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Wort zum Montag 

Wie wird mir egal, was andere von mir denken

Vermutlich strebe ich damit schnurstracks auf die Auszeichnung mit dem „Binsenweisheiten-Award“ zu, aber nach „Das Geheimnis am Durchziehen ist, dass man durchzieht“, möchte ich die Frage des des heutigen Montagsworts beantworten mit: „Es wird dir egal, was andere Menschen über dich denken, wenn du dir egal sein lässt, was andere Menschen über dich denken!“ Und „lassen“ ist hier das richtige Stichwort, denn natürlich ist das alles andere als einfach, sich von der Meinung anderer Menschen frei zu machen, weil zunächst nämlich für die meisten von uns stimmt: Es IST uns nicht egal. Weil wir so ziemlich alle schon früh in unserer Kindheit gelernt haben, dass die Meinung anderer Menschen wichtig ist.

  • Kindliche Prägungen loslassen

Uns wurde als Kindern schon beigebracht, dass die Meinung anderer Menschen wichtig ist. Wichtig, um im Leben klarzukommen. Eine Lebens-Lehre, die sich im Laufe der Jahre als Lebens-Lüge outen sollte, denn wir sind nicht mehr klein, wir sind keine Kinder mehr und damit faktisch nicht mehr angewiesen auf die Zuwendung und das Wohlwollen von Erwachsenen, die für unsere existentielle Versorgung nunmal tatsächlich wichtig sind. Dabei ist auch schon im Verhältnis zwischen Kindern und ihren Eltern dieses Prägung eigentlich schlecht zu nennen und hat einen tendentiell manipulativen Zug, den Eltern vermutlich in ihrer eigenen Kindheit schon mitbekommen haben und nun unreflektiert an ihre Kinder weiter geben. So zieht sich durch die Generationen hindurch, dass zB übermäßiges Lob abhängig machen kann und das Gefühl hinterlässt nur etwas wert zu sein, wenn man Leistung erbringt. Eltern die beispielsweise kindliche oder schulische Anstrengungen übermäßig mit Wohlwollen und Lob überschütten, versuchen nicht selten, die Kinder auf diese Weise zum Funktionieren zu bringen. Menschen sind soziale Wesen und brauchen die Liebe und Wertschätzung von anderen nahestehenden Menschen. Kinder brauchen die Liebe ihrer Eltern oder naher Bezugspersonen. Kinder entwickeln sich gesund, wenn sie erfahren, dass sie um ihrer selbst willen geliebt werden und allein ihr Sein genügt, damit ihre existentiellen Grundbedürfnisse gesehen und befriedigt werden. Babys brauchen ihre Eltern, um Nahrung, Wärme, Schlaf und Geborgenheit zu spüren. Kinder, die älter werden, werden autarker, doch die Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe bleibt. Wenn Kinder jedoch ständig manipulatives Lob oder gar Belohnung erhalten dafür, dass sie brav waren oder ruhig oder gut in der Schule, dann lernen sie das Gefühl von Beachtung und Wertschätzung zu verbinden mit einem bestimmten Verhalten, das sie idealerweise abzuleisten haben: Papa ist immer so zugewandt, wenn ich eine gute Note mit nach Hause bringe. Oder: Mama reagiert mit liebevollen Gesten, wenn ich mich nicht so laut verhalte, wenn wir Gäste haben.

Es geht mir nicht darum, Erziehungsfehler anzuprangern. Fehler passieren oft wiederum durch falsche Prägung oder Unachtsamkeit. Viel wichtiger ist, dass uns dieser Zusammenhänge bewusst werden, wir sie verstehen und sie loslassen. Die Basis für den Gedanken „Was denken die anderen Menschen über mich?“ und die oft unterbewusste Sehnsucht nach einer wohlwollenden Meinung von Außenstehenden, ist oft schon in der Kindheit verankert durch eine Erziehung, die dem Muster positives Verhalten = Lob = Gefühl von geliebt werden und Sicherheit folgte. Über Generationen galten zudem angepasste und brave Kinder als Indiz einer gelingenden Erziehung, weshalb das „was sollen die Leute denken“ vermutlich ein hunderte Male wiederholter Satz bemühter Eltern ist, der Generationen subtil dadurch prägte, dass Kinder ihn von ihren Eltern zu hören bekamen und dann wiederum an ihre Kinder weiter gaben. Für viele „das macht man nicht“ gibt es zudem keinerlei logische Erklärungen (wenn ich mit meinem Verhalten jemandem wirklich schaden würde, bin ich ja anders motiviert darüber nachzudenken, ob ich mein Verhalten ändern sollte), sondern nur eine undifferenziert wabernde Ahnung, dass dieses oder jenes eben nicht geht, weil MAN das nicht tut – wurde uns ja in eben dieser nebulösen Art eingetrichtert.

