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Die Heimatverbundene

Powerpaar aus der Oberpfalz

Elisabeth Zintl betreibt in fünfter Generation ein Landhotel in der Oberpfalz. Um der Abwanderung aus der Region etwas entgegenzusetzen, entwickelte sie das Konzept „Zu Gast im Dorf“ und verwandelte leerstehende Häuser in gut gebuchte Hotelunterkünfte. Nebenbei leitet sie mit ihrem Mann ein Netzwerk für Unternehmenspaare.

Von Eva Tempelmann, Waldeck

Waldeck ist ein beschaulicher Ort. Eine L-förmige Kopfsteinpflasterstraße, gesäumt von alten Häusern, einer Kirche und einem Brunnen. Ringsherum neue Einfamilienhäuser mit Solarzellen auf dem Dach. Nebenan auf dem Schlossberg thront eine Burgruine. Hunde bellen, Vögel zwitschern, im Hintergrund rauscht leise die Umgehungsstraße. Knapp 500 Menschen leben hier. In dieser ländlichen Umgebung hat Elisabeth Zintl das Konzept „Zu Gast im Dorf“ entwickelt – inspiriert von Tourismusprojekten in Italien, in denen Besucher*innen in traditionellen Häusern mitten im Ort wohnen.

Elisabeth Zintl ist in Waldeck aufgewachsen. Ihre Vorfahren waren die wichtigsten Wirt*innen auf dem Schlossberg. Seit 2006 betreibt Zintl das Landhotel der Familie in fünfter Generation und entwickelte es weiter: Aus vier leerstehenden, denkmalgeschützten Häusern, die früher als Armenhaus, Schreibstube, Gemeindekanzlei oder Sitz der Feuerwehr dienten, machte sie Landhauszimmer und Appartements und gab dem Ensemble aus neuen Unterkünften und Haupthaus den Namen „Hollerhöfe“. Holler ist der regionale Name für Holunder oder Fliederbeere und gilt als Schutzpflanze, die – in der Nähe des Hauses gepflanzt – Unheil fernhalten soll.

Bodenständigkeit und Business

„Heimat ist für mich Geschenk und Verpflichtung zugleich“, sagt Zintl. Die Oberpfalz liegt im nordöstlichen Bayern an der Grenze zu Tschechien und hatte als ländliche Region lange Zeit mit der Abwanderung junger Menschen zu kämpfen. Viele Gebäude in Waldeck und andernorts standen leer. „Ich wollte den Häusern eine neue Verwendung geben, dem Ortsbild etwas Gutes tun und Gästen zeigen, dass es in Waldeck sehr schön ist“, erklärt die 51-Jährige. Seitdem sich viele mittelständische und große Unternehmen im Landkreis angesiedelt haben, kommen immer mehr junge Menschen zurück in die Heimat oder bleiben gleich dort.

Auch das jüngste von Zintls drei Kindern – gerade im Teenager-Alter – kann sich gut vorstellen, im Dorf zu bleiben und den Betrieb zu übernehmen. Zintl ist gelernte Metzgereifachverkäuferin, Bankkauffrau und Betriebswirtin und leitete viele Jahre eine örtliche Sparkassenfiliale, bevor sie nach Waldeck zurückkehrte und sich dort dem Gastgewerbe verschrieb. Sie machte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau, wurde Küchenmeisterin, Diätköchin und Fachberaterin für essbare Wildpflanzen.

„Ich denke, wir haben ein gutes Gespür dafür, was den Menschen zunehmend wichtig ist: Ursprünglichkeit, Natur, ein schonender Umgang mit Ressourcen.“ Gäste finden in den Hollerhöfen Einblicke in die Vergangenheit und Ausblicke in die Natur, eine Mischung aus Bodenständigkeit und Business. Geschickt vermarkten die Zintls ihr Gasthauskonzept, bieten Event- und Tagungsräume, Veranstaltungen für Geschäftsleute und Natursuchende. Selbst ein sogenanntes „Tiny House“ fehlt nicht im Portfolio. Das Konzept geht auf: Die Hollerhöfe sind gut gebucht – meist von Gästen und Gruppen aus dem überregionalen Deutschland und dem Ausland.

Netzwerk Powerpaare

2021 haben Elisabeth und Leonhard Zintl das Netzwerk „Powerpaare“ übernommen, das die Marketing- und Kommunikationsexpert*innen Helmut und Marianne Becker einige Jahre zuvor gegründet hatten. Das Netzwerk will den kollegialen Austausch zwischen Unternehmenspaaren in Deutschland stärken. Mehr als 1.400 Entrepreneur*innen nutzen die Plattform derzeit, darunter Landwirt*innen, Logopäd*innen, Bauunternehmer*innen und Bäcker*innen. „Ich und Du und die Firma“ ist der Slogan der Plattform: Wie können Paare mit eigenen Betrieben eine Balance finden zwischen persönlichen, partnerschaftlichen und beruflichen Ambitionen?

Elisabeth Zintl und ihr Mann wollen sichtbar machen, was Unternehmer*innen leisten – und mit ihren Workshops und Seminaren dafür die entsprechenden Räume schaffen. „Ein Familienunternehmen zu führen, bedeutet Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen, Arbeitsplätze zu schaffen und zu sichern“, sagen sie. Für die regionale Wirtschaft seien sogenannte Powerpaare darum sehr wichtig. Das Netzwerk fördert kollegiale Beratung, organisiert Veranstaltungen und bietet Weiterbildungen, die jüngste zum Thema Resilienz.

Die Resonanzen der Teilnehmenden zu den Veranstaltungen, die digital und in Präsenz stattfinden, sind so unterschiedlich wie ihre beruflichen Hintergründe. Dem Bau-Unternehmenspaar Susanne und Hans-Jörg Stöcker wurde im Austausch bewusst: Die Firma läuft, aber die Partnerschaft leidet. „Wir mussten lernen, Zeit für uns einzuräumen und es nicht allen recht machen zu können.“ Auch Logopädin Christina Stock-Schönefelder baut auf Freiräume außerhalb der Arbeit, während Coach und Personalentwicklerin Gabriele Herdin wiederum sich und ihrem Partner die „Erlaubnis zum begeisterten Arbeiten“ gibt, und zwar – so wörtlich – „ohne Beschränkungen und Befindlichkeiten“.

Keine Blaupause

Die Fortführung der Powerpaare sieht Leonhard Zintl auch als eine Möglichkeit, mit seiner Frau ein gemeinsames Projekt mit gleichverteilter Verantwortung zu führen. „Die Hollerhöfe sind Elisabeths Herzensprojekt, sie ist dort die Chefin und ich sozusagen der mithelfende Ehemann.“ Der Buchautor und Honorarprofessor für „Digitale Transformation und regionale Innovation“ ist als Vorstand einer Volksbank beruflich oft unterwegs. Elisabeth Zintl führt das Tagesgeschäft des Betriebs und hat „alle Hütchen im Blick“, wie sie sagt. Dafür spannt sie Familie und Netzwerke ein.

„Für das Thema Care-Arbeit gibt es keine Blaupause“, so Zintl. Mit ihrem Mann führt sie klare Absprachen über Bedürfnisse und Grenzen. In den ersten Jahren hielt sie das Hotel nur an Wochentagen geöffnet, die Wochenenden reservierte sie für die Familie und Weiterbildungen. „Was uns eint, ist eine gemeinsame Vision und die Überzeugung, dass alles im Wandel ist.“ Seit zehn Jahren macht sie eine gemeinsame Jahresplanung mit Mann und Kindern: Was war gut im vergangenen Jahr, was nicht? Was hast du vor, was ich – und wie können wir uns synchronisieren?

Verbindung herstellen

Andere in die eigenen Projekte und Planungen einbeziehen, das sei herausfordernd, aber nachhaltig, erklärt Zintl. Es gebe ja immer kritische Stimmen – auch im Dorf – vor allem, wenn es um Veränderungen und Mitgestaltung ginge. Manchen sei das Tempo einfach zu schnell. „Powerpaare lösen mitunter zwiespältige Gefühle aus“, schreibt Susanne Gaschke in einem Artikel für die Wochenzeitung DIE ZEIT. Umstehende fragen sich: Wie organisieren so aktive Menschen eigentlich ihren Alltag? Und ist die Loyalität eines Powerpaares nicht auch kritisch zu sehen, wenn es seine Visionen so überzeugt in die Welt trägt?

Da hilft nur Verbindung herstellen, meint Zintl. Regelmäßig lädt sie Menschen aus der unmittelbaren Umgebung ein, die Hollerhöfe und ihre Projekte kennenzulernen: Mal gibt es ein Dinner mit Wildkräutern aus der Region, mal einen magischen Abend mit einem lokalen Zauberkünstler. Mit dem Heimat- und Kulturverein fördert sie den Wiederaufbau der ehemaligen Burg auf dem Schlossberg.

2018 initiierten die Zintls in Waldeck den ersten essbaren Wildpflanzenpark Deutschlands  – ein Naturlehrpfad entlang des Dorfes, in dem die Wandernden etwas über lokale Kräuter und Pflanzen erfahren. „Der Wildpflanzenpark zeigt, wie wir Bewährtes wieder wertschätzen lernen und im wahrsten Sinne des Wortes gedeihen lassen können“, erläutert Elisabeth Zintl. Denn: Brennnesseln, Bärlauch oder Löwenzahn seien kein Unkraut, sondern wahre Powerpflanzen.

Disclaimer: Dieser Artikel entstand mit freundlicher Unterstützung der Hollerhöfe, die für die Übernachtungskosten während der Reise aufkamen.

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