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Übergänge sind ihr Ding

Ute Heilos und Barbara Keena waren einst Hebammen. Jetzt sind sie Bestatterinnen.

Ute Heilos und Barbara Keena waren beide um die 40 Jahre alt, als sie mit der Hebammenausbildung starteten. Vor zehn Jahren schlugen sie eine neue Richtung ein, die nach ihrem Empfinden so anders nicht ist: Die Aschaffenburgerinnen arbeiten jetzt als Bestatterinnen – und wollen Menschen anders als "üblich" zu Grabe zu tragen. Bekannt sind sie für ihre „einzigartigen Beerdigungen“, so formuliert es eine Mitarbeiterin des Hospizvereins Aschaffenburg.

Warum sind heute Bestatterinnen statt Hebammen?

Ute Heilos: Das musste einfach sein, da gab es kein Vertun, aus einem inneren Antrieb, den man nicht erklären kann.

Barbara Keena: Wir sind hingeschubst worden von unserem eigenen Lebensweg. Was den entscheidenden Zündfunken gegeben hat, war, dass ich von Freiburg aus hierher nach Aschaffenburg gezogen bin, um mit Ute Heilos zusammenzuarbeiten, und dass ich eine Mutter betreuen durfte, die ihr erstes Kind wegen plötzlichem Kindstod verloren hatte. Ich habe sie bei den sieben nachfolgenden Geburten begleiten dürfen. 

Diese Mutter war befreundet mit der Pionierin der deutschen Trauerarbeit Petra Hugo und kannte das deutsche Netzwerk, die Quereinsteiger, die Bestatter-Landschaft. Sie haben mitbekommen, wie schwierig die Rahmenbedingungen für freiberufliche Hebammen wurden, und haben uns vorgeschlagen, ins Bestattungswesen einzusteigen; „Übergänge sind doch euer Ding.“ Ich absolvierte Praktika bei alternativen Bestattern, Ute hatte den Gedanken ein alternatives Bestattungsinstitut zu gründen, ebenfalls schon geäußert.

Barbara Keena. Foto: Pegasus Bestattungen

Alternativ ist das Schlüsselwort?

Ute Heilos: Wobei mir alternativ als Wort nicht gefällt.

Barbara Keena: Wir sind anders, nicht aus dem traditionellen Handwerk. In unserem Netzwerk arbeiten vor allem Quereinsteiger, sie kommen aus der Seelsorge, der Modebranche, der Sozialpädagogik. Menschen, die aus eigener Betroffenheit oder aus Fügung heraus Bestatter*innen wurden.

Es ging darum, eine andere Bestimmung für sich selbst zu finden?

Ute Heilos: Das war der Antrieb. Wir wussten, dass wir aufhören wollen oder mussten mit dem Hebammenwesen, weil die Versicherungen immer teurer wurden und das Gros der Frauen Schwangerschaft und Geburt zunehmend angstbesetzt erlebt. Wir haben gemerkt, dass das für uns keine Zukunft mehr hat, weil wir – überspitzt formuliert – nicht mehr nur als OP-Schwestern im Kreissaal bei Kaiserschnitten assistieren wollten.

Hat Sie diese Entwicklung müde gemacht?

Ute Heilos: Im Grunde schon.

Barbara Keena: Es fühlte sich an wie ein Kampf gegen Windmühlen.

Es macht einen Unterschied, wie wir geboren werden…

Ute Heilos: … davon sind wir überzeugt.

… macht es auch einen Unterschied, wie wir zu Grabe getragen werden?

Ute Heilos: Auch davon sind wir überzeugt.

Barbara Keena: Was wir machen, sind zwei Seiten derselben Medaille. Je nachdem, wie das Sterben und die Behandlung des Verstorbenen danach geschieht, gelingt der Übergang in die jenseitige Welt unterschiedlich gut.

War es für Sie vorstellbar, beide Professionen dauerhaft parallel zu machen?

