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Late To The Party #1

Liebe Abonnent*innen von Late To The Party…

…denn so habe ich diesen Newsletter, der zumindest zu Teilen mit voller Absicht ein Oldsletter sein wird, dazu gleich mehr, genannt. Denn es gehört ja zu den interessanten kleinen Entwicklungen der letzten Zeit, dass man immer „Late To The Party…“ sagt.

https://twitter.com/Krstorevic/status/1256952546347933697

Egal, ob auf Twitter, Facebook oder Instagram, Leute sagen: „Ich weiß, late to the Party, aber das Buch von XYZ ist echt toll…“.

https://twitter.com/RichterHedwig/status/1382048776332935171

https://twitter.com/AnaSagt/status/1379090130330382337

https://twitter.com/notyourpunx/status/1356096300769566720

Und so weiter und so fort. Und das finde ich a) interessant und b) auch ein bisschen bescheuert. Interessant, weil es im Kleinen den Medienwandel der letzten zehn, zwanzig Jahre reflektiert. Früher waren es die klassischen Medien, die unter dem Druck standen, eine Nachricht möglichst als erste oder zumindest nicht allzu lange nach den anderen zu bringen. Heute sind wir bekanntlich alle Publisher. Und verhalten uns auch so. Auch wenn wir „hier privat“ sind, wie jeder zweite Medienmensch in seiner Twitter-Bio versichert. Nachdem nun schon Annika, Jonas und Maike etwas über dieses und jenes It-Piece-Buch gepostet haben, entschuldigt man sich dafür, dass man es zwei Wochen später auch noch tut.

Womit wir dann auch bei b) bescheuert wären. Denn eigentlich muss sich ja niemand dafür rechtfertigen, warum er oder sie etwas jetzt erst gelesen (oder gehört oder geguckt) hat. Und der Satz „Late the Party“ passt am allerwenigsten, denn schließlich gilt es doch als besonders cool, spät zur Party zu kommen. Uncool dagegen war es, pünktlich to the Party zu kommen und mit zwei, drei anderen die Chipsletten aufzufuttern, während die Coolen noch zum Vorglühen woanders abhingen.

Dies hier soll nun aber der Newsletter für die Coolen sein. Ergo ein Oldsletter. Late To The Party. Weil ich das gern in meinem Tempo machen will. Weil ich keine Lust darauf habe, mich von dem Tempo in den sozialen Medien hetzen zu lassen. Weil Bücher und gute Gespräche eine längere Halbwertszeit haben.

Worum geht es? Um Bücher/Lesen/Literatur vor allem. Und auch ein bisschen um Podcasts. Ich gehe mal davon aus, dass Euch beides interessiert ;) Die beste Kombination von Büchern und Podcasts ist meiner unbescheideneren Meinung ja „Das Lesen der Anderen“. Im April gab es zwei ganz unterschiedliche Folgen, die ich persönlich beide sehr mag.

#7 Mithu Sanyal und die Insel von Enid Blyton

Mithu ist Journalistin, Kulturwissenschaftlerin und Schriftstellerin. Wir kennen uns seit Jahren, weil wir beide für die Kulturredaktion des WDR arbeiten. Als ihr Romandebüt „Identitti“ plötzlich bei mir ins Haus flatterte, hab ich mich wahnsinnig gefreut - zunächst für sie, weil sie den Erfolg, den sie mit diesem Buch hat, total verdient hat. Und dann auch für mich (und uns alle). Denn dieses Buch ist der Knaller. Deshalb reden wir in dieser Folge auch ausführlich darüber - aber auch über Mithus Buchauswahl - von Enid Blyton bis P.G. Wodehouse. Meine Katze Lieschen hat einen kurzen Gastauftritt.

Zum Podcast mit Mithu Sanyal

#Bernd Begemann und die Zähne von Elias Canetti

Bernd ist einer der besten Singer/Songwriter Deutschlands. Und er ist zugleich einer der klügsten und warmherzigsten Menschen, denen ich begegnet bin. Als die Idee zu „Das Lesen der Anderen“ aufkam wusste ich sofort: Bernd muss dabei sein. Und bin so froh, dass es geklappt hat. Wir haben bei Bernd am Küchentisch gesessen und Donauwelle aus der Tiefkühltruhe verputzt, während wir über Bernds Bücher von Homer über Elias Canetti bis Ursula K. LeGuin gesprochen haben. Wenn ihr jemandem zuhören wollt, der im einen Moment eine literatursoziologische These zu „Prinz Eisenherz“ raushauen und im nächsten sehr berührend über seinen Vater (und dessen Lesesessel, der heute seiner ist) sprechen kann, dann hört das. Wenn ihr nur eine Folge dieses Podcasts hören wollt, dann hört das. Bitte.

