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Warum haben wir Angst vor dem Tod?

Hallo an Alle!

Andrew Hasse filmte einen Tag im Leben seines Großvaters Herbert Fingarette. Ein kurzer Film der sich anzusehen lohnt. Vorsichtshalber sollte man ein Taschentuch bereit halten.

In dem Moment als der Film entsteht lebt Herbert Fingarette schon fast ein Jahrhundert. Er empfindet es als eine interessante Erfahrung 97 Jahre alt zu sein und ihm wird klar, dass diese Erfahrung nur wenige verstehen können. Bevor er diese Erfahrung nicht selbst gemacht hatte, war ihm nicht bewusst, was es heißen wird so alt zu werden.

Als er 77 Jahre alt ist veröffentlicht er eine philosophische Abhandlung zum Thema Tod. Da kann er es noch ganz rational sehen. Je höher die Wahrscheinlichkeit allerdings wird, dass es nicht mehr lange dauert bis er stirbt, verändert seine Sichtweise. Er bekommt den Eindruck sich selbst angelogen zu haben.

Wenn Ihr ein Taschentuch griffbereit positioniert habt, schaut mal rein:

An einer Stelle bin ich gedanklich hängen geblieben ... als im bewusst wird, dass er erst jetzt die leichte Bewegung, die der Wind in den Blättern der Bäume erzeugt, zu schätzen weiß.

Es ergab sich in meinem Leben so, dass ich recht früh schon über den eigenen Tod nachdachte. Wahrscheinlich weil es sich einfach aufdrängte.

So habe ich als junge Frau schon ein Ritual etabliert, dass mir den Umgang mit dem eigenen Ableben erleichtert. Ich überlege mir jeden Abend, ob ich sterben könnte. Ich weiß, dass sich dieses Ritual für viele ganz schlimm anhört, aber ich empfinde es so, dass ich dadurch intensiver und bewusster lebe.

Eine Frage ist mir in dem Zusammenhang jeden Abend wichtig: ob ich etwas an diesem Tag gemacht habe, was ich ganz bewusst in seiner ganzen Schönheit wahrgenommen habe. So wie Herbert Fingarette die Bewegung des Windes in den Blättern der Bäume bewundert. Muss ich feststellen, dass ich an diesem Tag aus welchen Gründen auch immer nichts mit vollem Bewusstsein und einsetzen aller Sinne getan habe, dann habe ich noch die Möglichkeit in die Nacht zu blicken. Vielleicht lassen sich gerade noch ein paar Wolken vom Wind anschieben, vielleicht kann ich die Sterne sehen, vielleicht den Mond, vielleicht höre ich noch eine Grille, vielleicht spüre ich noch den Wind im Gesicht, vielleicht weht noch ein Duft von frisch gebackenem Brot aus der Bäckerei herüber ...

Wenn ich etwas ganz bewusst getan habe und der Tag etwas enthalten hat, wofür ich leben möchte, dann fühlt es ich gut an mich hinzulegen und zu akzeptieren, dass ich morgens nicht mehr aufwache. Dieses Ritual macht mir mein Leben nicht trauriger, sondern reicher.

Ich habe natürlich noch lange nicht umgesetzt, was ich alles umsetzen möchte und mir brennt auch noch vieles so unter den Nägeln, dass ich möglichst noch sehr lange leben möchte. Aber was im Laufe eines Tages möglich war, weiß ich habe ich getan.

Wie gehst Du mit dem eigenen Tod um?

Herzliche Grüße

Bettina

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