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Fast vier Monate ohne gemište Gefühle ist für mich unvorstellbar, weil gemište Gefühle mein default mode sind und deshalb immer in mir. Aber im Alltag fehlte in den letzten Monaten oft die Zeit, um in Ruhe über diese Gefühle nachzudenken und um darüber zu schreiben. Und manchmal  fühlte sich der Weg vom Herz über den Kopf in ein Word-Dokument auch einfach zu weit und zu schwer an. Aber jetzt ist der Newsletter erstmal zurück und ich bin froh, dass ihr alle noch dabei seid und dass neue Menschen dazugekommen sind. Danke dafür, fürs Lesen und für euch! Mia 

In meinem Leben gab es nie arme Menschen, obwohl ich zu verschiedenen Zeiten meines Lebens selbst von Armut betroffen war. In meiner Kindheit und Jugend zum Beispiel, später während des Studiums und als Praktikantin bei einer Tageszeitung in Berlin, die eigentlich zugesichert hatte, ein Praktikant*innengehalt zu zahlen, um am ersten Tag des Praktikums zu erklären, dass Geld leider knapp sei und das Gehalt für Praktikant*innen deshalb gestrichen. Ich hatte fest mit den 400 Euro gerechnet. Das WG-Zimmer zahlten meine Eltern, die noch ein bisschen mehr drauflegten. Aber für Lebensmittel, das Ticket für den Nahverkehr, das ich brauchte, um zur Arbeit zu kommen und um zu Rechercheterminen zu fahren, die Mobilfunkrechnung, die Rezeptgebühr für mein Migränemedikament oder wenigstens genug Geld für Paracetamol – das alles und was sonst anfiel, würde ich ohne das Gehalt nicht bezahlen können.

Eine Weile kam ich trotzdem irgendwie zurecht dank Essensgutscheinen für den Italiener unten im Verlagshaus. Wie andere Praktikant*innen hatte ich davon ein paar bekommen, weil die Redaktion wegen des gestrichenen Gehalts ein schlechtes Gewissen hatte. Einen Teller Nudeln gab es dafür, eine warme Mahlzeit am Tag. Als die Gutscheine aufgebraucht waren, holte ich mir mittags ein belegtes Brot in der Kantine, die der Redaktion auch als Konferenzraum diente, abends kochte ich Nudeln, erst mit Butter, später ohne. Weil das Geld bald auch dafür nicht mehr reichte, kaufte ich nach der Arbeit in einem Netto um die Ecke einen Becher Hüttenkäse, den ich für Abendessen und Frühstück einteilte. Wenn der Hunger bei der Arbeit so groß wurde, dass ich vor Kälte und Müdigkeit und Ziehen im Magen nicht klar denken konnte, ging ich in die Konferenz-Kantine, wo mir Nancy einen Tee kochte. Nancy leitete diese seltsame Kantine, was bedeutete, dass sie meistens in einem Raum ohne Tageslicht Brote schmierte für Menschen, die Uwe, Waltraud, Robin oder Susanne hießen und die all die Brote selten kauften. Die Leute im Verlag waren anders als Nancy und ich, was wir beide wussten, aber darüber gesprochen haben wir in den drei Monaten meines Praktikums kein einziges Mal, obwohl ich oft bei Nancy in der Kantine saß. Meistens stellte sie mir den Tee auf den Tisch. Wenn sonst niemand im Raum war, setzte sie sich zu mir. Manchmal schenkte Nancy mir ein Brot und legte mit den Worten „Ein bisschen Vitamine“ noch eine Essiggurke auf den Teller.

Wer wenig Geld statt arm sagt, will auch sagen: Es liegt nicht an mir, ich bin nicht faul und asozial

Rückblickend würde ich nicht sagen, dass ich damals arm war. Ich hatte einfach nicht so viel Geld wie andere. So würde ich es sagen, denn so habe ich es zuhause gelernt und immer wieder auch von Bekannten und Verwandten gehört, wenn die von ihren Leben voller Entbehrungen erzählten. Wenig Geld, nicht arm – dieser Unterschied war immer wichtig, für mich ist er es bis heute,  weil wenig Geld zu haben nach einem Zustand klingt, dem man entkommen kann, während arm wie eine Eigenschaft wirkt, wie ein bleibender Makel, als der Armut einem von Außenstehenden ja oft auch ausgelegt wird. Gerade das macht diesen Unterschied so wichtig. Wer wenig Geld statt arm sagt, will auch sagen: Es liegt nicht an mir, ich habe nichts falsch gemacht, bin nicht faul und asozial – auch Makel oder vielmehr Eigenschaften, die man Menschen in Armut oft zuschreibt. 

