"Nist"

Schwalbensteingesichter

Frau Bosse war Großmutters älteste Freundin. Insgeheim ihre liebste. Obwohl Oma meistens in derben Worten über sie sprach. Sie „die alte Hasenhex“ nannte, die „nicht mehr ganz richtig im Koppe sei“, und mich ermahnte, nicht auf ihre Spökenkiekereien zu hören. Mir gefielen die geraunten Geschichten von Frau Bosse dadurch nur umso besser. Selbst die unheimlichen, die ganz gruseligen. Von denen sie etliche auf Lager hatte. So nahm sie mich zum Beispiel an einem schönen Frühlingstag beiseite, wies auf die Schwalben, die über unseren Hof kreisten, und stupperte mit mir in kleinen Schritten zum Stall. Zum Nest unterm großen Balken.

Dort hob sie an, von den Schwalbensteinen zu berichten. Jene fände man in Mägen der ersten Brut der Muttergottesvögel. Wichtig sei, dass die Kleinen noch nicht die Erde berührt hätten, bevor sie getötet und aufgeschnitten würden. Mir wurde ein wenig schlecht. Dennoch lauschte ich gebannt. Erfuhr, dass es dreierlei Farben gebe. Ein roter Stein, in Rehleder eingenäht und an den Mund gehalten, bewahre vor Durst. Wer den anderen, grünen, bei sich trägt, würde Zeit seines Lebens keinen Hunger leiden. Der dritte, schwarze, aber bewirke, dass man alles sehen könne. Alles! Auch das, was den Blicken der anderen Menschen verborgen.

In den folgenden Tagen kehrte ich jeden Tag zum Schwalbennest zurück. Morgens. Mittags. Und am frühen Abend.  Behielt es genau im Blick. Reparierte die große Leiter. Denn ich wollte …

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