Was ist Offenheit?

Eine grundlegende Offenheit, scheint mir wie eine ambivalente Verlockung zu sein. Offen für alles, was in meinem inneren Erleben und um mich herum in der Welt passiert. Offen, um radikal alles wahrzunehmen. Gut und Böse und alle interessanten Feinheiten zwischen diesen beiden Extremen. Eine elementare Offenheit, die meine Erwartungen und Gewohnheiten irritiert und so stetige Interaktion erzeugt. Was würden wir alles wahrnehmen, sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen? Und wie würden wir mit all dem umgehen, was wir aus Routine, normaleweise ausblenden und ignorieren? 

Ich denke, aus irritierenden Interaktionen würden wir Emotionalität und intensive Energiezustände, als ureigene menschliche Qualität zurückgewinnen. Was könnten wir mit dieser Energie alles machen?

Verbunden mit der Welt können wir gar nicht anders, als mit ihr zu schwingen und in Resonanz zu sein. Doch wir sehnen und fürchten uns gleichermaßen davor, ehrlich und offen in einen Austausch mit der Welt zu treten. Denn, Offenheit bedeutet auch Berührbarkeit und somit Verletzlichkeit. Und das hat keinen guten Ruf. Weder in der modernen Wettbewerbsgesellschaft, noch in der weltweiten Krise um ein Virus, welches uns die menschliche Verletzlichkeit und Sterblichkeit so deutlich vor Augen führt. Und schon gar nicht in unseren individuellen Lebensgeschichten, die doch sehr homogen vom Vermeiden von Schmerz und unangenehmen Erfahrungen erzählen.

So ist Offenheit vergleichbar mit Unsicherheit und mit Gefahr. Und wir sind offenbar zu sehr Säugetier, dass wir bei der kleinsten Unsicherheit reflexartig aus dem alten Stammhirn heraus reagieren, für das Sicherheit das höchste Gebot ist. Im Stammhirn sind wir mit langen Ahnenketten verbunden, deren Erfahrungen in unseren Zellen lebendig nachwirken. Und deren Erfahrungen von Gewalt, von Verlust, von Angst, von Schmerz und von damit einhergehender Hilflosigkeit erzählen. Die Menschheitsgeschichte ist so voller Gräuel, dass die unfassbar gewaltige Schönheit des Lebens, schnell mal wie eine Nebensächlichkeit unter den Tisch fällt.

Kein Wunder, dass wir so sehr auf unsere unabhängige Individualität achten. Das ist ein scheinbar guter Schutz, den ich selbst gut kenne und pflege. Schutzmaßnahmen haben jedoch wie alles einen Preis. Und solange ich mich schütze, werde ich zwangsläufig ein Stück meiner Offenheit und somit meiner Freiheit verlieren. Was tun mit diesem Dilemma?

Sicherheit zum Preis von Freiheit? Schutz zum Preis von Offenheit und Verbundenheit? Stabilität und Vorhersehbarkeit zum Preis von reicher Wahrnehmungsgabe? Wir finden uns so schnell in einer dualistischen Entweder-Oder Haltung. Und wir vergessen, dass es Sicherheit eventuell nur MIT Freiheit gibt. Und Schutz vielleicht nur MIT Offenheit und Verbundenheit. Oder Stabilität und Vorhersagbarkeit nur MIT reicher Wahrnehmungsgabe. Was, wenn wir hier einem hartnäckigen und schlicht übernommenen Denkfehler aufsitzen und die Welt ganz anders tickt als Entweder-Oder?

Wir sind schon lange in der Postmoderne angekommen

Hast du das Ei auf dem Küchentisch entdeckt? Was soll das da inmitten der Sachen aus unserem Badezimmer, die da liegen, während meine Tochter das Bad putzt? Es steht noch zufällig vom Frühstück da und ich musste über seine erhabene Ruhe kichern. Ein Ei und das kleine Schälchen Salz mit Goldrand, inmitten von Zahnpasta, Klopapier, einer Mala, pinkem Haargummi und dem Weleda Heuschnupfennasenspray. Meine Tochter hat einen unbeabsichtigten Altar von alltäglichen Dingen geschaffen, die uns lieb und teuer sind. Das weichgekochte Ei am Wochenende. Eine postmoderne Collage des Zufalls, die von Instabilität, Freiheit, Toleranz, Zeichensprache und von Emotionalität erzählt. Meine Tochter besitzt große Offenheit und sie kreirt solche Räume im Vorbeigehen. Dann sehe ich ihre unkonformen Eltern in ihr und ich sehe die nächste Generation von Menschlichkeit, die Verletzlichkeit lebt.