Barbara Keena: Das haben wir anfangs gemacht, aber es war von Anfang an als Übergang geplant. Man kann keine Trauerfeier planen und gleichzeitig in Rufbereitschaft für eine Hausgeburt stehen. Wir sind dafür ja weite Wege gefahren, bis zu 170 Kilometer.

Gab es einen Schlüsselmoment, der den letzten Anstoß gegeben hat Bestatterin zu werden?

Babara Keena: Wir wollten ursprünglich ein interdisziplinäres Gesundheitszentrum aufbauen, aber dann kam der Impuls zur Bestattungskultur durch Petra und meine Freundin. Wir haben dann ein Motivationsseminar in London gemacht, mit Feuerlauf und allem drum und dran…

Ute Heilos: … um zu prüfen, ob wir wirklich in heftigen Situationen zusammenstehen können. Eine neue Richtung einzuschlagen in unserem Alter war schon keine Kleinigkeit. Ich war ja schon 40, als ich die Hebammenausbildung anfing…

Ute Heilos. Foto: Pegasus Bestattungen

Barbara Keena: … ich war 37…

Ute Heilos: … und da hieß es damals schon, dass wir niemals einen Ausbildungsplatz bekommen als Hebamme, und dann zehn Jahre später nochmals was Neues anfangen! Die Überlegung war aber, was wir tun können, wenn wir als Hebammen nicht mehr so arbeiten können, wie wir es uns gut und richtig vorstellen. Und ab diesem Punkt war es ein Prozess. Wir hatten damals einen Freund, der uns gepusht hat, uns zu einem Brainstorming, einem Businessplan ermutigt hat. Er hat das richtig ins Rollen gebracht. Und dann gab es auch irgendwann kein Zurück mehr.

Barbara Keena: Ich wurde während der Ausbildung in Mainz mal zu einem Fundraising geschleppt von Frauen, die ein alternatives Bestattungsinstitut eröffnet haben. Später war ich nochmals zum Tag der offenen Tür dort und sehr angetan. Wir hatten im Grunde also inspirierende Vorbilder. Dadurch haben wir richtig Lust gekriegt.

Sie haben den Motivationslauf angesprochen. Was sind heftige Situationen?

Ute Heilos: Existenzielle, bedrohliche Situationen. Wir haben mit Schulden angefangen, haben keine Kredite bekommen, haben Hebammenarbeit geleistet, um zu leben, und alles wurde in Pegasus gesteckt. Wir hatten am Anfang keinen Bekanntheitsgrad, es gab wirklich nur das Vertrauen…

Barbara Keena: … und viel Gegenwind.

Ute Heilos: Da muss man sich schon sicher sein, dass es intern passt, auch wenn es raucht und funkt.

Woher kam der Gegenwind?

Ute Heilos: Von den Nachbarn, dass wir hier hineingehen. Und den Mitbewerbern. Auch mit der Stadt hatten wir es anfangs nicht leicht.

Hat sich das geändert?

Ute Heilos: Ja.

Barbara Keena: Heute gelten wir als Institution.

Ute Heilos: Und hier kann man wieder auf die Hebammenausbildung zurückkommen, die wahrlich kein Zuckerschlecken ist. Hältst Du dem Stand, um Dein Ziel zu erreichen?

Barbara Keena: Letztlich haben wir als Hebammen wesentlich härteren Gegenwind erfahren. Da waren wir schon abgehärtet. Es war aber schon wichtig, dass wir uns hatten.

Was machen Sie denn als Bestatterinnen anders als andere?

Ute Heilos: Ich würde sagen: Zeit haben. Und nehmen für die Menschen, die bei uns sitzen und für das, was getan und angeboten wird nicht aus einem Profitgedanken heraus, sondern weil wir denken, dass das notwendig ist. Wir haben es aus Berufung gemacht, damit wir davon leben können. Für uns steht die Berufung an erster Stelle. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Barbara Keena: Unsere Arbeit als Bestatterinnen hat viele Parallelen zur Hebammenarbeit. Rund um einen Todesfall gibt es unzählige Entscheidungen zu treffen. Das ist anstrengend, braucht Zeit und ist abhängig von der Befindlichkeit.

