Im Sommer und Winter: Döbeln (Teil 2)
Punkrockabend im Winter: Skälp und Klabusterbären im Treibhaus Döbeln
Es ist der 14.12., Winter. Kalt, ein bisschen Schnee fällt. Die Reise von Dresden nach Döbeln erweist sich als umständlich, auf dem Hinweg nutze ich zwei PlusBus-Verbindungen mit Umstieg in Nossen. Direkt mit dem Zug von Dresden nach Döbeln in rund einer Stunde statt anderthalb Stunden? Das könnte ab 2030 möglich sein, wenn die vor rund zehn Jahren stillgelegte Strecke Döbeln - Meißen reaktiviert ist.
Zu früh in Döbeln: Ich schlendere über den Weihnachtsmarkt. Längst kein rein urdeutsches Treffen mehr, auch hier sind Menschen mit migrantischen Wurzeln präsent. Kleinstädte wie Döbeln ändern sich, die AfD-Wahlerfolge dürften das wütende Aufstampfen gegen diesen Wandel sein. Migrant*innen im Stadtbild, selbst auf dem Weihnachtsmarkt. Jährlicher CSD in Döbeln. (Abre numa nova janela) „Was noch???“, denken sich vermutlich Wutbürger*innen.

Ich denke mir etwas ganz anderes: Fuck Weihnachtsmarkt, scheiß Kälte, ab in das Treibhaus Döbeln! Dort lädt heute der Punkrocktresen zum Konzert mit den famosen Klabusterbären aus Halle und Skälp aus Chemnitz ein.
Café Courage
Genau genommen gehe ich nicht in das Treibhaus, sondern in das Café Courage am Wettinplatz, betrieben vom Treibhaus e.V. Während des CSD im Sommer hatte ich diese Location kurz besucht. Als ich sie im Winter betrete, ist mein Eindruck derselbe: Ein großflächiger Raum im ersten Stockwerk, der sich durch das Fehlen jedweder Sticker und Graffitis von anderen alternativen Orten unterscheidet. Der Sänger von Skälp wird später bei seinem Auftritt feststellen, dass sie noch nie in einer so sauberen Location gespielt hätten.
Während des Konzerts gehe ich auf die Toilette, mit dem festen Vorhaben, einen Sticker gegen Antisemitismus zu verkleben. Inhaltlich zur politischen Selbstverortung des Hauses passend, wenige Monate zuvor hatte das Treibhaus einen Text gegen jedweden Antisemitismus veröffentlicht. Auch dort, weit und breit keine anderen Aufkleber. Ich unterlasse es, traue mich nicht. So viel zu meiner Punkrock-Attitüde.
Gleichwohl handelt es sich eindeutig um eine alternative Location, davon zeugen die fein säuberlich an die Wand gekleisterten Plakate von diversen Punkrock-Konzerten im hinteren Teil des Raums nahe den Toiletten. In der Mitte ein Kickertisch, dieser Teil der Location verwinkelt.

