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Fragen und Antworten : Mein Sohn macht nichts mehr

Frage : Unser Sohn Tobias hat nach seinem Abitur zunächst ein freiwilliges Soziales Jahr in einer Jugendeinrichtung gemacht, dann ein Medien-Design-Studium begonnen. Er hat da auch wirklich Talent, aber nach anfänglicher Begeisterung und Einreichen eines Entwurfes bei einem Wettbewerb ist alle Anstrengungsbereitschaft verpufft.

Wir haben jetzt erfahren, dass er nach anfänglich sehr guten Leistungen seit 2 Jahren gar keine Vorlesungen mehr besuchte oder Scheine absolvierte.

Meine Frau hat seine Studentenbude besucht, die aber total herunter gekommen ist. Seit Monaten hat er sich nicht um Rechnungen und andere Dinge gekümmert.

Hinweise für Drogen- oder Alkoholprobleme gibt es eigentlich nicht.

Könnte er an einem Pathologischen Anforderungs-Verweigerungs-Syndrom

leiden ? 

Ich habe zu Pathological Demand Avoidance im Internet nachgeschaut. Das könnte doch passen ?

Antwort Unabhängig von Neurodiversität bzw. ADHS sind Antriebsprobleme bis hin zur absoluten Passivität oder auch Verweigerung natürlich ein sehr häufiges Phänomen. Als Psychiater würde man dann bei jungen Menschen neben dem Vorliegen einer Depression bzw. auch in einigen Fällen einer Sozialen Phobie gerne eine sog. Prodromalphase (Vorphase) einer Erkrankung aus dem Schizophrenen Formenkreis bzw. eine Negativsymptomatik u.a. nach chronischem Cannabis-Missbrauch ausschliessen wollen. Das scheint aber bei ihrem Sohn nicht der Fall zu sein. Das Anforderungs-Vermeidungs-Syndrom bzw Pathological Avoidance Syndrome ist in Deutschland nahezu unbekannt und gehört auch (noch nicht) zu den offiziellen Diagnosen nach ICD oder DSM V. Nach meiner Kenntnis wird es aber mehr oder weniger ausschliesslich im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum beschrieben bzw. passen die Kriterien dann letztlich nur dazu. 

Es müssten dann also die Kriterien für eine Besonderheit aus dem Autismus-Spektrum vorliegen, wo dann ZUSÄTZLICH die Vermeidung bzw. Verweigerung von Anforderungen entsteht. Häufig als eine Art "Selbstschutz" gegen soziale Anforderungen bzw. Reizüberflutungen, die das neurodiverse Gehirn "nicht kann". Dazu gehört also, dass ihr Sohn bereits in der frühkindlichen Entwicklung "anders als die anderen Kindern" in Hinblick auf soziale Anforderungen reagiert haben müsste, speziell bei zunehmenden Anforderungen dann auch mit Panikattacken reagierte.  Die Problematik darf also nicht erst mit dem Studium begonnen oder relevant geworden sein. 

ADHS und / oder Exekutiv-Funktionsstörung

Bei einer solchen Anamnese frage ich gerne, ob bei dem / der Betroffenen oder aber weiteren Familienangehörigen Hinweise auf ADHS bzw. aber Entwicklungsverzögerungen im Bereich der höheren Handlungsfunktionen (Exekutivfunktionen) beschrieben werden. Dies kann eine ganz schöne Detektivarbeit sein, zumal die Erinnerung bzw. auch Auskunftsbereitschaft meist nicht so dolle ist. Für den Coach bzw. Therapeuten ist es aber eben wichtig zu differenzieren, ob es ein "nicht wollen" oder ein "nicht können" ist. Dazu gehört beispielsweise, dass man abfragt, ob es Ausnahmen von der Problematik gibt und etwa in der Freizeit oder bei anderen Aktivitäten sehr wohl Aktivitäten und Engagement da sind. Das sind u.a. wichtige Differentialdiagnosen in Hinblick auf die Depression, eine Angststörung, Zwänge oder auch einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Denn hier wäre dann eben überdauernd eine Antriebsminderung zu beobachten, nicht nur bei speziellen Anforderungen

Leider reicht es nach meiner Einschätzung aber auch nicht, eine Symptomcheckliste für ADHS abzuhaken und dann festzustellen, dass die Kriterien für ADHS / ADS nicht erfüllt sind. Denn die funktionalen Auswirkungen liegen ja in speziellen Bereichen der höheren Handlungsfunktionen und ggf. auch im Bereich von Wachheit / Vigilanz (hier wäre auch differentialdiagnostisch an das Vorliegen einer Schlafstörung oder aber einer Sonderform von Konzentrationsproblemen im Sinne der Concentration Deficit Disorder zu denken)

Heraus aus dem Hotel Mama bzw. äußeren Strukturvorgaben Naturgemäss ist es gerade bei "Akademikern" so, dass Probleme der Selbstständigkeitsentwicklung und Selbstorganisation lange maskiert bleiben, weil im elterlichen Umfeld bzw. der hohen Strukturvorgabe der Schule relativ wenig Anforderungen an die Selbstorganisation im Sinne von höheren Handlungsfunktionen, Selbstaktivierung, Dauermotivation, Prioritätensetzung, Umgang mit Rückschlägen oder Frustration etc gefordert sind. 

Gerade intelligentere Schüler schaffen es lange, mit einem Minimum an Anstrengung (und mehr oder weniger geschicktem Ausnutzen der Eltern als "Antreiber" oder Ausgleich von Defiziten) mitzuschwimmen. 

Ich denke, es ist dann mehr oder weniger "normal", dass es im Rahmen einer Adoleszentenkrise zu Schwierigkeiten kommt, die den Eltern vielleicht das ein oder andere graue Haar wachsen lässt oder auch finanzielle oder sonstige Konsequenzen hat. Aber eben in aller Regel nur kurzzeitig und nicht als ein über mehrere Monate anhaltendes Problem. Ich habe im Laufe meiner beruflichen Laufbahn zahlreiche Schilderungen von Eltern gehört, die ähnlich sind. Meistens haben aber eben dann nur die Eltern (meist speziell die Mütter) einen Leidensdruck. Für den Jugendlichen oder Erwachsenen ist ja die Lage solange "bequem", wie der Zugang zu Handy, WLAN und Cola / Pizza gesichert ist. Leider ist es aber eben auch nicht damit getan, dass man nun diese "Privilegien" streicht oder mit Rausschmiss droht. Eine Drohung, die die meisten Eltern eh nicht über das Herz bringen und die sich somit schnell als stumpfes Schwert herausstellt.

Klar ist nur, dass für die Betroffenen Klienten eben der Anreiz und auch die Bereitschaft für eine Veränderung so gut wie fehlt. Der oder die Jugendliche / Erwachsene verharrt also im Zustand der Aktivitätslosigkeit, solange es keine äußeren Einwirkungen gibt, die an dem Zustand etwas verändern. Ein Phänomen, das manchmal auch als 1. ADHS-Trägheitsgesetz bezeichnet wird.

Systemische Zusammenhänge verstehen und aufnehmen 

Im Rahmen einer Psychotherapie würde man natürlich sich auch die Frage stellen, ob das Verhalten einen "Sinn" macht, d.h. eigentlich einen unhaltbaren Zustand bzw. ein Problem im Gesamtkontext darstellt. Also eine scheinbar "un-mögliche" Situation vorliegt. Häufig genug berichten dann die Klienten, dass "alles keinen Sinn" mache. Dahinter steht aber eher, dass sie den Normen und den Anforderungen an das Erwachsenenleben so nicht mitmachen wollen oder aber als verlogen ansehen. Dies kann speziell bei Vorliegen von innerfamiliären Konflikten / Paarkonflikten oder aber auch bei einer subjektiv erlebten Vernachlässigung eine Rolle spielen. Beispiele meiner Klienten wären hier Kinder von Kinderärzten / Psychotherapeuten oder aber im Restaurantbereich. Hier haben dann im subjektiven Erleben eben andere Menschen mit ihren Wünschen und Problemen scheinbar wichtiger als das eigene Problem. Der Rückzug in das Nichtstun kann dann auch eine Form von Signal sein, dass man eben Beachtung braucht. 

Orientierungs- und Selbstfindung ist eine Entwicklungsaufgabe

Nicht selten stellt man fest, dass aufgrund der Entwicklungsverzögerung der Selbstständigkeit bei diesen Klienten die Studienentscheidung eher unreflektiert bzw. schlicht falsch war. Das muss sich nicht immer auf die Fachwahl beziehen, sondern eben auch mit den Anforderungen an Selbstständigkeit zu tun haben. In vielen amerikanischen Colleges gäbe es dann Vorbereitungskurse, die sich einerseits auf die Studienwahl und Orientierung, aber eben auch auf die Förderung von den notwenigen Anforderungen im Bereich der Exekutivfunktionen beziehen. Häufig bieten Eltern dann aber durchaus einen Wechsel des Studienfaches oder auch eine ganz andere berufliche Laufbahn (oder Orientierungszeit) an. Meistens ändert sich aber allein dadurch nichts, solange es nicht von den Betroffenen selber kommt. Gerade bei ADHSlern gilt, dass gute Ratschläge bzw Vorschläge wie Fremdkörper abgestossen werden, solange man nicht "Chef in eigener Sache" sein kann. 

Das aber wiederum setzt eine eigene Motivation und Veränderungsbereitschaft voraus. 

Ohne Leidensdruck bzw. Veränderungsbereitschaft geht gar nichts

Manchmal ist es wie verhext. Es scheint so, als ob eine Art "Bereitwilligungsschalter" umgestellt ist. Nix und Niemand kann dann dazu beitragen, dass sich etwas ändert. Diese Klienten werden häufig frustran mit allen möglichen (letztlich für sie falschen und vergeblichen) Behandlungen auf Depressionen oder Psychosen gequält und ziehen sich dann immer weiter in eine Art Schneckenhaus zurück. Nach meiner Erfahrung kann man dann nichts machen.  Ich würde aber dann als Elternteil auch eben deutlich machen, dass die Regeln zu Hause von den Eltern bestimmt werden und ein Mindestmaß an Mitmachen gefordert wird. Wie auch immer dies praktisch aussieht, bzw. wie man das dann umsetzt, ist eine sehr berechtigte Frage. Hier empfehle ich dann, dass sich die Eltern unabhängig vom eigentlichen Klienten Hilfe bei einer Beratungsstelle und / oder Psychotherapeuten holen. Wo findet man weitere Hilfe ? 

Hier versuchen wir gerade gemeinsam mit TurtleSteps in Hamburg auch für den deutschsprachigen Raum Angebote zu entwickeln, die sich dann n Form von Workshops, Online-Kursen bzw. Individual-Coaching mit den besonderen Herausforderungen und Problemen beschäftigen. Ein erstes entsprechendes Angebot (bei entsprechender Motivation) ist unsere ADHS-Online-Gruppe.

Grundsätzlich empfehle ich bei Studenten sich zunächst an die zuständige psychologische Beratungsstelle der Uni zu wenden. Hier gibt es in aller Regel auf das Problem ausgerichtete Beratungsangebote (leider selten spezieller auf ADHS / Neurodiversität ausgerichtet)

Weitere Hilfen und Beratungen könnte man bei den sog. Unabhängigen Teilhabeberatungsstellen finden. Aber auch hier gilt, dass vermutlich keine störungsspezifische Hilfe, sondern eher allgemeine Unterstützungen für Menschen mit seelischen, geistigen oder körperlichen Problemen in der sozialen Teilhabe zu finden ist. Natürlich machte es Sinn, über örtliche Selbsthilfegruppen von ADHS-Deutschand eV sich nach geeigneten Therapeuten bzw. Ärzten zu erkundigen. Dies wären dann in aller Regel Fachärzte für Psychiatrie und Nervenheilkunde (seltener spezialisierte Allgemeinmediziner mit einer entsprechenden Schwerpunktsetzung für ADHS). 

Leider sind hier aber eben längere Wartezeiten vorprogrammiert bzw. Hilfe immer noch sehr schwer zu finden (und in aller Regel brennt es ja gewaltig, wenn das Problem erstmals offen gelegt wird). 

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