COHEED AND CAMBRIA - vorab aus FUZE.111

PROGRESSIV UND SANFT. Seit fast 25 Jahren erzählt die Band aus New York eine vielschichtige, spannende und tragische Space Opera aus einem eigens erschaffenen Universum. Dabei so konstant hochwertige musikalische Werke zu releasen und das nebenbei mit einer guten Story zu kombinieren, dass schaffen dieser Tage nur ganz wenige. Natürlich muss man sich einlassen auf den Mix aus Härte und poppigen Melodien, gekleidet in einen Mantel aus Prog-Rock, sowie auf diese episch-tragische Heldenreise und die Story vom ewig währenden Kampf zwischen Gut und Böse. COHEED AND CAMBRIA liefern mit „Vaxis III: The Father Of Make Believe“ charmant, gekonnt und kreativ wie eh und je ihr elftes Album ab. Wir haben Gelegenheit, mit Frontmann und Mastermind Claudio Sanchez zu sprechen.

Foto: Jimmy Fontaine
Es ist immer interessant zu wissen, wie die Zeit zwischen zwei Alben bei Bands aussieht. Nun steht mit dem neuen Album auch ein neues Kapitel in eurer Bandgeschichte an. Wie sah der kreative Prozess, aber auch euer Leben zwischen „Vaxis II“ und „Vaxis III“ so aus?
Ich war mit „Vaxis II: A Window Of The Waking Mind“ verdammt happy. Ich finde wirklich, dass das eins unserer besten Alben ever war. Natürlich gab es irgendwann mal einen Plan, auf wie viele Kapitel der „Vaxis“-Zyklus ausgelegt sein soll, und plötzlich sitzt du da und fragst dich, wie es nun weitergehen soll. Die Geschichte hatte ich zwar bereits im Kopf, aber es muss natürlich auch den Raum geben, die Musik dazu zu schreiben. Also haben wir sofort nach der Veröffentlichung von „Vaxis II“ wieder mit dem Schreiben begonnen. Relativ früh waren bereits Songs wie „Goodbye, sunshine“ oder „One last miracle“ fertig. Und du schreibst und schreibst und plötzlich wirft dich ein Todesfall im nahen Umfeld aus der Bahn und verschiebt den Fokus komplett und somit auch ein Stückweit die Themen, mit denen du dich befasst. Mein Onkel starb sehr jung und meine Tante war plötzlich Witwe. Das alles hat mir sehr stark vor Augen geführt, wie vergänglich alles ist. Ich meine ich werde auch älter und solche Dinge passieren nun leider häufiger. Dadurch begann ich mir vorzustellen wie das Leben meiner Familie ohne mich verlaufen würde, oder was passieren würde, wenn ich meine Frau verlieren würde. Nenn es eine Midlife-Crisis oder was auch immer. Ich habe jedenfalls angefangen, alles zu hinterfragen, mich selbst, meinen Weg bis hierhin und sogar COHEED AND CAMBRIA und das Konzept rund um die Band. War es richtig, eine Geschichte zu erfinden, in der ich meine Emotionen eher indirekt ausdrücke?
Gab es zu diesem Zeitpunkt ernsthafte Gedanken, COHEED AND CAMBRIA zu Grabe zu tragen?