Ute Heilos: Uns fragten anfangs Menschen, ob wir auch ganz „normale“ Bestattungen machen.

Barbara Keena: Oder ob wir als Hebammen nur Kinder beerdigen. Natürlich nicht. Wir reden niemandem eine „normale“  Bestattung aus, nicht einmal die anonyme Bestattung. Wir beraten nur.

Ute Heilos: Wir klären intensiv auf über alle Möglichkeiten. Über Alternativen. Das bedeutet für uns alternativ.

Barbara Keena: Wir haben zum Beispiel eine Kinderkühlung entwickelt, die es damals so gar nicht gab, weil wir die Kinder so schnell wie möglich aus der Kühlung im Krankenhaus zu uns holen wollten. Damit die Eltern nach Bedarf Abschied nehmen können.

Wie hat Ihre Arbeit Sie selbst verändert?

Ute Heilos: Ich bin mir nicht sicher, ob die Arbeit mich verändert hat. Das Leben verändert sich und dadurch mich. Ich fühle mich jetzt souveräner, wir haben ja ganz viel learning by doing gemacht. Ich für mich habe jetzt meine Berufung gefunden. Es kann sein, dass noch einmal eine andere kommt. Was ich in meinem Leben sehe, so hat sich das Thema Leben und Sterben durch mein Leben gezogen, seit ich auf der Welt bin.

Inwiefern?

Ute Heilos: Ich habe eine fünf Jahre ältere Schwester, die bei der Geburt verstorben ist. Sie wurde in einem eigenen Sarg im Familiengrab bestattet, ohne Pfarrer, weil sie ja nicht getauft war. Mein Vater hat sie eigenhändig beerdigt. Das wurde in unserer Familie nicht totgeschwiegen und war mein erster Kontakt damit, dass man es auch anders machen kann. Mein erster Beruf im Büro, die Selbständigkeit meines Mannes, das Hebammenwesen – das war alles eine Vorbereitung auf das, was ich heute mache. Ich hatte ursprünglich in die Hospizbewegung oder in die Kranken- und Altenpflege gehen wollen.

Vermissen Sie die Geburtshilfe?

Ute Heilos: Nein.

Barbara Keena: Ich schon, aber ich möchte nicht unter diesen Bedingungen arbeiten.

Ute Heilos: Wir haben jetzt einfach mehr Gestaltungsfreiraum und der Bedarf an Unterstützung ist genauso groß.

Pixabay, Katja Just

Ist er heute größer?

Heilos: Der Bedarf war da, er war nur nicht gefühlt. Die Vorstellung, dass er umgesetzt werden kann, ist heute ausgeprägter besser.

Was sind wichtige Elemente es anders zu machen?

Barbara Keena: Wir haben festgestellt, dass das Herzstück der Abschiednahme das gemeinsame Versorgen und Einbetten ist, dass wir die Angehörigen einbeziehen und vehement einladen. Zwingen kann man niemanden. Aber wir erleben hier immer wieder Überraschungen, und es geht hier um den Kern der Sache. Es geht um eine Versorgung, einen letzten Liebesdienst. Es ist eine wohltuende Entschleunigung.

Was wünschen Sie sich für Ihren Weg?

Ute Heilos: Dass ich noch lange die Gesundheit, Kraft und Freude habe – und Pegasus über mich hinaus weiterbesteht. Ich möchte in etwa noch zehn Jahre arbeiten.

Barbara Keena: Ich habe noch Pläne, aber auch mir liegt es am Herzen, dass Pegasus einen gelungenen weiteren Weg erleben darf.

Mehr Menschen kennenlernen? Sehr gerne!

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Insta: @vonmachzumensch