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Dear Daniel,

leider findet gerade die durch Corona bedingte Entspannungsphase in meinem Leben ein Ende. Ich treffe vermehrt auf andere Menschen, leider auch auf solche, denen man in den vergangenen beiden Jahren - ganz ohne Rechtfertigungsgrund - aus dem Weg gehen konnte.

Nun erschöpft es mich ohnehin schon, wenn ich zu viel Zeit mit anderen Menschen verbringe. Selbst bei angenehmen Zusammenkünften entwickele ich, wenn sie zu nah beieinander liegen, eine Abwehrhaltung. Bei Freundinnen, Freunden und Bekannten fällt es mir nicht schwer, Verabredungen abzusagen, auch weil ich ihnen nicht übelnehme, wenn sie Verabredungen mit mir absagen.

Aber wann darf man den familiär anerzogenen Anstand überwinden? Denn leider werden auch Familienzusammenkünfte wieder häufiger eingefordert, obwohl ich selbst Telefonate als Zumutung empfinde. Vor allem mit meiner Mutter und der um sie versammelten Familie fällt mir der Umgang immer schwerer. Zwischen uns gibt es seit langem große Differenzen und die Kontakteinschränkungen der Pandemie habe ich diesbezüglich als durchweg positiv erlebt. Wenn Freundschaften überhaupt nicht mehr funktionieren, kann man sie beenden, aber der Familie, in die man hineingeboren wird, kann man sich nicht ohne Weiteres entziehen. Wie lange muss man seine Familie ertragen?

Deine familienmüde Solveig

Liebe familienmüde Solveig,

oh man, dein Brief hat mich echt mitgenommen, weil ich, ehrlich gesagt, nicht richtig weiß, wie ich darauf antworten soll. Auf der einen Seite möchte ich sagen: Sei kompromisslos, du schuldest deiner Mutter und deiner Familie nichts! Auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, dass dein Wunsch nach fortwährender Isolation ein Zeichen für einen ungelösten Konflikt ist, dem du dich stellen solltest.

Ich habe keine Ahnung, worin diese „großen Differenzen“ bestehen, von denen du sprichst. Generell kannst du den Kontakt zu deiner Familie natürlich jederzeit abbrechen. Ein Freund von mir hat das vor einiger Zeit etwa nach jahrelangem emotionalem Missbrauch durch seine alkoholabhängigen Eltern getan. Er bekam beinahe jeden Tag hasserfüllte Nachrichten und Anrufe von ihnen, deren Ziel es war, ihn daran zu hindern, sein eigenes Leben zu führen, und ihn unglücklich zu machen. Seine Eltern konnten es nicht ertragen, dass er seinen eigenen Weg ging. Ich fand es eine gute Idee, dass er nach langen Überlegungen mit ihnen brach. Aber selbst in seinem ziemlich eindeutigen Fall war das eine Riesenherausforderung – und er kämpft bis heute mit dieser Entscheidung.

In deinem Fall habe ich den Eindruck, dass so eine Art Missbrauch oder andere kaum zu bewältigende Traumata nicht vorliegen – ich hoffe, ich liege damit nicht falsch, wenn doch: Bitte entschuldige! Aber ich vermute, dass es sich bei den „großen Differenzen“, von denen du sprichst, nicht um „unüberbrückbare Differenzen“ handelt. Sonst hättest du wahrscheinlich schon lange mit deiner Familie gebrochen – zumal dir das bei Freundschaften nicht schwerfällt. Auf mich wirkt es so, als hättest du einfach große Schwierigkeiten damit, deine persönlichen Grenzen zu setzen und zu verteidigen. Anstatt selbstverständlich für dich, deine Person und deine Grenzen einzustehen, beendest du Beziehungen mit Menschen, die diese Grenzen wiederholt überschreiten.

Eine merkwürdige Facette von Eltern-Kind-Verhältnissen besteht darin, dass sich unsere Beziehung zu unseren Eltern, wenn wir unser eigenes Leben aufbauen, radikal verändert. Das muss sie auch. Die Beziehung der Eltern zu uns allerdings verändert sich sehr viel weniger. Zu einem gewissen Maß bleiben wir in ihren Augen immer die Kinder, die sie großgezogen haben, die Kinder, die wir einmal waren. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir dazu tendieren, diese Elternperspektive zu bestätigen – das heißt ihrem Blick auf uns verhaftet zu bleiben anstatt ihnen klarzumachen, wie sehr wir uns verändert haben und wer wir wirklich geworden sind. Das ist vor allem der Fall, wenn die Eltern streng und urteilsfreudig sind oder ihrer sozialen Schicht und ihrem Weltbild unverrückbar verhaftet bleiben.

In diesem Sinne möchte ich dich fragen: Weiß deine Mutter, wer du wirklich bist? Was du denkst – über dich, über sie und die Welten, in denen ihr jeweils lebt? Was dich im Alltag bewegt? Was du zum Frühstück isst, welche Filme du schaust, welche Bücher du liest? Wen du warum liebst? Wovon du heimlich träumst? Auch wenn du glaubst, dass sie all das nicht wissen will, ist es deine Aufgabe, ihr das zu vermitteln. Erst wenn du ihr deutlich machst, wer du bist und wo deine persönlichen Grenzen liegen, könnt ihr eine echte Beziehung im Hier und Jetzt aufbauen. Wenn du darauf verzichtest, sorgst du nur dafür, dass ihr keine echte Beziehung habt oder eine Beziehung, die sich so falsch anfühlt, dass du sie eigentlich beenden möchtest.

Meine Empfehlung: Sag die Familienzusammenkünfte ruhig weiter ab, ohne jedes schlechte Gewissen. Wenn du keine Lust darauf hast, hast du keine Lust darauf. Stattdessen verbring mehr Zeit allein mit deiner Mutter. Sorg dafür, dass sie dich kennenlernt, und versuch auch sie kennenzulernen. Sprich mit ihr über die Dinge, die dir bezüglich deiner Kindheit und deines heutigen Lebens auf der Seele liegen. Zeig ihr, wer du wirklich bist. Leg für dich fest, wie oft und in welchem Rahmen du sie sehen möchtest und befolge diese Entscheidung, so lange sie sich richtig anfühlt. Weis deine Mutter in ihre Schranken, wenn sie übergriffig oder verurteilend wird und deine persönliche Integrität verletzt. Zeig ihr, dass du sie liebst. Das wird Zeit brauchen und sich immer unperfekt anfühlen - aber es wird für euch beide eine Befreiung darstellen. Und vielleicht wird es irgendwann auch dazu führen, dass du das mit deinen Freundinnen und Freunden ebenso tust, anstatt dich immer wieder in die Isolation zu flüchten.

Ich weiß, all das klingt wahnsinnig schwer, vielleicht zu schwer, um es durchzuführen – aber es wird einfacher sein als die Beziehung zu deiner Mutter abzubrechen. Denn das funktioniert selten wirklich, selbst in einem so klaren Fall wie des erwähnten Freundes nicht. Dafür sind wir zu sehr mit unseren Eltern verbandelt. Wir müssen unsere Familie grundsätzlich nicht ertragen – nur geht es uns häufig nicht besser, wenn wir es nicht tun. Dafür lieben wir sie zu sehr, oder zumindest tun das Teile von uns. Und zwischen dem Ertragen und dem Nicht-Ertragen wird es schließlich immer den Weg geben, eine nachhaltige Beziehung zu ihnen zu entwickeln – eine Beziehung auf Augenhöhe.

Ich wünsche dir alles, alles Gute, du bist nicht allein!

Dein Daniel

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