Dem Raum ein Gesicht geben – Isa Glink über die Kinnasand-Kollektion „Storylines“

Isa Glink ist seit 2002 Creative Director von Kinnsand. Foto © Mark Seelen

Euklid definierte eine Linie als „breitlose Länge“. Moderne Mathematiker sprechen von einer unendlichen Punktemenge ohne Breite und Höhe. Die Kreativdirektorin der Textilmarke Kinnasand Isa Glink spricht hingegen von der Linie als der Essenz jeglicher Kreativität. Ihre Begeisterung für dieses geometrische Element findet ihren Niederschlag in der neuesten Kollektion der zu Kvadrat gehörenden Marke, wobei der Name „Storylines“ denKern des Gestaltungsansatzes Glinks zum Ausdruck bringt.

„Storylines“ ist eine Kollektion von Vorhangstoffen, wobei die Idee der Linie als thematische Richtschnur fungiert. Sie umfasst Unis, Strukturen und Designs in unterschiedlichen Dichten von durchscheinend bis opak. Das Spektrum der Garne und Zwirne reicht von voluminös gesponnen über stark strukturiert bis hin zu feinen Metallfäden. Hervorzuheben ist die hohe Qualität der 18 Stoffe, die entweder aus Naturfasern oder Kunstfasern hergestellt werden. Wobei sich Letztere durch den Einsatz modernste Fertigungstechniken teilweise sehr natürlich anfühlen. Das Team von Isa Glink arbeitete für „Storylines“ mit herausragenden Handwerkskünstler*innen und Herstellern zusammen und schuf eine Kollektion, die vor allem durch die Vielfältigkeit der Materialität sowohl modern als auch zeitlos erscheint.

formfaktor traf Isa Glink im Mailänder Showroom und sprach mit ihr über die Linie als Inspirationsquelle, das strikte Trennen von Natur- und Kunstfasern sowie die Authentizität von Materialien.

formfaktor: Wie kamen Sie auf das Thema Linien für die Kollektion „Storylines“?

Isa Glink: Für mich ist die Linie ein unbedingter Ausdruck für unmittelbare Kreativität. Je mehr man sich mit der Linie beschäftigt, desto mehr sieht man Linien in allen Kulturkreisen – in der Architektur zum Beispiel. In der Kollektion habe ich dann den Bogen gespannt von der Linie als Ausdruck der Kreativität hin zum Faden in einem textilen Material, der eine Geschichte erzählt. Grundsätzlich kann man bei Textilien die Linie, also den Faden in verschiedenen Aspekten begreifen. In Bezug auf die Materialität, die Dimensionalität oder auch im Hinblick auf unterschiedliche Transparenzen. Jedes Textil erzählt eine eigene Geschichte und der Faden ist das grundsätzlichste Element jedes Gewebes und dieser Geschichte.

formfaktor: Wenn Sie eine neue Kollektion kreieren, ist der Ausgangspunkt immer thematisch oder spielen vielmehr auch praktische Überlegungen eine Rolle?

Isa Glink: Wenn wir eine Kollektion für Kinnasand erstellen, wollen wir immer eine Geschichte erzählen. Für mich ist dabei ganz wichtig, dass ich die Produkte in einen Kontext stelle. Durch das Erzählen einer Geschichte wollen wir uns abheben vom Ozean der Beliebigkeit auf dem Markt. Unsere Stoffe haben einen inneren Zusammenhalt. Gleichzeitig hat jeder Stoff eine Logik in sich und ist auf den Anwendungsbereich abgestimmt, wo er bestimmte Performance-Eigenschaften aufweisen muss.

formfaktor: Wie wichtig sind diese Faktoren bei Vorhängen – wie zum Beispiel, dass sie schwer entflammbar sein sollen?

Isa Glink: Grundsätzlich gibt es einen Unterschied zwischen dem Residential, also privaten Wohnbereich und dem professionellen Bereich von Hotels oder öffentlichen Einrichtungen, wo es bestimmte Richtlinien in Bezug auf den Feuerschutz gibt. In der Kollektion „Storylines“ decken wir beides ab. Außerdem ist die Kollektion zweigeteilt – in Man-Made- bzw. Natur-Materialien. Die Man-Made-Materialien (Anm.: synthetische Textilien) sind zum großen Teil für den Contract-Bereich geeignet und erfüllen alle Anforderungen des Brandschutzes. Aber auch der Bereich der Wohntextilien ist bei „Storylines“ ganz ganz wichtig. Was die Performance betrifft, beginnt das hier schon mit der Frage, kann ich den Stoff waschen?

formfaktor: Ich nehme an, auch die Farben spielen bei Wohntextilien eine wichtige Rolle.

Isa Glink: Wir haben Farbpaletten entwickelt, die zwar schon aus unserer Zeit sprechen, aber gleichzeitig auch eine gewisse Zeitlosigkeit besitzen. Hier wollen wir keinen Trends folgen.

Transparenzen sind eine wichtige Spielartbei der Gestaltung von Vorhängen. „Watercoulour“ aus der Kollektion „Storylines“ von Kinnsand bietet sanft getönte Farben, die den Charakter von Wasserfarben widerspiegeln. Dieses transluzente Unigewebe besteht zu 100 % aus einem schwer entflammbaren Polyestergarn. © Kvadrat

formfaktor: Welche Stoffe gibt es nun in der Kollektion „Storylines“?

