Die Kässpätzlisierung des Abendlandes

DeutschlandTour, Teil 4: Allgäu

(Triggerwarnnung: In diesem Text geht es unter anderem um Themen wie vegetarische Ernährung und alkoholfreies Bier. Wenn solche Themen bei Dir unangenehme Gefühle auslösen, solltest du ihn lieber nicht oder nur in Begleitung eines ... äh ... etwas entspannteren Menschen lesen. Danke.) Hier ein wenig bekannter Fakt über mich: Ich liebe Kühe. Ich liebe alles an der Kuh. Ich liebe das Fell, ich liebe die Ohren, den Schwanz und die Nase - wirklich alles. Ich meine: Schaut euch einfach mal ne Kuh an! Und streichelt die mal! Lasst euch von ihr über die Hand lecken! Völlig krank, wer die nicht sofort einpacken und zuhause auf den Balkon stellen will. Der einzige Grund, warum ich das noch nicht gemacht habe, ist, dass ich in der Stadt wohne, noch dazu im fünften Stock und ohne Aufzug, und ich mir die Gassirunden mit so ner Kuh deshalb etwas mühselig vorstelle. Aber es bleibt dabei: Ich liebe Kühe.

(Kühe und ich. Eventuell ist die Begeisterung ein bisschen einseitig.)

Das Allgäu hätte also schon wirklich alles falsch machen müssen, um mir nicht zu gefallen. Denn wenn es eines dort in rauen Mengen gibt, dann sind's Kühe. Ach: Und Kirchen. Und Käsespätzle. Aber dazu später mehr.

Wie so oft bei unserer Urlaubsplanung, war eigentlich mal wieder alles anders gedacht: Wir wollten im Mai eine Woche lang den Mainradweg entlangradeln. Als ich im März die Fahrradtickets für den ICE nach Bayreuth buchen wollte, hat mich der freundliche Herr an der Bahn-Hotline aber einfach nur ausgelacht. "Haha, Fahrradtickets? Für Mai? Süß! Sowas bucht man ein halbes Jahr im Voraus!". Ich bin allerdings der Ansicht, dass, wer im November schon weiß, wo er im Mai radfahren will, einfach ein überorganisierter Urlaubsnazi ist und deswegen werde ich wohl nie in den Genuss des Mainradwegs kommen. Schade.

Die beste Notlösung der Welt

Dann wollten wir eine Hüttenwanderungen mit Hund machen, mussten aber schnell feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, Berghütten zu finden, in denen auch ein Hund übernachten darf (Für Tipps, die das Gegenteil beweisen, bin ich übrigens jederzeit dankbar!). Ja, ich weiß, man kann so einen Hund auch einfach mal vor der Hütte liegen lassen und ich bemühe mich wirklich immer, meinen Hund nicht zu sehr zu verhätscheln, aber Tatsache ist: Lieber würde ich selbst vor der Hütte schlafen, als meinen Hund über Nacht zwischen Murmeltier und Greifvögeln zu parken. Also: Keine Hüttenwanderung.

Tja und irgendwann blieb dann halt nur noch eine Ferienwohnung im Allgäu. Es war trotz dieses unübersehbaren Notlösungs-Charakters weiß Gott nicht unsere schlechteste Idee.

(Das Allgäu. Drama am Himmel, Entspannung am Boden)

Sieben Stunden Autofahrt sind es von Köln ins südliche Allgäu, auch wenn das Navi erstmal optimistische fünfeinhalb anzeigt. Staus, Unfälle und Pinkelpausen fordern ihren Tribut und irgendwann realisiert man: Mit dem Neun-Euro-Ticket der Bahn wäre man auch nur zwei Stunden später angekommen.

Wir hatten uns in Schöllang bei Oberstdorf eingemietet, einem sehr allgäu-typischen Nest, soll heißen: ein paar Häuser, ein paar Ställe und in der Mitte eine viel zu große Kirche. Wirklich: Die Kirchen im Allgäu sind ein Thema für sich. Man hat das Gefühl, sobald hier mehr als zwei Menschen länger als dreißig Minuten zusammensitzen, wird sofort ne Kirche gebaut. Und zwar nicht irgendeine Kirche, sondern eine, die in etwas weniger christlichen Regionen Deutschlands durchaus als "Dom" durchgehen würde. Und an dem maximal zwei Kilometer langen Fußweg bis zur nächsten Kirche werden dann noch in regelmäßigen Abständen drei Kapellen und vier Marienbildchen errichtet, falls sich jemand unterwegs spirituell unterversorgt fühlt.

Ein Hoch auf den Käseautomaten!