Du gerätst in solch einer Situation sehr schnell in einen Strudel aus „Was wäre wenn?“, plötzlich habe ich mich gefragt, wie mein Weg aussehen würde, wenn es COHEED AND CAMBRIA nicht mehr gibt. Oder auch wie mein Leben verlaufen wäre, wenn es die Band in dieser Form nie gegeben hätte. Das alles hatte sehr starken Einfluss auf die Themen, die ich in „Vaxis III: The Father of Make Believe“ verarbeitet habe. Irgendwie ist es am Ende dann doch immer so, dass unsere Alben einen gewissen Lebensabschnitt beschreiben, oder vielmehr die Gedanken und Gefühle mit aufnimmt, die in einer bestimmten Zeit vorrangig waren. Das kann die Frage sein: Kann ich ein guter Vater sein? Oder: Kann ich die Erwartungen erfüllen, die an mich gestellt werden? Im Falle von „Vaxis III“ geht es sehr stark um die Frage: Was bringt die Zukunft? Den ersten Song auf dem Album, „Yesterday’s lost“, habe ich zum Beispiel in dem Moment geschrieben, als ich von der Beerdigung meines Onkels nach Hause kam. Da waren der Schmerz und der Verlust sehr präsent und ich musste das alles irgendwie verarbeiten. Oder nehmen wir auch „Goodbye, sunshine“. Der Song handelt davon, wie ich mir selbst über die Schulter schaue auf einer Beerdigung für COHEED AND CAMBRIA und Revue passieren lasse, welche wundervollen Dinge ich der Band zu verdanken habe, aber eben auch welche Opfer ich dafür bringen musste. In „Searching for tomorrow“ geht es genau darum, was der Titel aussagt. Die Suche nach einer anderen Zukunft und wieder die Frage: Wie würde die Zukunft aussehen, hätte ich die Band niemals gegründet? Wenn ich die Tracklist des Albums durchgehe, steht hinter jedem Song quasi eine dieser essentiellen Fragen, die ich mir gestellt habe und noch immer stelle.
Wünschst du dir manchmal, dich direkter ausdrücken zu können und nicht unbedingt immer mittels der Geschichte rund um Coheed und Cambria und die „Amory Wars“?
Ich glaube, dass ich keinerlei Beschränkungen habe, was das angeht. Ich kann mich sehr direkt ausdrücken oder eben in Form einer Erzählung, ohne dass ich die mir selbst gesteckte Spielfläche verlassen muss. Am Ende des Tages sind das alles Erlebnisse und Gedanken, die mir so auch direkt passiert sind. Also ist der Kern der Geschichte sehr authentisch, sehr wahr, auch wenn rundherum eine Märchen von Gut gegen Böse erzählt wird. Ich glaube jeder kann sich in den Themen und somit in den Songs wiederfinden. Es wird immer die Leute geben, die den Space- und Fantasy-Part bevorzugen, und dann eben die Leute, denen eben die Musik viel wichtiger ist. Beides funktioniert auch ohne den anderen Aspekt. Aber natürlich funktioniert beides zusammen am besten. Lass dich nicht vom Konzept abschrecken, die Themen sind sehr menschlich. Würde COHEED AND CAMBRIA auch ohne die Geschichte funktionieren? Ich glaube ja, denn die Inhalte würden die gleichen bleiben.
Die „Vaxis“-Saga ist auf fünf Teile ausgelegt, es stehen also noch zwei weitere an. Hattest du jemals Bedenken, wie du dieses selbst gesteckte Ziel erreichen kannst und zwei weitere Alben mit einer Geschichte gefüllt bekommst?
Grundsätzlich hinterfrage ich mich selbst sehr viel und arbeite immer an der Geschichte. Ich habe momentan auch noch nicht alle Facetten der restlichen beiden Kapitel ausgearbeitet. Ich weiß sehr genau, wie die Saga enden wird, aber ich lasse mir auf dem Weg dorthin den Freiraum, den ich brauche. Da ich immer viele alltägliche Themen verarbeite, wird auch immer genug Material für eine gute Story vorhanden sein. Das Leben bestimmt, wohin die Geschichte letztendlich führt. Ich habe immer geplant, dass „Vaxis“ aus fünf Kapiteln besteht. Es ist der fünfte Teil von „The Amory Wars“ und die Ziffer Fünf spielt eine große Rolle. Selbst der Name des Protagonisten Vaxis ist eine Anspielung auf die Fünf.
Als du damals COHEED AND CAMBRIA gestartet hast, gab es da bereits das Konzept rund um „The Amory Wars“? Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?