Isa Glink: Bei den Man-Made-Stoffen verwenden wir hauptsächlich Trevira CS. Dabei haben wir auch Produkte entwickelt, die zu 80 % aus recyceltem Polyester bestehen, die aber von der Garnentwicklung her neu sind. Das heißt, sie haben einen ganz natürlichen Charakter, aber dennoch die notwendige Performance. Zum Beispiel haben wir eine Leinenstruktur, die fast zu einer Art Grafik wird. Ein ganz wesentlicher Aspekt in der Produktentwicklung ist für uns, dass die Haptik stimmt. Gerade auch Man-Made-Materialien sollen einen ganz natürlichen Charakter aufweisen. Beispielsweise ein sehr dichtes Gewebe, das fast japanisch wirkt und sich wie Baumwolle anfühlt, aber aus recyceltem Polyester besteht.

formfaktor: Woraus besteht das recycelte Polyester? Und streben sie 100 % recyceltes Material in Ihren Produkten an?

Isa Glink: Das Polyester wird aus PET-Pellets gewonnen. Also aus ehemaligen Flaschen. Wir versuchen mit den Produzenten so viel wie möglich umzustellen, aber wir können nicht alles auf einmal tun. Wir haben zum Beispiel noch bestehende Webeinstellungen und Produktionsketten, die aus Performance- und Maintenance-Gründen nicht so einfach umzustellen sind. In der Vorgängerkollektion von „Storylines“, bei „Monotypes“ hatten wir spezielle Produktionsketten, wo wir 100 % recyceltes Polyester verwendet haben. Was die Materialität anbelangt, wir in Zukunft ein Schwerpunkt sein, dass wir die synthetischen nicht mit den natürlichen Materialien mixen.

formfaktor: Diese Trennung ist das Ziel?

Isa Glink: Für unsere Kollektionsentwicklung schon. Wir haben bei „Monotypes“ damit begonnen, nur Monomaterialien einzusetzen. Und das haben wir mit „Storylines“ fortgesetzt. Wobei wir hier zum Beispiel bei den natürlichen Materialien Wolle mit Leinen oder Viskose mit Leinen mixen und daraus spezielle Haptiken entwickeln.

„Infuser“, ein skulpturaler Uni, verstärkt die kontrastierenden Farben durch seine Textur. Die Tiefe des Vorhangstoffs entsteht durch verschiedenfarbige Mouliné-Garne in Kette und Schuss. Aus Schurwolle und Viskose gefertigt, bietet ereine frische, dezent schimmernde Oberfläche. © Kvadrat

formfaktor: Wie sieht die Entwicklung einer neuen Kollektion in praktischer Hinsicht aus? Arbeiten Sie mit Partner*innen zusammen?

Isa Glink: Wir arbeiten ganz intensiv mit Produzenten zusammen, mit denen wir die Dinge entwickeln. Manchmal ist es so, dass wir mit einer neuen Idee zu einem Produzenten gehen und wir dann zwei oder drei Jahre lang brauchen, bis wir sie entwickelt haben. Das findet in engem Austausch mit unseren Webern, Druckern und Textilproduzenten statt. Für „Storylines“ (Anm.: für den Stoff „Cheno“)haben wir zum Beispiel mit einem belgischen Weber ein dreidimensionales Gewebe entwickelt, das auch das Konzept der Kollektion, die Linie widerspiegelt. Wir haben eine Technik festgelegt, uns mit dem Garn auseinandergesetzt und haben dieses Gewebe dann mit einem japanischen Hersteller umgesetzt. Das heißt, die Idee zu einem Material oder zu einer Grafik kommt von uns und dann schauen wir, mit welchen Techniken, mit welchen Querverbindungen und schließlich mit welchen Partnern wir diese Ideen umsetzen können.

Technologische Entwicklungen beineuen Materialien oder neue Techniken können wir am besten umsetzen, wenn wir uns in einen Trial-and-error-Modus begeben und unsere Prototypen entwickeln. Das ist ein langer Prozess. Kvadrat selbst arbeitet auch mit Universitäten zusammen. Wir haben viele Kooperationen, wo wir Dinge, die uns interessieren, direkt in die Kollektionen einfließen lassen können.

formfaktor: Welchen Stellenwert habenVorhänge imInterieur?

Isa Glink: Ich denke, dass Stoffe für einen Raum schon sehr bestimmend sein können. Vorhänge verleihen einem Raum Textur und Charakter. Das wird entweder über die Farbe transportiert oder die Materialität, über die Dichte oder die Transparenz. Je nachdem kann man einem Raum ein Gesicht geben.

formfaktor: Sie haben gesagt, sie wollen keine Trends. Dennoch - welche Trends gibt es bei Vorhängen?

Isa Glink: Ja, wir arbeiten nicht so stark mit Trends, sondern für uns ist interessant, eine Kollektion unter bestimmten thematischen Aspekten von innen heraus aufzubauen.

formfaktor: Keine Trends also. Aber als Kreative sind Sie dennoch Teil Ihrer Zeit und können da nicht heraus?

Isa Glink: Natürlich kann man nicht aus seiner Zeit heraus, aber ich würde sagen, dass Materialien schon auch eine eigene Sprache sprechen und eine eigene Authentizität besitzen. Durch die Wahl der Materialien und Techniken kann man Haptiken erreichen, die ganz individuelle Gestaltungswünsche ansprechen können. Mir fällt es schwer, den einen oder anderen Trend zu nennen. Es geht eher darum, die Menschen, die mit den Stoffen dann leben, zu ermutigen, entsprechend ihrer eigenen Vorlieben auszuwählen.

formfaktor: Individualität also?

Isa Glink: Ja, Individualität, Qualität, Haptik und eine gewisse Zeitlosigkeit.

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