Schöllang ist der nördlichste Ortsteil von Oberstdorf (Übrigens: Man muss schon einen sehr eigenen Humor haben, um innerhalb weniger Kilometer einen Ort Oberstdorf und einen anderen Oberdorf zu nennen, oder, liebe Allgäuer?) und ist in Sachen Grundversorgung nur mit einer Bäckerei und einem Käseautomaten gesegnet. (Es sei denn, man rechnet die Kirche mit: An Weihwasser wird es hier sicher nie mangeln!). Der nächste echte Ort heißt Fischen, ist gerademal zweieinhalb Kilometer entfernt, dazwischen verstecken sich aber so viele Höhenmeter, dass man sich abends schon gut überlegt: "Müssen wir wirklich noch mal zu nem Restaurant wandern, oder kommen wir nicht auch mit unseren Resten aus Käseautomatenkäse, Bier und Maoam klar?"

Andererseits: Zum Wandern sind wir ja eigentlich ins Allgäu gekommen und das kann man hier wirklich fantastisch. Überall bestens ausgeschilderte Wege, die meistens direkt vor der Unterkunft starten. Wenn man hier Komoot öffnet und einfach nur angibt "Wanderungen in der Umgebung", lässt die App ein verächtliches Schnauben ertönen und zeigt ein "Junge, bitte! Bisschen spezifischer musst du schon werden!" an. 

(Erste Tour: Zum Hinanger Wasserfall. Das hier ist er übrigens nicht. Wir haben aber wohl irgendwann unterwegs eine Abzweigung verpasst und den Wasserfall  nie gesehen und damit es nicht total peinlich wird, hier ein Bild, das wenigstens annähernd nach Wasserfall aussieht.)

Großer Bonuspunkt: Jede Wanderung hier führt an mindestens drei Einkehrmöglichkeiten vorbei und zwischendrin gibt es garantiert auch noch die Möglichkeit, die Füße in einen Bach, einen See oder eine Jauchegrube zu tauchen. 

Man muss sich vor dem Tourbeginn allerdings über drei Sachen bewusst werden. Erstens: Es kann hier jederzeit sehr ordentlich bergauf gehen. Irgendwie denkt man beim Allgäu ja immer an grüne Wiesen und sanfte Täler - das stimmt nur so halb. Berge und Hügel gibt's schon auch genug und so ne Wiese kann halt auch am Steilhang liegen. Fragen Sie mal die Allgäuer Kühe! Die scheinen da allerdings völlig mühelos rauf und runterzukraxeln, was ich von uns nicht gerade behaupten konnte. Aber ich sag's ja: Kühe sind eh die Besten!! ❤️

(Übrigens, ernst gemeinte Frage am Rand: Weiß  jemand, ob Kühe von ihren eigenen Kuhglocken genervt sind? Als Wanderer ist man ja immer angenehm berührt, wenn man irgendwo Kuhglockengebimmel hört, aber - den ganzen Tag? Direkt unter den eigenen Ohren? Ich für meinen Teil bin ja schon genervt, wenn ich eine Kunststoffwanderhose anhabe, und beim Gehen die ganze Zeit so ein raschelndes Polyestergeschrabbel höre!)

Grün wird's nicht von allein

Zweitens: Das Allgäu ist nicht umsonst so grün. Wiesen werden nicht "saftig", weil den ganzen Tag die Sonne drauf scheint, sondern weil in regelmäßigen Abständen auch mal ein ordentlicher Regenguss runterkommt. Also: Regenjacken mitnehmen lohnt sich hier immer!

Und drittens, Stichwort Einkehr: Wenn man Fleisch isst, wird man im Allgäu immer und überall fündig. Wenn man, wie wir, kein Fleisch isst, sollte man seine Touren ein bisschen vorausschauend planen. Klar, man kann sich eine ganze Woche lang nur von Kässpatzen und Spinatknödeln ernähren, sollte sich dann aber nicht wundern, wenn man irgendwann auch wie ein Spinatknödel mit Kässpatzen-Armen aussieht. Oder sich zumindest so fühlt. 

(Ich bei meinem ersten Teller Kässpatzen der Woche. Noch lache ich.)

Eine geradezu revolutionäre Neuerung dazu: Die Hündeleskopfhütte! Die erste rein vegetarische Hütte im Allgäu! Es war ein strammer Vatertagsspaziergang vom Parkplatz in Pfronten-Kappel zur Hütte, aber als ich dann oben war, traute ich meinen Augen kaum: Vegane Wraps auf der Karte, eine großartige Bio-Alblinsen-Suppe in meinem Teller, nebenan saßen ein paar Väter und tranken alkoholfreies Bier. Und obwohl ich das alles wunderbar fand, dachte sogar ich irgendwann: "Also wenn die Typen da jetzt nicht wenigstens mal einen Greta Thunberg-Witz machen und dreckig lachen, kommt wahrscheinlich Ulf Poschardt oder Julian Reichelt oder zur Not auch Peter Hahne und fackelt den Bums hier persönlich ab!"

