD, der Linken und der Grünen stimmten geschlossen dafür. Von der CDU/CSU-Fraktion stimmten 75 der 304 anwesenden Abgeordneten dafür, 225 Unionsabgeordnete stimmten gegen den Gesetzesvorschlag. Unter anderem Angela Merkel. Am 1. Oktober, also ungefähr drei Monate nach der „Brigitte“-Talkshow, trat das „Gesetz zur Einführung des Rechts auf Eheschließung für Personen gleichen Geschlechts“ in Kraft.

In den vergangenen Wochen gab es jeden Tag mindestens zwei Talkshows oder Gesprächsrunden, in denen es um die Bundestagswahl ging, und nicht alle waren gut. Interessanterweise fanden viele politische Journalistinnen und Journalisten das letzte Triell am besten – also das von Prosiebensateinskabeleins. Ich habe das nicht verstanden, denn es war – nach den Kriterium des Fernsehens, das schlechteste. Mag sein, dass Baerbock, Scholz und Laschet in dieser Runde inhaltlich am stärksten waren – vielleicht hatten sie beim dritten Mal da auch einfach Bock drauf, denn wenn man zweimal bereits umeinander rumschlawenzelt ist, dann kann man beim dritten Mal auch ruhig zur Sache kommen. Ansonsten war es grauenhaft: Das Studio erinnerte an deutsche Late-Night-Studios aus den neunziger Jahren, in denen im Hintergrund immer eine Stadtansicht von Köln oder Berlin gezeigt wurde. Die Anordnung war irgendwie schräg, dauernd bekam man eine Draufsicht, als ob man nicht Fernsehen schauen würde, sondern auf eine Leiter stünde. Und die Moderatoren hielten sich so verbissen an den aufgeschriebenen Fragen fest, dass jegliches Nachfragen, jede Spontanität, unmöglich war. Politikjournalisten haben vielleicht Ahnung von Politik – wenn es ums Fernsehen geht, sollten sie die Einordnung aber den Profis überlassen.

Dabei haben die meisten Politikjournalisten in den vergangenen Monaten einen guten Job gemach. Sie haben recherchiert, eingeordnet, porträtiert, reportiert. Manche übten Selbstkritik wie Donnerstagabend der „Spiegel“-Reporter Markus Feldenkirchen bei Maybritt Illner, der sagte, dass auch Journalisten viel zu spät und dann viel zu wenig über die Klimakatastrophe berichtet hätten. Und wer behauptet, es sei in diesem Wahlkampf nicht um Inhalte gegangen, der war zu viel auf Twitter und zu wenig auf ARD und ZDF und hat auch nicht „Die Zeit“ oder die „Süddeutsche Zeitung“ oder die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ gelesen.

Und weil es so viel um Inhalte geht, und weil es so knapp wird, wie vielleicht noch nie, wird es lange dauern, bis es eine Koalition gibt, die sich an die Regierungsarbeit machen kann. Theoretisch müsste so lange noch Angela Merkel im Amt bleiben, aber will man der Frau das nach 16 Jahren wirklich noch zumuten? Sollten wir nicht das Experiment wagen, und für ein paar Wochen, für wenige Monate, tatsächlich eine Talkshowrepublik installieren? Politiker können in absehbarer Zeit ja eh nicht mehr in Talkshows gehen – die müssen verhandeln. Da könnten doch also die Gastgeber der Talkshows eine Art Räterepublik bilden. Solange, bis die neue Regierung gebildet ist. Und so könnte diese temporäre Talkshowrepublik aussehen:

  •  Bundeskanzlerin: Anne Will (ARD). Will ist von allen Talkshowgastgeberinnen die gelassenste und wahrscheinlich die, die sich am akribischsten in die drängenden Themen eingearbeitet hat. Corona-Pandemie, Klimaschutz – sie hat unzählige Dossiers dazu gelesen und ihre Redaktion (dann die Staatssekretäre) arbeitet seit Jahren auf Hochtouren. Will weiß mittlerweile wahrscheinlich mehr über Politik als Politiker.
  •  Außenminister/Vizekanzler: Markus Lanz (ZDF). Wenn die ARD das Kanzleramt bekommt, muss das ZDF den Vizekanzler stellen. Weil Will eine Frau ist, muss es ein Mann sein, weshalb Maybrit Illner für diesen Posten nicht in Frage kommt. Und Lanz, der seit Monaten ja quasi oberkörperfrei auf einer Beliebtheitswelle surft, die ihresgleichen sucht, könnte als Außenminister keinen großen Schaden anrichten, also inhaltlich. Er könnte gut aussehen und aus Flugzeugen steigen – müsste er doch mal was sagen, dann hätte er immer noch seinen Knopf im Ohr, durch den er die richtigen Sätze souffliert bekäme. Seine Anzüge sitzen zudem ähnlich scharf dran, wie die Anzüge von Heiko Maas.
  •  Innenminister: Frank Plasberg (ARD). Kein Moderator steht so für Zucht und Ordnung wie dieser menschgewordene gehobene Stammtisch. Als Nordrhein-Westfale ist er zudem mit Kriminalität vertraut. Er könnte außerdem unpopuläre Entscheidungen treffen – das menschliche Gesicht des Innenministeriums wäre dann ja immer noch Brigitte Büscher.
  •  Wirtschaftsministerin: Maybrit Illner (ZDF). Illner ist familiär bedingt gut vernetzt mit der deutschen Wirtschaft – ihr Mann ist René Obermann, heute bei Airbus, früher bei der Telekom. Illner ist die Moderatorin, die sich selbst am liebsten reden hört – man erkennt das immer, wenn sie beim Sprechen das Kinn reckt und die Augen schließt, beseelt von ihren eigenen Worten. Was im Fernsehen mitunter befremdlich wirkt, würde bei Verhandlungen mit Wirtschaftsgrößen durchaus funktionieren.
  •  Finanzminister: Günter Jauch (RTL). Zugegeben – sein Ausflug als Gastgeber seiner Talkshow in der ARD war ein Fiasko. Aber das der Mann mit Geld umgehen kann wie kein Zweiter im deutschen Fernsehen, ist hinlänglich bekannt. Wahrscheinlich wäre er ein Verfechter der „schwarzen Null“, Schulden sind dem Mann zuwider. Aber er würde wohl Einnahmequellen finden, wo sie niemand suchen würde.
  •  Umweltminister: Jörg Kachelmann (MDR): Mit Sicherheit derjenige, der von Klima und Umwelt am meisten Ahnung hat. Kachelmann ist außerdem mit der Moderation der Talkshow „Riverboat“ nicht ausgelastet, vor allem, weil ja mit Sebastian Fitzek ein neuer Moderator zur Sendung dazukommt. Fitzek, eigentlich Krimi-Autor, wäre demnach auch geeignet, das Justizministerium zu leiten.
  •  Arbeitsministerin: Sandra Maischberger (ARD): Schafft in ihrer Sendung „maischberger. die woche“ massenweise Jobs – vor allem in dieser seltsamen „Dreierrunde“ zu Beginn, in der „politische Beobachter“ erzählen müssen, wer ihre Gewinner und Verlierer der Woche sind. Da dürfen dann auch schon mal alte Männer sitzen, die man seit Jahren im Fernsehen nicht vermisst hat (Ulrich Wickert, wäre vor 20 Jahren ein hervorragender Außenminister gewesen) oder Journalistinnen und Journalisten mit lustigen Fantasie-Titeln wie „Chefreporterin Freiheit“.
  •  Verteidigungsminister: Stefan Raab (Pro 7). Eigentlich hat er sich als Moderator aus dem Fernsehgeschäft zurückgezogen, dabei war er nicht nur einer von vier Moderatoren bei Duell 2013 zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück, sondern auch Gastgeber der Politik-Talkshow „Absolute Mehrheit“. Vor allem aber ist Raab einer der wenigen Moderatoren, die ihren Grundwehrdienst absolviert haben, und zwar bei der Flugbereitschaft in der Luftwaffenkaserne in Köln-Wahn.
  •  Bildungsminister: Jörg Pilawa (ARD). Der Mann ist nicht nur einer der Moderatoren der NDR-Talkshow – er ist auch und vor allem „Quizmaster“. Niemand moderiert im deutschen Fernsehen mehr Quizshows als er. Dabei muss doch ein bisschen Wissen hängen geblieben sein, weshalb er für den Job prädestiniert wäre.
  •  Gesundheitsminister: Eckhard von Hirschhausen (ARD). Einzig logische Wahl für die Posten, obwohl Hirschhausen selbst das wohl anders sehen dürfte. Wäre deshalb auch zuständig für Unruhe im Kabinett, weil er sich als den besseren Kanzler sieht. Könnte gleichzeitig aber auch für gute Laune sorgen, wenn er sich eine rote Nase aufsetzt – Hirschhausen war schließlich auch mal als Clown im Krankenhaus unterwegs.
  •  Verkehrsminister: Jan Böhmermann (ZDF). Der Mann kämpft seit längerem für fahrradfreundliche Städte, vor allem auf Twitter und zuletzt in seiner Sendung „ZDF Magazin Royal“. Könnte die Verkehrswende voranbringen wie kein anderer – falls er sich nicht dauernd mit Markus Lanz streitet.
  •  Familienminister: Giovanni di Lorenzo (Radio Bremen). Wird von Will vor allem deshalb ins Kabinett berufen, um die Streits zwischen Böhmermann und Lanz zu schlichten – bekommt aber auch bei Umfragen die besten Sympathiewerte in der Bevölkerung.

So. Das wäre mein Vorschlag für eine funktionierende Bundesregierung ab kommenden Montag. Und wer weiß – wenn die alle ihre Jobs gut machen, dann schauen wir vielleicht irgendwann am Sonntag in der ARD um 21 Uhr 45 „Olaf Scholz“.

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