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Neue ADHS -Therapien in der Pipeline ?

Neue Behandlungsmöglichkeiten für ADHS bei Erwachsenen: Ein kritischer Blick

ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) betrifft nicht nur Kinder, sondern oft auch Erwachsene und stellt eine erhebliche Belastung im Alltag dar. Trotz vorhandener medikamentöser Therapien, wie Stimulanzien und Atomoxetin, gibt es weiterhin ein Bedürfnis nach neuen Behandlungsansätzen. Dies liegt hauptsächlich an den Nebenwirkungen und der eingeschränkten Wirksamkeit bestehender Medikamente. Eigentlich also ein riesiger “Markt” und Bedarf und seit 25 Jahren wird daran intensiv geforscht. Und doch bleibt Methylphenidat bzw. Amphetamine immer noch irgendwie der Goldstandard der Therapie.

Der aktuelle Forschungsstand zeigt jedoch, dass die in der Pipeline befindlichen neuen Methoden möglicherweise nicht die erhofften Durchbrüche liefern.

Ein aktuelle Studie fasst neue Ansätze und Hoffnungen am ADHS-Himmel zusammen…

Der Bedarf an neuen Behandlungsmöglichkeiten

Aktuelle Behandlungen für ADHS bei Erwachsenen umfassen sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze. Stimulanzien wie Amphetamine und Methylphenidat haben zwar hohe Wirksamkeitsraten, bringen aber auch potenzielle Risiken wie kardiovaskuläre Nebenwirkungen und Abhängigkeitsgefahren mit sich. Daher wird intensiv nach Alternativen gesucht, die ebenso wirksam, aber besser verträglich sind. Nicht-medikamentöse Ansätze, wie kognitive Verhaltenstherapie (CBT) und Achtsamkeitsbasierte Therapien (MBCT), haben in einigen Studien positive Ergebnisse gezeigt, jedoch bleibt die Frage der nachhaltigen Wirksamkeit und praktischen Anwendung offen.

Medikamentöse Behandlungen: Neue Hoffnungen und ihre Grenzen

Centanafadin: Dieses Medikament, ein Wiederaufnahmehemmer für Noradrenalin, Dopamin und Serotonin, zeigte in mehreren Studien eine moderate Wirksamkeit bei der Reduktion von ADHS-Symptomen. In den durchgeführten Studien war die Wirkung jedoch nur gering bis mäßig, und die Nebenwirkungen – darunter Appetitverlust und Kopfschmerzen – waren häufig, wenn auch meist mild. Centanafadin könnte somit eine zusätzliche Option darstellen, jedoch nicht die erhoffte Revolution in der ADHS-Behandlung.

Solriamfetol: Ursprünglich zur Behandlung von Schlafstörungen entwickelt, zeigte Solriamfetol in einer Studie eine deutliche Verbesserung der ADHS-Symptome. Die starke Wirkung muss jedoch durch weitere Forschung bestätigt werden, insbesondere, da Nebenwirkungen wie Schlaflosigkeit und Appetitverlust auftraten.

Mazindol: Ein Medikament, das durch die Hemmung der Wiederaufnahme von Dopamin und Noradrenalin wirkt, zeigte in einer Studie eine hohe Wirksamkeit. Allerdings fehlen derzeit weitere Studien, die diese Ergebnisse replizieren und die Sicherheit des Medikaments langfristig bestätigen könnten.

Nicht-medikamentöse Behandlungen: Ein umfassender Überblick

Neurostimulation: Verfahren wie die transkranielle Magnetstimulation (TMS) und die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS) zeigten gemischte Ergebnisse. Während einige Studien eine Verbesserung der kognitiven Funktionen berichteten, blieb die direkte Auswirkung auf ADHS-Kernsymptome oft begrenzt. Zudem sind diese Methoden teuer und technisch anspruchsvoll, was ihre breite Anwendung erschwert.

Körperliche Aktivität: Regelmäßige Bewegung wurde in einigen Studien als vorteilhaft beschrieben, insbesondere in Bezug auf die allgemeine Gesundheit und die kognitive Funktion. Ein strukturierter Trainingsplan, der Ausdauer, Kraft und Flexibilität umfasst, kann ADHS-Symptome reduzieren, aber die Effektgrößen waren meist moderat und die Praktikabilität einer langfristigen Umsetzung bleibt eine Herausforderung.

