Zum Hauptinhalt springen

Platt und gebügelt

Die Austauschschülerin (16J) hat Kleider dabei, die nach Bügeleisen schreien. Dabei hat sie noch nie selbst eine Waschmaschine gestartet. Als bekennende Nichtbüglerin bringt mich das in die Bredouille (ist ein Frankreich-Austausch ;) Diese-meine Familie setzt auf die selbstbügelnde Funktion des Körpers: waschen-aufhängen-anziehen-1x strecken-fertig gebügelt! Pro-Tipp: Wer mit dem so erzielten Ergebnis nicht zufrieden ist, kauft plötzlich ganz anders ein. Hier gibt es in vier Kleiderschränken auffallend wenig typische Bügelkleidung. Und die zerknautschten Oberteile, die in glattem Zustand so cool aussahen, dass wir den Fehler machten, sie zu kaufen, die hängen im Keller aufgereiht auf Kleiderbügeln und warten, dass sich die Falten von selbst aushängen. Ich kann verraten, dass 6 Monate abwarten nicht genügen. Schinken ist jedenfalls schneller abgehangen.

Zurück zur Bedouille: Soll ich jetzt ihre Blusen und Sommergewänder bügeln und nett gefaltet aufs Bett legen? Oder bringe ich ihr das Bügeln bei und sorge so für lebenslange Erinnerung? Pro: Ganz klar Hilfe zur Selbsthilfe vermitteln! Contra: Ausgerechnet ich soll erinnert werden als die, bei der sie damals das Bügeln lernte? Vielleicht sollte sie sich einfach an die Gepflogenheiten des Gastlandes anpassen, oder? Dann lernt sie direkt, dass die Deutschen ungebügelt sind. Ob wir dafür repräsentativ sind, kann ich zwar nicht sagen, aber wenn sie von uns aufs Deutschsein schließt, wird sie mit dem Wissen sowieso nicht weit kommen.

Halblebiges Bügeln

Vielleicht ist sie ja noch auf dem Stand so vieler erwachsener Männer, die denken, Wäsche käme glatt aus der Maschine, Couchtische räumen sich von selbst ab und das bisschen Haushalt macht sich von allein?

Die Tatsache, dass ich mir darüber überhaupt so viele Gedanken mache, dass ein ganzer Text daraus entstehen kann, sagt eventuell etwas über meine Bügel-Sozialisation: "Halblebiges" Bügeln (also "halbherziges", "mittelprächtiges" Bügeln - bin aus Schwaben) habe ich von meiner Mutter und meiner Oma gelernt, mein Vater kann nicht mal gradeaus bügeln. Meine Oma dagegen hatte noch eine richtige Waschküche im Keller: Die Wäsche kam tropfnass aus der Maschine (immerhin) und wurde nach dem Waschen in eine Schleuder gepackt, unten lief das Wasser über einen Schlauch in den Gulli des Kellerbodens. Manche Teile wurden von Hand in einem Blechzuber vorgewaschen, ich weiß also noch, wie ein Wäschstampfer klingt :) (Wissen macht Ah zeigt den Ablauf hier https://youtu.be/9arJITNOaII) Auch dass man Kragen, Säume, Taschen und Knopfleiste beim Bügeln extra angeht, dass es für Ärmel gesonderte kleine Bügelbretter gibt, so'n Zeug habe ich von den beiden Frauen gelernt. Aber ich musste es nicht können, war nie zuständig, solange ich zur Schule ging. Meine Mutter hat das übernommen, die großen Teile brachte sie zur "Mange" (Wäschemangel https://dewiki.de/Lexikon/Mangel_(Ger%C3%A4t)).

Ich möchte auch eine Mange. Ich war tatsächlich schon so kurz davor, Sascha zum Vatertag so eine alternative Gummipuppe zu kaufen: ein Oberkörper ohne Kopf, der mit heißer Luft aufgeblasen wird, dem man feuchte Oberteile anzieht, die auf diese Art geglättet werden. Eine von vielen, kleinen Umwelt-Katastrophen - da wir Vatertag nicht feiern, nicht mit Hausratsgeschenken auch nicht mit Handkarre oder gehäkelten Herzen perfektioniere ich also weiterhin das Abhängen😬.

Alles wurde gebügelt. Auch Unterhosen

Meine (Nicht-)Haltung zum Bügeln habe ich als Aupair entwickelt. Als zwanzigjährige in Paris. Ich kam zu einer Familie mit drei Schulkindern, und hier wurde jeden Abend die gesamte Kleidung des Tages von allen fünf Familienmitgliedern in die Maschine geworfen. Alles. Nichts wurde zweimal getragen. Und alles wurde gebügelt. Ja, auch Unterhosen und Kopfkissen mit Spitzenbordüre. Und zwar von mir. Auch als ich ein Synthetik-Shirt auf seine Drittelgröße geschrumpft hatte, wurde ich davon nicht befreit. Viel Französisch habe ich im Dialog mit dem Bügeleisen erstaunlicherweise nicht gelernt. Kein Wunder also, dass ich viele Jahre lang weder Bügeleisen noch Bügelbrett besaß. Dafür kann ich heute ganz gut französisch. Das Bügeln hatte ich vorerst abgeschafft aus meinem Leben, und zerknautscht war ich trotzdem nicht. Ich war auf Jubiläen, Hochzeiten und bei Bewerbungsgesprächen und wenn ich negativ auffiel, dann nicht wegen Falten. Ich komme also seit Jahrzehnten überwiegend ohne Bügeln aus. Wenn mir nicht grade Austauschschüler*innen ihre dreckige Wäsche hinlegen.🤷🏻‍♀️

Ich habe jetzt den Mittelweg gewählt: Das knautschigste Teil habe ich gebügelt. Soweit ich das kann, bin irgendwie bisschen aus der Übung. Den Rest habe ich gefaltet (frau will ja nett sein) aber nicht auf ihr Bett (man muss es auch nicht übertreiben), sondern im Keller, da wo die Wäscheständer und auch das Bügelbrett stehen, zwischen die unaufgeräumten Stapel meiner Kinder gelegt. Mal schauen, ob ihr überhaupt was auffällt. Nur weil sie sich zuhause nicht mit ums Waschen kümmern muss, heißt das ja nicht, dass ihre Eltern Bügelprofis sind. Vielleicht haben die kein Problem mit ungebügelten Outfits und erkennen meinen Boykott gar nicht! Win-win für alle.

Grüße von Almut

Nur Mitglieder, die Zugang zu diesem Post haben, können Kommentare lesen und schreiben.