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Bist Du wirklich Du oder die Erfüllung Dir "unbekannter" Rahmenbedingungen?

Hallo an Alle!

Gestern hatte ich dieses Bild ohne nähere Erklärungen, wozu der Rahmen dienen sollte, als Rätsel hoch geladen.

Dadurch dass ich eben nicht gefragt habe: "Wie sollte ein Rahmen sein, wenn man erreichen möchte, dass jemand sein ganzes Potential entfaltet?" oder "Wie sollte ein Rahmen sein, wenn man Krebs eindämmen möchte?" haben Mitspieldende trotzdem eine Situation "gesehen" und aufgrund dessen eine Entscheidung getroffen. Das ist ganz normal und eine Heimtücke unseres Gehirns. 

Besonders gut kann man es an einem anderen ganz belanglosen Beispiel sehen. Eine Gruppe von Menschen sollte folgenden Satz lesen: "John wollte das Vogelhaus reparieren. Er schlug auf den Nagel, als sein Vater hinzukam." Anschließend fragte man mehrere Worte ab, ob sie in dem Text vorgekommen waren. Fast alle meinten das Wort HAMMER gelesen zu haben, weil bei uns im Kopf bei dem Wort "schlug" das Bild eines Hammers erscheint. Scobel hatte dazu mal ein interessantes Video gemacht.

Unsere Empfindungen sind immer wahr, auch wenn sie unterschiedlich sind. Die Frage ist aber, was sehen wir, was diese Empfindungen ausgelöst hat. Ich finde diese Beispiele spannend, weil sie zeigen wie wichtig es ist im Dialog zu bleiben und einander zu sagen, was man sieht ohne dem anderen dabei seine Empfindung abzustreiten. Gerade in wichtigen Fragen und Debatten wäre es toll, wenn man im Hinterkopf behält, dass wir uns dessen bewusst sein müssen, welche Streiche uns unser Gehirn spielt.

Und den zweiten Aspekt, dass Rahmenbedingungen uns prägen bevor wir verstanden haben, dass sie es tun, empfinde ich ebenso wichtig, besonders bei der weitreichenden Entscheidung wie Bildung gestaltet sein sollte. Bisher habe ich den Eindruck, dass wir noch viel zu viel in einer Art Dauerschleife weiter geben, was uns selbst das Leben schwerer macht.

Der Niederländer Geert Hofstede hat ein sehr interessantes Buch über die Auswirkungen von Rahmenbedingungen geschrieben. Es erschien in Deutschland unter dem Titel „Lokales Denken, Globales Handeln“ . Hätte man den Originaltitel aus den 80er direkt eins zu eins übersetzt, dann wäre es griffiger geworden, dann würde es nämlich die kulturellen Auswirkungen heißen. Und ich persönlich hätte es noch griffiger gefunden, wenn der Buchtitel eine Frage wäre. Nämlich angelehnt an die Überschrift dieses Artikels: „Bist Du die Erfüllung der Rahmenbedingungen, die Dich geprägt haben oder bist Du wirklich Du?“

Das Buch beginnt mit einer Szene aus dem Klassiker „Die 12 Geschworenen“. Da geraten der 10. und der 11. Geschworene aneinander. Der 11. Geschworene beginnt seine Einwände meistens mit dem Wort: Verzeihung. Und der 10. Geschworene ist davon ziemlich angenervt und sagt dann: „Verzeihung! Was sind Sie denn so verdammt höflich?“ Und darauf antwortet der 11. Geschworene mit dem entscheidenden Satz: „Aus dem gleichen Grund aus dem sie es nicht sind. Ich bin so erzogen.“ Unsere Herkunft prägt uns. Natürlich sowohl unser direktes Umfeld, unsere Familie, aber auch die Nation in der wir geboren wurden.

Geert Hofstede greift mit seinem Buch die Rahmenbedingungen verschiedener Nationen auf. Es gibt mehrere Kriterien, z. B. ob eine Nation eher weiblich oder männlich ausgerichtet ist. Und die unterschiedlichen Ausrichtungen führen in der Folge auch zu unterschiedlichen Auswirkungen auf das Verhalten der Menschen. 

Hierzu ein kurzer Auszug aus seinem Buch:

Studenten aus Ländern mit starker Unsicherheitsvermeidung sehen in ihren Dozenten Experten, von denen sie alle Antworten erwarten. Dozenten mit verschlüsselter, wissenschaftlicher Ausdrucksweise genießen hohes Ansehen; manche große Lehrmeister aus solchen Ländern schreiben in einem derart schwierigen Stil, dass man Kommentare von Normalsterblichen benötigt, die einem erklären, was der große Meister eigentlich meint. „Deutsche Schüler werden in dem Glauben erzogen, dass alles, was einfach und verständlich ist, dubios und wahrscheinlich unwissenschaftlich sei.“ Sätze in französischen wissenschaftlichen Büchern sind nicht selten eine halbe Seite lang. In solchen Ländern werden sich Studenten in der Regel nicht zu intellektuellen Ansichten bekennen, die von denen ihrer Dozenten abweichen. Ein Doktorand, der sich in einem wichtigen Punkt im Widerspruch zu seinem Doktorvater sieht, hat die Wahl, entweder seine Meinung zu ändern oder sich einen anderen Doktorvater zu suchen. Intellektuelle Meinungsverschiedenheiten in wissenschaftlichen Fragen werden als persönliche Illoyalität verstanden.

Studenten aus Ländern mit schwacher Unsicherheitsvermeidung akzeptieren einen Dozenten, der „Ich weiß es nicht“ sagt. Ihr Respekt gilt Dozenten, die sich klar ausdrücken, und Büchern, die schwierige Sachverhalte in einfacher Sprache erläutern. Intellektuelle Meinungsverschiedenheiten in wissenschaftlichen Fragen gelten in solchen Kulturen eher als anregend; uns (kurze Anmerkung von mir: mit uns meint Hofstede in dem Fall seine Heimatnation die Niederlande)  sind Professoren bekannt, die es bei einem Doktoranden positiv bewerten, wenn dieser eine kritische Haltung zur Einstellung seines Doktorvaters einnimmt. 

Soweit der Auszug!

In Deutschland sind die Rahmenbedingungen so gesetzt, dass man Unsicherheiten vermeiden möchte und in Großbritanien sind die Rahmenbedingungen so gesetzt, dass man Unsicherheiten aushalten kann. Wir erinnern uns bestimmt alle noch an das Brexit-"Gehampel". Nationen die Unsicherheiten vermeiden möchten, konnten dieses "Gehampel" schon aus der Position des Zuschauers kaum noch aushalten und die Briten haben weiter diskutiert und weiter diskutiert.

Der wirtschaftliche Verlust ist das eine, wie schwer der menschliche Verlust noch wiegen wird, dass die Briten nicht mehr mit dabei sind, dass wird wohl erst in vielen Jahren greifbar sein ...

Wenn Euch interessiert, was Euch „unbemerkt“ geprägt hat oder Ihr Euch schon mal gefragt habt, warum der Deutsche so Leistungsorientiert ist oder warum es in Deutschland  weniger Risikokapital gibt als in anderen Nationen, oder, oder …  Dann kann ich dieses Buch nur empfehlen, weil damit offenbart sich die eigene Prägung, aber eben auch die Prägung der anderen Nationen. Mit diesem Buch kann man zu einem viel größeren interkulturellen Verständnis kommen. Mir hat das Buch gut gefallen. Auch so eines dieser Bücher, die eigentlich in keiner Schule fehlen sollte ...

Herzliche Grüße

Bettina

P.S.: Noch 92 Tage bis zum Weltfrieden! ; )

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