8Schockierendes Urteil nach Häuslicher Gewalt durch Ex-Boxprofi Tom Schwarz

Der Boxer Tom Schwarz zertrümmert in einem Streit seiner Exfreundin den Kiefer – und ein Gericht wertet dies als Bagatelldelikt. Doch das Opfer  wehrt sich.

So heißt es zur Einleitung eines Artikels bei Zeit Online, der bereits Mitte November 2021 verfasst wurde

Der Täter hat seinem Opfer, seiner damaligen Freundin, durch einen gezielten Faustschlag ins Gesicht den Kiefer mehrmals gebrochen.

Nun ist von einem männlichen Richter das Urteil nach ca. 4 Stunden Verhandlung gesprochen worden.

Der Täter muss 2500.- € Strafe zahlen. Das Verfahren endet damit, sodass das betroffene Opfer nicht widersprechen kann.

Wenn man mit entsprechenden Suchbegriffen sucht, finden sich viele Artikel zum Thema. Dabei wird deutlich, dass das Entsetzen über das Urteil groß ist und somit große Wellen schlägt.

Doch ist es berechtigt, über das Urteil schockiert zu sein?

Über Umwege bin ich auf den oben verlinkten Artikel gestoßen. Ich nehme ihn nun zum Anlaß, im folgenden auszuführen, welche Gründe wir haben sollten, schockiert zu sein. Und ich versuche zu erklären, warum unser Entsetzen dem Opfer kaum helfen wird. Und es hat sich sich noch das ein oder andere zusätzlich herausgestellt. Denn ich gehe auf einige Artikel gesondert ein.

Artikel hinter Bezahlschranke

Doch bevor ich damit beginne, muss ich meinem Unverständnis darüber Ausdruck verleihen, dass Zeit Online und Spiegel Online ihre Artikel zu diesem Urteil hinter eine Bezahlschranke verstecken.

https://www.zeit.de/2021/52/tom-schwarz-urteil-koerperverletzung-verlobte

https://www.spiegel.de/panorama/tom-schwarz-profiboxer-bricht-ex-freundin-den-kiefer-verfahren-wird-eingestellt-a-7c081989-aede-4da0-a637-d576ad2a62c4

Damit vermitteln beide Magazine den Eindruck, dass sie nicht annehmen, die Vorkommnisse wären von öffentlichem Interesse.

Bei Spiegel Online ist es auch ohne Abonnement möglich zu kommentieren. Mein Kommentar, in dem ich die Bezahlschranke bei diesem Artikel moniere, wurde bemerkenswerter Weise nicht freigeschaltet. Kritik am Abo-System ist bei Spiegel Online offenbar unerwünscht.

2500.- Euro bei dreifachem Kieferbruch

Bestürzt und schockiert bin ich persönlich, weil das endgültige Urteil, gegen das das Opfer dieser unfassbaren Gewalttat keine Berufung einlegen kann, lediglich eine Geldstrafe von 2500.- Euro für den Täter zur Folge hat.

Schockiert bin ich auch besonders, weil Richter und Staatsanwaltschaft offenbar einen Deal ausgehandelt haben, der das Opfer völlig außer Acht läßt.

https://www.bild.de/sport/mehr-sport/boxen/tom-schwarz-box-welt-nach-witz-urteil-entsetzt-78198916.bild.html

Artikel in Rubrik Sport

Viele Artikel erscheinen merkwürdiger Weise unter der Rubrik Sport oder bei Sportmagazinen. Das ist auf dem Hintergrund der Aussagen, die der verantwortliche Richter (auf diese komme ich noch zu sprechen) getätigt hat, aus meiner Sicht recht fragwürdig.

Die Sportschau berichtet über das Urteil.

https://www.sportschau.de/regional/mdr/mdr-pruegel-prozess-um-boxer-schwarz-nach-einem-verhandlungstag-eingestellt-story100.html

Auch beim MDR erscheint der Artikel in der Rubrik Sport.

https://www.mdr.de/sport/boxen/prozess-gegen-boxer-tom-schwarz-wegen-faustschlag-gegen-ex-freundin-eingestellt100.html

Auch Sport1 beschäftigt sich in einem Artikel mit dem Urteil.

https://www.sport1.de/news/kampfsport/boxen/2021/11/boxen-tom-schwarz-bricht-ex-kiefer-strafe-sorgt-fur-entsetzen

3-facher Kieferbruch = Bagatelldelikt

Der Artikel bei Zeit Online stellt fest, dass ein Gericht die Gewalttat des Ex-Boxers als Bagatelldelikt einstuft.

Beim Juraforum heißt es:

Bei einem Bagatelldelikt handelt es sich um eine Straftat, der nur eine geringe strafrechtliche  Bedeutung beigemessen wird, etwa weil Schaden oder Intensität der Tat  gering sind. In der Rechtspraxis spricht man insoweit auch von  „geringfügige Straftaten“.Obwohl es sich bei Bagatelldelikte letztlich um Straftaten i.S.d.  Strafgesetzbuches [StGB] handelt, spielt die Bezeichnung vielmehr eine  Rolle im Strafverfahrensrecht nach der Strafprozessordnung [StPO].