Ich war damals extrem unsicher und wusste nicht wirklich, wie ich mich ausdrücken sollte. Da dachte ich mir, vielleicht hilft mir eine Science-Fiction-Story dabei, meinen Gefühlen und Gedanken Ausdruck zu verleihen, ohne selbst der unbedingte Mittelpunkt von allem zu sein. Ich mag zu große Aufmerksamkeit auch heute noch nicht. Natürlich habe ich gelernt, damit umzugehen, aber ich mag es nach wie vor nicht besonders gerne. Die Idee zu COHEED AND CAMBRIA entstand, als ich zum allerersten Mal außerhalb der USA war. Mit 20 reiste ich nach Paris und die Stadt war für mich wie eine andere Welt, so wundervoll, so exotisch und irgendwie überirdisch. Ein wirklich großer Einfluss für die Entwicklung der Geschichte rund um COHEED AND CAMBRIA. Es passierte also quasi gleichzeitig, auch wenn es die grundsätzliche Idee etwas früher gab.
Wann hast du gemerkt, dass die Kombination aus Rockband und SciFi-Story für so ein großes Publikum funktioniert?
Das war bereits sehr früh, ehrlich gesagt. Wir hatten damals noch kein Album veröffentlicht. Es gab lediglich einen Song auf einem Sampler. Wir eröffneten als erste Band eine Show und für unsere damaligen Verhältnisse war dort die Hölle los. Es waren 300 Leute in einem viel zu kleinen Club und die sind ausgerastet. Nachdem wir aufgehört hatten zu spielen, war plötzlich niemand mehr im Club, ich dachte erst, die Leute sind kurz raus, aber es kam einfach niemand mehr, um die anderen Bands anzuschauen – was mir sehr leid für sie tat. Aber an dem Tag dachte ich mir: Oh Mann dass hier ist etwas Spezielles und kann wirklich funktionieren.
Gibt es in deinen Augen besonders wichtige Songs, denen COHEED AND CAMBRIA mehr zu verdanken haben als anderen?
Ich würde hier zu allererst mal „A favor house Atlantic“ nennen. Das Stück hat uns einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Als damals „In Keeping Secrets Of Silent Earth: 3“ veröffentlicht wurde, gab es schon sehr großes Interesse von Majorlabels, was wir so niemals erwartet hatten. Wir waren ja mit unserem Label Equal Vision auch total zufrieden. Aber natürlich haben wir mit dem Gedanken gespielt, wie man den nächsten Schritt machen könnte, und da hat ein so zugänglicher Titel wie „A favor house Atlantic“ uns natürlich viele Türen geöffnet.
Dass man uns damals in die Emo-Schublade gesteckt hat, war wohl auch einfach der Tatsache geschuldet, dass wir irgendwie anders waren und es eben keine passendere Kategorie gab.
Es spricht absolut für COHEED AND CAMBRIA und eure Vielseitigkeit, dass ihr euch von dem Emo-Kosmos emanzipiert habt und demnächst auf einem Festival in der Dominikanischen Republik zusammen mit TOOL, PRIMUS und MASTODON spielt. Ich kann mich an Zeiten erinnern als ihr mit THURSDAY auf Tour gewesen seid. Wie habt ihr diese Entwicklung erlebt?
Wir haben ja nie so wirklich in eine Schublade gepasst und immer zwischen allen Stühlen gesessen. Dass man uns damals in die Emo-Schublade gesteckt hat, war wohl auch einfach der Tatsache geschuldet, dass wir irgendwie anders waren und es eben keine passendere Kategorie gab. Ich stimme dir zu, dass uns unsere Vielseitigkeit viel mehr Möglichkeiten eröffnet hat als erwartet. Es hat schon seine Vorteile, wenn man mit so einer Bandbreite an Acts spielen kann. Ob das dann THURSDAY, LINKIN PARK oder eben TOOL sind, wir lieben es. Von TOOL persönlich zu einem Festival eingeladen zu werden, ist natürlich einfach irre und ehrt uns unendlich.
Nachdem eure letzte Europatour teilweise abgesagt wurde, brennt uns natürlich die Frage auf den Nägeln, wann ihr endlich wieder nach Deutschland kommt.
Es wird definitiv Zeit. Wir sind bereits bei der Planung, aber es gibt noch keine konkreten Daten. Unsere Fanbase hier ist riesig und wir lieben es, hier Shows zu spielen. Ich hoffe, dass es kurzfristig eine Tour zum neuen Album geben wird. Wir halten euch auf dem Laufenden. Wir peilen aber mal den Herbst an.
Carsten Jung