Psychologische Therapien: Hierzu zählen insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) und internetbasierte CBT (iCBT). Diese Ansätze können helfen, spezifische Symptome wie Unaufmerksamkeit und Impulsivität zu managen. Die Effektivität dieser Therapien hängt jedoch stark von der Motivation und dem Engagement der Patienten ab. Zudem zeigen viele Studien nur kurzfristige Verbesserungen.

Mindfulness: Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) kombiniert Meditation und Achtsamkeitsübungen mit kognitiver Therapie. Studien berichten über signifikante Verbesserungen der ADHS-Symptome und der Lebensqualität. Diese Therapieform könnte eine vielversprechende Ergänzung zu traditionellen Behandlungsansätzen sein, ist jedoch zeitaufwendig und erfordert regelmäßige Praxis.

Warum bleibt der große Durchbruch aus?

Die neuen Ansätze, sowohl medikamentös als auch nicht-medikamentös, haben bislang nicht die Wirksamkeit erreicht, die notwendig wäre, um die aktuellen Behandlungen abzulösen. Stimulanzien, die seit Jahrzehnten als Goldstandard gelten, haben immer noch die höchsten Effektgrößen bei der Behandlung von ADHS-Symptomen. Trotz ihrer Nebenwirkungen bieten sie eine symptomatische Linderung, die bisher durch keine der neuen Methoden erreicht wird.

Evidenz und Forschung: Viele der neuen Behandlungsmethoden haben bisher nur in einzelnen Studien moderate Erfolge gezeigt. Die Replikation dieser Ergebnisse in größeren, unabhängigen Studien fehlt oft. Zudem sind die meisten Studien kurzfristig angelegt und bieten keine Einblicke in die langfristige Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlungen.

Nebenwirkungen und Verträglichkeit: Ein weiteres Hindernis sind die Nebenwirkungen der neuen Medikamente. Obwohl sie oft weniger schwerwiegend sind als die von Stimulanzien, treten sie dennoch häufig auf und können die Lebensqualität der Patienten beeinträchtigen.

Praktikabilität: Nicht-medikamentöse Ansätze wie Neurostimulation und intensive Bewegungstherapien sind oft aufwendig und teuer, was ihre breite Anwendung in der Praxis erschwert. Psychologische Therapien erfordern ein hohes Maß an Engagement und Kontinuität von den Patienten, was in vielen Fällen eine Herausforderung darstellt.

Nebenwirkungen und Gefahren bestehender Therapien

Es ist wichtig zu betonen, dass bestehende Therapien wie Stimulanzien und Atomoxetin nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen sind. Zu den häufigsten Nebenwirkungen von Stimulanzien gehören Schlaflosigkeit, Appetitverlust, Kopfschmerzen und erhöhte Herzfrequenz. In einigen Fällen können schwerwiegendere kardiovaskuläre Probleme auftreten, insbesondere bei Patienten mit bestehenden Herzerkrankungen.

Missbrauchspotenzial: Ein weiteres erhebliches Risiko bei Stimulanzien ist das Potenzial für Missbrauch und Abhängigkeit. Dies gilt insbesondere für Amphetamine, die eine ähnliche chemische Struktur wie einige illegale Drogen haben. Trotz dieser Risiken haben Studien gezeigt, dass das Risiko für Missbrauch bei richtiger Anwendung und ärztlicher Überwachung relativ gering ist.

Langzeitwirkungen: Langzeitstudien haben ergeben, dass eine längere Einnahme von Stimulanzien mit einem gering erhöhten Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden sein kann, jedoch keine signifikante Zunahme schwerwiegender kardiovaskulärer Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Sind neue Methoden wirklich besser?

Die Suche nach neuen Behandlungsmethoden zielt darauf ab, diese Risiken zu minimieren und gleichzeitig die Wirksamkeit zu erhalten oder zu verbessern. Doch sind diese neuen Methoden wirklich besser?

Effektivität: Die Effektivität neuer Methoden wie Centanafadin und Solriamfetol war bisher nur mäßig. Die Effektgrößen waren oft geringer als die der bestehenden Stimulanzien, und viele der neuen Medikamente haben ähnliche Nebenwirkungen wie die alten, wenn auch in milderer Form.

Sicherheit: Während einige neue Medikamente eine bessere Verträglichkeit aufweisen, bleibt das Problem der Nebenwirkungen bestehen. Auch bei nicht-medikamentösen Ansätzen wie der Neurostimulation können Nebenwirkungen auftreten, und ihre Langzeitwirksamkeit und -sicherheit sind noch nicht ausreichend erforscht.

Praktische Anwendung: Neue nicht-medikamentöse Methoden wie intensive körperliche Aktivität oder komplexe Neurostimulationstechniken sind oft schwieriger in den Alltag zu integrieren und erfordern mehr Engagement von den Patienten. Dies kann die Akzeptanz und die langfristige Wirksamkeit dieser Methoden einschränken.

Fazit: Ein langer Weg zu besseren Behandlungen

Obwohl die Suche nach neuen Behandlungsmethoden für ADHS bei Erwachsenen wichtig und notwendig ist, zeigt die aktuelle Forschung, dass diese neuen Ansätze noch nicht die Wirksamkeit und Verträglichkeit bestehender Methoden erreichen. Die bestehenden Stimulanzien und nicht-stimulierenden Medikamente wie Atomoxetin bleiben daher vorerst die Hauptstützen der ADHS-Behandlung. Es bleibt abzuwarten, ob zukünftige Forschungen durch umfassendere und langfristigere Studien zu wirklichen Durchbrüchen führen werden.

Für Betroffene und ihre Angehörigen ist es wichtig, informiert zu bleiben und die verschiedenen Behandlungsoptionen in Absprache mit ihren Ärzten sorgfältig abzuwägen. Ein ganzheitlicher Ansatz, der medikamentöse und nicht-medikamentöse Methoden kombiniert und auf die individuellen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt ist, bleibt der Schlüssel zu einer effektiven ADHS-Behandlung.

Quelle : Guilherme Fusetto Veronesi, Alessandra Gabellone, Anneka Tomlinson, Marco Solmi, Christoph U. Correll, Samuele Cortese,Treatments in the pipeline for attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) in adults,Neuroscience & Biobehavioral Reviews,Volume 163,2024,105774,

https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2024.105774. (Öffnet in neuem Fenster)

Workshop ist “voll” ausgebucht.


Der Emoflex-Workshop von Johannes Drischel und mir dieses Wochenende (Freitag bis Sonntag) ist mehr als voll ausgebucht. Schön auf der einen Seite, aber vielleicht auch für dich schade, wenn du dabei sein wolltest.

Der Workshop soll vermitteln, wie ein regulationsdynamisches Verständnis von Stress und Blockaden zu neuen Ansatzmöglichkeiten und einer gezielten eigenen Intervention zur Beseitigung von Stress und inneren Verstrickungen der lebenslangen negativen emotionalen Erfahrungen / Erschreckungen bei ADHS und Neurodivergenz führt.

Und wie man dann mit inneren Bildern (adaptierte Synästhesie) über bilaterale Stimulation (wie bei EMDR) quasi den Traumschlaf imitieren kann und zur Neuverarbeitung von Stressoren kommt.

Wenn Du beim nächsten Workshop dabei sein möchtest, haben wir jetzt eine Warteliste eröffnet. Dazu Email an webpsychiater@gmail.com

PUFA

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren bei ADHS?

in diesem Monat möchte ich die Ergebnisse einer aktuellen Cochrane-Übersichtsarbeit über die Wirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren (PUFA) bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) teilen. Die Ergebnisse dieser umfassenden Untersuchung sind wichtig für alle, die nach alternativen Behandlungsmöglichkeiten für ADHS suchen.

Wichtige Erkenntnisse der Überprüfung:

  • Eingeschränkte Wirksamkeit: Die Übersicht zeigt, dass es nur begrenzte Beweise gibt, die eine Verbesserung der ADHS-Symptome durch PUFA-Supplementierung im Vergleich zu einem Placebo unterstützen.

  • Keine signifikante Wirkung: Hochwertige Beweise deuten darauf hin, dass PUFA-Supplemente keine Wirkung auf die von Eltern bewerteten Gesamtsymptome von ADHS im mittelfristigen Zeitraum haben.