(Die Hündeleskopfhütte. Keine Angst: Auch hier gibt's selbstverständlich Kässpatzen. Und auch Bier mit Alkohol.) 

Und wenn man mal nicht wandern will? Angeblich sind auch die Städte im Allgäu, also zum Beispiel Kempten, Wangen und Memmingen, sehr sehenswert, aber außer einem kurzen Abstecher nach Kempten haben wir das nicht ausprobiert. Ich bin sowieso nicht der passionierteste Stadt-Schlurfer der Welt, Museen interessieren mich auch eher so mittel und beim Durchstreifen deutscher Fußgängerzonen denke ich immer recht schnell: "Ach guck, ein Müller Drogeriemarkt! Wie in ... jedem anderen Ort hier in der Gegend!" Das finde ich ein bisschen verschwendete Zeit, vor allem, wenn man außenrum so eine wunderbare Landschaft hat.

Eben weil die Landschaft so wunderbar und die Luft so gut ist, ist die Gegend übrigens auch ein El Dorado für Naturheiler und sonstige Erleuchtete. An jedem zweiten Haus werben Heilpraktiker, Kraft-Stein-Händler, Yoga-Meister und Ohrenkerzen-Zieher für ihre Dienste und man wird das Gefühl nicht los, dass dem ein oder anderen hier das Murmeltier vielleicht auch einmal zu laut ins Ohr gepfiffen hat. Aber hey, soll jeder nach seiner Façon glücklich werden: Der eine lässt sich handzerriebene Naturmineralien aufs Dritte Auge streuen, der andere streichelt einfach noch mal ne Kuh.

Zum Fahrradfahren kamen wir übrigens auch noch. Zwar nicht am Main entlang, dafür direkt an der Iller, was bestimmt nicht schlechter war. Entspannte 16 Kilometer bis nach Immenstadt und mehr als einmal fühlte ich mich ans Soča-Tal in Slowenien erinnert (Siehe: Zwanzigtausend Reiseleiter, Kapitel Das Leverkusen Europas), denn auch hier glitzert und plätschert ein hellgrüner Fluss an der Seite, während sich ein paar Kayak-Fahrer ihre Kommandos zurufen.

(Die Iller und ich. Wir mögen uns.)

Der eigentliche Star der Strecke ist allerdings der Fahrradweg an sich. Da muss ich jetzt einfach mal die Bayern loben. Mir passiert es immer wieder, dass ich dort auf Fahrradwegen denke: "Darf ich da wirklich drauf? Auf diesen wunderschönen, makellosen Radweg? Ich, mit meinen dreckigen Schuhen und den schmutzverkrusteten Reifen??" Kein Zweifel, da könnten die Radwegs-Planer in NRW noch viel von lernen. Ja, auch hier wurde manches besser in den letzten Jahren, aber gäbe es einen Slogan für Radfahren in Köln und Umgebung, wäre er wahrscheinlich noch immer: "Fahr doch Rad! Wirst schon sehen, was du davon hast!"     

Auf der Suche nach der Seele

In Immenstadt angekommen, habe ich übrigens das gefunden, was ich schon die ganze Woche verzweifelt gesucht hatte. Die Seele des Allgäus! Keine Angst, jetzt wird's hier nicht auch noch esoterisch: Die Seele ist einfach ein Gebäckstück. Irgendwas zwischen Mini-Baguette und Riesen-Salzstange. Und obwohl sie angeblich das Bäckerei-Erzeugnis schlechthin im Allgäu ist, war es mir die ganze Woche unmöglich, eine zu ergattern. Offensichtlich gehe ich nicht zu klassischen Seelen-Kauf-Zeiten in die Bäckerei. Die gute Allgäuer Hausfrau lädt die Dinger wohl schon deutlich vor acht Uhr morgens ins handgeflochtene Einkaufskörbchen. 

Aber hier in Immenstadt, in einer winzigen Bäckerei, in der die Backwaren eigentlich alle ein bisschen arg gesund und vollkornig aussahen und ich schon die Befürchtung hatte, nur eine, was weiß ich, Kammutmehl-Seele mit Backferment und esoterisch belebtem Weltall-Kümmel zu bekommen, da lag sie dann: Meine erste, echte Allgäuer Seele aus herrlich ungesundem Weißmehl mit genau der richtigen Balance aus Knusprig- und Knatschigkeit. Ich bin Fan. Von der Seele. Und vom Allgäu. Und von Kühen. Aber ich glaube, das hatte ich schon erwähnt. 

(Der Autor mit Seele. Und selig.)

   

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