Zum Podcast mit Bernd Begemann

Falls ihr Bernds Musik noch nicht kennt und nun Lust bekommnen habt, dann empfehle ich Euch die Compilation "Der brennende Junge", man kann sie hier bei seinem Label kaufen. 

Bernd war übrigens auch schon zu Gast (oder war er der Gastgeber?) in meinem anderen Podcast "Durch die Gegend". Da sind wir durch seine Heimtstadt Bald Salzuflen geschlender. Die Folge findet ihr hier. 

Falls Euch „Das Lesen der Anderen“ gefällt, habt ihr vielleicht schon einmal drüber nachgedacht, mich mit deiner Mitgliedschaft zu unterstützen. Das geht auch über Steady, wo Ihr Euch für den Newsletter registriert habt. Unterstützer*innen kriegen nicht nur gutes Karma und meinen ewigen Dank, sondern gerade auch noch mal Prozente. Denn bis Ende Juni gibt es auf die Jahrespakete noch einmal 10 % Rabatt. Außerdem nehmt ihr automatisch in jeder Folge an der Verlosung eines 30-Euro-Buch-Gutscheins teil. Hier könnt ihr Unterstützer*in werden. 

Durch die Gegend mit Joachim Meyerhoff

Vielleicht kennt ihr meinen anderen Podcast Durch die Gegend. Nach einer ausgedehnten Winterpause geht es dort jetzt wieder los. Mit dem Schauspieler und Bestsellerautor Joachim Meyerhoff war ich in Berlin-Schöneberg spazieren. Auch das ist ein persönliches und intensives Gespräch geworden. 

https://viertausendhertz.de/ddg68/

Gutenbergs Welt: Körpersprache

Im Kulturradio WDR 3 moderiere und kuratiere ich das Literaturmagazin Gutenbergs Welt. Dort gibt es auch immer Interviews mit Autor*innen, außerdem Buchvorstellungen aktueller Belletristik und Sachbücher. Die Sendung behandelt die Bücher dabei immer unter einem Oberthema. In der letzten Sendung ging es um Körper(lichkeit). Unter anderem hatte ich die Autorin Esther Becker mit ihrem Debütroman „Wie die Gorillas“ zu Gast. 

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-gutenbergs-welt/koerpersprache-104.html

Bücher über Identität(en)

Identität war und ist eines der großen Themen dieses Bücher-Frühlings. Mithus Roman „Identitti“, für mich ganz klar DAS Buch dieses Frühjahrs, greift die teils hitzig geführten Debatten über Identität und Identitätspolitik auf - und macht aus der Diskursiven Gemengelage eine Wucht von einem Roman. Oder ist es doch, wie hier und da gesagt wurde, ein Theorie-Essay, der sich als Roman verkleidet? Kann sein, auch das wäre ja eine Art von Crossdressing und würde deshalb zum Thema passen. 

Es geht um die Düsseldorfer Professorin Saraswati, die den Studiengang Postcolonial Studies leitet, von ihren Studierenden wird sie abgöttisch verehrt, auch deshalb, weil sie in ihren Vorlesungen gern mal zuerst „alle Weißen raus“ schickt. Und damit vielen zum ersten Mal vorführt, wie es sich anfühlt von Rassismus betroffen zu sein. Für Bewunderung sorgt sie damit nicht zuletzt bei Nivedita, der Ich-Erzählerin des Buches, die als „Identitti“ über Identitätspolitik und Sex bloggt. Nivedita kommt aus einer indisch-stämmigen Familie, ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, sehnt sich nach Zugehörigkeit - und findet sie als Studentin von Saraswati. Die ist Inderin. Wie sie selbst. Oder? Nein, ist sie nicht. Saraswati ist eine weiße Deutsche, die sich zur Person Of Colour gemacht hat. Das kommt zu Beginn der Handlung raus, und daraus folgen ein Skandal, ein Shitstorm in den sozialen Medien und ein diskursiver Wirbelsturm, mit dem Mithu Sanyal alle Gewissheiten der Debatten zum Thema Identität(spolitik) gründlich durcheinanderbringt. Zentraler Satz, der die Haltung des Buches zum Ausdruck bringt: „Identität ist eine notwendige Lüge.“ Schlau, witzig und angenehm verwirrend.