Wer sich dieser Zusammenhänge bewusst ist, merkt schnell, dass die Meinung der anderen eine Scheinautorität ist, die wir aus kindlich geprägter Angst noch immer fürchten – jedoch ohne Grund und Konsequenzen. Was macht es schon, wenn andere Menschen über mich schlecht denken, weil ihr Bewertungssystem „was man macht und was nicht“ aus einer Zeit stammt, als Kinder Liebe als Belohnung fürs Funktionieren bekamen? In der wütendes „Was sollen die Leute denken“ dazu diente, freie Kinder einzunorden? Wenn Menschen über mich schlecht denken ohne Einblick in mein Leben zu haben, dann hat das für mich keinerlei Konsequenzen. Ich brauche weder ihre Zustimmung noch ihre guten Gedanken, denn sie bedeuten mir nichts – ich bedaure sie eher. Liebe gibt es gratis von den Menschen, die mich nehmen, wie ich bin – mehr braucht es nicht.

  • Liebe dich und andere

Die Angst vor der Meinung anderer hat sehr stark etwas mit unserem Bedürfnis nach Liebe zu tun. Wir erleben anerkennende Zustimmung als gemocht werden und definieren darüber unseren Wert oder sogar unsere Liebenswürdigkeit. Je stärker, desto mehr wir das in unserer Kindheit und in unserem Heranwachsen verinnerlicht haben.

Es hilft ungemein, mit sich selbst im Reinen und zufrieden zu sein. Selbstzufriedenheit ist wie ein Schutzschild gegenüber übergriffigen Meinungen. Je gewisser ich mir dessen bin, WARUM ich die Dinge so mache wie ich sie mache und weiß, dass meine Entscheidungen und mein Tun mir gut tun und mich zufrieden stellen, desto mehr kann ich mich innerlich von kritischen Anfragen distanzieren. Mehr noch: Wenn ich voll und ganz in meiner Selbstliebe bin, dann kann ich bewusst die Entscheidung treffen, anderen zu erlauben, ein negatives Urteil über mich zu fällen. Was beim ersten Hören seltsam erscheinen mag, ist die logische Folge der Tatsache, dass wir Menschen unterschiedlich sind. Verschieden in unserer Prägung, unseren Werten und unseren Meinungen. Es ist also per se nicht möglich, es allen Menschen Recht zu machen. Die einzige Möglichkeit, einem negativen Urteil zu entgehen, wäre also permanent die Masken zu wechseln oder generell hinter einer dicken Schutzmauer Fassade zu agieren, damit niemand uns so recht in die Karten gucken kann. Vermutlich leben relativ viele Menschen nach dieser Taktik: Die beschweren sich auf der Arbeit über ihren unmöglichen Ehemann und zuhause über die unmöglichen Arbeitskollegen. Sie sprechen freundlich mit anderen Menschen und ändern ihren Ton, wenn die anderen Menschen sich abgewandt haben. Sie verstecken sich hinter der angenommenen Mehrheitsmeinung und wiederholen wohlklingende Meinungsfloskeln statt sich in die Karten ihrer wahren Ansichten gucken zu lassen.

