Saltar para o conteúdo principal

Dieses starke Land

Eine alte Geschichte/Sokolow/Heston Blumenthal

Kurz bevor ich dieses Bild auf der Rheinbrücke zwischen Mainz und Mainz-Kastel machte, fiel mir eine Radfahrerin auf. Sie glich der RAF-Rentnerin Verena Becker (Abre numa nova janela), die ich während des Buback-Verfahrens in Stuttgart-Stammheim getroffen hatte. Ob sie es war? Schließlich dürfen auch Linksrevolutionäre außer Diensten Ferien am Rhein machen. 

Der Terror der RAF und ihrer Vorläufer der Baader–Meinhof Bande und der Bewegung Zweiter Juni sind heute vergessen, aber in meiner Kindheit gab es kaum ein wichtigeres Thema. Die Morde des Jahres 1977, die Entführung der "Landshut", die verzweifelte Suche nach den Täterinnen und Tätern – es schien, als Stünde das Schicksal der Republik auf dem Spiel. Und wir Kinder mussten annehmen, dass das Thema die ganze ferne Zukunft bestimmen würde, so viel wurde darüber berichtet und diskutiert. 

 Heute liegt es lange hinter uns, allenfalls neugierige JournalistInnen und HistorikerInnen dürfen davon träumen, was die VeteranInnen im Rentenalter  an Geheimnissen hüten, – etwa über ihre Kooperation mit Geheimdiensten. Aber es sind alte Geschichten, der Rhein hat sie längst mitgenommen.

Die Bundesrepublik ging aus der Bewährungsprobe gestärkt hervor, wie noch aus jeder wirtschaftlichen oder politischen Krise. Die linke Politsekte war zunehmend isoliert, andere politische Kräfte entwickelten sich, es ging weiter.  Manchmal tut es gut, sich anzuschauen, was das Land schon alles verkraftet und überstanden hat. Und wir sind viel weiter: Zuwanderung, Reisen und das umfassende, kostenlose Bildungssystem haben die Bevölkerung divers und resilient werden lassen. Einfallsreich und autonom, kaum jemand wartet noch auf die Obrigkeit: Die Zivilgesellschaft ist längst da. 

PolitikerInnen sollten angesichts der großen Krisen Zuversicht verbreiten und erklären,  dass unsere eigenwillige und einfallsreiche Gesellschaft besser aus der Krise kommt, als sie hineingeschlafwandelt ist. Fotovoltaik, Wärmedämmung, Energieoptimierung – der Weg zur Unabhängigkeit von fossilen Energien aus Russland und andernorts führt auch über Erfindungsreichtum, Ingenieurskunst und Handwerkspraxis – Fertigkeiten also, die hier viel zu lange im Stand-by-Modus schlummerten. 

Und wir sind nicht allein: Jedes Land in Europa kann etwas, je etwas anderes gut und zusammen ist das ziemlich viel. Mit etwas Glück und Geschick wird der 24. Februar, der Tag des russischen Überfalls, zu einem neuen Datum im Feiertagskalender Europas: Independence Day. 

Es ist schwer zu beschreiben oder zu verstehen, wenn ein ganzer Saal vom Zauber eines Künstlers eingenommen ist. Am Freitagabend konnte ich es beim Konzert von Grigori Sokolow im Wiesbadener Kurhaus erleben. Zwischen dem Moment, an dem der schwere Mann auf dem Hocker Platz nahm, seine Finger die Tasten berührten und dem völligen Verstummen des Saals lag nicht mal eine Sekunde. Der Saal war ausverkauft, im Publikum wurde viel russisch gesprochen, bald waren alle gebannt von dieser seltenen, nahezu dämonischen Erfahrung: Perfektion, und das hier auf Erden.

Der Maestro ist kein Star:  Er könnte nicht als Model arbeiten,  richtete kein Wort an uns und ich würde ihn nicht wieder erkennen, wenn er in zivil an mir vorbei schlurfte. Auf Wikipedia steht:  Er gibt zudem ungern Interviews, spielt keine Aufnahmen in Studios ein und tritt nicht mit Orchester auf, da ihm die Probenzeiten für Orchesterkonzerte zu kurz sind.Sokolow konzertiert ausschließlich auf Steinway (Abre numa nova janela)-Flügeln, Modell D-274 (Abre numa nova janela). Gefürchtet ist seine penible Art, die Stimmung des Instruments auch kurz vor Konzertbeginn noch korrigieren zu lassen.

Sokolow wurde 1950 in Leningrad geboren, der Heimatstadt des russischen Präsidenten, der zwei Jahre jünger ist. Gestern war klar, wer von beiden bleiben wird. Sieben Zugaben. 

Als Freund, Sammler und Nutzer von Schreibwaren aller Art freue ich mich, wenn Instagram mir Novitäten aus aller Welt vorschlägt. Hier musste ich doch Lachen: ein analoges Lifehack zum boosten von creativity und productivity, fresh aus Pennsilvania und bestimmt gibt es auch Workshops zur korrekten Anwendung und Testimonials: this method changed my life. 

Siehe da: Es ist der Zettelkasten aus meinen saarländischen Studitagen. Den gabs allerdings schon um 20 DM. Alles kehrt zurück, nur teurer. 

Gut, dass ich solche Dinge nie wegschmeiße.

Heute möchte ich ein Rezept empfehlen, dass ich sehr oft sehr gern zubereitet habe, auch wenn es von einem englischen Koch stammt und die ja seinerzeit Jeanne d'Arc – aber lassen wir das. So kommt das Huhn noch mal besonders  zur Geltung, es gelingt leicht und verfehlt seine Wirkung nicht:

https://www.youtube.com/watch?v=1Kq8k7yTr8Y (Abre numa nova janela)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS: Ich verreise, der "siebte Tag" macht Sommerpause. Die nächste Ausgabe des Newsletters erhalten Sie am Sonntag, den 28. August 2022. Danke für das Interesse und die Freude daran. 

PPS: Es kommen immer wieder nette Anregungen, diesen Newsletter mit Anzeigen profitabel zu machen oder ihn unter die Fittiche einer Medienmarke schlüpfen zu lassen – aber das passt nicht so recht zur Anarchie, zur Freiheit des Sonntags. Umso mehr weiß ich es zu schätzen, wenn Menschen durch eine Mitgliedschaft die Arbeit daran finanziell unterstützen und das geht hier:

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Der siebte Tag e comece a conversa.
Torne-se membro