In the paper today Tales of war and of waste But you turn right over to the TV page (Crowded House)

Good evening, Europe!

Vergangene Woche hat es die deutsche Medienbranche mit zwei verschiedenen Geschichten in die zwei vermutlich wichtigsten Zeitungen der Welt geschafft: Die eine Story war der große „New York Times“-Artikel von Ben Smith über den Axel-Springer-Verlag im Allgemeinen und Julian Reichelt im Besonderen, die andere der Artikel in der „Washington Post“ über Nazis auf der Frankfurter Buchmesse. 

Ich sag mal so: Beides hat die deutsche Medienbranche reichlich unprofessionell und antiquiert aussehen lassen — also so, wie ihre stets Weltläufigkeit suggerierenden Wortführer auf keinen Fall wirken wollen. 

Anders ausgedrückt: Kinder, wir haben ein Problem!

Der Rauswurf von Julian Reichelt gut 18 Stunden nach Veröffentlichung des „Times“-Textes hat mich dann aber doch überrascht und emotional überfordert: Da arbeitet sich das BILDblog seit siebzehneinhalb Jahren an den ganzen Verfehlungen von „Bild“ ab und am Ende stolpert einer der Chefredakteure dieses Druckerzeugnisses über seinen eigenen Schwanz. Ich wäre ja versucht gewesen, klammheimliche Freude zu empfinden, aber ich bin mir sicher, dass diese Referenz bei Julian Reichelt und seinem boys club verschenkt gewesen wäre. So war es allenfalls Genugtuung, die ich vernahm, nachdem ich länger in mich hineingehorcht hatte. Denn „Bild“ und der Verlag dahinter sind ja immer noch da, angeführt von Mathias Döpfner, der - das wissen wir jetzt dank „New York Times“ - sehr gut mit den Village People tanzen kann, aber nebenberuflich dem „Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger“ vorsteht.

Und es ist schon wahnsinnig frustrierend, dass erst die „New York Times“ kommen muss (die wiederum ein gewisses Interesse daran haben dürfte, den neuen Eigentümer ihres Konkurrenten „Politico“ in dem schlechten Licht erscheinen zu lassen, in dem er sich in Deutschland seit Jahrzehnten freiwillig und ungeniert präsentiert), damit bei Springer, die auf den amerikanischen Markt drängen, mal was passiert. Schlimmer noch: Dirk Ippen, Alt-Verleger der Ippen-Gruppe („Frankfurter Rundschau“, „Münchner Merkur“, „Buzzfeed Deutschland“), hatte die von seinem eigenen Investigativ-Team betriebene Recherche über Reichelts Interpretation von Arbeitskultur, kurz vor der Veröffentlichung gekillt, weil er - hier paraphrasiere ich leicht - nicht den Eindruck erwecken wollte, einem Konkurrenten öffentlich ans Bein zu pissen (die eigenen Hosen waren offenbar weniger ein Problem). Es ist ein absolutes Trauerspiel und zeigt einmal mehr, warum ich mich aus dem Medienjournalismus weitgehend zurückgezogen habe. Lieber Vorletzter werden beim ESC, als mich Tag für Tag mit diesen ganzen Flachpfeifen auseinandersetzen zu müssen!

Weniger Beißhemmungen konnte man bei der ARD und beim „Spiegel“ beobachten: Die „Tagesthemen“ widmeten Springer als Topthema mehr als zehn Minuten (inkl. Interview mit Stefan Niggemeier) und im letzten Heft ist „Die Springer-Affäre“ die Titelgeschichte (in der der „Spiegel“ - wie schon bei seiner letzten Titelgeschichte über „Bild“ vor zehn Jahren - das Kunststück fertigbringt, sich seitenweise an „Bild“ abzuarbeiten, ohne auch nur einmal das BILDblog zu erwähnen, das sich seit Jahren täglich an „Bild“ abarbeitet — dafür hat es Moritz Tschermak vom BILDblog zu einer namentlichen Erwähnung in der „New York Times“ gebracht, was dann doch - Sorry, „Spiegel“! - ungefähr zehntausendmal cooler ist).

Kommen wir zu den besseren Nachrichten: Ich habe das Manuskript für mein Buch abgegeben. Auch das war so ein Moment, wo ich nicht wusste, wie ich mich fühlen soll: Einerseits hatte die Arbeit natürlich Spaß gemacht, andererseits war ich auch froh, dass es vorbei war — aber das natürlich auch eh erstmal nur für den Moment. Allein der Schreibprozess hat mich seit Anfang Juni begleitet, insgesamt war das vermutlich mehr Arbeit als ich insgesamt in mein gesamtes Bachelor-Studium gesteckt habe. Und wenn man seit über 20 Jahren daran gewöhnt ist, Texte zu schreiben und zeitnah rauszuhauen (am nächsten Tag in der Lokalzeitung, sofort online oder am gleichen Abend im Fernsehen), ist es eine völlig neue Erfahrung, plötzlich monatelang nur in den Computer hineinzuschreiben.

Ein paar Dinge, die ich beim Schreiben für und über mich gelernt habe:

  • Ich muss das wirklich machen wie Thomas Mann oder Stephen King (um mal wahllos zwei Namen in inhaltlicher Nähe zu mir selbst zu deponieren, hahaha) und mich zu festen Zeiten an den Schreibtisch setzen.
  • Früher habe ich am Liebsten bis spät in die Nacht gearbeitet; schon zu Schulzeiten hab ich noch bis spät am Computer gesessen und Drehbücher oder andere Texte verfasst. Heute möchte ich am liebsten um 18 Uhr Feierabend machen und nach dem Abendessen irgendwas ganz anderes tun.
  • Falls irgendeine Person in meinem Umfeld mal (noch) ein Buch schreibt, werde ich auf keinen Fall sowas wie „Wie weit bist Du?“ fragen, sondern „Möchtest Du darüber sprechen?“ Ersteres ist natürlich immer lieb gemeint und idealerweise von echtem Interesse geprägt, aber mich hat die Frage immer ein bisschen gestört, weil sie von der Formulierung her so auf die Quantität ausgerichtet scheint. Außerdem bin ich immer schnell genervt, wenn ich über etwas sprechen soll, was mich länger als zwei Wochen beschäftigt hat. Eigentlich spreche ich eh ungern über meine Arbeit. Oder mich. Oder irgendwas.
  • Am meisten Spaß hat es wirklich gemacht, als ich mit meinem MacBook an einem Tisch im Garten saß und dort geschrieben habe. Aber der Ausflug ins Institut für Zeitungsforschung war auch toll!

Kommen wir zur dritten emotionalen Überforderung innerhalb von zehn Tagen: Der Pokalabend am Mittwoch. Erst hat mir der VfL Bochum alles abverlangt (Stammtorhüter Manuel Riemann saß diesmal auf der Bank, der VfL ging nach 12 Minuten in Führung, legte in der 53. zum 2:0 nach, nur damit es in der 58. plötzlich 2:2 stand; Riemann wurde in der 118. Minuten extra fürs Elfmeterschießen eingewechselt, bei dem er dann keinen einzigen Ball hielt, aber der fünfte Augsburger Schütze knallte seinen Schuss übers Tor und dann trat Manuel Riemann selbst an, versenkte den Elfer und wurde so doch noch zum Pokalhelden und unsterblich) und dann habe ich wegen dieses absurden Elfmeterschießens drei Gladbacher Tore gegen Bayern verpasst. War aber nicht so schlimm, es fielen ja in der zweiten Halbzeit noch zwei weitere.

Natürlich freut man sich, wenn der eigene Verein zum ersten Mal überhaupt ein Pokalspiel gegen die Bayern gewinnt, aber irgendwie war ich am Ende dieses Abends nicht mehr zu viel in der Lage, außer „Ich liebe Fußball“ an sehr, sehr viele Menschen zu schreiben.

Was macht der Garten? Wir haben noch ein paar Erdbeeren geerntet und ich muss sagen: Im Herbst schmecken sie am besten!

Was hast Du gehört? Wie so oft im Herbst greife ich eher zu Alben, die mich schon lange begleiten und durch frühere Herbste gebracht haben, zum Beispiel sehr viel Jimmy Eat World. Aber es gibt eine neue Staffel vom Klavierpodcast mit Igor Levit und Anselm Cybinski. Nach „32 x Beethoven“ (vgl. Newsletter Nr. 68) geht es in „Alles wird anders“ (Apple Podcasts, Spotify) um Variationen — und das ist etwas, was ich als Klavier- und Klassik-Amateur ein bisschen besser nachvollziehen kann als Sonaten. Außerdem ist die Stimmung zwischen den beiden Hosts einfach wahnsinnig herzig. Genauso übrigens wie in der Folge von Ben Folds’ Podcast „Lightning Bugs“ (Apple Podcasts, Spotify) von letzter Woche, in der er mit Nick Hornby über Kreativität spricht.

Was hast Du gesehen? Ich hab mir endlich mal zwei Klassiker der Indie-Komödie angeschaut, die ich noch nie zuvor gesehen hatte: Zum einen „Sideways“ (auf Disney+) von Alexander Payne über zwei Männer in der midlife crisis, die zu einer Reise durch die kalifornischen Weinbaugebiete aufbrechen, die etwas aus dem Ruder läuft (also eine Art intellektuelleres „Hangover“ für die Toskana-Fraktion); zum anderen „Rushmore“ (ebenfalls auf Disney+), das Zweitwerk von Wes Anderson aus dem Jahr 1998.

„Sideways“ fand ich ganz gut und atmosphärisch schön, Paul Giamatti und Thomas Haden Church sind beide grandios und mit Kalifornien kriegt man mich ja sowieso fast immer; „Rushmore“ fand ich sehr gut und phasenweise genial. Das war natürlich auch Vorbereitung auf Wes Andersons neuesten Film „The French Dispatch“, der letzte Woche rauskam und den ich hoffe, nächste Woche sehen zu können. Im Kino!

Was hast Du gelesen? Nachdem ich dieses Jahr zwei Bücher gelesen hatte, bevor sie gedruckt wurden (eines davon, weil ich es selbst geschrieben habe), habe ich dann im Oktober doch das erste normale Buch regulär durchgelesen: „Eurotrash“ von Christian Kracht, die angebliche Fortsetzung von Krachts legendärem Debüt „Faserland“ vor 25 Jahren. Das mit der „Fortsetzung“ ist so eine Sache: Wieder irrt der Ich-Erzähler durch eine Welt, mit der er nicht zurecht kommt, aber diesmal ist er nicht namenlos, sondern heißt Christian Kracht und hat vor 25 Jahren einen Bestseller namens „Faserland“ geschrieben. Klingt seltsam? Count me in! Es ist vielleicht ein billiger literarischer Effekt, wenn ein Autor die Grenzen zwischen sich und einer seiner Figuren verwischt, aber ich springe in aller Regel drauf an (vgl. „Das bin doch ich“ von Thomas Glavinic oder „Karte und Gebiet“ von Michel Houellebecq). Außerdem ist Kracht natürlich einfach ein großartiger Erzähler und wie sein literarischer Zwilling hier mit dessen alter Mutter ziellos durch die Schweiz reist und dabei die eigene Familiengeschichte (also mutmaßlich auch die des echten Christian Kracht) verhandelt, das ist schon sehr, sehr gut. Absurder Nebeneffekt: Ich musste ständig die ganzen Charaktere nachgoogeln um zu überprüfen, ob das, was über sie im Buch steht, wirklich stimmt — wobei ich auch wieder auf Axel Springer stieß, dessen dritte rechte Hand Christian Kracht senior war und dessen Verlag wir ja eingangs dieses Newsletters schon erwähnt hatten.

Einen spannenden Einblick in die Entstehungsgeschichte von Hollywood-Filmen erhält man mit einem Auszug aus dem neuen Buch des AIDS-Aktivisten Peter Staley, den man bei „Vanity Fair“ lesen kann: Er erzählt darin, wie er erfahren hat, dass der Film „Dallas Buyers Club“ entstehen soll, wie er zahlreiche problematische Stellen im Drehbuch fand und das Projekt in mehreren Showdowns noch in eine bessere Richtung lenken konnte.

Außerdem widmet sich Sascha Lobo in seiner aktuellen Kolumne bei „Spiegel Online“ einem Fall, von dem ich bisher nur ganz am Rande gehört hatte: Es geht um einen YouTuber mit dem Spitznamen „Drachenlord“, der offenbar von einem Online-Mob, der sich auch im echten Leben manifestiert hat, so lange in den Wahnsinn getrieben wurde, dass er jetzt ins Gefängnis soll. Die Geschichte klingt einigermaßen unglaublich und sehr beunruhigend und zeigt einmal mehr, dass Soziale Medien per se natürlich keinen Deut besser sind als klassische Boulevard-Medien.

Worüber hast Du gelacht? Über dieses Video auf Twitter, in dem zwei Männer mit einem Umzugswagen in einer Tiefgarage die Szene aus „Austin Powers“ mit dem Gepäckwagen in diesem schmalen Gang nachstellen.

Was hast Du gelernt? Hatte ich zwar schon mal gewusst, ist aber noch nie so schön aufgeschrieben worden wie von Ben Smith in der „New York Times“:

Mr. Springer, who died in 1985, also had a personal life that might be called colorful. His third wife had previously been married to his next-door neighbor. His fourth wife was the next-door neighbor’s second wife. His fifth wife, Friede Springer, had been the family’s nanny. When he left the company to her upon his death, she surprised her many doubters by emerging as a force in her own right. She is now the vice chairwoman of Axel Springer’s supervisory board.
https://www.youtube.com/watch?v=fhyk9rchC2c

Läuft seit drei Wochen quasi auf Dauerschleife bei mir. Ist aber auch geil!

Habt ein schönes (langes) Wochenende!

Herzliche Grüße, Euer Lukas

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