An den Vorurteilen gegenüber Armutsbetroffenen  hat sich trotz gesellschaftlicher Diskussionen über Armut, Klassismus und Gerechtigkeit bis heute wenig geändert. Eher haben sie zugenommen. Das haben die Leiter*innen der Mitte-Studie festgestellt, die alle zwei Jahre von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt wird. Im Untersuchungszeitraum 2018/2019 gab fast die Hälfte der Befragten an, Langzeitarbeitslose – eine der Gruppen, die in Deutschland am stärksten von Armut betroffen sind – seien nicht an Arbeit interessiert und würden sich auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen. „Verglichen mit anderen Facetten gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit erreicht die Abwertung von Langzeitarbeitslosen den zweithöchsten Wert und liegt nur hinter der Abwertung von Asylsuchenden“, hielten die Studienverantwortlichen später fest. In früheren Jahren war das Urteil über Langzeitarbeitslose weniger hart ausgefallen. Wieso mehr Menschen so negativ auf diese Armutsbetroffenen blicken, ist nicht ganz klar. Aber man kann es sich ungefähr denken in einer Welt, in der immer noch oft von „der Leistungsgesellschaft“ die Rede ist, in der jede*r für das eigene Glück und Unglück verantwortlich sein soll.

Dass es niemand, auch nicht in Deutschland, nur oder vor allem durch Leistung nach oben bringt, haben Wissenschaftler*innen oft genug nachgewiesen. Und selbst wo große individuelle Spielräume existieren, wirken immer strukturelle Bedingungen hinein. Diese Strukturen führen in Deutschland dazu, dass vor allem drei Gruppen unter den 13,8 Millionen Menschen vertreten sind, die hier als arm gelten: Familien mit mehr als drei Kindern, Alleinerziehende und Erwerbslose. Man kann versuchen, sich, diesen Gruppen und allen 13,8 Millionen Armutsbetroffenen einzureden, die Leute seien selbst schuld, hätten alle den falschen Beruf gewählt, seien zu anspruchsvoll, nicht ehrgeizig genug, asozial, hätten zu viele Kinder bekommen oder vielleicht auch nur eines mit der falschen Person. Doch das Gerede vom angeblich individuellen Versagen und persönlichen Fehlentscheidungen hat am Ende nur einen Zweck: nämlich menschenverachtendes Verhalten gegenüber Armutsbetroffenen zu rechtfertigen.

Erst Mitte Juni konnte man das wieder beobachten. Da gab Baden-Württemberg bekannt, Rückforderungen gegenüber Hartz IV-Empfänger*innen prüfen zu lassen, sollten die für ihre Kinder 9-Euro-Tickets kaufen. Schüler*innentickets für den öffentlichen Nahverkehr werden in den meisten Ländern aus dem Bildungspaket des Bundes bezahlt. Weil der Zuschuss über neun Euro liegt, sah das baden-württembergische Wirtschaftsministerium eine „ungerechtfertigte Bereicherung“. Allein über das Wort Bereicherung könnte man lange diskutieren bei diesem Zuschuss, der  je nach Kommune ungefähr 50 Euro pro Monat beträgt. Noch bezeichnender war aber das Wort ungerechtfertigt, denn es legte nahe: Hartz IV-Familien wollen sich da etwas holen, das ihnen nicht zusteht, sie wollen den Staat betrügen und das lassen wir ihnen nicht durchgehen.

