Literatur Work in Progress

Auf Abstellgleisen

Abstellgleise gibt es viel zu viele, fahr da mal ungebremst rein. 

II

„Du beschreibst die Welt, wie sie ist.” Traurig, einsam, schweigend: „nothing really matters to me…“ Ein von weit unten aufsteigende Gefühl, dass die Einsamkeit weh tut, fast schon körperlich. Es hilft nichts, sie nicht ertragen zu können: Sie ist einfach da. Heulen geht auch nicht. Und dann die Belehrer: Ich müsse das oder jenes tun. Auf jeden Fall, und nicht damit warten. Ich hätte Fortschritte gemacht. Es ist die Sehnsucht nach Schweigen, die wiederkommt: Bei solchen Sprüchen sowieso. Die Unwahrscheinlichkeit, dass sich Wünsche erfüllen. Von Hoffnungen ist keine Rede. Das zerscheiterte Leben, die Kette von Enttäuschungen; und wie vor einem Jahr: Unvorstellbar, dass sich jemand nach mir sehnt. Das fing schon an, als es hätte eigentlich anders sein müssen. Diese Kälte, das Dunkle, die Angst vor der Nacht, die ewigen Dead ends und Leute, die im Brustton der Überzeugung sagen: Du musst eine Therapie machen. Der Traum, dass sich der Schädel eines Kleinkindes öffnet, und aus der Öffnung, Loch kann man es schon nicht mehr nennen, ein grüner Krebs herauskommt. Du mit Deinem Seelenblues, sagt sie. Mutest ihn der ganzen Welt zu. Aber sie sagen doch alle, ich solle tun, was ich tun will.

Wo bleibt das Positive? Und was ist das überhaupt? Ich bin aufs Fahrrad gestiegen und einmal um den großen See gefahren. Allein. Der Teerweg durch den Wald, am alten Badestrand entlang, verwaiste Badestellen, das Restaurant, die Mühle. Ja, es ging auch mal bergauf. Ich weiß noch, wie das Laub geraschelt hat.  Und dass der Weg frisch asphaltiert war. Die Segelboote am Ufer, der Tierpark irgendwo die Anhöhe hinauf, das heute verlassene Hotel. Nur die alte Straßenbahn fuhr nicht mehr. Das ungute Gefühl, die Eisenbahn zu unterqueren, wenn die rote Diesellok mit ihren gründreckigen Wagen darüber wegfuhr. Hier kann mir keiner sagen, was ich tun soll. Damals sind wir den Bahndamm hochgeklettert und haben Pfennige auf die Schienen gelegt, die die große Dampflok zu Brei fuhr. Und einmal lag einer im Gras am Rand das Wegs: Reglos.

Kopfsteinpflaster vor der Tür, „Pfeffis“ im Konsum. Einschusslöcher im alten Putz, ein hoher Bretterzaun, die rote Plasteklinke an der Tür. Ja, wir haben Plaste gesagt und nicht Plastik. Im Friseur der Fassonschnitt,  eine weiße Papiermanschette um den Hals, Lakenumhänge, leise zwitschernde Scheren, vier Stühle. Die konnten nicht reich werden bei den Preisen. Alte Apfelsinen im Obstladen, ein Bunker unter dem merkwürdig erhöhten Platz, das Lutherdenkmal an der Liebknecht-Schule. Dann trappten sie in ihren Stiefeln vorbei, einfache Soldaten wie in Knoblauch gebadet, es gab Gerüchte, sie würden verprügelt. Die Schokolade eine Straße weiter schmeckte zu süß, der Bäcker fuhr früher Straßenbahn, und 400 Meter auf dem Sportplatz waren weit. Schwäne auf den Seen, eine Insel, die keiner kannte, Spazierwege über den Friedhof, das alte Straßenbahndepot. „Wann wird’s wieder mal so schön“; wer weiß das schon. Das Einmaleins der Bescheidwisser endet bei Zehn, es kann ja nicht anders gewesen sein, als sie denken: Du hast dort nicht gewohnt, ich schon.

Wir rannten über die Höfe, klauten halbreife Weintrauben von gegenüber, , Birnensaft lief uns über die Hände , der Gemüsehändler knatterte mit seinem alten Lieferwagen vorbei, Birken raschelten im Wind, und wenn er nach Hause kam, blieb er vor der Hoftür stehen, schaltete dann wohl und fuhr durch die ausgetretenen Spuren in die Garage unter der Veranda. Hübsche Höllen sind die schlimmsten, Abstellgleise gibt es viel zu viele, fahr da mal ungebremst rein. Spott, Gewalt, fertige Bilder von meinem Leben, die mir nicht gehören, Schimpfkanonaden mit einer Ohrfeige am Schluss, ich hätte bleiben sollen, als sie gehen wollten.

Heute entstellt, abgekämpft, zu viel allein: Warte nicht, sagen sie. Ich bin ein Vogel, den sie für eine Ente halten. Und sie nehmen sich nur, was passt – davon aber reichlich.

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