Fun Fact Friday
Diesmal:
Freud: Begründer der Psychoanalyse, Genie, Pionier, Weltveränderer
…und Frauenversteher.
Freud beschäftigte sich schließlich viel mit der Sexualität von Frauen und Frauen insgesamt. Texte wie „Über die weibliche Sexualität“, Begriffe wie „Die Freud’sche Weiblichkeitstheorie“ tauchen in seinem Zusammenhang auf. Das klingt ja, als hätte sich jemand richtig mit Frauen befasst! Ich habe aber keine Lust, all das zu lesen. Kann jemand zusammenfassen, was bei der jahrelangen Forschung rauskam? „Letztlich aber ist Freud die weibliche Entwicklung immer ein Rätsel geblieben, wie er selbst offen zugegeben hat. Das Geschlechtsleben der erwachsenen Frau sei gar ein »dark continent«, die blinden Flecken in seiner Weiblichkeitstheorie sind offensichtlich“, schreibt Autorin Merve Winter dazu [1]. Ok, schade. Vielleicht nächstes Mal einfach nachfragen?
Freud: Begründer der Psychoanalyse, Genie, Pionier, Weltveränderer, Frauenversteher
und… Lovebomber.
Martha Bernays, die Freud später heiratete und seither eine „Frau von“ ist, musste sich jedenfalls viel anhören, wie hunderte Brautbriefe zeigen. Anfangs schrieb Freud ihr mal: „Ich weiß wohl, Du bist nicht schön im Sinne der Maler oder Bildhauer, wenn Du auf strenge Korrektheit im Wortgebrauche dringen willst, muss ich gestehen, Du bist nicht schön.“2Huch! Gilt das schon als Freud´scher Versprecher? Er änderte die Strategie und versuchte es es dann mit offensichtlicherem Lovebombing. Mit Erfolg: Nach 4 Jahren sagte sie ja. „Der Briefwechsel offenbart: Er ist der Liebeskranke, von Krisen Geschüttelte, immer wieder psychisch Erschöpfte. Sie ist die Vernünftige, die Sachliche“2. Typisch Männer, immer so emotional und hysterisch. Apropos hysterisch: War da nicht was?
Freud: Begründer der Psychoanalyse, Genie, Pionier, Weltveränderer, Frauenversteher, Lovebomber
… und Bro?
“`Sei mein, wie ich es mir denke´, forderte Freud von seinem, wie er sie nannte,
Bräutchen´“ [2] Martha Bernays. Enkelin Sophie Freud beschrieb ihn als unbestrittenes Familienoberhaupt, dessen Wort für alle galt. Und dann noch diese „bei Freud in der Tat problematische, weil überschätzte Rolle des Penis, die man auch als sein Privatproblem lesen könnte“ [3]. Trotz seines Ruhmes war Freud eben auch eines noch: ein Patriarch. Aber eben einer, mit gewissem Einfluss. Was soll da schon schief gehen?
Inzwischen sind zwar immer weniger Therapeut:innen Freudianer, viele hinterfragen oder kritisieren Teile seiner Theorien. Eine davon ist auch Enkelin Sophie Freud, die die Psychoanalyse als „narzisstische Schwärmerei“ bezeichnet. Es scheint jedoch einen harten Kern zu geben, Psychoanalytiker, die Freud immer noch in jede Therapiesitzung mitbringen, um ihn ungebeten auf der Couch zu platzieren. Ist das noch objektiv-wissenschaftliche Überzeugung oder schon ein Fall von Bro-Culture? Zeichnet sich diese doch als Subkultur aus, die von traditionellen Männlichkeitsidealen geprägt ist und häufig in akademischen und beruflichen Kontexten auftritt. Und eben darüber, dem eigenen Bro den Rücken zu stärken und etwaiges, auch wissenschaftliches Fehlverhalten gegenüber Frauen zu relativieren.
Freud: Begründer der Psychoanalyse, Genie, Pionier, Weltveränderer, Frauenversteher, Lovebomber, Bro und Mann.
Kontextualisiert eure Helden. Denn sonst vererbt sich nicht nur das von Freud generierte Wissen unbeirrt weiter, sondern auch die Misogynie seiner Zeit, was reale und direkte Auswirkungen auf Frauen im therapeutischen Kontext haben kann.
Als Beispiel zwei Fragen: Was bedeutet es, wenn Krankheitsbegriffe wie die „histrionische Persönlichkeitsstörung“, die sich durch theatralisches, übermäßig emotionales, sexuell provokatives Verhalten äußern kann, nach wie vor vermehrt bei Frauen diagnostiziert werden? Und: Wer entscheidet eigentlich darüber, was sexuell provokativ oder übermäßig emotional ist? Hoffentlich keine misogynen Männer.
[1] https://www.phase-zwei.org/hefte/artikel/psychoanalyse-in-der-feministischen-kritik-89 (Abre numa nova janela)
[2] https://www.deutschlandfunk.de/jahre-des-werbens-und-leidens-100.html (Abre numa nova janela)
[3] https://www.deutschlandfunk.de/freud-als-kalter-despot-100.html (Abre numa nova janela)