Der Bund stellte schnell klar, dass er Rückforderungen ablehnt, aber die öffentliche Diskussion war da nicht mehr aufzuhalten. Manche fanden Baden-Württembergs Ansatz richtig, anderen war es wichtig zu betonen, dass Hartz IV-Empfänger*innen sowieso viel zu nett behandelt würden. Und dann waren da noch jene, die sagten, arme Menschen hätten es doch schon schwer genug, man solle ihnen wenigstens das bisschen Geld lassen, das sei doch wirklich das Mindeste. Es war gut gemeint und fühlte sich für mich trotzdem falsch an, weil selbst in der Solidarität offensichtlich wurde, wie sehr wir uns daran gewöhnt und damit abgefunden haben, dass für Millionen Menschen in diesem Land das Mindeste reichen muss. Wäre es nicht so, wollten wir Armut abschaffen oder zumindest ihre Folgen abmildern, würden wir anders reden und argumentieren, wir würden mehr Unterstützung für Alleinerziehende fordern, für Familien mit mehr als drei Kindern, für Langzeitarbeitlose und für alle anderen.

Aber um etwas zu fordern, muss man wissen, woran es fehlt. Und schon da hört es oft auf. Also verlangen wir als Gesellschaft nicht, dass Schulmaterialien für Kinder von Hartz IV-Empfänger*innen vollständig bezahlt werden – denn wir wissen nicht, dass pro Kind und Schuljahr bloß 100 Euro vorgesehen sind, obwohl laut Untersuchungen das Doppelte nötig wäre. Wir bestehen nicht darauf, dass für diese Kinder die Verpflegung in Schulkantinen komplett finanziert wird, weil wir den Hartz IV-Regelsatz für Schulmahlzeiten nicht kennen: Er liegt bei weniger als einem Euro pro Monat. Wir erwarten nicht, dass jede Familie, die Arbeitslosengeld II bezieht, einen Internetanschluss gestellt bekommt, damit Schulkinder Hausaufgaben erledigen und Referate vorbereiten können, wofür sie oft das Internet brauchen. Oder vielleicht erwarten wir es doch, nicht wissend, dass der Staat für Familien, die auf Arbeitslosengeld II angewiesen sind, einen Internetanschluss nicht einmal bezuschusst.

Vielleicht wissen wir das alles nicht, weil es uns nicht interessiert oder weil wir selbst genug Probleme haben oder weil wir davon ausgehen, dass ein Staat wie der deutsche so viel Respekt vor Armutsbetroffenen haben sollte, dass er sie beim Leben unterstützt statt nur beim Überleben. Doch dafür bräuchte dieser Staat überhaupt erstmal eine konkrete Vorstellung davon, wo die Grenze zwischen Leben und Überleben liegt, was  noch genug ist und was schon zu wenig. Eine Vorstellung davon gibt es aber nicht. Stattdessen hält sich Deutschland wie die meisten Staaten der Welt an den 60 Prozent-Ansatz. Danach gilt man als arm, wenn das eigene Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Menschen im Land beträgt. Hier in diesem Land, in dem man oft das Gefühl hat, das es eigentlich viel lieber richtet und rechnet als zu dichten und zu denken, wird bei Armut zur Sicherheit  noch nach Haushaltsgrößen unterschieden, so dass man am Ende jedem Menschen in jedem Haushalt die persönliche Armutsgrenze zuweisen kann. Fast wirkt es, als hätte man Armut dadurch gut im Blick. Das Gegenteil ist der Fall.

„Ich schlage vor, dass wir die Definition arm auf jede Familie anwenden, deren Einkommen weniger als die Hälfte des mittleren Familieneinkommens beträgt, eine Grundlage für diesen Richtwert existiert nicht.“ –– Victor R. Fuchs

Denn die 60 Prozent-Grenze, die angeblich weiß, wo Wohlstand endet und wo Armut beginnt, ist eine Erfindung oder vielmehr willkürlich gewählt. Eingeführt hat sie der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Victor R. Fuchs 1967 in einem Aufsatz mit dem Titel „Redefining poverty and redistributing income“. Darin schrieb er „Ich schlage vor, dass wir die Definition arm auf jede Familie anwenden, deren Einkommen weniger als die Hälfte des mittleren Familieneinkommens beträgt,“,  und ergänzte, „eine Grundlage für diesen Richtwert existiert nicht.“ Gestört hat es niemanden. Andere Wissenschaftler*innen übernahmen Victor Fuchs Definition, aus 50 wurden irgendwann 60 Prozent – eine kleines Zugeständnis an Menschen in prekären Lebensverhältnissen, weil sich der Anteil der Armutsbetroffenen so etwas vergrößert. Nur ändert das nichts an der Tatsache, dass wir noch heute über Armut sprechen auf Basis einer Zahl, die auf den ersten Blick vielleicht sogar logisch und vertretbar erscheint, ohne es zu sein.

