Das Atmen sich wohl trotzdem lohnt, das Schicksal niemals wen verschont, die Straße ist nicht immer eben und grad' deswegen: Auf das Leben! (Jupiter Jones)

Good evening, Europe!

2005 veröffentlichte Nick Hornby die Kurzgeschichte „Otherwise Pandemonium“, in der ein Teenager einen gebrauchten Videorecorder kauft, mit dem man das lineare Fernsehprogramm vorspulen kann. Erst freut er sich, dass er die Basketballspiele und Serien-Episoden der nächsten Wochen schon früher sehen kann, dann laufen plötzlich nur noch Nachrichtensendungen, die im Ende der Welt gipfeln. (Dass der Erzähler sein Wissen vom nahenden Weltuntergang nutzt, um mit einer Mitschülerin zu schlafen, macht die Geschichte aus heutiger Sicht ein bisschen schwierig.)

Die letzte Woche hat sich ein Stück weit wie diese Kurzgeschichte angefühlt: Vom Bericht des Weltklimarats über das immer noch sehr real existierende Corona-Virus bis zur Eskalation der Situation in Afghanistan (wenn Ihr die Zeit und die Nerven habt, einen ernüchternden bis deprimierenden Text zu dem zu lesen, was in Afghanistan noch passieren könnte, nehmt dieses Op-Ed in der „New York Times“ von Bret Stephens, der allerdings als Person auch hochgradig schwierig ist) war da einiges dabei, was man verdauen, zur kurzfristigen Psycho-Hygiene am Besten gleich verdrängen musste.

Und dann gehen auch noch die Sommerferien zu Ende und das Wetter hat eh schon mal auf Herbst umgestellt. Ich verbringe also meine Tage gerade hauptsächlich damit, zu ergründen, was das für merkwürdige Emotionen sind, die da alle zeitgleich in meinem Körper umherschwappen.

Ich denke dann an meine Oma, die als junges Mädchen mit ihren Schwestern und ihrer Mutter vor der Bombardierung Berlins geflohen ist und die ihre Töchter während der Kuba-Krise und des Mauerbaus aufziehen musste, und denke mir: Die Scheiße war ja immer schon da, trotz allem wahrscheinlich sogar viel massiver als heute; wir hängen jetzt einfach nur andauernd am Nachrichtenstrom, aber es ist ja auch wirklich absolut niemandem damit geholfen, wenn wir alle Burn-Out bekommen von der „Tagesschau“. Also lege ich die Nachrichten weg, versuche, die Zeit, die mir bleibt, zu genießen und jeden Tag irgendwo etwas Gutes zu tun.

Das waren jedenfalls meine ersten Sommerferien seit 20 Jahren. Zwar habe ich zwischendurch natürlich am Buch gearbeitet, aber ich hatte keine Jobs außer Haus. Und, was soll ich sagen: Es waren, trotz anhaltender Weltlage, die vielleicht besten Sommerferien meines Lebens. Ich habe so viele Menschen getroffen - gute Freund*innen, liebe Verwandte und jahrzehntelange Vorbilder - wie seit Jahren nicht mehr. Ich war zum ersten Mal wieder in meinen alten Stammkneipen, habe Kindergeburtstage veranstaltet und Neugeborene besucht.

Vergangene Woche war ich mit dem Kind in Berlin, um die neuen Haltestellen der U5 zu begutachten (unser Favorit: Museumsinsel) und andere lustige Touristen-Aktionen zu machen. So waren wir zum Beispiel auf der Siegessäule (285 Stufen mit Maske!), wo wirklich noch keine Person war, der wir davon erzählt haben.

Ich sag mal so: Die Aussicht ist super, man versteht plötzlich den Großen Stern, aber die Ausstellung im Sockel sollte vielleicht mal behutsam mit museumspädagogischen Augen aus dem 21. Jahrhundert betrachtet und anschließend komplett neu erstellt werden. Die wüste Kombination aus Speer’schen Germania-Skizzen, Modellen der Regensburger Walhalla und des Hermannsdenkmals, sowie Souvenir-Versionen von Freiheitsstatue, Big Ben (oder, wie wir Anglist*innen sagen: Elizabeth Tower, denn Big Ben ist schließlich die größte Glocke ebenda) und Arc de Triomphe passt zwar irgendwie zur ohnehin problematischen Geschichte der „Goldelse“, aber: boy, das müsste dringend alles mal historisch-kritisch eingeordnet werden. (Dass es offenbar Reichstags-Kerzen gibt, bei denen man buchstäblich die Kuppel anzünden kann, fand ich dann selbst inmitten dieses grenzwertigen Sammelsuriums einigermaßen tone deaf.)

