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Eine Folge von Regentagen...

Heute haben Sie eine Stunde länger Sonntag – man muss dieser Tage für jede gute Nachricht dankbar sein. So nah kommt man in unserer entzauberten Welt sonst nie an magische Handlungen: Plötzlich ist eine Stunde mehr da. Diese zusätzliche Stunde zwischen zwei und drei Uhr morgens ist immer ein kleines Wunder. Wenn man sich dem Gedankenspiel hingibt, erweitert es den Horizont der Möglichkeiten: Warum nicht einen zusätzlichen Sonntag in der Woche? Warum nicht zwei Mal Frühling und einen verkürzten Winter? Unsere Stundenpläne, Feiertage und Kalender sind Konventionen. Manchmal denke ich, dass das Gespür für die Modellierbarkeit des Alltags unterentwickelt ist. Kulturell dominiert die Affirmation, viele Berufe und Branchen leben vom Ideal der Optimierung: Wie kommt man schneller und effizienter an ein Ziel, das andere ausgesucht haben? Aber ist es dort auch schön? Und was spricht gegen dableiben? Der deutschen Wirtschaft hat es nicht gutgetan: Jahrzehntelang wurde weiter gemacht, Neues hat es viel zu schwer. Gilt auch für den Umgang mit Zeit.

In der französischen Provinz kann man ein anderes Zeitgefühl studieren, da regiert schon der saisonale Eigensinn. Es gibt zwei Jahreszeiten:Mit Touristen und ohne – on and off. Jetzt, in der herbstlichen Nachsaison zeigt die französische Provinz ihr menschliches Antlitz: Nachsicht waltet, viele Läden sind geschlossen und die Wälder voller Pilzsammler auch an Wochentagen. Im Sommer wurde das Geld verdient, nun regiert wieder die süße Anarchie. Die Wildschweine plündern die Mülltonnen und rennen durch die Straßen, die Abfallsäcke im Maul wie Trophäen. Strom bleibt stundenlang weg, kein Mensch weiß, weshalb. In manchem Bistro muss man vermuten, dass der Koch das Weite gesucht hat, aber da ist es dann schon zu spät.

Durch die Fenster sieht man Familien unter weißen Leuchten in der Küche sitzen, um die Wachstuchtischdecke, der Fernseher läuft. Serien, Quizsendungen oder Sport in Dauerschleife – die Kabelprogramme schweigen nie und sind nicht extra zu bezahlen. Politik, Nachrichten, die Welt sind ein Angebot unter vielen. Macron fungiert als Darsteller einer Serie, der niemand mehr folgen kann. Warum fordert er eine internationale Anti-Hamas Koalition, wenn er auf Reisen durch den Nahen Osten ist statt das vorher ein wenig vorzubereiten? Warum reist er nicht zeitgleich mit dem Bundeskanzler und der EU-Kommissionspräsidentin? Seine zweite Amtszeit könnte von David Lynch inszeniert sein: Lauter Andeutungen, seltsames Licht und Anfänge, die nie zu einem Ende führen. Es dauert aber noch einige Jahre bis zur Wahl. Neue Parteien, neue Figuren werden dann nötig sein. Aber jetzt noch nicht. Jetzt regnet es und es wird früh dunkel in Frankreich.

Es herrscht eine seltsame Stimmung seit den Massenmorden der Hamas vom 7.Oktober. Als sei der Schock noch gar nicht angekommen. Nahezu alle Reaktionen klingen schief. Als seien alle moralischen Urteile und alles historische Wissen nicht verfügbar. Auf den sozialen Medien kommt man mit dem Blocken kaum hinterher. Ein Stück ist dennoch unbedingt lesenswert: Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore dekonstruiert in seinem Essay einige fehlerhafte Prämissen zu diesem alten Konflikt und erweist sich einmal mehr als humanistischer und kluger Kopf. Wäre auch schön gewesen, diese Gedanken von deutschen Lehrstuhlinhabern zu lesen, aber immerhin.

Der Text erschien in The Atlantic, ist aber ohne Abonnement zu lesen:

https://archive.ph/2023.10.28-061758/https://www.theatlantic.com/ideas/archive/2023/10/decolonization-narrative-dangerous-and-false/675799/ (Abre numa nova janela)

Wie könnte man eine Extrastunde Sonntag gut nutzen? Die Kunst kommt uns da entgegen, beispielsweise die Filmkunst und das einmalige Angebot von Arte, die schönsten Filme der großen Agnès Varda bereitzustellen:

https://www.arte.tv/de/videos/RC-024172/die-filme-von-agnes-varda/ (Abre numa nova janela)

Und ein Klassiker ist auch das Sonntagshuhn der Familie Varda, das ich hier gerne ein weiteres Mal empfehlen möchte:

https://www.lemonde.fr/les-recettes-du-monde/article/2021/07/02/le-poulet-farci-la-recette-de-rosalie-varda_6086678_5324493.html (Abre numa nova janela)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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