Ich stelle mir oft vor, dass am Ende meines Lebens all diese Menschen mit Meinungen, flüchtige Bekannte oder kritische Nachbarn, keine Rolle mehr spielen werden. Sie denken nicht mehr an mich wie ich nicht mehr an sie denke. Ich stelle mir vor, wie ich mir am Ende meines Lebens die Frage stelle, ob ich ein erfülltes Leben geführt habe und wie es sich anfühlen wird zu registrieren, dass ich mein halbes Leben abhängig gemacht habe von dem Urteil der Leute, die mittlerweile nicht mal mehr einen Fliegenschiss in meinem Bewusstsein ausmachen. Ich glaube, ich würde es tragisch finden. Ich vermute, dass es mich traurig machen wird zu erkennen, dass ich in meinem Leben zu wenig Raum für ehrliches Ich-Sein gelassen habe. Der Wunsch, es Menschen recht zu machen und nicht anzuecken, um Gerede und einem negativen Urteil zu entgehen, ist also ein Trugschluss. Es wird immer jemanden geben, dem nicht gefällt, wie ich lebe, und ich müsste zu einem profillosen Strich aus Selbstlosigkeit werden, um dem zu entgehen. Warum also nicht die Flucht nach vorne antreten und aus der Not eine Tugend machen. Wir leiden oft nicht an den Dingen selbst, sondern daran, dass unsere Erwartungen enttäuscht werden. Schütteln wir also die uns früh eingeimpfte Erwartung, dass man mit seinem Verhalten „die Leute“ nicht verärgern sollte, als unerreichbares Target einfach ab. Verändern wir unser Mindset und sagen uns immer wieder: Es ist normal, dass Menschen nicht mögen, wer und wie ich bin, das liegt in der Natur der Sache und es bedeutet einfach nur, dass ich mir erlaube, Ich zu sein. Wenn ich merke und spüre, dass nicht jeder mit meiner Art zu leben einverstanden ist, bedeutet das lediglich, dass ich Profil habe, mich zeige, Raum einnehme, mir selbst nahe bin und mir erlaube, ein Leben zu gestalten, dass mich, und nur mich, glücklich macht. Das ist doch eine gute Nachricht. Wer anderen Menschen bewusst und gedanklich vorauseilend erlaubt „Es ist völlig okay, wenn du das jetzt scheiße findest“, dann ist es weniger erschreckend, wenn Menschen das tatsächlich tun. Jedes kritische Reaktion sagt mir „Sina, du hast dich selbst lieb und das ist gut so!“

Die Kehrseite einer solchen „Egal-Einstellung“ kann leider schnell werden, dass wir innerlich anderen Menschen gegenüber hart werden und trotzig. Nach dem Motto „Wenn du mich nicht magst, mag ich dich auch nicht“. Wir gehen in den Igel Modus und fahren schon mal die gedanklich mentalen Stacheln aus, wenn wir ahnen, dass uns jemand nicht wohlgesonnen ist. Die Krux an dieser Einstellung ist jedoch, dass unsere eigenen Gefühle sich stets in unserem Gegenüber spiegeln, zumindest in unserer Wahrnehmung. Wenn ich mich rüste und mich in eine Kampfeshaltung aus „ist mir doch egal, was du denkst“ begebe, dann erwarte ich in meinem Gegenüber einen Gegner und eben dieselbe Härte, die auch ich an den Tag lege: Abwehr. Wenn wir es jedoch schaffen, innerlich freundlich und mitfühlend zu sein auch Menschen gegenüber, deren Meinung wir als nicht wohlgesonnen einschätzen, werden wir innerlich sanft und trauen diese Sanftheit auch anderen zu. Eine innere Haltung aus Mitgefühl schafft ein Klima, in dem Unterschiedlichkeit deutlich neutraler erscheint und sein darf. Ich selbst muss mich immer wieder innerlich neu ausrichten, um diese Haltung zu kreieren, sie fliegt mir selbst auch nicht einfach zu und oft braucht es auch einen Moment, um mich selbst von meinem Gefühl von Verletztheit zu emanzipieren. Als mir zu Ohren gekommen ist, dass es negative Resonanz bezüglich meiner Ripped Jeans in der Kirche gab, war mein erstes Gefühl unangenehm und wütend. Und dann habe ich versucht, mich neu auszurichten in dem Gedanken „Es ist vollkommen okay, wenn das nicht alle so locker sehen. Für manche Menschen drückt sich der Respekt vor diesem Ort eben traditionell in „guter Kleidung“ aus und es ist für sie undenkbar, dass so ein kaputtes Ding nun mal ausgerechnet meine Lieblingshose sein soll. Mitgefühl entstand in dem Moment, wo ich mir vor Augen führte, was für eine einschränkende Erziehung Menschen wohl genossen haben, die sich so sehr an der Kleidungsfrage anderer Leute stören. Wie oft diese meist älteren Menschen wohl ermahnt worden sind oder tatsächlich in der Schule für nachlässige oder schmutzige Kleidung bestraft worden sind? Ich werde gegenüber fremden Urteilen innerlich sanft, wenn ich mir vor Augen führe, dass ich eine innere Freiheit verspüre, die anderen Menschen fehlt, jedoch vielleicht in ihrem Leben auch unendlich gut getan hätte. Ich bedaure, dass ihnen Individualität und Selbstliebe aberzogen wurde und bin dankbar für die Liebe zu mir selbst.