In einer Nische der Tresen, heute ein Punkrocktresen. Unter dieser Bezeichnung organisiert ein kleines Kollektiv Konzerte, Lesungen und Kneipenabende. Ein kleines, aber engagiertes Kollektiv. Im Laufe des Jahres 2024 lockten sie unter anderem mit einem Friedemann-Konzert, einem Kneipenquiz und mit einer Lesung von Geralf Pochops Buch „Punk in der DDR – Schrei nach Freiheit oder nur Kopie des Westens?“ in das Café Courage.
Ich bin früh da, unterhalte mich vor der Türe beim Rauchen mit den Mitgliedern von Skälp (Abre numa nova janela). Klein ist die Welt: Der Sänger berichtet, dass sie kürzlich im Heartbreak im Dresdner Hechtviertel gespielt haben. Wenige Fußminuten von meiner Wohnung entfernt: Ich habe es vorgezogen, anderthalb Stunden mit dem Bus nach Döbeln zu fahren.
Die Location füllt sich allmählich, viele einheimische Punkrockfans, der Altersdurchschnitt deutlich über 40. Kommt Punkrock in die Jahre? Oder sind die Jüngeren aus Döbeln nach Leipzig gezogen?
Auftritt: Skälp aus Chemnitz
Kurze, schnelle, prägnante Songs, vom Sänger mit kräftiger Stimme dargebracht. Im Song „Schnipp! - Schnapp!“ thematisieren sie ein lokales Ereignis in Chemnitz, das weit über die Stadtgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgte:
Bautz da geht die Bustür auf,
und heraus in schnellem Lauf,
Kommt die Macheten-Männertruppe,
haut ihm ab die Fingerkuppe!
Im Sommer 2023 behauptete der Nazi Alexander W., im Chemnitzer Stadtpark von einer „Macheten-Antifa“ überfallen worden sein. Maskierte hätten ihm mehrere Finger abgehackt. Rechtsradikale Organisationen wie die Freien Sachsen und Medien eskalierten, dieser Vorfall erhielt auch jenseits der rechten Szene viel Aufmerksamkeit.
„Und die Moral von der Geschicht,
glaube Nazilügen nicht.“
Später stellte sich heraus, dass Alexander W. diese Geschichte frei erfunden hat. Stattdessen hatte ihm ein Dritter die Finger auf eigenes Verlangen abgetrennt. (Abre numa nova janela)

Klabusterbären: „In Halle kennt uns jede/r, im Westen kein Schwein!“
Mit diesem Zitat beschreibt die Hallenser Band Klabusterbären auf ihrer Homepage ihren Wirkungskreis – vermutlich nahe an der Realität. Das liegt auch daran, dass die Band nur vereinzelt Konzerte spielt, die meisten davon in Halle und der näheren Umgebung. "Back-to-Future"-Festival in Glaubitz, jährliches Weihnachtsspringen in Halle: Bei solchen Anlässen lassen sich die eingängigen und gesellschaftskritischen Lieder der 1994 gegründeten Band bewundern.
Während Skälp rotzige und harte Songs spielte, liefern die Klabusterbären melodiösen, teilweise hymnenartigen Punkrock ab. Die Gäste füllen begeistert die Tanzfläche – die Klabusterbären sind im Osten eine Legende und haben entsprechend einige Fans angelockt. Über die gesamte Szenerie legt sich ein Hauch von Nostalgie.

Nicht nostalgisch, sondern aktuell sind die Themen, welche die Klabusterbären auf ihrem neuen Album „Wer’s ruhig will soll aufs Land ziehen“ verhandeln. Mit „Bleiben oder gehen“ sprechen sie mir besonders aus dem Herzen, so als Dresdner.
Im 2017 auf dem „Zuversicht und Kippen“-Album veröffentlichten Song “Bitterfeld” formulieren sie folgende schön-melancholischen Zeilen:
Sehen wir uns nicht in dieser Welt,
dann sehen wir uns in Bitterfeld.
Wo der Regen auf die Wege fällt,
in Bitterfeld, in Bitterfeld.
Ein Abgesang auf diese Stadt? Eine Liebeserklärung? Gegenüber dem Tough Magazine stellte die Band fest (Abre numa nova janela), dass es in diesem Song eigentlich um die DDR-Literaturrichtung „Bitterfelder Weg“ gehen würde.
Die Klabusterbären reihen sich nicht ein in Parolen-dreschende Punkbands: Die Texte und Melodien mögen eingängig sein, es ist aber Punkrock mit Anspruch.
Ein betrunkener Gast tanzt etwas zu stürmisch andere an, ein anderer fällt rücklings auf die Tanzfläche, sichert dabei aber gekonnt sein Sektglas, hält es auf dem Boden liegend triumphierend in die Höhe.
Und dann gibt es auf der Tanzfläche kein Halten mehr, die Klabusterbären packen ihren Gassenhauer aus:
„In Halle kennt uns jede/r, im Westen kein Schwein.“ Diese Feststellung führt unweigerlich zur Frage: Was läuft im Westen falsch?
Von Halle und Döbeln lernen, heißt siegen lernen.
Hier geht es zu Teil 1 (CSD in Döbeln im Sommer). (Abre numa nova janela)
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