Täter im Fokus: Ist Adolescence problematisch?
Gefühlt sprechen gerade alle von dieser Serie: Adolescence ist vor zwei Wochen bei Netflix erschienen und wurde dort bereits millionenfach abgerufen. Auch der britische Premierminister Keir Starmer schaut die Serie mit seinen beiden Kindern (14 und 15) an.
Die britische Serie Adolescence erzählt die Geschichte von Jamie, einem 13-jährigen Jungen, der eines Morgens in seinem Elternhaus verhaftet wird. Er steht unter Verdacht, eine Mitschülerin brutal ermordet zu haben.
Die Thriller-Serie ist beeindruckend und düster, ohne auf Effekthascherei oder Voyeurismus zu setzen. In bedrückenden Details und teils quälender Langsamkeit entfaltet sich die Erzählung, hervorragend inszeniert und intensiv gespielt. Besonders eindrücklich ist die One-Shot-Kameraführung, durch die die Handlung ohne Schnitte nahezu in Echtzeit erzählt wird und die die Figuren auf beklemmende Weise nahbar macht.

Die erste Folge weckt zunächst Mitleid – mit dem Kind, das wie ein Schwerverbrecher und gleichzeitig von den Beteiligten sehr fürsorglich behandelt wird. Doch im Verlauf der Serie verändert sich der Blick auf Jamie zusehends. Die vier Episoden behandeln zentrale gesellschaftliche Themen wie Femizide, toxische Männlichkeit, Mobbing, die Incel-Szene sowie die Rolle von Social Media und den Einfluss von Figuren wie Andrew Tate.
Die taz (Abre numa nova janela) nennt Adolescence ein “Meisterwerk über Radikalisierung und Gewalt gegen Frauen.” Für Autorin Julia Schöpfer ist sie ein frischer, kalter Wind, “der die derzeitige Realität weder für Entertainment ausschlachtet, noch verharmlosend verzerrt.” Nils Pickert zeigt sich bei Der Standard (Abre numa nova janela) weniger begeistert: “Es scheint, als wären wir in einer kollektiven Täterobsession gefangen, während wir wenig bis gar kein Mitgefühl für die Opfer solcher Gewalttaten aufbringen. Geradezu manisch beschäftigen wir uns mit den Einzelheiten von Täterbiografien, immer wieder.”
https://youtu.be/Wk5OxqtpBR4?feature=shared (Abre numa nova janela)Ich gebe Nils Pickert grundsätzlich recht. Tatsächlich halte ich es für die größte Lücke der Serie, dass sie die Perspektive und die Geschichte von Katie Leonard, dem Opfer, beinahe gänzlich ausblendet. Das bisschen, das wir von ihr erfahren, zeichnet sie als hinterlistige Mobberin, als "Bitch” (Zitat Jamie), die es beinahe verdient hat, zu sterben. So will es natürlich das Incel-Narrativ. Doch der Serie hätte es gutgetan, dem noch etwas entgegen zu setzen. Nun bleiben leider zu viele Fragen offen.
Was lässt einen Jungen zum Täter werden?
Gleichzeitig steht hier ein Kind im Mittelpunkt der Handlung – kein glamouröser Serienmörder oder ein manipulativer Erwachsener. Die Frage “Was lässt einen Jungen zum Täter werden?” ist eine legitime und ich finde, sie wird durch die Serie adäquat beantwortet. Wenn 13-Jährige töten, ist das nicht der Beginn einer Geschichte. Sondern ein Symptom. In diesem Fall dient die Suche nach Ursachen also nicht der Täterverherrlichung, sondern könnte tatsächlich einen Beitrag leisten für Prävention und Bewusstseinsbildung. Immerhin ist Storytelling eines der mächtigsten Werkzeuge, um Empathie zu schaffen, Perspektiven zu erweitern und gesellschaftliche Themen erfahrbar zu machen. Offenbar besser als nüchterne Zahlen und Journalismus das können.
Einerseits freue ich mich über die Reaktionen auf die Serie und auf die Debatten, die sie ausgelöst hat. Sie war immerhin bereits Thema im britischen Parlament und Premier Keir Starmer erzählte kürzlich im Interview mit der BBC (Abre numa nova janela), dass er sie mit seinen beiden Kindern (14 und 15) angeschaut habe und besorgt sei über toxisch männliches Verhalten, insbesondere in den Sozialen Medien. Andererseits ist es hochgradig frustierend, dass es trotz der unermüdlichen Arbeit von Feminist*innen seit Jahrzehnten augenscheinlich einen solchen Netflix-Erfolg braucht, damit die Themen Femizide, Gewalt gegen Frauen und gefährliche Männlichkeitskonstrukte einer breiteren Öffentlichkeit gewahr werden. “Are we sleepwalking into a kind of crisis for masculinity here? How do you feel – not necessarily as prime minister but as a dad?”, fragt der Moderator von BBC5 Starmer im Interview (Abre numa nova janela), so als würden wir nicht seit jeher sehenden Auges mitten in der Männlichkeitskrise herumtanzen. Krise ist hier selbstredend das falsche Wort, suggeriert es doch einen vorübergehenden Zustand und nicht etwa ein grundsätzliches (und massives!) Problem.
Adolescence folgt einer fiktiven Handlung. Die jedoch wurde von realen Ereignissen inspiriert – eigentlich ein no brainer für alle, die hin und wieder aufmerksam die Nachrichten (Abre numa nova janela) verfolgen. Stephen Graham, der nicht nur eine der Hauptrollen (Jamies Vater) spielt, sondern die Serie co-produzierte, erzählt: "Ich habe von einem Jungen gelesen, der ein Mädchen erstochen hatte. Kurz danach sah ich einen weiteren Fall - in einem ganz anderen Teil des Landes. Das hat mich tief getroffen und die Frage aufgeworfen: Was läuft hier schief?" (NDR (Abre numa nova janela))
Die Frage kommt spät. Sehr spät. Aber: Dass sie gerade vor einem zweistelligen Millionenpublikum verhandelt wird, das ist gut.
Unsere Folge zum Thema Manosphere:
▶️ Im Lila Podcast: Radikalisierung von jungen Männern auf Tiktok verhindern – mit Caspar Weimann (Abre numa nova janela)
Laut einer Studie der Dublin City University dauert es im Schnitt 9 Minuten, bis Jungs zwischen 16 und 18 auf Tiktok mit Videos der sogenannten Manosphere in Kontakt kommen. Die Manosphere ist ein Sammelbegriff für eine digitale Bewegung, die vor allem auf Social Media antifeministische, misogyne und queerfeindliche Inhalte verbreitet. Ihr Content ist geprägt von einem reaktionären Geschlechterverständnis, in dem Männern vermittelt wird, dass sie stark und kalt sein müssen und sich auf niemanden verlassen können. Diese Denkweisen tragen zur Radikalisierung junger Männer bei, die im schlimmsten Fall in Gewalttaten enden kann. Darüber, wie man die Radikalisierungsmaschine stoppen kann, hat meine Kollegin Katharina mit Caspar Weimann vom Projekt „Myke – Hacking the Manosphere“ gesprochen.

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Laura
Foto 1: unsplash.com (Abre numa nova janela)
Foto 2: Hella Wittenberg