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Ist Krankheit, nicht  Gesundheit, der Normalzustand des Lebens?

Bei einer medizinischen Untersuchung erfährt Franzi von einem schrecklichen Verdacht: Vielleicht hat auch sie die Krankheit, die zum Freitod ihrer Tante geführt hat. Wie kann sie mit der Angst umgehen, die seither ihr Leben bestimmt?

Dear Daniel, ich habe vor ein paar Tagen eine unerwartete Nachricht von meiner Ärztin bekommen: Bei einer Untersuchung für etwas ganz anderes fand meine Ärztin Auffälligkeiten, die darauf hinweisen, dass ich eine schwere Krankheit haben könnte. Dieselbe Krankheit, die meine Tante auch hatte. Die Krankheit, die ihr Leben so sehr eingeschränkt hat, dass sie beschloss, es vorzeitig selbst zu beenden. Eine Krankheit, für die ich durch Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko habe.

Noch ist es nur eine Verdachtsdiagnose, ich brauche einige weitere Tests und Untersuchungen und es gibt auch andere mögliche Erklärungen für meine Symptome, doch bis ich herausfinden werde, was genau es ist, werden noch Wochen, vielleicht sogar Monate vergehen. Jetzt stecke ich in einer ziemlichen Panikschleife fest. Die Angst vor der Diagnose ist riesig und gleichzeitig wäre es endlich, nach über 10 Jahren chronischer Schmerzen und medizinischem Gaslighting, bei dem ich für verrückt erklärt wurde, eine Erklärung, mit der man dann etwas anfangen könnte.

Meiner Mutter davon zu erzählen, dass ich vielleicht die gleiche Erkrankung habe, die das Leben ihrer Schwester beendet hat, war eins der schlimmsten Dinge, die ich je tun musste. Auch sie hat furchtbare Angst, wofür ich jetzt furchtbare Schuldgefühle habe. Wie halte ich die Ungewissheit aus, nicht zu wissen, was mit meinem Körper los ist, während ich auf die Diagnose warte? Wie kann ich mich sicher fühlen in einem kranken Körper? Und wie schaffe ich es, mich nicht für die Ängste meiner Familie verantwortlich zu fühlen?  Liebe Grüße,  Franzi

Liebe Franzi,

Ich denke jetzt schon seit einer Woche über deinen Brief nach und erst einmal möchte ich sagen, wie leid es mir tut, das zu lesen, wie leid es mir tut, dass du das erleben musst – und vor allem, dass das, was du erlebst, eines der schwersten Dinge ist, durch die man im Leben geht. Erst einmal möchte ich dir eine große Umarmung schicken.

Du schreibst nicht, um welche Krankheit es sich bei der Verdachtsdiagnose handelt. Das hat etwas Gutes und zugleich macht es mir Sorgen. Wir haben verschiedene Bilder im Kopf, wenn es um schwere, lebenseinschränkende oder lebensbedrohliche Krankheiten geht, haben ein vermeintliches Wissen, an dem wir festhalten, selbst wenn es sich bei diesem Wissen, wenn man genauer hinschaut, um Vorurteile handelt. Je unerforschter eine schwere Krankheit ist, desto undurchsichtiger werden diese Bilder und – was noch viel schlimmer ist – desto stärker tendieren sie dazu, den Erkrankten selbst die Schuld an ihrer Erkrankung zu geben. 

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