Neben „Identitti“ hat das Frühjahr noch weitere Bücher zum Thema Identität gebracht: Sharon Dodua Otoos Roman „Adas Raum“, den ich selbst noch nicht gelesen habe (er liegt auf dem riesigen Stapel Ungelesener Bücher in meinem Wohnzimmer). Dann der autobiografische Essay „Französisch Verlernen“ von Elisa Diallo, ein Buch, das leider etwas untergegangen ist. Und Asal Dardans Essay „Betrachtungen einer Barbarin“.

Barbaren, das sind ja im ursprünglichen Wortsinne, „die Anderen“, „die Fremden“. Und als solche fühlt sich die Kulturwissenschaftlerin Asal Daran, als Tochter einer iranischen Familie in Deutschland aufgewachsen, immer wieder gesehen - wenn etwa der Biergarten-Kellner mit ihr, die fließend deutsch spricht, automatisch englisch redet, ihren blonden und hellhäutigen Mann dagegen auf deutsch anspricht, obwohl der aus Schweden kommt und kein Wort versteht. Dardans Buch scheint zunächst einmal eine autobiografische Erzählung zu sein, greift dann aber weiter aus und wird zu einem Essay über Identität als Fremdzuschreibung auf der einen Seite. Und als niemals ganz abgeschlossener Prozess auf der anderen.  Ein elegantes, klares, präzises Buch. 

Beide Bücher tauchen übrigens auch in einer früheren Sendung von Gutenbergs Welt auf, die man hier anhören kann. 

https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-gutenbergs-welt/identitaeten-100.html

Und sie sind auch beide Thema in einer ausführlichen Artikel der Literaturwissenschaftlerin Leila Essa in der „Zeit“, den ich sehr empfehlen kann. 

https://www.zeit.de/kultur/2021-03/mithu-sanyal-asal-dardan-cancel-culture-rassismus-identitaet-marginalisierte-gruppen

Und noch ein drittes Buch, das Identitäten verhandelt, gehört zu denen, die mir in Erinnerung bleiben aus diesem Frühjahr: Dimitrij Kapitelmans kurzer Roman (oder ist es eher eine Novelle?) „Eine Formalie in Kiew“.

Dimitrij Kapitelman, Sohn aus der Ukraine Eingewanderter, ist in Leipzig aufgewachsen, spricht besser sächsisch als mancher Sachse, nun will der die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, wofür er noch einmal nach Kiew fliegen muss, um dort auf dem Amt eine Formalie zu erledigen. Dass das komplizierter wird, als es anfangs scheint, lässt sich denken. Aber nicht nur wegen nervigen Behördenleuten (die sind überraschenderweise ganz okay), sondern eben wegen diesen komplizierten Fragen der Zugehörigkeit - zum Land, in dem man geboren wurde, aber auch zur eigenen Familie, mit der es für „Dima“, wie ihn seine Eltern nennen, nicht ganz so einfach ist. Das ist auf Kapitelmans Twitteraccount immer mal wieder Thema:

https://twitter.com/Kapitelmanslife/status/1384870619205013506

Hier im Roman erzählt er davon mit einer Mischung als Melancholie und unachahmlichem Sprachwitz.

Bald in "Das Lesen der Anderen"

Zum Schluss ein kurzer Ausblick auf die nächsten Folgen von „Das Lesen der Anderen“. Zwei ganz unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bücher könnt ihr im kommenden Monat erwarten.

Zum einen Nilz Bokelberg, früher - ganz, ganz früher - mal VIVA-Moderator, zwischenzeitlich Blogger, heute vor allem Host diverser erfolgreicher Podcasts wie „Gästeliste Geisterbahn“ und „Die Nilz Bokelberg Erfahrung“ spricht unter anderem über seine Liebe für Daniil Charms, einen der bekanntesten Vertreter des absurden Humors.

Und die Publizistin Carolin Emcke („Gegen den Hass“) hat mit mir über Bücher von Christa Wolf, Jean Améry und anderen Herzensautor*innen gesprochen. Außerdem ging es um ihr aktuelles Buch „Journal“.

Weitere Folgen sind bereits in Vorbereitung, davon lest ihn dann hier in der nächsten Ausgabe von „Late To The Party“.

Vielen Dank, dass ihr diesen Newsletter abonniert und euch für „Das Lesen der Anderen“ interessiert. Folgt mir doch gern auch in den sozialen Medien

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So viel zur ersten Ausgabe dieses Oldsletters. Entspricht das Euren Erwartungen? Ist es zu kurz, zu lang? Wünscht Ihr Euch andere Inhalte oder ist es genau richtig? 

Feedback ist jederzeit willkommen!

Ich wünsche uns allen einen baldigen Impftermin und besseres Wetter. So lange machen wir es uns einfach mit einem Buch gemütlich.

Herzliche Grüße, bis bald!

Euer

Christian

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