  • Die Kosten von Glück

Für mich war es eine bahnbrechende Erkenntnis zu registrieren, dass es im Leben nicht darauf ankommt, was ich gerne alles Schönes hätte, sondern dass es eigentlich bei allen Lebensentscheidungen darum geht, mich zu fragen: Was kostet mich das? Viele Menschen sehnen sich nach einem sportlich schlanken Körper – aber das kostet eben auch, dass man bereit ist, sich gesund zu ernähren und Sport zu machen. Viele Menschen träumen von einer glücklichen Familie mit Kindern – aber das kostet eben auch durchwachte Nächte und Sorgen, die man sich ohne Kinder niemals ausgemalt hätte. Menschen neiden anderen, dass sie dreimal im Jahr Urlaub machen können – aber das kostet eben auch, dass ich in meinem Job Überstunden und Wochenendarbeit machen muss und für Freizeit außerhalb der Urlaubsmomente weniger Zeit bleibt. Wir hätten gerne den perfekten Rasen des Nachbarn – aber das kostet, dass wir Dünger und Insektenmittel spritzen müssen. Wer virtuos Klavier spielen möchte, muss den Preis täglichen Übens zahlen. So hat alles im Leben seine Kosten. Wir sehen jedoch meist eher den Benefit und das schöne Leben und ignorieren, dass alles im Leben seinen Preis hat. Deswegen stellt sich viel eher als die Frage „Was will ich vom Leben?“ die Frage „Welchen Preis bin ich bereit zu zahlen?“ Wir hätten alle gerne das perfekte „Einmal mit alles, bitte“ Leben, aber wir mögen nicht für alles den Preis zahlen und das ist vollkommen okay. Letztlich ist die Frage: Für welchen Lebenstraum bist du bereit, richtig viel zu investieren? Zeit, Geld, Schmerzen...

Im Bereich der Kosten-Nutzen-Abwägung stehen ein glückliches und freies Leben und die kritische Meinung der anderen in einem direkten Zusammenhang miteinander. Sobald ich mich entscheide, ein Leben nach meinen Wünschen und Vorstellungen zu führen, mich selbst glücklich zu machen, sichtbar werde in meiner Individualität und mich der Welt zeige, wie ich bin, wird das Kosten verursachen, nämlich ziemlich sicher das Gerede anderer Leute. Aber dieser Zusammenhang lässt sich auch umdrehen: Sobald ich mich entscheide, mein Leben so zu gestalten, dass ich das Gerede der Menschen möglichst umgehe und mich nicht zur Angriffsfläche für Verurteilungen mache, wird auch das Kosten verursachen. Meistens kostet diese Entscheidung meine persönliche Freiheit und das große Glück, ich selbst zu sein. Beides steht in einem so engen Zusammenhang, dass sich auf den Punkt bringen lässt: Persönliche Freiheit und aufrichtiges Glück wird sich nur dann finden lassen, wenn ich mein Leben so gestalte, dass es den Widerspruch oder die erhobenen Augenbrauen und Zeigefinger von Menschen auf den Plan ruft, die mit mir eigentlich nichts zu tun haben außer der Tatsache, dass meine Freiheit für sie eine Provokation ist und sie in die meist unangenehme Auseinadersetzung mit ihren eigenen einschränkenden Glaubenssätzen und Überzeugungen bringt.

Ich finde, dass sich das Gerede anderer Menschen besser und entspannter aushalten lässt, wenn man die Kostenrechnung klar vor Augen hat und nicht so tragisch nimmt: Glückliche Sichtbarkeit wird nicht jedem gefallen und manche Menschen werden das kundtun. Aber andernfalls kostet es mich eben meine persönliche Freiheit. Oft denken wir, dass wir nicht richtig glücklich sein können, wenn andere Menschen hinter unserem Rücken reden. Aber wenn man sich vollkommen und ganz und gar auf den Prozess einlässt, dann wird man schnell merken: Glück gibt es nicht ohne das Gerede.

is nächste Woche!

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