Zum Hauptinhalt springen

Wollen Sie einen Nobelpreis? Dann bitte...

Ende Juni war ich auf dem Lindau Nobel Meeting (#LINO23 (Öffnet in neuem Fenster)), wo auch 39 Personen anwesend waren, die bereits einen Nobelpreis gewonnen haben, und unter den anderen Hunderten von Personen waren vielleicht einige, die in Zukunft einen Nobelpreis gewinnen werden. Kann man bei einem solchen Treffen herausfinden, was es braucht, um einen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin zu gewinnen? Ich habe es versucht. Wer diesen Text bis zum Ende liest, ist hinterher (mindestens) so schlau wie ich!

Der Nobelpreis ist heiß...

Wenn ich einen Nobelpreis gewinnen will, muss ich ein sehr, sehr guter Wissenschaftler werden. Doch was macht einen sehr, sehr guten Wissenschaftler aus? Für die Karriere kommt es vor allem darauf an, viel zu veröffentlichen. Publish or Perish lautet das Leitmotiv. Publiziere oder krepiere! Es geht hierbei aber nicht nur um die reine Anzahl: Die Anzahl der Publikationen wird in der Regel mit der Anzahl der Zitierungen der eigenen Arbeiten in anderen wissenschaftlichen Publikationen verrechnet.

Auch wenn es (zu Recht) viel Kritik an solchen Metriken gibt, so liefern sie doch zumindest ein halbwegs objektives Kriterium (nämlich eine Zahl), das etwas über meine "Produktivität" als Wissenschaftler aussagt. Was auch eine Rolle spielt, ist das Prestige – der sogenannte "Impact Factor" – der jeweiligen Zeitschrift, in der meine Arbeit veröffentlicht wird. Das bedeutet, dass eine Arbeit in einer großen Zeitschrift (wie Nature, Cell oder Science) mehr zählt als eine Veröffentlichung in einer Nischenzeitschrift (meine erste Veröffentlichung war im Journal of Proteome Research - sehr nischig!) Und tatsächlich haben viele Leute, die einen Nobelpreis in Physiologie oder Medizin gewonnen haben, ihre Entdeckungen zuvor in Nature, Cell (wo ich auch schon veröffentlicht habe, juhu!) oder Science veröffentlicht.

Gemeinsam sind wir smart!

Ein Nobelpreis kann höchstens an drei Personen vergeben werden. Auch die grundlegenden Publikationen stammen in der Regel von eher kleinen Teams. Der Anreiz, viel in kleinen Teams zu publizieren, erzeugt natürlich eine Kultur der Abgrenzung, der Isolation und des "Für-sich-Seins". Die Vergabe an Einzelpersonen oder so kleine Teams fördert einerseits einen überholten "Geniekult", andererseits spiegelt der Preis dann nicht die Gesamtleistung des realen Teams wider, das hinter einer solchen Forschungsleistung steht. Denn das sind immer mehr als nur drei Personen. Ein Preis für maximal drei Personen fördert das Gegenteil einer freien und offenen (kollaborativen) Wissenschaft. Zudem stellt uns die moderne Medizin vor Herausforderungen, die eigentlich nur im (großen) Verbund gelöst werden können.

Genau das sagte auch Harold Varmus (Nobelpreis 1989 zusammen mit Michael Bishop für die Entdeckung, dass bestimmte Gene Krebs auslösen können). In seinen zehn Axiomen für eine wissenschaftliche Karriere empfahl er die Zusammenarbeit in Teams.

"Findet ein Umfeld mit Leuten, die schlauer sind als ihr selbst!" (Harold Varmus)

Allerdings sollten diese Teams ausdrücklich klein sein, also aus nicht mehr als einem Dutzend Personen bestehen. Avram Hershko (Nobelpreis für Chemie 2007 gemeinsam mit Aaron Ciechanover und Irwin Rose für die Entdeckung der Eiweiß-Müllabfuhr in der Zelle) gab auf meine Frage, wie viele Kollaborationen er denn empfehlen würde, folgende (salomonische) Antwort:

"Es sollten mehr als Null sein, aber auch weniger als Unendlich."

Was fangen wir jetzt mit derlei Ratschlägen an?

Von Gewinnern lernen heißt Siegen lernen

Leider muss man die Überschrift nicht allzu sehr gendern. Denn von den 615 bisher vergebenen Nobelpreisen gingen nur 61 an Frauen. Aber ich habe meine #LINO23-Notizen jetzt für euch nochmals durchgearbeitet und präsentiere mit Stolz die fünf absoluten Top-Tipps (keiner davon länger als sieben Worte!) von Menschen, die einen Nobelpreis gewonnen haben, für Menschen, die einen Nobelpreis gewinnen wollen!

  1. Fokussiert euch obsessiv!

  2. Geht nicht mit dem Mainstream!

  3. Glaubt an das Unerwartete!

  4. Seid geduldig und hartnäckig!

  5. Macht auch mal Urlaub oder was anderes!

Na, könnt ihr alle Haken setzen? Klappt es schon? Kriegt ihr den nächsten Nobelpreis? Macht es einfach wie mein Hund: Der kann sich auch obsessiv fokussieren (auf die nächste Dose Hundefutter zum Beispiel), geht nicht mit dem Mainstream (sondern lieber mit mir Gassi), glaubt an das Unerwartete (eine zweite Dose Hundefutter, oder etwas, das vielleicht auf den ersten Blick gar nicht nach Dose Hundefutter aussieht aber trotzdem essbar ist), ist geduldig (im Warten auf die nächste Dose), und macht auch mal Urlaub oder was anderes (siehe 2.-4., Foto)

Lorenz mit Hund Humboldt im Arm, im Gegenlicht vor einer Obstplantage (Öffnet in neuem Fenster)

Vielleicht liegt die Tatsache, dass der Hund noch keinen Nobelpreis gewonnen hat, weder am Hund selbst (er bestreitet es jedenfalls), noch an den fünf Top-Tipps, sondern an der Natur der Sache, denn: Wir können nicht von erfolgreichen Menschen Lebensweis(heit)en abschauen und daraus ableiten, was wir bräuchten, um ebenso erfolgreich zu sein. Wie Bayern München in dieser Saison spielt, sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, was es braucht, um den Titel zu gewinnen. Wenn das so wäre, könnten das alle einfach kopieren. Falls ihr sagt: Das gilt nicht bei unterschiedlichen Zusammensetzungen ganzer Teams. Okay. Dasselbe Argument gilt auch für den kognitiven Einzelsport Schach. Wir können noch so sehr versuchen, die Spiel- oder Lebensweise von Magnus Carlsen zu imitieren, einen Schachtitel garantiert das mitnichten (auch diese Analkugeln scheinen keinen nachhaltigen Erfolg zu garantieren...)  Alle Muster, die wir erkennen, können hilfreich sein, vielleicht sind sie auch notwendig, aber eben nicht hinreichend. Wir sollten nicht nur nachahmen, was erfolgreiche Menschen tun (z.B. diesen Newsletter abonnieren (Öffnet in neuem Fenster) und weiterempfehlen!), sondern auch vermeiden, was erfolglose Menschen tun. Also vielleicht. Ich glaube, ich frage noch mal den Hund.

Kategorie Aktuelles

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Adlungs Welt der Wissenschaft und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden