Liebe Leserïnnen,

kurz vorweg: Ein erneuter Corona-Lockdown wurde bisher politisch nicht angeordnet, aber vernünftige Menschen reduzieren ihre Kontakte so weit es geht und gehen in eine Art persönlichen Lockdown, wenn und so weit sie es sich erlauben können. Deshalb habe ich hier ein paar Geschichten für den Lockdown zusammengestellt:

Frédéric Valin: Pflegeprotokolle

Frédéric Valin ist der beste unbekannte Autor, den ich kenne. Sehr viele unbekannte Autorïnnen gehen einem „Brotberuf“ nach und im Fall von Frédéric Valin ist das die Pflege. Das ist normalerweise kein Beruf, der einem besonders viel Zeit für andere Dinge lässt, aber angesichts coronabedingter Kontaktvermeidung und Selbstisolation fand Frédéric Valin endlich die Zeit, ein Buch über die Zustände in der Pflege zu schreiben.

„Pflegeprotokolle“, kürzlich im Verbrecher-Verlag erschienen, ist kein journalistisches Enthüllungsbuch – der Skandal findet wenn, dann im Nebensatz statt. Und auch kein Roman, in dem eine Protagonistïn sich in der Pflege verwirklicht, scheitert oder am Ende heiratet. Vielmehr hat Frédéric Valin Gespräche mit einer ganzen Reihe von Pflegerïnnen und Sozialarbeiterïnnen geführt, die er hier im Stile einer Oral History wiedergibt, in einer Weise, die am ehesten noch an Walter Kempowskis „Echolot“ erinnert.

Corona und Pflege, da denken wir impulsartig an die dramatischen Zustände auf den Intensivstationen und klatschen auf dem Balkon, wenn’s hoch kommt. Der Bereich der Pflege ist jedoch wesentlich größer. Was macht die Pandemie aus der Betreuung behinderter Menschen? Was aus den Wohngruppen und Heimen? Wie stellt sich die Situation in Seniorenheimen für Pflegende dar? Stellt sich raus: Nahezu jedes bereits vorhandene, bekannte oder unbekannte Problem in diesem Bereich verschärft sich nochmals.

Insgesamt 22 Pflegende berichten. Doch das Buch ist nicht einfach eine journalistische Transkription: Auf seine trocken lakonische Art gibt Frédéric Valin die Berichte wieder, verdichtet und pointiert, aber weder geschönt noch dramatisiert. Alle Texte wurden von den betreffenden Personen gegengelesen und freigegeben.

Das Lesen dieser Berichte stürzt in diverse Ambivalenzen: Dem Genuss an Frédéric Valins vollendetem Stil steht meine ständige mal leise, mal überwältigende Empörung über die geschilderten Zustände gegenüber. Die aus den Seiten quellende Sinnstiftung der Arbeit in der Pflege und dem psychischen wie körperlichen Verschleiß, den die meisten Pflegenden in den nach kommerziellen Kennziffern geführten Häusern ausgesetzt sind. Die Empathie für die zu Pflegenden einerseits und andererseits die Abstumpfung angesichts sich endlos wiederholenden, immer wieder gleichen Leids. Die Wut über ein hässliches Detail und das empathisch-galgenhumorige Auflachen wegen eines anderen, ebenso hässlichen aber noch absurderen Details.

Mario Sixtus: Hyperland

In der Episode „Nosedive“ der britischen Serie „Black Mirror“ geben die Menschen sich ständig gegenseitig Punkte auf einer Social-Media-Plattform, wobei die individuelle Punktzahl über den sozialen Status entscheidet. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verliert die Protagonistin Punkte und erlebt einen sozialen Absturz und Zusammenbruch. „Hyperland“ ist ein Film, der da weitermacht, wo „Nosedive“ aufhört.

Über die Frage, ob ein soziales Punktesystem gerechter sein könnte als Geld, ließe sich trefflich philosophieren. Der Absturz in eine solchem System lässt sich immer dystopisch und sadistisch erzählen, wie „Black Mirror“ das tut. Doch bestimmte Dimensionen fehlen in der Regel: Wie verhält sich Social Scoring eigentlich zu Sexismus? Zu Rassismus? Was passiert, wenn eine Person nur deshalb schlecht bewertet wird und abstürzt, weil andere schlicht und ergreifend mehr Sympathien und einen höheren Vertrauensvorschuss haben? Zum Bewertungssystem die guten alten Privilegien weißer Männer hinzukommen? Und wie ist eine solche Geschichte zu denken, wenn das Alltagsleben und Interaktionen in unserer Gesellschaft stärker virtualisiert sind als heute? Und wie funktioniert ein Social-Scoring-System angesichts von Social-Media-Kampagnen, Gegenkampagnen und Shitstorms?

Mario Sixtus hat all das durchdacht und zu einem ausgesprochen spannenden Plot mit mehreren Pointen und unerwarteten Wendungen verdichtet. Das Ergebnis ist das kürzlich im ZDF ausgestrahlte kleine Fernsehspiel „Hyperland“, das noch bis Anfang Februar in der ZDF-Mediathek angeschaut werden kann.

Dabei hat Mario Sixtus nicht nur einen feinen Plot gesponnen, sondern zeigt auch jede Menge visuellen Einfallsreichtum, etwa wenn in einem Club die verschiedenen Besucherïnnen jeweils zu ihrer eigenen Musik in ihrer eigenen virtuellen Welt tanzen. Oder indem im kompletten Film keinerlei Autos zu sehen sind, was unter anderem bewerktstelligt wurde, indem vielfach auf Hausdächern gedreht wurde.

Aber eigentlich ist „Hyperland“, wie so viele Dystopien, nicht wirklich Science Fiction, sondern zeigt zwischenmenschliche Dynamiken, wie es sie hier und heute längst gibt, in diesem Internet, in dem dieser Newsletter verschickt wurde, und mit den heute technisch Möglichen. In dieser Hinsicht ähnelt „Hyperland“ der Dystopie „The Handmaid’s Tale“ von Margret Atwood, die ja auch nicht wirklich eine Projektion ist, sondern nur jede Form von Sexismus und Misogynie zusammenstellt, die sich irgendwo auf der Welt, in irgend einer Kultur so schon einmal ereignet hat.

Einen Vorteil hat „Hyperland“ jedoch gegenüber „Black Mirror“ und „The Handmaid’s Tale“ (der Verfilmung, weniger dem Buch): Es ist kein sadistischer Dystopie-Porn. Das tut gut angesichts eines Alltags, der für vielem Menschen in vielerlei Hinsicht längst dystopisch geworden ist.

The Billion Dollar Code

Schonmal von Terravision gehört? Ich bis neulich auch nicht. Terravision war ein System, das so funktionierte, wie Google Earth, allerdings mehr als zehn Jahre früher. Entwickelt wurde das System Anfang der 1990er nicht von einem kalifornischen Startup sondern einem als Firma organisierten Berliner Kollektiv von Digital-Künstlerïnnen mit dem Namen Art+Com. Da Google ganz offensichtlich vom Original abgekupfert und einige Patente verletzt hatte, gingen Art+Com vor Gericht.

Die Netflix-Miniserie „The Billion Dollar Code“ erzählt die wahre Geschichte dieses Gerichtsprozesses und in Rückblenden auch, wie diese Software entstanden ist, mit einigen künstlicherischen Freiheiten. Gibt es etwas Trockeneres als Software-Entwicklung und etwas Abgeschmackteres als Court-Room-Dramatik und etwas Dooferes als Hackerïnnen-Klischees? Eigentlich nicht. Es war also zu befürchten, dass „The Billion Dollar Code“ ganz entsetzlich scheitert. Das Gegenteil ist passiert.

Die Miniserie entpuppt sich als mitreißendes Drama, das die Stimmung in Berlin der 1990er Jahre mitsamt Chaos Computer Club, illegalen Clubs, früher Internet-Kultur und digitaler Anarchie einfängt und mit der heutigen Zeit spiegelt. Das Ganze wird keine Sekunde langweilig und ist ist im höchsten Grade bingeable  – auch und gerade für Menschen, die sonst mit diesem Genre nichts anfangen können. Ihnen bringt die Geschichte unanstregend nahe, wie viel Kreativität im Programmieren steckt und lässt das Hochgefühl miterleben, das eintreten kann, wenn etwas Selbst-Entwickeltes und Programmiertes endlich funktioniert.

Einer der Beteiligten – im Film Juri Müller, im realen Leben Pavel Meyer – erzählt übrigens im Podcast „Chaos Radio Express“ noch einmal ausführlich, wie das alles war und kam und wo der Film sich von der Realtität unterscheidet. Wegen allzu vieler Spoiler sollte der Podcast jedoch unbedingt erst nach dem Ansehen der Serie angehört werden.

Ein schönes Restwochenende wünscht

Enno Park

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