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Warum das „Ja“ zu sich selbst so wichtig ist – und warum es dafür auch ein Ritual sein darf

Selbstliebe schön und gut – aber warum machst du das?“ war eine der völlig berechtigten Reaktionen zu meiner Hochzeit mit mir selbst. Ich glaube ja, dass es eigentlich sehr gesund wäre, wenn alle Menschen erst mal sich selbst heiraten, bevor sie sich der Herausforderung stellen, sich fest an einen anderen Menschen zu binden. Warum? Meine Erfahrung aus vielen, vielen Jahren in Beziehungen und auch aus 16 Jahren Ehe ist, dass ich eigentlich immer die Neigung hatte, in meinen Partnerschaften die Erfüllung meiner Bedürfnisse zu suchen, selbst wenn ich wusste, dass das eigentlich falsch ist und dass ich nicht einen anderen Menschen dafür verantwortlich machen kann, das Glück in mein Leben zu bringen. Und da meine ich jetzt gar nicht mal ganz große Dinge, sondern die vielen, vielen Kleinigkeiten, die tagtäglich nerven können, an denen man sich aber sehr aufreiben kann.

Eine gewisse Grundordnung ist eigentlich immer schon eines meiner Bedürfnisse gewesen. So kannte ich es aus meinem Elternhaus und so hatte ich es gehandhabt, seitdem ich mit 20 von Zuhause ausgezogen war. Ich bin kein pingeliger Mensch, aber ich habe immer diejenigen Phasen sehr genossen, in denen ich gut strukturiert war und habe das „klar Schiff machen“ vor größeren Aufgaben immer als stärkende Routine empfunden. Lernen für eine anspruchsvolle Klausur? Immer erst mal den Schreibtisch clean machen.

Mein Mann ist kein über die Maßen unordentlicher Mensch, aber schon unsere ersten Ehemonate (wir hatten zuvor nicht zusammen gewohnt) brachten die Erkenntnis, dass er eine enorm hohe Toleranz gegenüber wild herumliegenden Sachen mitbrachte. Ich versuchte verschiedene Taktiken: Ich kaufte einen kleinen Korb und sammelte mehrmals am Tag alle Dinge, die mein Mann hatte rumliegen lassen, ein und stellte das Körbchen auf seinen Schreibtisch (mitten auf dem Laptop), um ihn quasi zum Wegräumen zu nötigen. Das Ergebnis war so aberwitzig wie ernüchternd: Er stellte einfach mein Kramkörbchen zur Seite und arbeitet. Manchmal nahm er es auf dem Weg in die Küche mit (vielleicht sogar mit der Absicht die darin befindlichen Sachen zu verräumen) und ließ es dann aber wieder einfach mitten im Flur stehen. Dann versuchte ich es mit sachlichen Gesprächen. Die klangen dann ungefähr so: „Aber es ist ja nicht so, dass dein Herz an der Unordnung hängt, oder? Ich würde von dir nicht verlangen etwas zu ändern, was dir wirklich wichtig ist. Aber wenn dir das Thema Ordnung doch bestenfalls egal ist und es mir viel bedeuten würde, dass du hier aufräumst – kannst du das nicht einfach MIR ZULIEBE machen?“

„Mir zuliebe“ ist hier eigentlich das Stichwort. Ich glaube, dass ich einige Erwartungen an das Verhalten meines Mannes hatte, die ich in meinem Kopf mit „Liebe“ verband: DAS sind meine Bedürfnisse und wenn mich jemand liebt, dann erfüllt dieser Mensch meine Bedürfnisse. Versteht mich nicht falsch: Natürlich ist es in einer Beziehung wichtig, einander seine Liebe zu zeigen und idealerweise finden sich zwei, denen es aus eigener Initiative ein Anliegen ist, die Bedürfnisse des Partners zu erfüllen. Aber gerade weil und wenn wir merken, dass wir da jemanden in unserem Leben haben, dessen Zuwendung und Komplimente uns das Gefühl von „Ich bin wichtig und geliebt“ geben, kann dies sich das leicht zu einer sehr komplexen und umfassenden Erwartungshaltung entwickeln – und das umso stärker, je weniger wir in unserem Leben gelernt haben, für die Erfüllung unserer Bedürfnisse selbst zu sorgen. Das bedeutet: Je größer unsere Lücken in Selbstliebe sind, je mehr insgeheime Zweifel wir bezüglich unseres Wertes hegen und je weniger wir unser Äußeres mögen, desto mehr entwickeln wir eine Angewiesenheit gegenüber der Zuwendung unserer Partner. Bis hin dazu, dass es Partner in unangenehmer Weise regelrecht unter Druck setzen kann, wenn die Forderungen zu existentiell sind.

Ein Beispiel: Wenn ich mit meinem Äußeren nicht zufrieden bin und viel an mir auszusetzen habe und dann eine Beziehung beginne mit einem Mann, der mir durch sein sexuelles Interesse das Gefühl gibt, sexy und begehrenswert zu sein, dann werden sexuelle Durststrecken in der Partnerschaft zum Problem werden, weil mein Partner-abhängiger Marker für meine eigene Schönheit dann auf wackeligen Beinen steht. Ein entspanntes „Ist ja nicht schlimm, wir lassen uns Zeit“ ist dann kaum noch möglich, weil sofort ein „Findest du mich nicht mehr schön? Warum schläfst du nicht mehr?“ mit mir im Raum steht. Überall dort, wo wir uns so aufstellen, dass wir in einer Beziehung nicht frei geben und nehmen, sondern den anderen für unser gut-fühlen brauchen, belasten wir das Miteinander mit einer Hypothek, die in schwierigen Phasen zu einem enormen Stolperstein werden kann. Gerade im Blick auf etliche Seelsorge-Emails, in denen es um die Thematik „fremdgehen“ geht, sind „unerfüllte Bedürfnisse in der Partnerschaft“ offensichtlich immer wieder ein Hauptgrund. Und natürlich möchte ich nicht appellieren, in einer unglücklichen Partnerschaft zu verharren, sondern sich die Frage zu stellen: Muss denn meine Partnerschaft überhaupt all meine Bedürfnisse befriedigen? Brauche ich für die Erfüllung bestimmter Bedürfnisse einen Mann oder eine Frau an meiner Seite oder ist es nicht viel mehr gesund, mich zuallererst SELBST für meine Bedürfnisse zuständig zu fühlen. Denn nur, wenn wir sicherstellen können, dass wir unsere Partnerschaften nicht insgeheim fälschlicherweise verantwortlich machen sämtliche körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen, haben wir überhaupt erst die Freiheit, zu entscheiden, ob ein anderer Mensch zu uns passt und wir dauerhaft mit ihm glücklich sein können. Denn: Partnerschaften sind immer eine Mischung aus „es passt gut“ und „ich kann damit leben, dass es nicht passt“ - und das wird sich auch nicht ändern, wenn man sich neu verliebt. Die einzige Person, die ganz und gar mit unseren eigenen Bedürfnissen kongruent ist und zudem noch ein vordringliches Interesse daran hat, dass diese Bedürfnisse erfüllt werden, sind wir selbst.

Es erleichtert wohl Beziehungen ungemein, wenn wir in aller Freiheit unsere Wünsche einander mitteilen können, ohne einfordern zu müssen und wenn es möglich ist in unserer Erwartungshaltung an einen anderen Menschen locker zu lassen. Natürlich geht es nie ohne Gespräch, Entgegenkommen und Kompromisse, aber es entlastet, wenn wir einander nicht BRAUCHEN, um glücklich zu sein, sondern einander glücklich machen WOLLEN.

Ich bin noch nicht wirklich zufrieden mit mir - von Heirat mit mir selbst bin ich also noch sehr weit entfernt“ - ein weiterer Kommentar, der unter meinem Beitrag 2, 3 Mal zu lesen war. Mit Verlaub...ihr glaubt doch nicht wirklich, dass ich gerade JETZT den Entschluss gefasst habe, mich zu heiraten, weil ich endlich ein ausreichend liebenswertes Maß an Perfektion erreicht habe? Um ganz ehrlich zu sein: Das genaue Gegenteil ist der Fall: Mein Ja-Wort zu mir selbst fällt zufälligerweise und Gott sei Dank gerade in eine Lebensphase, in der ich nicht enttäuschter über mich selbst sein könnte. Und vielleicht damit gerade zur rechten Zeit. Und mal ehrlich? Stellt euch vor, Sie macht ihr einen formvollendeten Heiratsantrag und bekommt zur Antwort „Also grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, dich zu heiraten, aber etwas perfekter solltest du dann bitte schon noch werden – ich sag nur: mehr Sport, weniger Bauchspeck, mehr Geduld!“ Grundsätzlich müssen wir uns der Tatsache stellen, dass kein Mensch – angefangen mit uns selbst – perfekt ist. So sehr wir mit Blick auf uns selbst