Abgesehen davon, dass man sich mit 61 oder 62 Prozent eines mittleren Einkommens im Alltag ähnlich wenig leisten kann wie mit 60 oder 59 Prozent, ist das absurdeste an dieser Definition, dass sie Armut als rein materielles Problem betrachtet. Gelöst wird es angeblich, wenn ein Staat die materiellen Bedürfnisse armer Menschen abdeckt: Dach überm Kopf, Nahrung auf dem Tisch, fertig. Ob in armen Familien jede*r ein bisschen Intimsphäre hat, ob Kinder zuhause Platz zum Spielen finden, ob die Nahrung nicht nur sättigt sondern Nährstoffe enthält – diese und sehr viele andere Fragen werden bei der gängigen Armutsdefinition nicht mitgedacht. Sie reduziert Menschen auf ihre Hülle, als wäre das Innen egal, als wären Ausgrenzung und Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und der Verlust von Selbstachtung nicht auch eine Form von Armut.

Dass es um mehr geht als um fehlende materielle Absicherung, nämlich um fehlende Verwirklichungschancen, hat der indische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Amartya Sen in seinem capabilities-Ansatz herausgearbeitet. Danach sollte jeder Mensch ein Leben führen, für das si*er sich selbstbestimmt entscheiden konnte und das ihr*ihm die Selbstachtung lässt. Dafür wiederum bräuchte es uneingeschränkten Zugang zu Bildung, sozialen Sicherungssystemen und zu Arbeit. Aber wegen undurchlässiger Gesellschaftsstrukturen lässt sich nichts davon durchsetzen, so Amartya Sen.

Anhänger*innen des Leistungsprinzips – darunter der deutsche Staat – können mit solchen Analysen selten etwas anfangen. Lieber setzt man auf „Fordern und fördern“, fordert dabei aber vor allem selbst von Armutsbetroffenen wie im Fall von Hartz IV-Empfänger*innen, die im Gegenzug für staatliche Hilfe jeden Lebensbereich finanziell durchleuchten lassen und jedes Job-Angebot annehmen müssen. Das Fördern beschränkt man dagegen selbst in Zeiten extrem gestiegener Lebenshaltungskosten darauf, Familien mit Hartz IV für jedes Kind 20 Euro mehr im Monat zu überweisen und dabei zu betonen, dass der Staat auf diesem Weg seiner Verantwortung für arme Menschen gerecht würde. Gleichzeitig plant dieser Staat, einen Millionenbeitrag bei Hartz IV-Maßnahmen einzusparen. 

Es ist der derselbe Staat, der nicht fragt, wie Alleinerziehende einen dritten Pandemie-Herbst und -Winter zwischen Erwerbs- und Care-Arbeit überstehen sollen. Ein Staat, der sich nicht dafür interessiert, dass Armutsbetroffene wegen immer weiter steigender Preise kaum noch frisches Obst und Gemüse kaufen können und dass es deshalb zu noch mehr Mangelernährung und gesundheitlichen Schäden kommt als sowieso infolge von Armut. Auch dass inzwischen 16,6 Prozent der Deutschen, also fast ein Sechstel der Bevölkerung und darunter immer mehr Berufstätige, mit solchen Sorgen kämpfen, wird hingenommen. Wie das möglich sei in einem der reichsten Länder der Welt, fragen Menschen deshalb manchmal zurecht. Aber die Frage impliziert, dass es keine Armut geben kann, wo Reichtum herrscht. Richtig ist: Nicht obwohl Deutschland zu den führenden Industrienationen der Welt gehört, gibt es hier so viel Armut – vielmehr ist die Armut so groß, weil Deutschland als Industrination so wohlhabend ist.

