Care-Arbeit ist Friedensarbeit

Almut Schnerring (aus der Eröffnung des Equal Care Day, 01.03. 2022)

[…] Angesichts des Krieges in der Ukraine bekommt der Begriff der Re-Produktionsarbeit, wie Care-Arbeit vor allem im wissenschaftlichen Kontext bezeichnet wird, eine ganz neue Bedeutung und Tragweite: Wieviel Sorge- und Versorgungsarbeit da allein in den vergangenen Tagen zusammenkam! Die einen sitzen ins Auto, um Lebensmittel und Medikamente an die Grenze zu bringen und von dort Geflüchteteabzuholen! Andere bereiten Betten vor, wieder andere sorgen für Verpflegung. Und noch ist nichts gesagt über jene, die sich um Verletzte kümmern. Und wieviel Care-Arbeit wird erst nötig sein, um das Land und seine betroffenen Menschen wieder aufzubauen? Materiell und ideell, körperlich und psychisch? Wieviel Reproduktionsarbeit wird es brauchen, um diese gewaltvolle und mutwillige Rücksichtslosigkeit wieder auszugleichen? Wer wird sie übernehmen? Und wer wird dafür welche Art der Wertschätzung erfahren oder gar zusätzlich dafür bezahlen müssen?

Krieg ist immer eine Entscheidung. Krieg ist die Entscheidung, Menschen zu töten –  und es werden überwiegend Männer sein. Ihre Körper werden als Waffe eingesetzt, je mehr desto besser, als wären sie in der Masse unverwundbar. Sie müssen sich stark und entschlossen zeigen, obwohl sie bloß objektifiziert werden als Teil eines Rüstungspakets. Die Verletzlichkeit des Einzelnen ist kein Thema, und in der Berichterstattung klingt es, anders als bei Frauen und Kindern, als wären sie nur Täter, aber nie Opfer. Opfer zu sein, gehört nicht zum gesellschaftlich verinnerlichten Männlichkeitsbild, umso schlimmer sind die psychischen Folgen, die Traumatisierung jener, die die Gewalt überleben werden. Und umso wichtiger die Fürsorgearbeit, die es brauchen wird, um ihre innere Welt wieder aufzubauen. Aber werden wir bereit sein, nicht nur in die handwerkliche und technische, sondern auch in die care-bezogene Friedensarbeit zu investieren? Werden diejenigen, die für Frieden und ein fürsorgliches Miteinander unverzichtbar sind, gefragt und einbezogen werden beim Wiederaufbau? Und für die späteren politischen Entscheidungen?

Care-Arbeit ist Beziehungsarbeit. Sie ist unerlässlich, damit Leben überhaupt stattfinden, Gesellschaft funktionieren kann. Es braucht sie insbesondere, um Krisen zu überwinden, um Welten wieder aufzubauen - für Frieden ist sie unverzichtbar. Deshalb ist es an der Zeit, dass wir die, die diese Last und Verantwortung tragen, von Anfang an hinzuziehen, und nicht erst dann, wenn es schon zu spät ist!

Vor 10 Tagen ging ein Foto durch die Sozialen Medien – darauf die CEOs am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz beim Mittagessen - alle weiß, alle männlich. Und auf die Kritik an dieser Zusammensetzung hin entstand eine Diskussion darüber, ob es denn etwa besser sei, wenn jetzt auch Frauen mehr Anteil hätten am Kriegsbusiness. Als ob sie das nicht längst hätten! Bloß eben nicht den Anteil der Produktion, sondern der Re-Produktion. Und zu wenige von ihnen in der Position, mitzuentscheiden. In unserem Equal Care-Manifest steht deshalb als 15. Forderung: 

„Regierungen weltweit müssen die Beteiligung unbezahlter Pflegender und anderer Betroffener an Foren und Prozessen der Politikgestaltung auf allen Ebenen erleichtern und Ressourcen in die Sammlung umfassender Daten investieren, um die Auswirkungen der Politik auf die Pflegenden bewerten zu können. Dazu gehört auch der Einbezug von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen wie z.B. lokalen Frauenrechtsorganisationen.“

Aus der Forderung III,4 des Equal Care-Manifests ( manifest.equalcareday.de)

Die 100 Milliarden Euro, die jetzt plötzlich da sind für Militärausgaben davor aber immer fehlten, beispielsweise für eine menschenwürdige Pflege dies- und jenseits der Bettkante oder für eine wertschätzende und zukunftsweisende Betreuung, in Schulen, in der frühkindlichen Bildung … der Einsatzzweck dieser 100 Milliarden Euro sind der komplette Gegenentwurf! Dabei hat es die WHO schon in den 1980ern vorgemacht mit ihrem HiAP-Ansatz: 'Health in All Policies'. Wir fordern also heute: 'Care in All Policies'! Sorge- und Versorgungsarbeit inklusive Mental Load in allen politischen Prozessen und Entscheidungen mit zu bedenken. Welchen Einfluss hat eine politischeEntscheidung für den Care-Bereich? Unterstützt sie Menschen darin, sich um sich selbst und andere zu kümmern oder verstärkt sie den aktuellen Missstand, das Care-Tätige finanziell und ideell abgestraft werden für ihre Fürsorge und Sorgearbeit?

Es ist an der Zeit, dass Außenpolitik in Zukunft unter Care-Aspekten betrachtet und bewertet wird. Der Begriff der 'Feminist Foreign Policy' ist jetzt mit Annalena Baerbock in die Schlagzeilen gerückt – und genau da gehört er hin! Ihr Grundsatzliegt darin, anstelle von Staaten und Grenzen, die Menschen und die Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt von Entscheidungen zu stellen. Wer das in der Praxis anwenden möchte, wird an Equal Care nicht vorbeikommen. Ohne faire Verteilung der Care-Arbeit, ohne Blick auf die herrschende Geschlechterhierarchie ist kein demokratisches Miteinander möglich! Für einen geschlechtergerechten Frieden braucht es deshalb das Wissen und die Anerkennung, dass Care-Arbeit Friedens-Arbeit ist.

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(Sascha Verlan, Almut Schnerring. Am Equal Care Day, 01.03.2022. Foto (c) Larissa Neubauer)

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