Swinger-Club
Seit der Swinger-Club im Kiez geschlossen hat, mache ich mir Sorgen. Ab und an hatte ich mit dem Gedanken gespielt, reinzugehen, es aber nie getan. Weil ich mir ausmalte, was für Menschen dort verkehrten. Auf diese Menschen hatte ich keine Lust. Meinte ich zumindest. Weil ich mir extra Menschen ausmalte, die ich abstoßend fand. Vielleicht bloß, um eine Ausrede zu haben. Vielleicht war ich feige. Vielleicht spießig. Oder einfach noch nicht lange genug verheiratet.
Wie dem auch sei.
Trotzdem war ich aufrichtig entsetzt als der Swinger-Club im Kiez zumachte. Weil ich immer der Überzeugung gewesen war: In einer Nachbarschaft mit Swinger-Club geht alles noch mit rechten Dingen zu. Da lebt eine offene Gesellschaft. Da muss nichts unter Teppiche gekehrt werden. Da kann jede*r tun und lassen, was sie will. Da sind wir frei. Darum sollte jeder Kiez einen haben wie jedes Dorf. Das Neonschild des Clubs mit dem Namen „Zwanglos“ war mir immer wie die Fackel der Statue of Liberty erschienen. Eintrittsslogan zu einem Land der tausend Möglichkeiten. Der Opportunities. Fern von Opportunismus. Wo jede*r was für sich finden konnte. Der eigenen Leidenschaft nachgehen. Der eigenen Lust. Dem Frustabbau. Wo es für jeden Raum gab, einen Platz, Gleichgesinnte. Wo die Ellbogen geschont werden durften. Wo niemand vor Busse geschmissen wurde. Weil es diese Fahrkarte für alle gab. Wo niemand auf der Strecke blieb.
Ich hatte mich nicht geirrt. Die Schließung des Swinger-Clubs war eine Zäsur. Sie läutete eine neue Epoche im Kiez ein. Eine Zeitenwende. Tschüss Freiheitsliebende. Gegen das Peace and Love and Free and Easy. Hello Turbo-Gentrifizierung. Kultureller Kahlschlag. Aufstieg der echten Spinner. Kahlschlag von hundertjährigen Alleebäumen.
Die Luft in Berlin wurde dicker. Und dicker. Klar, ohne Swinger-Club. Dessen Räumlichkeiten seit der Schließung leer standen. Spekulationsobjekt. Wer weiß, vielleicht würden sie zu Airbnb-Apartments umgebaut. Draußen die Schlüsselboxen. Gegenüber konstant die Cocktailbar. Wo fast nur noch Tourist: innen reingingen. Sich in Berlin übers Wochenende frei soffen. Ich gönnte es ihnen. Gleichzeitig brannte mir seit der Schließung immer dringlicher auf der Zunge sie zu warnen: Hey, sorry, this is a Kiez without Swinger-Club, you know. Weil da allen klar sein muss: Oje. So einer ist das. Hier kippt das Klima. Hier gärt nichts Gutes. Wie lange wir den Zwang noch los sind? Denn, merke: Hält Lady Liberty die Fackel nicht mehr hoch, gerät rasant das Land in Brand. Reimte schon Georg Washington. Den ich hier im Kiez übrigens schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen habe. Vielleicht ist er nach London, zu irgendeiner Tea Party mit King Charles? Oder schwärmt mit ihm im royal Podcast von Bob Marley? Wer weiß was?
Ich jedenfalls überlege, eine Inititative zu starten. Oder zumindest einen Text zu schreiben. Schwinge mich an die Tastatur. Weil. Genau. Seit der Swinger-Club im Kiez geschlossen hat, mache ich mir Sorgen…