Karl Marx hat diesen Zusammenhang vor über 150 Jahren beschrieben,  Bertolt Brecht im Jahr 1934. „Reicher Mann und armer Mann standen da und sahn sich an. Und der Arme sagte bleich: Wär‘ ich nicht arm, wärst du nicht reich“, dichtete er in „Alfabet“. Viel eingängiger kann man nicht erklären, dass Armut keine Folge von Kapitalismus ist sondern seine Ausgangsbedingung. Nur weil die einen ihre Ressourcen im Kapitalismus einsetzen, ohne Zugriff zu bekommen auf das Ergebnis ihrer Arbeit, können andere sich daran bereichern. „Der globale Kapitalismus beruht immer noch auf enteigneter Arbeit. Auch wenn es sich dabei nicht mehr um direkte Versklavung handelt, gibt es immer noch Formen der abhängigen und halb-freien Arbeit“, fasst es die US-Philosophin Nancy Fraser zusammen, die auch Care-Arbeit zu den Arbeitsformen zählt, ohne die Kapitalismus nicht existieren kann.

Man müsste also beim Kapitalismus ansetzen, ihn abschaffen oder zumindest so stark reformieren, dass er keine Armut mehr hervorbringt. Aber warum sollte ein Staat das tun, dessen Volkswirtschaft durch Kapitalismus aufrechterhalten und gestärkt wird und in dem der Zugang zu politischer Macht von Parteispenden abhängt, die Konzerne und andere Kapitalismusprofiteure finanzieren? Ein solcher Staat würde nicht lange fortbestehen, auch weil er durch das Ende von Armut ein Druckmittel verlieren würde, das er nicht nur gegen arme Menschen richtet sondern gegen alle – was uns alle von Armut betroffen und deshalb zu Armutsbetroffenen macht, selbst wenn wir finanziell eigentlich gut dastehen. Wie der Staat mit Armut als Druckmittel vorgeht, ist gleichermaßen einfach wie perfide, es braucht nur den Satz „Wenn wir jetzt nicht alle Opfer bringen, werden in Zukunft mehr Menschen in Armut leben“. Arm will niemand sein, und so wird Armut zum Schreckensszenario, das Leute antreibt, noch mehr zu leisten, sich und anderen noch mehr zuzumuten und abverlangen zu lassen – 42-Stunden-Woche statt 40, Rente mit 67 statt mit 65. Nahezu alles lässt sich durchsetzen mit der Androhung von Armut. Die Methode ist zynisch und zeigt gleichzeitig: Armutsbetroffene brauchen den Staat, aber der Staat braucht auch Armutsbetroffene, und sei es nur, um den Rest der Bevölkerung vor sich hertreiben zu können, indem er auf Menschen in Armut zeigt und sagt: „So wollt ihr doch nicht enden, oder?“

Hat man diesen Zusammenhang begriffen, wird klar, warum politisch so wenig gegen Armut getan wird und warum wir inzwischen eine „Vertafelung der Gesellschaft“ erleben, in der die Sorge um arme Menschen zunehmend Wohlfahrtsorganisationen überlassen wird. Der Staat oder vielmehr die SPD-geführte Regierung von Olaf Scholz kümmert sich währenddessen um Ober- und Mittelschicht, aktuell vor allem um letztere, für die man Maßnahmen wie Tankrabatt und 9-Euro-Ticket erlassen hat. Das war strategisch klug, musste aber vor allem sein, weil Menschen aus der Mittelschicht neuerdings spüren, was sie lange nicht erkannt haben, weil Politik davon abgelenkt hat durch das ewige Mantra der wichtigen Mittelschicht, die man um jeden Preis schützen und stützen müsse. Jetzt zeigt sich umso deutlicher: Auch um die Mittelschicht kümmert sich der Staat kaum. Deshalb müssen Menschen, die sich immer dazu gezählt haben und die womöglich stolz darauf waren, nicht mit wenig Geld dazustehen, nicht arm zu sein, plötzlich bei Lebensmitteln und bei anderen Ausgaben sparen, teilweise drastisch.