Auf jeden Fall erfordert Offenheit Mut. Wir müssen einwilligen, dass wir uns auf instabilem und eventuell riskantem Terrain bewegen, wenn wir dem Leben offen begegnen. Keine Ahnung, wo es uns hinträgt und Intuition und Vertrauen sind oft die einzige Konstante. Vor uns allen liegen unsichere Zeiten, die jedoch nicht nur als Gefahr, sondern vor allem als Möglichkeit gesehen werden können. Die Möglichkeit, alte Ideen neu anzuordnen und zu kombinieren. Die Möglichkeit, endlich über den langweiligen Dualismus hinauszugehen und Spannung und Lebendigkeit im Sowohl-Als-Auch zu finden. Das finde ich verlockend.

Wenn ich den neu aufgeflammten Konflikt im Nahen Osten sehe, wird mir schlecht. Ich kann das gar nicht fassen. Noch dazu dieser unsägliche Sumpf, der eine Welle von antisemitischen Sprüchen und Angriffen hochspült, und das stille Verbot, auch die israelische Regierung für ihre unerbittliche Haltung zu kritisieren.  Das ist sowas von Entweder-Oder. Und Entweder-Oder führt in den meisten Fällen zu Schmerz und Leid und somit zu Trauma. Als ob unsere Welt nicht schon komplett traumatisiert wäre! Das ist eine tödliche Angewohnheit. Und ich kann noch nicht mal sagen »dumm«. Denn das trifft es nicht. 

Unsere Hilflosigkeit rührt vor allem aus unserem ungeübten Umgang mit der zutiefst menschlichen Angst vor Unsicherheit und Verletzlichkeit. Denn dahinter erwarten wir Scham und Schuld, Schmerz und Abgrund und letzten Endes Tod.  Wobei die Befürchtung von «Tod«meist kein leiblicher, sondern ein sozial-emotionaler ist. Zumindest in den westlichen Geselllschaften. Wir fürchten uns vor Ausgeschlossen-Sein, vor Isolation und vor Einsamkeit. Auch das ist eine alarmierende Botschaft unserer Stammhirns, welches uns wie ein sehr loyaler Begleiter immer schützen will. Unser Stammhirn kommt nicht gut klar aufs Unbekannte.

Es betet lieber altbekannte sorgenvolle Prophezeiungen hoch und runter. Und selbst das Heraufbeschwören, eines wahrscheinlichen Horrorszenarios auf die Probe zu stellen, erscheint uns oft zu gewagt. Wir glauben dieser Erwartung einfach und geben ihr somit sehr viel Macht. Wobei wir das Konzept einer, sich selbst erfüllenden Prophezeiung, theoretisch ja schon lange verstanden haben. In der Praxis sperren wir uns jedoch nach wie vor selbst ein, um uns sicher zu fühlen. Spätestens dann ist unser inneres Alarmsystem kein Beschützer mehr, sondern ein Wächter unserer engen Grenzen.

Diese Grenzen und die Türen zu echter Sicherheit und somit zu Freiheit kann nur unsere Offenheit wieder öffnen. Denn nur wenn wir aufhören uns ständig zu schützen, dann sind wir verbunden und in Resonanz mit uns selbst und mit der Welt. Und einen größeren Schutz gibt es nicht. 

Das ist kein Plädoyer dafür, keine Grenzen zu haben! Grenzen sind total wichtig. Doch Grenzen, die real passend und situationsabhängig flexibel sind, sind etwas anderes als die engen Wände eines inneren Gefängnissen voller Staub. Grenzen haben mit der ehrlichen Kommunikation unserer Bedürfnisse zu tun. Und schon sind wir wieder auf unsicherem Terrain. Denn, was passiert, wenn wir offen und aufrichtig kommunizieren? Wie wir es auch drehen und wenden - an einer Offenheit dem Unbekannten gegenüber, kommen wir einfach nicht mehr länger vorbei.

Mögen alle Wesen glücklich sein.

Bis zum nächsten Mal,

Katrin

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