  • Keine Verbesserung bei Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität: Hochwertige Beweise zeigen, dass es keine Unterschiede in den Bewertungen von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität zwischen PUFA und Placebo gibt.

  • Ähnliche Nebenwirkungen: Mittlere Beweise deuten darauf hin, dass die Nebenwirkungen und der mittelfristige Studienabbruch zwischen PUFA- und Placebogruppen wahrscheinlich ähnlich sind.

Studienüberblick:

Die Überprüfung umfasste 37 Studien mit über 2.374 Teilnehmern. Diese Studien verglichen verschiedene PUFA-Supplemente (Omega-3, Omega-6 oder Kombinationen) mit Placebo oder anderen Behandlungen. Die Dauer der Supplementierung reichte von zwei Wochen bis zu sechs Monaten.

Fazit der Forscher:

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass sie zuversichtlich sind, dass die Wirkung von PUFA auf ADHS-Symptome bei Kindern und Jugendlichen nicht anders ist als die eines Placebos. Dies deutet darauf hin, dass PUFA-Supplemente möglicherweise keine wirksame Einzelbehandlung für ADHS sind.

Wichtig zu beachten:

Während einige frühere Studien mögliche Vorteile nahelegten, bietet diese umfassende Überprüfung unter Einbeziehung neuerer Beweise eine klarere Schlussfolgerung zur begrenzten Wirksamkeit der PUFA-Supplementierung bei ADHS-Symptomen.

Ich werde also lieber einen Fischteller mehr bestellen als nun Kapseln mit fragwürdiger Wirkung kaufen.

Quelle :

https://www.contemporarypediatrics.com/view/are-pufas-effective-for-adhd- (Öffnet in neuem Fenster)

Vergessene Arzttermine - gar nicht lustig ?

In einer jüngst veröffentlichten Studie aus dem schönen Schottland, die von McQueenie et al. geleitet wurde, wurde endlich offiziell bestätigt, was viele von uns bereits vermutet haben: Erwachsene mit ADHS neigen dazu, Arzttermine wie Konfetti bei einer Hochzeit zu verstreuen – nur ohne den festlichen Kontext und die romantische Entschuldigung.

Die Zahlen sprechen für sich: Erwachsene mit ADHS verpassen ihre Arzttermine mit einer fast schon bewundernswerten Regelmäßigkeit. Sie sind 1,9-mal häufiger als ihre neurotypischen Kollegen, ihre Termine nicht wahrzunehmen. Für die Jugendlichen liegt die Quote bei 1,6. Man könnte fast meinen, das systematische Nichterscheinen sei Teil der Diagnosekriterien!

Doch ist das wirklich eine Überraschung? Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten mit der Zeitwahrnehmung, der Planung und dem Gedächtnis. Es ist, als ob man ihnen eine Uhr mit ständig wechselnden Ziffernblättern gegeben hätte und erwartet, dass sie pünktlich zu einem Zeitpunkt erscheinen, der sich ständig ändert.

Ich stelle mir die Szene so vor: Ein ADHS-Erwachsener sitzt zu Hause, tief in Gedanken versunken über die unendlichen Möglichkeiten des Lebens. Plötzlich blitzt ein vager Gedanke auf: "Hatte ich nicht heute einen Termin?" Ein Blick auf den Kalender bestätigt es – der Termin war vor zwei Stunden. Na gut, besser spät als nie – oder in diesem Fall, vielleicht doch lieber gar nicht.

Es gibt einen ironischen Glanzpunkt in dieser Misere: Die verpassten Termine könnten doch der ultimative Beweis für die Existenz von ADHS sein. Eine verpasste Verabredung nach der anderen, wie eine Spur aus Brotkrumen, die direkt zur Diagnose führt. Die Forscher fanden heraus, dass Menschen mit ADHS häufiger in sozial benachteiligten Gegenden leben und von Multimorbidität geplagt sind. Ja, ADHS bringt oft eine ganze Parade an Begleiterkrankungen mit sich, als wäre es der Ringmaster dieses schrägen Zirkus’.

Doch hier kommt der Clou: Wenn das wiederholte Nichterscheinen bei Terminen tatsächlich ein Symptom ist, dann könnte man es doch fast schon als diagnostisches Werkzeug nutzen. Ein Arzt ruft an: "Herr Müller, Sie haben Ihren dritten Termin in Folge verpasst. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben ADHS!"

Doch in diesem Zirkus gibt es keine einfachen Lösungen. Die Konsequenzen sind nicht nur verpasste Chancen für notwendige medizinische Behandlungen, sondern auch eine immense Belastung für das Gesundheitssystem. Jeder verpasste Termin bedeutet verlorene Zeit und Ressourcen. Es ist, als würde man ein Theaterstück inszenieren, bei dem der Hauptdarsteller nie auftaucht – frustrierend und teuer.

Man stelle sich vor, die verpassten Termine wären ein unbewusster Versuch, sich dem System zu entziehen. ADHS-Erwachsene sind bekannt für ihre Kreativität und unkonventionellen Denkmuster – könnte es sein, dass diese Terminflucht eine kreative Art ist, dem stressigen Alltag und der Stigmatisierung zu entkommen? Schließlich leben viele von ihnen in sozial benachteiligten Gegenden und kämpfen mit mehreren gesundheitlichen Problemen gleichzeitig. Da erscheint es fast logisch, dass das Vergessen eines Arzttermins manchmal wie eine willkommene Pause vom ewigen Hamsterrad wirkt.

Die Studie zeigt auch, dass das Problem des Nichterscheinens bei Terminen bei Erwachsenen noch ausgeprägter ist als bei Jugendlichen. Dies könnte darauf hindeuten, dass die unterstützenden Strukturen, die Jugendlichen oft zur Verfügung stehen – wie Eltern oder Lehrer, die an Termine erinnern und sie sogar begleiten – bei Erwachsenen fehlen. Erwachsene mit ADHS sind oft auf sich allein gestellt und müssen ihren Alltag ohne diese Hilfestellungen bewältigen.

Ein weiterer Aspekt ist die Frage nach der Motivation. Bei Erwachsenen mit ADHS könnte die intrinsische Motivation, regelmäßig Arzttermine wahrzunehmen, geringer sein. Der tägliche Kampf mit den Symptomen von ADHS, wie Konzentrationsschwierigkeiten und Impulsivität, könnte dazu führen, dass solche Termine als weniger dringlich oder gar lästig empfunden werden. Hinzu kommt, dass viele Menschen mit ADHS schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht haben und daher zögern, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Doch was sind die langfristigen Folgen dieses Verhaltens? Verpasste Arzttermine bedeuten nicht nur verpasste Gelegenheiten zur Behandlung und Prävention, sondern auch eine potenziell schlechtere Prognose für die Gesundheit dieser Patienten. Die Studie deutet darauf hin, dass regelmäßiges Nichterscheinen bei Terminen ein Frühwarnzeichen für eine Verschlechterung des gesundheitlichen Zustands sein könnte. Dies gilt besonders für ADHS-Patienten, die ohnehin ein erhöhtes Risiko für verschiedene körperliche und psychische Erkrankungen haben.

Um dieser Problematik zu begegnen, könnten personalisierte und flexible Gesundheitssysteme entwickelt werden, die besser auf die Bedürfnisse von ADHS-Patienten eingehen. Beispielsweise könnten digitale Erinnerungen und App-basierte Terminverwaltung helfen, die Verlässlichkeit zu verbessern. Auch die Möglichkeit von Telemedizin könnte eine Rolle spielen, da sie den Zugang zu medizinischer Betreuung erleichtern könnte.

Ein besonders kreativer Ansatz wäre es, ein Belohnungssystem zu implementieren, das Patienten für das Einhalten von Terminen belohnt. Dieses System könnte auf positiven Verstärkungen basieren, wie sie in der Verhaltenstherapie angewendet werden. Wenn Patienten für regelmäßige Arztbesuche belohnt werden, könnte dies ihre Motivation und damit die Teilnahmequote erhöhen.

Doch was bedeutet das für die Ärzte und Psychologen, die diese Patienten betreuen? Während wir uns hier über die Skurrilität der verpassten Termine amüsieren, ist es für die Praxisinhaber alles andere als lustig. Jeder verpasste Termin bedeutet nicht nur verlorene Zeit, sondern auch verlorenes Einkommen. Ärzte müssen ihre Praxen wirtschaftlich führen und können es sich schlichtweg nicht leisten, dass Termine ungenutzt verstreichen.

Daher greifen viele Praxen zu einer Maßnahme, die zwar verständlich, aber auch umstritten ist: das Ausfallhonorar. Patienten, die ihre Termine ohne rechtzeitige Absage verpassen, müssen eine Gebühr zahlen. Für viele ADHS-Erwachsene, die ohnehin schon mit den Herausforderungen ihrer Erkrankung kämpfen, kann dies wie eine zusätzliche Strafe wirken. Es stellt sich die Frage: Darf man für ein Symptom bestraft werden?

Die Antwort ist kompliziert. Einerseits müssen Ärzte ihre Praxen effizient betreiben können. Andererseits könnte man argumentieren, dass das Verhängen von Ausfallhonoraren wenig Verständnis für die spezifischen Herausforderungen von ADHS-Patienten zeigt. Vielleicht liegt die Lösung in einem Mittelweg: einer besseren Unterstützung und flexibleren Termingestaltung, die es den Patienten erleichtert, ihre Termine wahrzunehmen, kombiniert mit Aufklärung und Verständnis seitens der medizinischen Fachkräfte.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass verpasste Arzttermine bei ADHS-Erwachsenen ein komplexes und vielschichtiges Problem darstellen. Die Ergebnisse der Studie von McQueenie et al. liefern wichtige Hinweise darauf, dass dieses Verhalten mehr ist als nur eine lästige Angewohnheit – es ist ein Symptom der Erkrankung selbst. Ein tieferes Verständnis und kreative Lösungsansätze könnten dazu beitragen, die medizinische Versorgung für diese Gruppe zu verbessern und letztlich ihre Lebensqualität zu erhöhen.

Quelle : Attention-deficit/hyperactivity disorder and serial missed appointments in general practice

  • Ross McQueenie, David A. Ellis, Andrea Williamson, Philip Wilson

https://journals.plos.org/mentalhealth/article?id=10.1371/journal.pmen.0000045 (Öffnet in neuem Fenster)

Suboptimale Entscheidungsfindungen bei ADHS-Kindern

Die folgende Studie fand ich ganz interessant, auch wenn sie nun eher im Labor belegt, was man eigentlich schon täglich bei ADHS-Kindern erlebt…

Mehr als die Hälfte der Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) haben Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen und zu pflegen. Diese Probleme entstehen oft, weil sie impulsiv handeln und nicht immer über die Konsequenzen ihres Handelns nachdenken. Diese Studie untersucht, ob diese sozialen Schwierigkeiten auf schlechte Entscheidungsfindung zurückzuführen sind.

Methodik

In dieser Studie haben wir den Cambridge Gambling Task (CGT) verwendet, um die Entscheidungsfähigkeiten von Kindern mit ADHS über vier Jahre zu messen. Zu Beginn der Studie (T1) und nach vier Jahren (T2) wurden 36 Kinder mit ADHS und 34 Kinder ohne ADHS getestet. Der CGT misst vier Aspekte der Entscheidungsfindung:

  1. Risikoeinstellung: Fähigkeit, Entscheidungen je nach Risiko anzupassen.

  2. Verzögerungsaversion: Tendenz, die sofortige, aber weniger vorteilhafte Option zu wählen.

  3. Reflexionszeit: Zeit, die man zum Überlegen vor einer Entscheidung benötigt.

  4. Risikoneigung: Neigung, riskante Optionen zu wählen.

Die Eltern füllten den Child Behavior Checklist (CBCL) aus, um soziale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten und Angst/Depressionen zu bewerten.

Ergebnisse

Entscheidungsfindung im Laufe der Zeit:

  • Kinder mit ADHS zeigten sowohl zu T1 als auch zu T2 schlechtere Risikoeinstellungen als ihre Altersgenossen ohne ADHS.

  • Verzögerungsaversion war zu T1 höher, aber zu T2 gab es keinen signifikanten Unterschied mehr.

  • Reflexionszeit und Risikoneigung unterschieden sich nicht zwischen den Gruppen.

Soziale Probleme:

  • Kinder mit ADHS hatten sowohl zu T1 als auch zu T2 mehr soziale Probleme und höhere Werte bei Verhaltensauffälligkeiten sowie Angst/Depressionen.

  • Zu T2 korrelierten alle drei Problemfelder stark miteinander.

Langfristige Vorhersage sozialer Probleme:

  • Verzögerungsaversion zu T1 war der stärkste Prädiktor für soziale Probleme zu T2.

  • Schlechte Risikoeinstellung und längere Reflexionszeiten korrelierten ebenfalls mit sozialen Problemen, jedoch nicht signifikant in der multivariaten Analyse.

Was ist Verzögerungsaversion?

Verzögerungsaversion bedeutet, dass man lieber eine sofortige, aber kleinere Belohnung wählt, anstatt auf eine größere Belohnung zu warten. Kinder mit ADHS haben oft Schwierigkeiten, auf Belohnungen zu warten, auch wenn das Warten zu einem besseren Ergebnis führen würde. Das führt zu impulsivem Verhalten und schlechten Entscheidungen.

Klinisches Beispiel

Situation: Ein zehnjähriger Junge namens Max hat ADHS. In der Schule muss er regelmäßig Entscheidungen treffen, die sofortige oder spätere Belohnungen betreffen.

Beispiel 1: Hausaufgaben Max bekommt von seiner Lehrerin zwei Optionen:

  • Option A: Er bekommt sofort einen kleinen Schokoriegel, wenn er nur einen Teil seiner Hausaufgaben macht.

  • Option B: Er bekommt zwei Schokoriegel und 30 Minuten Extra-Spielzeit am Ende der Woche, wenn er jeden Tag alle Hausaufgaben vollständig erledigt.

Max entscheidet sich fast immer für Option A, obwohl er weiß, dass Option B besser wäre. Er kann nicht warten und will die sofortige Belohnung.

Beispiel 2: Spielplatz Auf dem Spielplatz kann Max sofort die Rutsche benutzen, obwohl viele Kinder warten, oder er kann 10 Minuten warten und dann lange ohne Unterbrechung rutschen.

Max wählt die sofortige Möglichkeit und wird frustriert, weil er nur kurz rutschen kann. Seine Entscheidung, die sofortige Belohnung zu nehmen, führt oft zu Konflikten mit anderen Kindern.

Das Verständnis der Rolle suboptimaler Entscheidungsfindung, insbesondere Verzögerungsaversion, kann helfen, spezifische Programme zur Verbesserung der sozialen Fähigkeiten von Kindern mit ADHS zu entwickeln. Diese Programme könnten Psychoedukation und gezieltes Training zur Verbesserung der Entscheidungsfähigkeiten beinhalten.

Schlussfolgerung

Soziale Probleme sind eine der größten Herausforderungen für Kinder mit ADHS und beeinflussen ihre Lebensqualität stark. Es ist wichtig, frühzeitig die Mechanismen und Vorzeichen dieser Probleme zu erkennen. Diese Studie zeigt, dass schlechte Entscheidungsfindung, besonders Verzögerungsaversion, ein wichtiger Faktor ist, der zu sozialen Problemen beiträgt. Ein besseres Verständnis dieser Zusammenhänge kann helfen, gezielte Trainingsprogramme zu entwickeln, die die Lebensqualität von Kindern mit ADHS verbessern.

Wichtige Punkte:

  1. Verzögerungsaversion ist ein stabiler Faktor bei ADHS und sagt langfristig soziale Probleme voraus.

  2. Risikoeinstellung bleibt bei Kindern mit ADHS über die Zeit schlechter im Vergleich zu Gleichaltrigen.

  3. Reflexionszeit und Risikoneigung unterscheiden sich nicht signifikant zwischen Kindern mit und ohne ADHS.

  4. Soziale Probleme korrelieren stark mit Verhaltensauffälligkeiten und Angst/Depressionen.

  5. Spezifische Trainingsprogramme könnten die soziale Kompetenz von Kindern mit ADHS verbessern.

    Quelle : Sørensen, L., Adolfsdottir, S., Kvadsheim, E. et al. Suboptimal decision making and interpersonal problems in ADHD: longitudinal evidence from a laboratory task. Sci Rep14, 6535 (2024). https://doi.org/10.1038/s41598-024-57041-x (Öffnet in neuem Fenster)

Das war´s

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Martin

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