Um bei all dem Irrsinn irgendwie gesund zu bleiben, helfen natürlich auch Sport und Musik. So habe ich erst gestern bei „All Songs Considered“ eine Band entdeckt und heute auf dem Laufband gehört, die mich sicherlich länger begleiten wird: Meet Me @ The Altar.

Hat jemand queer POC all-girl pop-punk band gesagt? Count me in!

https://www.youtube.com/watch?v=-mZk2ythbWk

Musikalisch Teil des 2000er-Revivals und da irgendwo zwischen blink-182 und Paramore, Taking Back Sunday und Avril Lavigne gelegen, sind die Texte irgendwie reflektierter als die unserer damaligen Mitgröl-Hymnen. Das ist die Energie, die ich gerade in meinem Leben brauche! Wie passend, dass die neue EP „Model Citizen“ (Spotify, Apple Music) beim Emo-Vorzeige-Label Fueled By Ramen erschienen ist!

Was macht der Garten? Die Sonnenblumen blühen und sind wunderschön, wir konnten die ersten (sehr leckeren) Cocktail-Tomaten ernten, ein paar Erdbeeren werden wohl noch kommen — aber die Idee, jemals Gurken, Paprika oder mehr als eine Möhre ernten zu können, können wir nach fünf diesbezüglich erfolglosen Saisons wohl in einem unserer Pflanzkübel begraben.

Was hast Du gehört? Neben Meet Me @ The Altar: Natürlich das neue Album von Billie Eilish (Darkroom/Interscope; Spotify, Apple Music), von dem ich noch nicht weiß, wie ich es finde; „Home Video“ von Lucy Dacus (Matador; Spotify, Apple Music — das könnte einen schönen Soundtrack für den sehr frühen Herbst abgeben) und „One Foot In Front Of The Other“ von Griff (Warner; Spotify, Apple Music), das mit seinem sehr zeitgenössischen Pop auch alle meine Knöpfe drückt.

Und dann haben The Killers ja, gut ein Jahr nach ihrem letzten Album, schon ein neues veröffentlicht: „Pressure Machine“ (Island; Spotify, Apple Music) entstand im Lockdown, ist das erste Album nach der Rückkehr von Gitarrist Dave Keuning und handelt von Brandon Flowers’ Kindheit in Nephi, Utah. Wenn „Sam’s Town“ vor 15 Jahren das „Born To Run“ der Killers war, ist „Pressure Machine“ jetzt ihr „Nebraska“. Und das ist ja wirklich nicht das Schlechteste, was man über ein Album sagen kann.

Was hast Du gesehen? Wenn’s möglich war: Olympische Spiele. Man kann ja all diese internationalen Sportverbände, ihre Funktionäre und Geschäftspraktiken und auch ihren Umgang mit einer globalen Pandemie scharf und völlig zu recht kritisieren, aber wenn man dann erstmal vor dem Fernseher sitzt und in den Mediatheken der Sender selbst auswählen kann, welchen Livestream man gerade sehen will, fühle ich mich wieder wie 1992, als ich meine ersten Olympischen Spiele verfolgt habe und es in der „Micky Maus“ so ein Olympia-Spieleset zum Selberbasteln gab. Ich wünsche mir jedenfalls, ich hätte damals schon Basketball, Bogenschießen und Sportklettern sehen und so vielleicht ein etwas engagierteres Verhältnis zu körperlicher Betätigung und Wettkampf entwicklen können, statt durch den Sportunterricht in der Schule völlig davon abgebracht zu werden.

Was hast Du gelesen? Im „San Francisco Chronicle“ steht die zauberhaft-absurde Geschichte eines vietnamesischen Restaurants, dessen Betreiber aus Spaß ein völlig übertriebenes Gericht mit gebratenem Reis, Kaviar, Wagyu-Rind, verschiedenen Sorten Krebsfleisch und schwarzen Trüffeln für 72 Dollar auf die Karte gesetzt hatten, das sich, der inneren Logik einer Indie-Komödie folgend, natürlich zum absoluten Renner entwickelte, bis der Chef die Reißleine zog, weil er auf keinen Fall so einen merkwürdigen Edel-Schuppen betreiben wollte.

Was hast Du gelernt? Berlin ist auch nicht mehr das, was es mal war: Ich bin weder in der Bäckerei noch im Bus vom Personal angepflaumt worden, was in Sachen gesellschaftlichem Miteinander natürlich löblich ist, dem Charme der Stadt aber überraschend doch Abbruch tut.

https://www.youtube.com/watch?v=nUoz6HaFg88

Habt eine schöne Woche!

Herzliche Grüße, Euer Lukas

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