Danach kann eine Körperverletzung tatsächlich nach unseren Gesetzen ein Bagatelldelikt sein.

Da der Richter den 3-fachen Kieferbruch nicht als gefährliche Körperverletzung eingestuft hat, war es ihm auch möglich, den körperlichen Übergriff, mit fatalen Folgen für das Opfer, als Bagatelldelikt einzuordnen.

Empathie für das Opfer?

Dem Opfer wird laut Bild vorgeworfen, selbst den nur milde verurteilten Täter, geschlagen zu haben. Diese Aussage einer Zeugin glaubte der Richter und ließ deswegen zu, dass der Täter erfolgreich auf Notwehr plädieren konnte.

Der Richter zeigte, wie sehr er fähig ist, mit Opfern mitzufühlen, indem er verlauten ließ:

„Er ist eben der Meister der fliegenden Fäuste und nicht der Meister des  gesprochenen Wortes. Der Schlag hätte anders ausgeführt werden können  und müssen und als Profiboxer muss man in der Lage sein, das dosieren zu  können. Aber auch die Ex-Freundin hat sich nicht mit Ruhm bekleckert.“

Kein Wort davon, dass der Schlag ins Gesicht 'wahrscheinlich' für eine Verteidigung, falls diese tatsächlich angezeigt war, nicht notwendig gewesen wäre, nimmt man an, dass die Aussage der Zeugin der Wahrheit entspricht.

Nach Auffassung des 'männlichen' Richters war der Schlag grundsätzlich berechtigt. Das bestätigt, worüber ich bereits in einem Artikel berichtet habe. Die Rechtssprechung bei häuslicher Gewalt ist in Deutschland oft täterfreundlich. Daran muss sich dringend etwas ändern.

Doch der Richter fiel noch durch einen weiteren Satz auf, mit dem er auch bei Spiegel Online zitiert wird:

Der Richter sagt, auch das Opfer habe sich »nicht mit Ruhm bekleckert«.

Der Richter rechtfertigt und verharmlost die Tat des Ex-Boxers mit dieser Aussage und auch deshalb ist es für mich angezeigt, aufgrund des Urteils schockiert zu sein.

Unsere Schockiertheit und unser Entsetzen

Solltet ihr ebenfalls schockiert sein, dann ist das grundsätzlich berechtigt. Mein Entsetzen ist teilweise der Grund dafür, dass ich diesen Post schreibe.

Doch ich bezwecke damit auch etwas anderes. Ich möchte, dass sich die Lage von Frauen in Beziehungen von Grund auf verändert.

Dazu ist es notwendig, dass auf mehreren Ebenen viel verändert wird.

Es braucht:

  • Die Umsetzung der Instanbul Konvention (Petition bereits erstellt)
  • Mehr Frauenhäuser
  • Eine andere Finanzierung von Frauenhäusern (dazu habe ich bereits eine Petition gestartet)
  • Mehr Aufklärung darüber, dass Häusliche Gewalt keine Beziehungstat ist
  • Eine Veränderung der Gesetzeslage und eine dadurch veränderte Rechtsprechung
  • Eine Modifizierung des Umgangsrechts bei Häuslicher Gewalt
  • Mehr Öffentlichkeit für Angebote der Gewaltberatung sowie Täterarbeit

Unsere Schockiertheit hat auch etwas damit zu tun, dass wir uns vorstellen, selbst derart verletzt zu werden. Das macht etwas mit uns. Dem Opfer ist damit allerdings nicht geholfen.

Dies gilt für jede Frau, die mit häuslicher Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner konfrontiert wird.

Solange Richter, denen eine wichtige Funktion in unserem Rechtsstaat zukommt, sich derart daneben benehmen können und damit beweisen, wie wenig sie sich mit dem Phänomen Häusliche Gewalt beschäftigen, erhalten Täter immer wieder Signale, dass ihre körperlichen Übergriffe funktionieren.

Die Grenzen der betroffenen Frauen werden durch den Rechtsstaat, in Person eines Richters oder einer Richterin, oft erneut überschritten und nicht im Nachhinein wieder hergestellt.

Dramatische Lage in Deutschland

https://www.change.org/p/frau-bundesinnenministerin-faeser-setzen-sie-die-istanbul-konvention-endlich-um-savexx/u/29978358?cs_tk=AogwV7KOsG6bBVkayGEAAXicyyvNyQEABF8BvNo8wJYKCbQe7FGdSMaj6R4%3D&utm_campaign=665ac6018bdb4024b40e2c8fa85afd91&utm_content=initial_v0_5_0&utm_medium=email&utm_source=petition_update&utm_term=cs

Ein Update zur Petition macht auf grausame Weise deutlich, wie sehr Frauen in Deutschland, die sich in Beziehungen mit Männern begeben, gefährdet sind.

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