wissen, dass es so ist, so sehr glauben wir seltsamerweise aber doch daran, dass es für unsere Partnerin easy möglich sein müsste, ein bisschen mehr dieses oder jenes... Aber glaubt mir: Den Müll nicht ständig überquellen zu lassen kann eine lang eingeprägte Marotte sein, die genauso schwer abzugewöhnen ist wie negative Gewohnheiten, mit denen ihr euch so rumplagt. Deswegen kann „bitte werde doch etwas perfekter – mir zuliebe“ keine Basis für eine Partnerschaft sein. Sollte aber auch nicht die Basis sein, um ein aufrichtiges „Ja“ für sich selbst zu finden. Denn im Grunde genommen geht es, wenn wir jetzt mal ein wenig rosarote Brille beiseite schieben, bei jedem ehelichen „Ja“ genau um diese Entscheidung: „In guten wie in schlechten Tagen“. Und da denken wir jetzt vielleicht ganz romantisch, dass die guten Tage die sind, in denen wir Händchen haltend am Strand entlang laufen, und die schlechten Tage die, wo der Goldhamster stirbt und der oder die Liebste uns Taschentücher reicht – auch ganz romantisch beide Varianten. Tatsächlich sind aber die schlechten Tage die, wo wir mega entnervt feststellen, dass sie wieder unappetitliche Reste im Klo hinterlassen hat ohne zu putzen und dann auch noch zu spät von der Arbeit kam. Oder die Tage, an denen er stundenlang mit den Jungs zockt, obwohl sie sich schon seit Tagen einen Paar-Abend wünscht. Nach nunmehr 16 Ehejahren kann ich sagen: Veränderung ist definitiv möglich – so ist es nicht. Aber sie gedeiht doch besser, freier und entspannter, wenn sie nicht Voraussetzung für die Liebe ist.

Natürlich kann es sein, dass sich spontane Gefühle überschwänglicher Begeisterung nie einstellen, wenn ich mir meinen Bauch angucke. Doch was ist die Alternative? Selbst wenn ich mich entscheide, operativ eine Korrektur vornehmen zu lassen, ergeben sich doch spätestens im Prozess des Älterwerdens weitere Baustellen, die mich unzufrieden sein lassen. Es ist schier unmöglich alles zu korrigieren, was potentiell Grund für Unzufriedenheit sein könnte, denn das ist ein Fass ohne Boden. Mir erscheint die Entscheidung, die grundsätzliche und bedingungslose, dass ich mich ein Leben lang immer besser lieben lernen möchte, ziemlich alternativlos, wenn ich mich nach umfassender Liebe und Annahme sehne. Denn: Wie sollte jemand anders uns lieben, wenn wir es selbst nicht können? Wie sollten wir in einer partnerschaftlichen Verbindung in unserer Art zu lieben und anzunehmen wachsen, wenn wir das nicht mal uns selbst gegenüber können?

Und...braucht es dafür eine Zeremonie?“

Nein, natürlich braucht es das nicht. Wir können lieben und lieben lernen ohne eine Zeremonie. Aber ich bin sehr der Überzeugung, dass solche Rituale, die wir mit Liebe gestalten und vollziehen, sich anders einprägen und verankern. Mir hat es geholfen, mir einen Tag nur für mich zu schenken. Mir hat es geholfen, mal bewusst einen Tag ganz alleine in meiner Gesellschaft zu verbringen und bewusst zu spüren: Was da an Bedürfnissen kommen möge: ich bin zuständig. Und ja, es hat mir auch geholfen, meine Vorhaben schriftlich zu fixieren. „Ehegelöbnis“ klingt sehr hochtrabend und auch in meinen Ohren ein bisschen seltsam. Aber in mein Tagebuch zu notieren, wie ich mir den optimalen Umgang mit mir wünsche und dazu den Reminder, dass ich selbst allen Menschen mit gutem Beispiel vorangehen sollte, war mir wichtig. Man liest immer wieder, wie unglaublich wichtig es ist, dass wir anderen gegenüber unsere Grenzen aufzuzeigen. „Nutz mich nicht aus, urteile nicht über mich, sprich nicht respektlos mit mir“ - um dann selbst unsere schlimmsten Kritiker und (Ver-)urteiler zu sein. Es war mir wichtig zu wissen: Ich habe mir das versprochen. Selbstliebe ist kein zuckersüßes Rumgedödel, das in echt nur Frauen und Männern gelingt, die die perfekte Figur und den perfekten Charakter mitbringen. Selbstliebe ist auch kein Selbstbeschiss. Selbstliebe ist eine Lebensaufgabe, die sehr viel zu tun hat mit innerem Wachstum, Persönlichkeitsarbeit, aber auch schweren Momenten und Rückschlägen. Es gibt Tage, da mag ich mich gar nicht, aber gerade da tut es mir gut, dass ich mich nicht hängen lasse. Ich tue mir gut, indem ich mir auch meine destruktiven Gefühle erlaube, indem ich mich an mein Versprechen erinnere und den Kopf oben halte.

Und niemand muss sich einen Ring anstecken – vielleicht ist dir eher danach, dir als Zeichen für dein Einstehen für dich selbst ein Tattoo stechen zu lassen. Vielleicht hast du keine Lust, alleine essen zu gehen, sondern gönnst dir zu deinen Ehren ein Open Air Konzert deiner Lieblingsband. Niemand muss es „ich heirate mich selbst“ nennen. Aber sich mal einen Tag gönnen, an dem die Entscheidung fällt, dass du für dich und dein Glück selbst verantwortlich bist, komme, was wolle... das ist einfach nur gesund. Je ernster und liebevoller du deine Beziehung zu dir selbst gestaltest, desto mehr wird diese Liebe in all deine Beziehungen ausstrahlen.

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