Es hat die eine weltweite Pandemie und den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gebraucht, damit mehr Leute als die 13,8 Millionen Armutsbetroffenen in Deutschland merken, dass die eigene Lage prekär ist, dass man sich durch den Satz „Leistung muss sich lohnen“ etwas hat vormachen lassen, dass man sich individuell noch so sehr bemühen kann – wenn bestimmte Strukturen wegfallen oder nicht mehr tragen, wird das alles nicht reichen. Gewarnt wurde davor schon länger, etwa im Buch „Working Class“ von Julia Friedrichs. Die Journalistin schreibt darin über Arbeiter*innen, meint damit aber nicht nur Arbeiter*innen im klassischen Sinn sondern generell Menschen, die Geld verdienen und trotzdem kein finanzielles Polster haben. Unideologisch und auf Basis von Fakten erfährt man in „Working Class“, dass es nur einen Weg gäbe, mehr neue Armut zu verhindern und die bereits bestehende zu verringern. Die Lösung wäre Umschuldung, aber „das Hauptproblem ist, dass die Interessen derer, die von solchen Maßnahmen profitieren würden, am schlechtesten organisiert sind: junge Menschen, Familien und viele Gruppen, von denen die Parteien wissen, dass sie seltener zur Wahl gehen“, sagt Julia Friedrichs.

Es gibt ein weiteres Problem. Denn nicht nur der Staat tut zu wenig. Auch die neue Working Class selbst schaue lieber weg oder vielmehr in die falsche Richtung, schreibt Julia Friedrichs. Lieber blicke man, typisch Mittelschicht, zu jenen hoch, die es besser hätten, hoffe, selbst einen Aufstieg hinzulegen, wenn man sich nur genug anstrenge, mehr leiste und wenn Politik nicht dazwischenfunke. Und so wehren sich Menschen aus der Mittelschicht dann gegen die Erbschaftsteuer, obwohl ihr überschaubares Erbe, sofern sie denn je eines bekommen, nicht mal unter diese Steuer fallen würde. Eigentlich müsste zumindest die untere Hälfte der der Mittelschicht ihren Blick auf Armutsbetroffene richten und sich mit ihnen solidarisieren. Aber diese Solidarität existiert kaum. Woran genau es liegt – ob Menschen aus Mittelschicht sich für wohlhabender halten als sie sind und deshalb glauben, weit von Armut entfernt zu sein, ob sie gegen verinnerlichtes Leistungsdenken nicht ankommen oder ob sie einfach keine Kraft haben, was weniger an zwei Jahren Pandemie liegt als am Leben im Kapitalismus – am Ende spielt das fast keine Rolle, weil das Ergebnis immer gleich bleibt. Die Situation spitzt sich weiter zu und ein immer größerer Teil der Bevölkerung lebt nicht gut sondern überlebt irgendwie.

Was es bräuchte, wäre Widerstand, aber woher soll der kommen in einer Zeit, in der das Engagement bei Gewerkschaften und Parteien so niedrig ist wie zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg? In einem Land, in dem viele Menschen so erschöpft sind, dass die Kraft nur noch reicht für die Revolution vom Sofa, auf dem man sich abends darüber ärgert, wie der Staat mit Langzeitarbeitslosen umgeht, und gleichzeitig verzweifeln möchte bei dem Gedanken daran, wie das eigene Einkommen reichen soll, wenn die Preise noch weiter steigen.

„Woraus bestehen wir jenseits von Hunger und Wut“, las ich neulich in einem Essayband der kanadischen Dichterin Anne Carson. Beim Nachdenken über diesen Satz fiel mir ein, dass mir damals während des Praktikums vor Hunger sogar die Kraft fehlte, um wütend zu sein über so viel Ungerechtigkeit. Heute muss ich nicht hungern und bin wütend, aber mir fehlt die Kraft fürs Aufbegehren. „Was tun wir hier und warum sind unsere Herzen nicht zu sehen“, auch das stand bei Anne Carson, und ich dachte darüber nach, dass es für wütendes Aufbegehren hungrige Herzen braucht. Seither frage ich mich, ob die meisten von uns noch zu satt sind, ob es schlimmer kommen muss, damit sich etwas ändert, damit wir beginnen, etwas zu verändern. Und ich fürchte, die Antwort ist: Ja.

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